BMW 650i Coupé im Test

Noch mehr Sechs

Foto: Hans-Dieter Seufert 11 Bilder

Nach dem 5er und 7er ersetzt BMW jetzt auch beim 6er den bisherigen 4,4-Liter-V8 durch eine größere 4,8-Liter-Version mit 367 PS und 490 Nm Drehmoment. Im Test: das BMW 650i Coupé.

Immer mehr, immer mehr, immer mehr – als Rio Reiser diese Textzeile schrieb, hat er bestimmt nicht an BMW gedacht. Und trotzdem beschreibt sie perfekt die Leistungs-Entwicklung beim bayerischen Automobilhersteller.

Aktuellstes Beispiel: der Sechser. Nach dem 750i und dem 550i trommeln die acht Zylinder des von 4,4 auf 4,8 Liter Hubraum vergrößerten Motors auch im flachen Sportcoupé 367 PS herbei – immerhin 34 PS mehr als beim Vorgänger. Noch wichtiger: Das maximale Drehmoment stieg ebenfalls – von 450 auf 490 Newtonmeter. Da kann man leicht verschmerzen, dass der Zweitürer nun nicht mehr „Ci“, sondern nur noch „i“ heißt. Wer bei der Bestellung die Typenbezeichnung gleich komplett weglässt, fordert die absoluten BMW-Kenner heraus.

Nur an zwei Details lässt sich der gestählte Sechser äußerlich vom Vorgänger unterscheiden: am neuen Design der 19-Zoll-Optionsräder mit Mischbereifung (245er vorne, 275er hinten) und eventuell an einer der beiden frisch gemischten Metallic-Außenfarben Monacoblau und Barberarot. Luxus und Genuss klingen schon aus diesen Lackbezeichnungen heraus,und knapper lässt sich der Umgang mit dem 4,8-Liter kaum beschreiben. Empfohlene Einsatzzeit für das Edel- Coupé: am besten im Frühjahr oder Herbst, wenn die Außentemperaturen bei milden 20 Grad Celsius liegen. Dann dürfen nämlich die Seitenscheiben unten bleiben.

Nur so branden die von einem Start-Stopp-Knopf geweckten Schallwellen des V8 in voller Pracht und Größe in den Innenraum, umspülen die Gehörgänge mit dem Kribbeln mächtigen Röhrens bei Vollgaseinsatz. Hardcore-Konzertgänger genießen das Ganze nicht als Open Air, sondern im Schallreflektionsbeschuss eines Tunnels. Wer das Gaspedal nur streichelt, erlebt hingegen den feingeistigen und geschmeidigen Klang-Charakter des Vierventilers. Das ist Soundtuning auf höchstem Niveau, mit der Komplexität eines kleinen Orchesters und ohne lautstarkes Tröten auf wenigen Drehzahl- Disharmonien. roße Töne spucken allein reicht dem 650i aber nicht. Er lässt Taten folgen und reißt den verträumt Lauschenden mit Vehemenz in die real existierende Welt der Beschleunigung zurück. Nach 5,3 Sekunden fliegt die Tachonadel an Tempo 100 vorbei, um sich kaum zehn Sekunden später schon bei 180 km/h zu befinden.

Sicher gibt es Sportwagen, die das noch viel schneller können, aber im alltäglichen Straßenverkehr ist der 650i ausreichend üppig motorisiert, um 98 Prozent der Teilnehmer sein Tableau- Heck zu zeigen. Bei 250 km/h ist wie gehabt elektronisch geregelt Schluss.

Der Verbrauch pendelt sich im Schnitt bei angemessenen 13,4 Litern pro 100 Kilometer ein. Nackte Zahlen allein machen aber keine Faszination. Die Leichtigkeit, mit der das mit variabler Ventilsteuerung ausgestattete Triebwerk jeden Drehzahlbereich bis 7000/min ansteuert, und die direkte Ansprache auf die Öffnung des Ansaugschlunds bieten schon genug Emotionen, auch ohne sich um Kopf und Kragen zu jagen. Die aufpreispflichtige Sechsgang-Automatik spielt da locker mit. Sie schaltet hurtig, wenn es mal schnell gehen soll, bleibt aber ansonsten cool auf Cruiser-Tour und bedient sich ohne Gangwechsel aus dem üppigen Drehmoment.

Eine Coolness, mit der nicht jede Mensch-Maschine-Schnittstelle des Sechser aufwarten kann. Adrenalinschwanger eine Passstraße hoch zu eilen ist mit der sehr präzisen und knackig direkten Lenkung ein Traum. Wer sich aber vom Gipfelpunkt herunter für die gemächliche, landschaftsbetrachtende Gangart entscheidet, erlebt die Steuerung immer noch als gierig-nervös. Die Ruhe und Souveränität, wie sie zum Beispiel ein Mercedes SL ausstrahlt, vermag der flache BMW nicht zu bieten.

Auch ohne Hatz scheint seine Serienlenkung ständig nach Kurven gieren, was besonders auf längeren Fahrten etwas unentspannt rüberkommt. Den ganz großen Komfort darf der Sechser-Pilot vom Fahrwerk ohnehin nicht erwarten.

Zwar wird auch auf Betonplatten-Autobahnen keine Dauerkarte für den Physiotherapeuten-Besuch gelöst, aber eine beharrliche Unruhe lässt den Fahrer doch stetig leicht erzittern.

Ganz im Gegensatz zur Karosserie des 650i, die stramm und fest wie eine bayerische Wade ist. Und wer einmal gesehen hat, wie solch kräftige Fesseln beim Schuhplattler wirbeln können, hat auch eine Vorstellung davon, wie agil und handlich das große Coupé mit Kurvenprüfungen umgeht. Doch mal ehrlich: Auf trockener Straße erwartet man das auch von einem BMW. Die Tücken früherer PS-starker BMW, mit ihren angetriebenen Hinterrädern im Winter vorschnell die Pirouette zum Schneewalzer zu proben, lässt der Sechser dafür nur noch im Ansatz mit einem kurzen Zucken des Hinterteils aufblitzen.

Das ESP der zweiten Generation (bei BMW dynamische Stabilitäts Control genannt) hat den 650i allzeit im Griff, ohne unnötig Fahrspaß zu rauben. Zudem bietet das neue DSC eine Reihe weiterer Funktionen, die besonders im Winter den Umgang erheblich vereinfachen: einen Anfahrassistenten, das Trockenbremsen bei Nässe, automatische Fading-Kompensation und die sofortige Verzögerungsbereitschaft durch angelegte Bremsbacken bei Gefahrensituationen. Trotzdem mag es der Sechser beim Verzögern lieber etwas wärmer. Aus guten 39 Meter Anhalteweg bei kalten Bremsen werden mit heißen Scheiben und voller Beladung dann sehr gute 37 Meter. Das Wohlbefinden groß gewachsener Fondpassagiere leidet hingegen unter dem knappen Kopf- und Beinraum.

Umso schöner ist es, vorne zu weilen, den neuen i-Drive-Knopf mit Lederkäppi zu streicheln und ganz nebenbei die nun schwarze anstatt trist graue Tönung des Armaturenbretts wahrzunehmen. Sportlich- bequem fassen einen dabei die schmucken Ledersessel ein.

Die Fahrt im 650i ist also nicht ganz so, als ob man König von Deutschland wäre, um noch einmal mit Rio Reiser zu sprechen. Aber als König von Bayern fühlt man sich allemal.

Fazit

Sehr gute Fahrleistungen, sehr gutes Ansprechverhalten, agiles Handling, angemessener Verbrauch, bequeme Vordersitze.

Technische Daten
BMW 650i Coupé
Grundpreis 77.800 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4820 x 1855 x 1373 mm
KofferraumvolumenVDA 450 l
Hubraum / Motor 4799 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 270 kW / 367 PS bei 6300 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
0-100 km/h 5,3 s
Verbrauch 11,9 l/100 km
Testverbrauch 13,4 l/100 km
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