BMW M760Li xDrive und Mercedes-AMG S63 4Matic+

Power-Limos mit über 600 PS im Test

Vergleichstest BMW M760Li, Mercedes AMG S63, spa03/2019 Foto: Rossen Gargolov

BMW M760Li xDrive und Mercedes-AMG S63 4Matic+ verbinden majestätischen Vortrieb mit dem sportiven Schimmer der hauseigenen Performance-Departements, der in beiden Fällen aber etwas blass ausfällt.

Kurz nach zwei Uhr morgens, A 3 Höhe Frankfurt. Die Fotoproduktion ist im Kasten, und der 7er pfeilt heimwärts durch eine klirrend kalte Nacht. Links und rechts rauscht die Peripherie des Flughafens vorbei, das orangefarbene Licht der Laternen stroboskopiert über die Klavierlackflächen des Innenraums, während sie im Radio über ein generelles Tempolimit diskutieren. Kurzer Blick zum Tacho: Die animierte Nadel ruht tiefenentspannt auf 300 km/h. Ein kurzes Grinsen huscht übers Gesicht, Glückseligkeit macht sich breit: freie Bahn, das sachte Tosen des Fahrtwinds und dazu die imaginären Fäuste der Sitzmassage, die gelegentlich vielleicht etwas arg weit in den Gesäßbereich vorstoßen.

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Kein Zweifel, BMW hat den perfekten Luxusliner auf Kiel gelegt. Staatsmännisch im Auftritt, feinsinnig im Fahrwerk, geschmeidig im Getriebe und gesegnet mit dem besonderen Charisma, das nur Zwölfzylinder zu erzeugen vermögen. 6,6 Liter Hubraum und zwei Turbos vereinen sich im 7er zu 610 PS und 800 Nm, die aber natürlich nicht einfach so hereinplatzen. Vielmehr rollen sie sich wie ein roter Teppich unter die 2.278 Kilo und tragen sie hinfort. Zauberkräftig, limousikalisch, extraklassisch.

Ähnlich, aber grundverschieden

Alles hätte so schön sein können, wäre in München nicht irgendwer auf die abseitige Idee gekommen, dem Ganzen ein M zu verleihen. Oder besser gesagt: aufzubürden. Ein M für „Motorsport“, das dem 7er letztlich auch diesen Test einbrockt. Und so steht er dann zwei Tage später in der Boxengasse des Hockenheimrings, wird ungläubig beäugt undimmer wieder mit derselben Frage konfrontiert:„Was um Himmels willen machst du hier?!“ An dieser Stelle erzählen wir dann gern die Geschichte eines Alpina B7. Der wirkte einst genauso deplatziert und fuhr hernach nahezu auf BMW-M3-Niveau, was dem BMW M760Li xDrive zumindest Mut machen sollte.

Vergleichstest BMW M760Li, Mercedes AMG S63, spa03/2019 Foto: Rossen Gargolov
Wenn das Wörtlein "M" nicht wär: Ohne das Signet mit den drei, farbigen Strichen, wäre dieses knapp 2,3 Tonnen schwere Luxusschiff heute nicht bei uns im Test.

Außerdem muss er die Zweckentfremdungnicht allein durchstehen. Neben ihm hat sich inzwischen ein Standesgenosse eingefunden – der AMG S 63, der ähnlich, aber doch irgendwie ganz anders veranlagt ist. Mit 612 PS und 850 Nm hat er noch etwas mehr in petto als der BMW, bemüht dafür aber vier Zylinder weniger. Nanu? Wieso tritt hier nicht die große AMG-S-Klasse an, die mit ihrem Sechsliter-V12 ja besser passen würde? Einfach weil die Rollen in Affalterbach ganz klar verteilt sind mittlerweile! Seine Majestät, der S 65, beliebe demnach, auf seine alten Tage nur noch repräsentativen Funktionen nachzugehen. Sportliche Aufgaben indes – sicher verstehe man das – bekleide ausschließlich sein minimal minder bemittelter Kompagnon, der für derartige Belange ausgebildet sei. Seine Schlüsselqualifikation: die äußerst variable Plus-Version des 4Matic-Systems, die jüngst auch der E-Klasse Beine machte.

Doch BMW und Mercedes unterscheiden sich nicht nur antriebsseitig, auch ihr Selbstverständnis verläuft in bestimmten Punkten recht konträr. Die S-Klasse lässt ihre Potenz weiter raushängen, grollt bassig, statt nur soft zu summen, und passt optisch eher zur Rapper-Villa als vor die Staatskanzlei: Bling-Bling-Grill, massive Lufteinlässe, schrill animiertes Interieur. Stillos? Nein! Dezent aber ebenso wenig. Eines muss man den AMG-Entwicklern jedoch lassen: Sie ziehen diese subtile Aggressivität von vorn bis hinten durch. Im Gegensatz zum 760, der Geraden auch im Vollgalopp eher zu streicheln scheint, prügelt der Benz gehörig auf sie ein – hörbar, spürbar und messbar. In 3,5 Sekunden (!) stanzt er auf 100 km/h, der rund 100 Kilo schwerere BMW benötigt dafür deren 3,9. Und nur noch mal zur Erinnerung: Wir reden hier von Ü-Fünfmeter-Limousinen – obgleich sich der Mercedes nicht wirklich so benimmt. Seinen eher mäßigen Komfort-Manieren meint man jedenfalls anzumerken, dass er sich im falschen Körper wähnt.

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Okay, dem Motor sehen wir sein aufmüpfiges Ansprechen nach. Der Vierliter ist das Mädchen für alles in Affalterbach, befeuert SUV verschiedenster Konfektionen, Geländewagen, den Sportwagen GT, Limousinen und Kombis – da kann man schon mal durcheinanderkommen. Das neunstufige Automatikgetriebe und das Luftfahrwerk vertrügen in einer S-Klasse dann aber doch etwas mehr Sinn für Contenance. Ersteres kennen wir eigentlich als überaus servil, als stummen Diener, hier jedoch hopst es selbst im Comfort-Programm hektisch durch die Gänge. Und das Fahrwerk lässt sich von dieser inneren Unruhe offenbar anstecken. Asphaltflicken vibrieren bis in die Lenkung durch, auf Gullydeckeln tut es jedes Mal einen Riesen-Rums. Unangebracht? Da gehen die Meinungen auseinander! Ich finde, wenn am Ende was rausspringt dabei, ist das Gebolze durchaus legitim.

Zwei Luxusliner auf dem Rundkurs

Also dann, raus auf die Strecke und nachsehen. Die wenigen Geraden des Kleinen Hockenheimrings sind nicht das Thema, das war klar. Ein kurzes Einatmen, dann werden sie von den beiden Turbos einfach weggepustet. Eine nach der anderen. In Kurven jedoch verlässt den Mercedes-AMG S63 4Matic+ seine Dominanz – wobei „verlassen“ der falsche Ausdruck ist. Denn eigentlich wird sie ihm genommen – vom ESP, das die Gelenkigkeit des Antriebs überhaupt nicht zur Geltung kommen lässt. Statt das Drehmoment dafür zu verwenden, das ferne Heck in Kurvenverläufe hineinzudrücken, wird die Kraftzufuhr im Moment des Einlenkens quasi abgewürgt. Folge: Die Masse ist den Querkräften nutzlos ausgeliefert, schiebt und zerrt, sodass man im Grunde nur dasitzen und warten kann, bis dieKurve überwunden ist. Sicher, das Drama bleibt aus, erst recht in dieser Klasse. Andererseits vertut sich der AMG dadurch die Chance, seine Sportlichkeit, die er als technisches Potenzial in seinem Inneren trägt, auch freizusetzen.

Vergleichstest BMW M760Li, Mercedes AMG S63, spa03/2019 Foto: Rossen Gargolov
Mit 612 PS und 900 Nm ganze 2 Pferdchen und immerhin 100 Nm mehr Drehmoment auf den Asphalt als der BMW. Hier kommt Affalterbachs Mädchen-für-Alles zum Einsatz, der aus anderen AMG Modellen bekannte vier-Liter-V8.

So glückt dem BMW am Ende sogar ein Remis – zumindest in der Rundenzeit. Zwar steht auch er unterm Schlappen einer bisweilen übervorsichtigen ESP-Regelung, wirkt in Kurven aber freier und manchmal, wenn man ihn richtig erwischt, dank Hinterachslenkung sogar ein klitzekleines bisschen agil.

Dennoch: Das M ist totaler Schmarrn – vor wie nach der Modellpflege, die dem 7er nun ins Haus steht. Sie bringt noch mehr Radstand, noch mehr Dämmung und – heiliger Strohsack – noch größere BMW-Nieren. Die gute Nachricht: Am V12 wird festgehalten. Aufgrund der leidigen WLTP-Regularien gehen ihm zwar 25 PS flöten, auf die ist die Entfaltungseiner Pracht aber weit weniger stark angewiesen als auf eine weiterhin unbeschränkte Autobahn. Drücken wir ihm also die Daumen!

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Fazit

Beim BMW ist Sportlichkeit kaum mehr als ein Buchstabe. Der BMW M760Li xDrive bremst zwar vorzüglich und schiebt auf seine seidige Art enorm. Von Fahrdynamik im Verständnis der M GmbH ist aber sehr wenig zu spüren. Anders der AMG. Die S-Klasse kann Kurven, das hat sie an dieser Stelle schon einmal unter Beweis gestellt. Mit dem Switch vom 5,5- zum Vierliter-V8 hat man ihr nun sogar den Hochvariabel-Allrad des E 63 implantiert, dessen Vorzüge von der Elektronik aber ebenso unterdrückt werden wie jene der motivierten Abstimmung. So schlägt der Mercedes-AMG S63 4Matic+ am Ende zwar den BMW, sich selbst aber etwas unter Wert.

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Technische Daten
BMW M760Li xDrive Mercedes AMG S 63 L 4Matic+ Mercedes-AMG
Grundpreis 174.000 € 161.245 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 5238 x 1902 x 1479 mm 5287 x 1915 x 1499 mm
KofferraumvolumenVDA 515 l 510 l
Hubraum / Motor 6592 cm³ / 12-Zylinder 3982 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 448 kW / 610 PS bei 5500 U/min 450 kW / 612 PS bei 5500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h 250 km/h
0-100 km/h 3,9 s 3,5 s
Verbrauch 12,8 l/100 km 8,9 l/100 km
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