BMW Alpina B12 6.0

Mit nun mehr sechs Liter Hubraum und 430 PS ist der neue BMW Alpina B12 6.0 die leistungsstärkste Serienlimousine auf dem Markt.

Das Gefühl sagt, dass sechs Liter das ideale Hubvolumen für einen Zwölfzylinder in der Luxusklasse sind, der goldene Schnitt im Motorenbau. Vielleicht, weil Mercedes die 600 schon vor Jahren vorgegeben hat, ursprünglich noch mit nur acht Zylindern.

Geht der Wert wesentlich darüber hinaus, läuft er Gefahr, als unanständig empfunden zu werden. Nur 5,7 Liter wie beim Vorgänger des aktuellen BMW Alpina B12 oder gar nur 5,4 Liter, die das Topmodell aus München bietet, nähren hingegen den Verdacht, dass es womöglich nicht ganz gereicht haben könnte. Der große Alpina hat jetzt sechs Liter, endlich, möchte man fast sagen. Dabei beträgt das Plus nur lächerliche 300 Milliliter, das sind 25 pro Zylinder: Die Bohrung nahm noch einmal um 0,4 Millimeter zu, der Hub wuchs um weitere vier Millimeter.

Doch diese Winzigkeit ist so wenig lächerlich wie jener Vorsprung im Promille-Bereich, der sich im Verlauf einer Formel 1-Runde zu einer Sekunde addiert und den Fahrer in eine andere Liga katapultiert. Was die Alpina-Ingenieure aus dem als Basis vorgegebenen BMW-Zwölfzylinder holen, ist nämlich als Demonstration des jeweils technisch Machbaren zu verstehen. Und dass jetzt mehr machbar ist als zuvor, liegt nicht nur an Alpina, sondern auch an den Profis bei den Zulieferern. Genauer: beim Kolbenhersteller Mahle. Erst ein noch knapper bemessener Feuersteg – das ist die Partie oberhalb des obersten Kolbenrings – und ein noch dichter zusammengedrängtes Ringpaket schufen die Voraussetzung dafür, den Kolbenbolzen im oberen Totpunkt nun noch zwei Millimeter weiter vordringen zu lassen. Das ging nur mit schmaleren Kolbenringen, und die wa- ren wiederum erst realisierbar, als es gelang, ihr kompliziertes Eigenleben bei höheren Drehzahlen zu beherrschen. Sie müssen schließlich genauso perfekt abdichten wie ehedem und dürfen weder unkontrolliert ins Schwingen geraten noch gar brechen.

Ein solchermaßen verkürzter Kolben hat naturgemäß eine weniger gute Führung im Zylinder, die Gefahr des so genannten Kolbenkippens wächst. Dieses in kaltem Zustand bei vielen Allerweltsmotoren bei Teillast hörbare Klopfen liegt am schlagartigen Anlagewechsel des Kolbens an die gegenüberliegende Zylinderwand, hervorgerufen durch die sich ändernde Schrägstellung des Pleuels im oberen Totpunkt. Es ist harmlos, aber unschön.

In einem Zwölfzylinder hat es darum nichts zu suchen, und in einem Alpina schon gar nicht. Eine in mikroskopischen Dimensionen ballige Kolbenform beschert dem B12 unauffällige Anlagewechsel, der Kolben rollt sich dabei geschmeidig an der Zylinderwand ab, wie der Fuß eines Läufers.

Die Arbeiten am Motor waren mit der Vergrößerung des Hubraums nicht beendet. Eine Neugestaltung der Saugwege ab dem Luftfiltergehäuse und neue Nockenwellen mit mehr Hub lassen den Motor freier atmen und – trotz des größeren Kolbenhubs – noch unbeschwerter hochdrehen. Dass der Motor auch spezifisch mehr Luft bekommt, zeigt sich am Verdichtungsverhältnis: Der auf besten Wirkungsgrad und höchste Leistung optimierte Wert sank von 10,5 auf nunmehr 10,25. Und nicht zuletzt auch die weit mehr als der Hubraum angestiegene Leistung beweist es: Noch 387 PS hatte der Vor- gänger, 430 sind es beim jetzigen B12. Um einem möglichen Irrtum vorzubeugen: Obwohl das Drehmoment des Zwölfzylinders seinen Traumwert von 600 Newtonmeter erst bei 4200/min erreicht, ist er weit davon entfernt, ein hektisches Sporttriebwerk zu sein.

Schon bei 1700/min stehen schließlich stramme 500 Newtonmeter zur Verfügung. Und wie fährt sich der große BMW mit einem solchen Motor? Auf den kürzesten Nenner gebracht: wie ein Alpina. Bei gemächlicher Fahrt verfällt der Zwölfzylinder in hintergründiges Grummeln, das auch einen etwas beleidigten Unterton nicht verheimlicht: Er würde offensichtlich viel lieber ordentlich zupacken. Mehr Gas verwandelt die akustische Kulisse in fernes Donnergrollen, präzise akzentuiert, ohne Getöse, immer noch leise wie das ganze Auto. Dazu gibt es – immer noch im großen Gang und bei niedriger Drehzahl – einen eindrucksvollen Vorwärtsschub, wie man ihn heutzutage eher von einem Powerdiesel erwartet. Erst Vollgas verwandelt den B12 abrupt in einen Entfesselungskünstler.

Kurz und knackig und nicht immer ruckfrei schaltet die neu abgestimmte Getriebesteuerung zwei Gänge zurück, und unvermittelt, als hätte man am Radio versehentlich einen falschen Knopf gedrückt, spricht der V12 eine andere Sprache: Zu allem entschlossenes, kerniges Hämmern dringt ans Ohr, ohne freilich im Pegel auch nur in die Nähe ungebührlichen Lärms zu kommen.

Noch eindrucksvoller ist, was die Sitzlehne – beim Testwagen mit unnachahmlich anschmiegsamem und sündteurem Lavalina-Leder bezogen – mit dem Rücken des Fahrers anstellt: Beschleunigung in 5,8 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h. Gewiss, es gibt Autos, die noch flotter davonstürmen.

Aber keine Limousine, die mit über zwei Tonnen Leergewicht zu solchen Kraftakten fähig wäre. Wie potent dieser Alpina ist, zeigt sich vor allem im oberen Tempobereich: Vollgas bei 180 lässt die Tachonadel im Zweisekunden- Takt über die Zehner- Markierungen fliegen, erst bei knapp über 290 km/h erweist sich der Luftwiderstand dem B12 als ebenbürtiger Partner. Der höheren Endgeschwindigkeit angepasst wurde die Bremsanlage, die vorne nun mit 334 Millimeter messenden Scheiben operiert, selbstverständlich innenbelüftet. Die Verzögerungswerte sind ohne Tadel, und dass nach der fünften Vollbremsung in Folge die Zehn vor dem Komma weicht, ist allenfalls von akademischem Interesse.

Für die Praxis entscheidender ist, dass die Bremsen weich und vorzüglich dosierbar einsetzen und bei erhöhtem Pedaldruck doch sofort unerbittlich zupacken. Eine Charakteristik, die ähnlich beim Gaspedal anzutreffen ist: Der B12 kann ohne Mühe ganz sanft anfahren. Nur wenn der Fahrer es darauf anlegt, reißt es die Köpfe der Mitfahrer beim Start gegen die Kopfstützen. Und nur wenn der Fahrer es will – und nach Abschalten der Fahrdynamikregelung auch kann, versteht sich –, gibt sich der B12 willig dem Drift hin. Sein eigentliches Naturell ist freilich das neutrale bis untersteuernde Fahrverhalten mit einem breiten Grenzbereich, der ohne Tücke bleibt. Obschon straffer als die Basis abgestimmt, offeriert der Alpina B12 einen bemerkenswert guten Federungskomfort.

Auch am Abrollkomfort gibt es kaum etwas auszusetzen, obwohl die Voraussetzungen dafür keineswegs die besten sind: Vorn tun schließlich Reifen der üppigen Dimension 245/40 ZR 20 Dienst, hinten 275 Millimeter breite 35er-Walzen. Das früher vor allem im Fond bei bestimmten Geschwindigkeiten hörbare Wummern ist übrigens dank einem feiner geschnittenen Profil jetzt verschwunden. Mit Verbrauchswerten, die generell über zehn Liter liegen, und einem Einstandspreis von 218 600 Mark ist der B12 bestimmt kein billiges Vergnügen.

Der Testwagen brachte es mit einigen Extras gar auf 253 975 Mark. Doch die Fahrfreude, die er bereitet, erscheint fast unbezahlbar.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • sehr gutes Raumangebot großer Kofferraum hochwertiges Material tadellose Verarbeitungsqualität sehr umfangreiche Ausstattung
Fahrkomfort
  • sehr bequeme, vielfach elektrisch verstellbare Sitze sehr guter Federungskomfort guter Abrollkomfort angenehmes Geräuschniveau
Antrieb
  • konkurrenzlose Fahrleistungen kultiviert laufender Motor mit eindrucksvoller Geräuschkulisse für den Fahrer berechenbar agierende Automatik
  • in kaltem Zustand leichtes Wandler-Ruckeln im Stand
Fahreigenschaften
  • sehr sichere Fahreigenschaften hoch liegender, breiter Grenzbereich ausgeprägte Handlichkeit exakte Lenkung mit gutem Fahrbahnkontakt
  • indirekte Lenkübersetzung
Sicherheit
  • sehr wirksame, gut dosierbare und standfeste Bremsen Front-, Seiten- und Kopfairbags vorn und hinten elektronische Reifendruckkontrolle Fahrdynamikregelung Elektronische Dämpfer-Control
Umwelt
  • sehr niedrige Abgaswerte durch elektrisch beheizte Katalysatoren
  • hoher Materialeinsatz
Kosten
  • hoher Kaufpreis hohe Unterhaltskosten hoher Wertverlust hohe Reifenkosten nur ein Jahr Garantie

Fazit

Der BMW Alpina B12 ist eine einzigartige Kombination aus konkurrenzlosen Fahrleistungen, hoher Fahrsicherheit, spielerischer Handhabung und luxuriösem Komfort. Er bietet damit ein selten anzutreffendes Maß an Fahrfreude.

Technische Daten
Alpina B12 6.0
Grundpreis 111.768 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4984 x 1862 x 1415 mm
KofferraumvolumenVDA 500 l
Hubraum / Motor 5980 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 316 kW / 430 PS bei 5600 U/min
Höchstgeschwindigkeit 291 km/h
0-100 km/h 5,8 s
Verbrauch 15,5 l/100 km
Testverbrauch 16,3 l/100 km
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