BMW M3 Cabrio

Himmel reich

Mit dem 343 PS starken, hochdrehenden 3,2-Liter-Reihensechszylinder und umfassenden Änderungen an Fahrwerk und Karosserie hat das neue M3 Cabrio nicht mehr viel mit dem Standard-Dreier-Cabriolet zu tun.

Braucht man 343 PS ausgerechnet in einem Cabriolet? Nein, man könnte auch sagen, um Gottes Willen.

Doch nun ist sie da, die unermessliche M-Power, auch im neuen Dreier Cabrio. Seitliche Lüftungskiemen an der Motorhaube sind mehr optisches Signal als wahre Notwendigkeit und verraten zusammen mit vier dicken Auspuff- Endrohren im Zweier pack, welche Musik hier gespielt wird.

Der Saugmotor mit ungewöhnlich hoher Literleistung steckt leicht geneigt unter der wohlgeformten Haube, der wohl schönste Sechszylinder der ganzen Welt. Keine Kunststoffverblendung stört den optischen Reiz des Vierventilers mit seinen sechs Einzeldrosselklappen und dem langen Hub von 91 Millimetern. Man ist hier zunächst einmal Maschinist – Landschaft, Heugeruch, die Winde im Nacken sollen warten.

Schon im Leerlauf spielt dieses Triebwerk, das seine Nennleistung erst bei knapp 8.000 Touren erreicht, eine betörende Melodie. Es ist ein melodiöses Brodeln, wie ein Scharren der Hufe rassiger Pferde vor dem erlösenden Schenkeldruck.

Im Minutentakt verlöschen die roten Warnsegmente auf dem Drehzahlmesser mit zunehmender Erwärmung des Motoröls. Zuerst dürfen es nur 5.500/min sein, dann 6.000, wenig später kann sie ganz gezündet werden, die  bayerische Mehrstufen-Rakete.

Nicht nur das Warmfahren mit verhalten grollenden 2.000 Touren zeigt die Alleskönnerschaft dieses Bilderbuch-Motors. Er kann auch anders, wobei das Anderssein die sanfte Tour meint. Selbst 1.000 Umdrehungen sind,  sogar in den beiden obersten Stufen des hervorragend schaltbaren Sechsgang-Getriebes, mit Teillast kein Problem.

Doch dann kommen die Wildheit, das Drehvermögen, der Sound. Und wie von einer leckeren Speise, die ja auch nicht nur vom Tellerrand genossen wird, verzehrt man nun das gesamte M-Menü. Dass man es in diesen Momenten mit einem Cabrio zu tun hat, tritt gedanklich völlig in den Hintergrund. Der Sechszylinder schlägt alles in seinen Bann, mit Wucht bei 4.000 Touren, mit Gewalt jenseits von 5.000, mit akustischem Inferno, wenn die Nadel des Drehzahlmessers rasend schnell in Richtung 8.000 strebt.

Über 1,7 Tonnen wiegt der Testwagen, aber wenn man Gas gibt, entsteht ein Gefühl der Leichtigkeit, als stecke der Motor in einem Lotus Super Seven. Mit Elan und ungewöhnlich spontan wird trotz der großen trägen Masse jede kleine Gaspedalbewegung in Aktion umgesetzt. Steigungen existieren de facto nicht mehr, die Beschleunigung ist für ein Mitglied der Kategorie offene Viersitzer schlicht atemberaubend. Null auf 100 km/h in 5,5 Sekunden, 13 Sekunden auf 160, kaum mehr als 21 auf 200. Bei 250 ist, elektronisch abgeregelt, Schluss, auch wenn die Oben-ohne-Rakete mit dem bösen Haifischmaul noch einen Nachbrenner in petto hätte.

Alles prescht zur Seite auf der Autobahn, sogar die kastigen Mercedes Sprinter. Innen herrschen auch bei  höherem Tempo moderate Töne, die zwar über denen des M3 Coupés liegen, aber keineswegs quälenden Charakter haben. Die phonetische Brillanz des Sechszylinders bleibt auch bei Autobahn-Tempo erhalten, besonders beim Gaswegnehmen. So könnten sie klingen, die bösen Werwölfe aus den Gruselgeschichten.

Nicht nur der für Cabrios moderate Geräuschpegel macht schnelle Autobahnfahrten zu einem Vergnügen, sondern auch der geglückte Federungskomfort. Im Gegensatz zum ersten M3 Cabrio ist hier ein deutlicher Fortschritt erzielt worden. Zusammen mit der verwindungssteifen Karosse, die sich nur durch sehr grobe Unebenheiten zu einem kurzen Zittern bewegen lässt, entsteht so etwas wie ein Gran-Turismo-Wohlgefühl.

Natürlich, schnell mal die Leopoldstraße rauf und runter, das geht auch. Die Verdeckkonstruktion ist perfekt und arbeitet mit M-Power-Rasanz: Per Knopfdruck ent- und verriegelt das feine Stoffdach und verschwindet in Sekundenschnelle im Verdeckkasten, der einen Teil des Kofferraums für sich beansprucht. 300 Liter passen maximal hinein. Das Windschott ist schnell montiert, verunziert das ganze Auto mit seiner Dunstabzugshauben-Optik, macht aber seinen Job auch bei Tempo 200 sehr korrekt.

Also lieber weg mit ihm, denn was ist ein M3 Cabrio ganz ohne Wind? Die Turbulenzen halten sich bei geschlossenen Seitenscheiben auch so in moderaten Grenzen, die Gerüche kommen besser rein, die Sinnenfreude steigt, selbst wenn man nun die Kühle des Sommerabends mit nur noch 50 oder 60 PS zu genießen versteht. Die Sitze sind hervorragend, nur kleine grobe Unebenheiten stören ein wenig das Wohlbefinden, die Handlichkeit des 1,7-Tonners ist beachtlich. Die Fondpassagiere haben nicht allzu viel Platz, und ihnen stehen, auch wenn der Fahrer anständig ist, bei geöffnetem Verdeck immer die Haare zu Berge.

Das elektronische Stabilitätsprogramm DSC ist serienmäßig, und wer nicht zur wilden Gattung der Fahrbahnmarkierer zählen will, ist bei der Leistungsexplosion des M-Motors ganz froh darüber. Der Kurvenspaß entsteht auch so – mit relativ spätem Eingriff und beeindruckender Traktion. Zusammen mit der sehr exakten Servolenkung, den hervorragenden Bremsen und dem weitgehend neutralen Fahrverhalten ist für Fahrsicherheit und Fahrvergnügen das meiste getan. Die größte Imponderabilie bleibt in einem so schnellen Auto ohnehin immer der Mensch am Lenkrad.

Vielleicht ist das Bezahlenkönnen sogar das kleinere Problem. 116.000 Mark kostet das M3 Cabrio samt  Klimaautomatik und Lederausstattung. Es wirke unter seinesgleichen wie ein Zobel unter den Pelzen, sagt die Begleiterin. Gut beobachtet.

Fazit

In der Reihe der anspruchsvollen viersitzigen Cabrios nimmt der offene M3 eine Sonderrolle ein. Kraft und Kultiviertheit des 3,2 Liter großen Sechszylinders prägen das M3 Cabrio, dessen Fahrleistungen im besten Sportwagenbereich liegen. Ein perfektes Verdeck schafft vollendeten Cabrio-Genuss.

Technische Daten
BMW M3 Cabrio
Grundpreis 63.750 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4492 x 1780 x 1372 mm
KofferraumvolumenVDA 300 l
Hubraum / Motor 3246 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 252 kW / 343 PS bei 7900 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
0-100 km/h 5,5 s
Verbrauch 12,1 l/100 km
Testverbrauch 12,4 l/100 km
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