Cadillac XLR im Test

Reiz ist Keil

Foto: Hans-Dieter Seufert

Das zweisitzige Coupé-Cabrio ist etwas für Individualisten. Es erweckt mit seinem auffallenden Styling Aufsehen und zeichnet sich durch einen 326 PS starken Achtzylindermotor aus.

Aus Schaden, so weiß  der Volksmund, wird  man klug. Was natürlich  auch für die  Marke Cadillac gilt, die im weitverzweigten  Portfolio des USKonzerns  General Motors das  Luxus-Segment bildet.  Der erste Versuch der seit  1903 bestehenden Traditionsfirma,  mit einem Zweisitzer  hartleibige Mercedes SL-Kunden  zum Umsteigen zu bewegen,  ging in die Hose.  Der Allanté, Autokenner  werden sich erinnern, hat den  schwäbischen Stern nicht angekratzt.  Zu schwach war er  und unziemlich frontgetrieben.  Das Interessanteste am Allanté  blieb die Kombi-Produktion  bei Pininfarina in Italien und  in Detroit – einschließlich Luftbrücke  mit Jumbo-Jets. Das  trieb den Preis in die Höhe, aber  nicht die Qualität.  Jetzt soll alles besser werden.  Aus dem bereits 1999 präsentierten  Concept Car Evoq  entstand der Cadillac XLR.

Der kantige Stil, für den der  oberste Cadillac-Geschmackswächter,  der Brite Simon Cox,  verantwortlich zeichnet, ist geeignet,  für Aufsehen zu sorgen.  Wo der XLR auftaucht, staunt  das Publikum und spielt fröhliches  Rätselraten.  Denn nirgends scheint der  Name Cadillac auf – als ob man  sich dessen schämen müsste.  Das lorbeerumkränzte Wappen  kennen nur wenige.  Es würde auch nicht helfen.  Denn mit Cadillac assoziieren  Euro-Bürger das, was selbst  professionelle Auto-Schreiber  gern als Ami-Schlitten abwerten.  Und nun das: ein Zweisitzer  von europäischen Dimensionen,  sportlich, eigenwillig,  funktionell.  Mit Einschränkungen allerdings.  Meister der Raum-Ökonomie  waren die Amerikaner  noch nie. Auch der XLR liefert  dafür wieder ein Beispiel.

Ob schon  er mit seinen Abmessungen in einer Liga mit  den europäischen Konkurrenten  spielt, bleibt das Raumangebot  bescheiden – mehr Jaguar  XK als Mercedes SL. Hinter  den Sitzen endet der Innenraum  abrupt. Die beiden Sitznischen  sind von intimer Enge.  Im Cockpit wird das Bemühen  deutlich, Abschied zu  nehmen vom Original-Detroit-  Plastik-Look. Das helle Holz  des Eukalyptus-Baums setzt  freundliche Akzente, ebenso  wie – echtes – Aluminium.  Trotzdem wirkt das Cockpit  eher schlicht. US-Car-Fans hätten  sich das spektakulärer gewünscht.  Den Europäern kann  man es eben nie recht machen.  Doch, kann man. Die simple  Bedienung der wichtigsten  Funktionen ist in Ordnung. Die  Klima-Automatik arbeitet vorbildlich.  Die Sitze sind nicht nur  beheizt, sondern auch gekühlt.

Die Sitzposition hinter dem  Lenkrad passt. Und das Instrumentarium  zeigt sich mit Anzeigen  für Öldruck und Bordspannung  von heute ungewohnter  Reichhaltigkeit.  Beim Design hat der italienische  Nobel-Juwelier Bvlgari  (sprich: Bulgari) mitgewirkt,  der sich davon in den USA einen  größeren Bekanntheitsgrad verspricht.  Die Italo-Instrumente gerieten  unspektakulär. Keine Design-  Spielerei, sondern weiße  Ziffern auf schwarzem Grund.  Bingo. Es gibt Dinge, die man  nicht verbessern kann.  Was faltbare Hardtops angeht,  die zu den Must-Accessoires  moderner Cabrios gehören,  ist die Mercedes-Konkurrenz  allerdings einen Schritt  voraus. Die bravouröse 180-  Grad-Drehung der Heckscheibe  beherrscht der Cadillac XLR  nicht. Die Folge: Das Dach  macht sich im Kofferraum ungebührlich  breit.  Die Maßeinheit der Society,  auch bekannt als Golf-Bag,  nähert sich dem Minimum. Nur  ein Schläger-Sortiment passt  ins Heck, wenn man offen unterwegs  ist. Bei geschlossenem  Dach ist der Kofferraum der  Vuitton-Kollektion eines Lifestyle-  Duos gewachsen.

Es gibt, für wahre Automolisten,  Wichtigeres. Zum Beispiel  einen steifen Aufbau. Den  hat der Cadillac, der zu den wenigen  Autos gehört, die noch einen  separaten Rahmen besitzen. Stahl und Aluminium bilden eine  solide Struktur, die den XLR  auf schlechten Straßen in Ruhe  dahingleiten lässt. Auch bei offenem  Dach.  Den technischen Unterbau  teilt sich der Cadillac mit der  neuen Generation des Chevrolet-  Sportwagens Corvette.  Identische Achsenkonstruktion  mithin – beim Cadillac allerdings  auf Komfort abgestimmt.  Mit Erfolg: Noch nie haben  quer angeordnete Blattfedern,  wie sie zum Corvette-Konzept  gehören, derart geschmeidig  auf Straßen-Unebenheiten reagiert.  Das Versetzen der Hinterhand  auf schlechten Straßen,  traditionelles Merkmal der Corvette-  Achse, ist beim XLR nicht  zu beobachten.  Die Zurückhaltung bei der  Wahl der Reifendimension trägt  zum ruhigen Abrollen bei. Die  Reifen stammen von Michelin  und bieten Runflat-Technik:  Auch ohne Luftdruck kann man  mit ihnen noch mindestens 200  Kilometer weiter fahren.

Der XLR ist ein komfortabler  Cruiser, kein Sportwagen.  Was seine dynamischen Qualitäten  nicht beeinträchtigt – so  europäisch fuhr sich noch kein  Cadillac. Er vermag hohe Kurvengeschwindigkeiten  zu erreichen  und verhält sich dabei  wegen ausgewogener Gewichtsverteilung  beruhigend neutral.  Im Extremfall greift ESP  ein, das Puristen auch abschalten  können. Die integrierte  Antriebsschlupfregelung lässt  sich separat deaktivieren, um  beispielsweise auf Schnee die  Traktion zu verbessern.  Die Lenkung, deren Servounterstützung  mit steigendem  Tempo abnimmt, vermittelt guten  Fahrbahnkontakt, die Spurstabilität  in schnellen Autobahnkurven  widerlegt Vorbehalte  gegenüber US-Autos. Dies gelingt auch den  Bremsen. Sie lassen sich sehr  gut dosieren, verzögern kraftvoll  auch bei höchster Beanspruchung  und erweisen sich  damit dem Leistungspotenzial  des XLR gewachsen.  Mit seinem 326 PS starken  Vierventil-V8 gehört der Cadillac  in die Oberliga. Der aus der  Northstar-Familie stammende  Motor, der in dieser Form nur  bei Cadillac zum Einsatz  kommt, zeichnet sich durch  spontanes Ansprechen und – bei  hoher Drehzahl – wohl klingendes  V8-Fauchen aus.  Zusammen mit der unauffällig  arbeitenden Fünfgang-  Automatik, die eine manuelle  Tipp-Funktion besitzt und die  bei BMW auch schon zu europäischen  Ehren kam, bildet  der Motor eine sehr harmonische,  wenn auch nicht ausgesprochen  ökonomische Antriebseinheit.

So ist Cadillac zwar nicht,  wie ein alter Firmen-Slogan behauptet,  „Standard of the  World“, aber doch bemerkenswert  gut aufgestellt gegenüber  der Konkurrenz. Das kostet den  Kunden 89 500 Euro.  Erschrocken? Ein Blick auf  die Ausstattungsliste relativiert.  Der XLR hat alles: Xenon-  Licht, Lederpolster, DVD-Navigationssystem,  adaptive Geschwindigkeitsregelung  und ein  wohltönendes Bose-Soundsystem  mit neun Lautsprechern.  Dazu ein Head-up-Display, das  Geschwindigkeit und andere Infos  ins Blickfeld auf die Frontscheibe projiziert. Keine Türschlösser:  Wenn sich der Besitzer,  einen kleinen Sender in der  Tasche, nähert, wird entriegelt.  Und umgekehrt. Wer den neuen Cadillac  kauft, dürfte nicht enttäuscht  sein. Zumal es einen wichtigen  Posten ohne Aufpreis gibt: drei  Jahre Garantie.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • steife Karosseriestruktur sehr gute Serienausstattung funktionelle Gestaltung
  • geringes Kofferraumvolumen bei offenem Dach
Fahrkomfort
  • bequeme Sitze übersichtliche Bedienung gut abgestimmte Federung gute Klimatisierung
Antrieb
  • kultivierter, drehfreudiger V8-Motor gut abgestimmte Automatik gute Fahrleistungen
  • bei schneller Fahrweise stark ansteigender Verbrauch
Fahreigenschaften
  • guter Geradeauslauf sicheres Kurvenverhalten gute Traktion präzise Lenkung
Sicherheit
  • gute Sicherheitsausstattung standfeste Bremsen
Umwelt
  • keine Euro 4-Einstufung
Kosten
  • angemessener Preis drei Jahre Garantie
  • hohe Unterhaltskosten hoher Wertverlust

Fazit

Der beste Cadillac seit Jahrzehnten. Mit kraftvollem Motor, guten Fahreigenschaften und ausgewogenem Komfort bildet er eine attraktive Alternative für Individualisten, die partout keinen Mercedes oder Jaguar wollen.

Technische Daten
Cadillac XLR 4.6 V8
Grundpreis 81.990 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4513 x 1836 x 1279 mm
KofferraumvolumenVDA 328 l
Hubraum / Motor 4565 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 240 kW / 326 PS bei 6450 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
0-100 km/h 6,2 s
Verbrauch 12,5 l/100 km
Testverbrauch 15,2 l/100 km
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