Chevrolet HHR 2.4 LT im Test

Daddy Cool

Foto: Hans-Dieter Seufert 18 Bilder

Nicht hinter jedem Chevrolet verbirgt sich ein Daewoo. Der HHR ist ein echter Amerikaner, der in seiner Heimat schon Karriere gemacht hat. Ist er auch gut genug für Europa?

Das hätte sich Louis Chevrolet nicht träumen lassen. Die Verkaufszahlen von Amerikas volumenstärkster Automarke befinden sich in Europa auf einem Allzeithoch. Doch das einzige, was die hier verkauften Brot-und-Butter-Autos zu Chevrolet macht, ist die Bowtie (Fliege), das goldene Markenzeichen. Der Rest: Daewoo pur aus Korea. Die strikte Trennung zwischen den wahren US-Chevys und den Daewolets beginnt allerdings aufzuweichen. Die Händler haben nun auch den HHR im Programm – einen echten Amerikaner, auch wenn er in Mexiko vom Band purzelt. H HR steht für Heritage High Roof, für das hohe Dach also und die Tatsache, dass so etwas bei Chevrolet Tradition hat. Bei etwas gutem Willen kann man im HHR-Design Anklänge an die Suburbans aus den späten vierziger Jahren erkennen. Näher freilich liegt der PT Cruiser von Chrysler, und das ist auch kein Wunder: Das Design beider Modelle stammt von Bryan Nesbitt, der 2001 von Chrysler zu General Motors wechselte. Der Chevy ist ein Hingucker, keine Frage. Wer auffallen will, ist gut bedient – und wird noch nicht einmal arm dabei. Zu einem Preis von 22 990 Euro wird hier ein stattliches Auto geboten. Im deutschen Umfeld hat der HHR Mittelklasse- Format – in den USA gilt er als Kompaktwagen und verkauft sich wie geschnitten Brot. Aber das nostalgische Styling bringt auch Nachteile mit sich. Die niedrigen Scheiben und die extrem dicken Dachpfosten behindern die Sicht. Trotzdem sind die Abmessungen der Karosserie beim Rangieren gut einzuschätzen, weil man dank hoher Sitzposition die Motorhaube überblicken kann und die Heckscheibe das hintere Ende des Autos markiert. Das subjektive Raumgefühl profitiert vom hohen Dach, das tatsächliche Platzangebot hat Mittelklasse-Format: ausreichende Innenbreite, komfortable Beinfreiheit vor den Rücksitzen. Der Kofferraum ist wie üblich variabel und dank der niedrigen Ladekante leicht zu beladen. HHR-Käufer bekommen viel Ausstattung fürs Geld (siehe auch Datenblatt). Das Leder auf den nur wenig Halt bietenden Sitzen verbreitet sogar einen bescheidenen Hauch von Luxus. Abgesehen davon wird unmissverständlich klargemacht, dass man bei Chevrolet zu sparen weiß und dass der HHR in seinem Heimatland mit Preisen ab 16.000 Dollar zu den ganz billigen Autos zählt.

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Eine Orgie in Hartplastik also, wobei es allerdings zuzu geben gilt, dass GM diesen Werkstoff inzwischen höchst routiniert beherrscht. Früher sah, was billig war, auch so aus. Heute gibt man sich Mühe mit den Oberflächen, und so wirkt der HHR innen zwar sehr nüchtern, aber nicht wie ein abwaschbares Armenhaus. Wo der dicke Rotstift wütete, bleibt trotzdem erkennbar. Mit den in der Mittelkonsole schlecht erreichbaren Schaltern für die Fensterheber konnten ein paar Zoll Kabel eingespart werden, ein Haltegriff für den Beifahrer fiel der Kalkulation zum Opfer. Trösten darf man sich mit einem ansonsten übersichtlichen, leicht verständlichen Bedienungsschema. Und damit, dass die Sicherheitsausstattung ungeschoren blieb. Der Testwagen zeigt nicht nur die volle Airbag- Bestückung, sondern auch ESP, was für ein US-Auto dieser Klasse höchst ungewöhnlich ist. Kritische Fahrsituationen werden damit wirkungsvoll entschärft. Falls es jemals so weit kommen sollte. Denn der Chevy bietet das problemlose Fahrverhalten eines Fronttrieblers – im Kurven-Extremfall zunehmend untersteuernd und gut beherrschbar. Als Fahrer hat man aber wenig Lust, das auszuprobieren. Handling beschränkt sich darauf, dass der HHR dahin fährt, wohin man lenkt – sportliche Ambitionen sind ihm fremd. Ein waschechter Ami also, auch was die leichtgängige Lenkung und die durch Fading auffallenden Bremsen mit ihrem schwammigen Pedalgefühl angeht.

Das ist nicht mehr zeitgemäß. Ami und nur vier Zylinder? Der scheinbare Widerspruch löst sich in Wohlgefallen auf. Denn gemessen am europäischen Umfeld seiner Preisklasse ist der HHR reichlich mit Hubraum und Leistung versehen. Das ergibt ein stressfreies Fahren – mit ordentlichem Durchzug und einem im normalerweise genutzten Drehzahlbereich unauffälligen Motorgeräusch. Ein Diesel wäre für Europa wünschenswert, ist aber nicht im Programm. Doch auch der Benziner lässt sich wirtschaftlich bewegen. Wenn man sich in jenen Tempobereichen aufhält, mit denen die Amerikaner leben müssen, sind weniger als zehn Liter drin. Wegen der dürftigen Aerodynamik treibt Autobahn à la Germany den Verbrauch überproportional in die Höhe. Wer friedlich cruist, lernt nebenbei den guten Komfort schätzen. Der HHR ist weich gefedert und bügelt Unebenheiten geflissentlich weg. Auch daran wird, ebenso wie an der sorglosen Verarbeitung, die US-Philosophie deutlich: Das Auto ist, wie Bohrmaschine und Rasenmäher, ein Gebrauchs- und kein mit emotionalen Reizen behafteter Wertgegenstand. Wenn es trotzdem cool aussieht, umso besser.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • gute Platzverhältnisse
  • großer, variabler Gepäckraum
  • umfangreiche Ausstattung
  • eingeschränkte Übersichtlichkeit
  • sorglose Verarbeitung
Fahrkomfort
  • komfortable Federung
  • unaufdringliches Innengeräusch
  • teilweise unpraktische Interieur-Details
  • Sitze mit geringem Seitenhalt
Antrieb
  • gut ansprechender Vierzylindermotor
  • leichtgängige Schaltung
  • durch lange Getriebeübersetzung geringe Elastiziät
Fahreigenschaften
  • sicheres Kurvenverhalten
  • leichtgängige Lenkung
  • mäßige Traktion
Sicherheit
  • gute Sicherheitsausstattung
  • unbefriedigende Bremsen
Umwelt
  • starker Verbauchsanstieg bei schneller Fahrt
Kosten
  • günstiger Preis
  • 3 Jahre Garantie
  • hoher Wertverlust

Fazit

Das Styling und das Gute Preis-Leistungs-Verhältnis machen den Reiz aus. Ansonsten: ein komfortabler, geräumiger Cruiser ohne fahrdynamische Ambitionen. Großes Manko: schwache Bremsen.

Technische Daten
Chevrolet HHR 2.4 LT
Grundpreis 22.990 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4475 x 1755 x 1588 mm
KofferraumvolumenVDA 430 bis 960 l
Hubraum / Motor 2399 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 125 kW / 170 PS bei 6200 U/min
Höchstgeschwindigkeit 180 km/h
0-100 km/h 9,2 s
Verbrauch 8,6 l/100 km
Testverbrauch 10,3 l/100 km
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