Chrysler 300 C gegen Jaguar S-Type

Sonder-Fahrt

Foto: Hans-Dieter Seufert 28 Bilder

Darf es mal etwas Besonderes sein? Dann locken in der oberen Mittelklasse zwei Charakterstücke für Individualisten: der Chrysler 300 C und der Jaguar S-Type. Und beide gibt es inzwischen mit sparsamen Diesel-Motoren.

Individualität ist der einzige echte Luxus, den es in Zeiten der Massenkultur noch gibt – guter Spruch, man müsste sich nur trauen. Warum also immer nur Audi, BMW oder Mercedes? Auch andere Mütter haben attraktive Töchter.

Die begehrenswerte Limousine namens Chrysler 300 C zum Beispiel. Auf deutschen Straßen wirkt dieser US-Import so exotisch wie John Wayne beim Töpferkurs. Das Auto, breitschultrig, aufrecht, respekteinflößend, paart die Präsenz eines Südstaaten-Sheriffs mit den politisch korrekten Manieren der gehobenen europäischen Mittelklasse. Inzwischen gibt es diesen in Blech gepressten Redneck sogar mit Dieselantrieb und Rußfilter. Soll es lieber etwas dezenter und distinguierter sein?

Auch für diesen Fall fehlt es im Themenpark der Alternativen nicht an einer verlockenden Offerte. Man findet sie bei Jaguar: Die Marke, zuständig für die sublimen Reize der britischen Schule, bietet mit dem S-Type einen Individualisten, der die traditionellen Formen des Hauses mit den Errungenschaften der Neuzeit verbindet – nicht mehr taufrisch, aber gut gereift und ebenfalls mit gefilterter Dieselpower zu haben. Zum Entschluss, mal aus der Reihe zu tanzen, könnte nicht zuletzt die Preislage beitragen. Verglichen mit ähnlich gut ausgestatteten Konkurrenten deutscher Herkunft kommen Nonkonformisten hier auch finanziell auf ihre Kosten: In der innen belederten und vornehm herausgeputzten Executive- Version kostet der Jaguar als Diesel 47 940 Euro, während der Chrysler (als CRD mit Executive-Paket) für nur 38 150 Euro sogar nach Schnäppchen riecht. Immerhin gibt es obendrauf vier Jahre Garantie inklusive Wartung.

Der Verdacht, dass hier an der Substanz gespart wurde, ist übrigens unbegründet. Das gilt auch für die Motoren: Im monumentalen Bug des Chrysler schafft ein Dreiliter-V6 neuester schwäbischer Machart (von der Konzernschwester Mercedes), und im Jaguar tut ein nicht weniger aufwendiger, 2,7 Liter großer V6 Dienst. Die Daten sprechen für den größeren V6 im 300 C, wobei dessen Leistungs- und Drehmomentvorteil aber ein höheres Gewicht gegenübersteht.

Mit 1,9 Tonnen ist der Chrysler so schwer, wie er aussieht, und nebenbei kaum leichter als die Straßenkreuzer der goldenen Sechziger – zumindest in diesem Punkt bleibt der 300 C seinen Wurzeln treu. Das war’s dann aber auch schon, denn beim Fahren gemahnt am Chrysler von heute nichts mehr an die wogenden Schiffe der Vergangenheit. Ein 300 C erträgt anspruchsvolle Fahraufgaben mit Fassung, bleibt nicht nur auf topfebenen Strecken stramm auf Kurs und kommt selbst aus hohem Tempo noch innerhalb der Landesgrenzen zum Stehen.

Früher war das anders, was freilich keineswegs heißen soll, dass Chrysler dem Fortschritt nun an vorderster Front huldigt. Gemessen am Klassenniveau bewegt sich der 300 C eher im Mittelfeld – seine Federung verarbeitet ausgeprägte Unebenheiten ruppig und neigt auf kurzen Wellen zum Stuckern, und die Fahrgeräusche sind bei hohem Tempo nicht gerade piano. Die Sitze bieten wenig Seitenhalt, die Lenkung wenig Feedback, während die riesigen Räder (18 Zoll) mit Reifen im Ballonformat, die dem Auto so prächtig stehen, nicht verhindern können, dass der Chrysler in Kurven schon ziemlich früh ziemlich heftig untersteuert. Letzteres beeinträchtigt zwar nicht die Fahrsicherheit, erstickt aber sportliche Fahrambitionen schon im Keim. Besser, man übt sich in Gelassenheit, und da kommt einem der kultivierte Diesel gerade recht. 510 Nm Drehmoment stehen bereit, kaum weniger als bei der 5,7-Liter-V8-Version (525 Nm) und passend für einen zügigen, aber unaufgeregten Fahrstil.

Dabei ist man bisweilen schneller, als man glaubt: Dass der 300 C laut Messuhr – ganz wie die alten V8-Boliden – in nur 7,8 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen kann, nimmt man ihm gefühlsmäßig nicht ab. Das schafft auch der Jaguar nicht, obgleich er ansonsten fahrdynamisch erheblich höhere Maßstäbe zu erfüllen vermag. Im S-Type geht es fast BMW mäßig zur Sache, was den stetigen Verbesserungen am Fahrwerk zu verdanken ist.

Das Beste daran: Das ausgewogene Handling geht mit jener Geschmeidigkeit einher, die man von einem Jaguar erwarten darf. Der S-Type ist keine Sänfte, aber er schont die Insassen deutlich mehr als der hemdsärmelig abgestimmte 300 C. Dafür müssen sie dichter zusammenrücken.

Im Vergleich zum Chrysler hapert es an Innenbreite, und Großgewachsene kleben im Fond mit den Köpfen unter der Decke. Tadellos dagegen die Fahrerposition: Der Jaguar- Pilot sitzt tief, aber bequem, das Nischengefühl erinnert ein wenig an die Klassiker der Marke. Was man von den Tönen aus dem Motorraum zunächst nicht behaupten kann: Nagelgeräusche im Jaguar? Die gute Nachricht: Der Diesel macht sich akustisch nur beim Start bemerkbar. Ansonsten besticht er mit ausgeprägter Laufkultur – das dürfte auch Skeptiker überzeugen. Hinzu kommt, dass auch die füllige Drehmomentcharakteristik traditionellen Jaguar- Tugenden genügt. Der 2,7-Liter-Diesel ist kein Dampfhammer, aber er bietet jenes Maß an Leistung, das gute britische Motoren von jeher auszeichnete: genügend.

Nicht alles entspricht freilich den alten Werten. Mit 9,9 Liter/100 km konsumiert der selbstzündende S-Type nur noch halb so viel wie ein Jaguar zu seinen besten Zeiten. Da übt sich der Chrysler schon eher in alten Gepflogenheiten: Unter den Diesel-Limousinen seiner Klasse gehört er zu den trinkfreudigsten (11,4 L/100 km). Wer das Ausgefallene zu schätzen weiß, den dürfte das aber nicht grämen. Schließlich handelt es sich um einen Amerikaner. Da macht es auch nichts, dass der Engländer sachlich gesehen die Nase vorn hat: Individualität ist eben keine Frage von Punkten.

Fazit

1. Jaguar S-Type 2.7 D Ex.
476 Punkte

Britisches Charakterstück mit Dynamikanspruch: Der S-Type vereint agiles Handling mit gutem Komfort, aber viel Platz hat er nicht zu bieten. Der neue, kultivierte Dieselmotor steht ihm bestens.

2. Chrysler 300 C CRD Ex.
453 Punkte

US-Trutzburg auf Rädern: Die Form ist das Beste am Chrysler, das Zweitbeste ist der günstige Preis. Weniger gut: das träge Handling und der bescheidene Komfort. Zum Angewöhnen: der kraftvolle Dieselmotor.

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Technische Daten
Jaguar S-Type 2.7 V6 Diesel Executive Chrysler 300C 3.0 CRD
Grundpreis 49.900 € 40.890 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4905 x 1818 x 1447 mm 5015 x 1880 x 1475 mm
KofferraumvolumenVDA 400 bis 810 l 441 l
Hubraum / Motor 2720 cm³ / 6-Zylinder 2987 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 152 kW / 207 PS bei 4000 U/min 160 kW / 218 PS bei 4000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 227 km/h 230 km/h
0-100 km/h 8,5 s 7,8 s
Verbrauch 7,9 l/100 km 7,7 l/100 km
Testverbrauch 9,9 l/100 km 11,4 l/100 km
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