Chrysler Neon LE 2.0

In den USA gehört der Neon mit einem Dumpingpreis von rund 9000 Dollar zu den Verkaufsschlagern des letzten Jahres. Kann Chrysler diesen Erfolg mit dem Mittelklassemodell auch in Deutschland erzielen?

Für deutsche Autofahrer ist der Neon zunächst einmal ein Rätsel. Es beginnt schon beim Aufschließen. Obwohl die neue Chrysler-Limousine serienmäßig mit einer Zentralverriegelung ausgestattet ist, wird zunächst nur die Fahrertür entriegelt. Die Bedienungsanleitung, die in der Folge noch häufiger benötigt wird, verschafft Aufklärung: Die anderen drei Türen sind, wie bei amerikanischen Autos üblich, durch einen Verriegelungsschalter in der Türverkleidung zu öffnen. Starten läßt sich die Chrysler- Neuentwicklung ebenfalls nicht ohne Probleme. Der Motor gibt zunächst keinen Mucks von sich.

Die Erklärung in der Bedienungsanleitung: Zum Anlassen des Triebwerks muß das Kupplungspedal – wie bei Hyundai – vollständig durchgedrückt werden. Damit soll verhindert werden, daß versehentlich bei eingelegtem Gang gestartet wird oder daß Kinder leichtes Spiel haben, wenn der Schlüssel im Zündschloß steckengeblieben ist. Ebenfalls aus Sicherheitsgründen lassen sich die hinteren Seitenscheiben nur um ein Drittel absenken. Wer die erste Probefahrt im Dunkeln unternimmt, stößt auf ein neues Problem: Der Lichtschalter ist zunächst unauffindbar. Die Bedienungsanleitung weist auch diesmal den Weg an die richtige Stelle: Links im Armaturenbrett, hinter dem Lenkrad, hat sich der Knopf versteckt.

Ein wenig Mühe kostet es also schon, sich mit dem Neon, den Chrysler selbst aufgrund der runden Karosserieformen als freundlichen Amerikaner bezeichnet, anzufreunden. Doch der Neon, der in Deutschland mit einem Niedrigpreis vor allem die japanischen Konkurrenten das Fürchten lehren soll, hat auch liebenswerte Seiten. Dosenhalter in der Mittelkonsole verhindern Überschwemmungen während der Fahrt, Schlitze für Münzen ersparen umständliche Sucherei, und die zur Seite verlängerbaren Sonnenblenden schützen Fahrer und Beifahrer vor Sonneneinstrahlung. Doch ob diese Features aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten dem Neon helfen, auf dem dichtgedrängten deutschen Markt eine Nische zu finden, erscheint fragwürdig. Denn über Karosseriemängel kann der kleine Amerikaner auch mit seinen netten Rundscheinwerfern nicht hinwegtäuschen.

Die Kopffreiheit im Fond ist wegen des starken Dacheinzugs eingeschränkt, und Ablagefächer in den Türen sind überhaupt nicht vorhanden. Karten und Zeitschriften können Rücksitzpassagiere in die Netze an den Sitzrückseiten stecken, Fahrer und Beifahrer aber müssen mit einem kleinen Handschuhfach auskommen. Platz wie in einem amerikanischen Straßenkreuzer darf man im Neon ungeachtet seiner Herkunft keinesfalls erwarten. Chryslers kleinstes Modell läßt mit einem Radstand von nur 2,64 Metern keinerlei Erinnerungen an die üppigen Ausmaße seiner größeren Brüder wach werden, trotz des platzschaffenden Cab Forward Designs (kurze Überhänge, weit nach vorne verlagerter Ansatzpunkt der Windschutzscheibe sowie vorgerückte Fahrgastzelle) kann von gekonnter Ausnutzung des umbauten Raums keine Rede sein.

Konkurrenten wie Ford Mondeo oder Dreier BMW haben mit einem Radstand von 2,70 Metern sechs Zentimeter mehr zu bieten – ein Unterschied, der sich in der Praxis bemerkbar macht. Eng geht es auch im Kofferraum zu. Der Neon bietet ein Volumen von nur 364 Litern, so daß es einer vierköpfige Familie schwer fallen dürfte, das Gepäck für eine Urlaubsreise unterzubringen. Wer allein oder zu zweit unterwegs ist, kann immerhin die Rücksitzbank umklappen, die im Verhältnis 60:40 teilbar ist. Weil sich aber nur ein Ausschnitt und nicht die ganze Lehne umlegen läßt, sind sperrige Gegenstände im Neon schwer zu verstauen. Doch nicht nur mit dem Raumangebot geht Chrysler sparsam um, auch hinsichtlich der Verarbeitungsqualität zeigt sich der amerikanische Autokonzern geizig. Lüftungsregler, hintere Fensterkurbeln oder die Motorhaubenentriegelung aus billigem Plastik sind so schwergängig, daß man ständig fürchten muß, sie abzubrechen.

Viel besser gefällt der Motor, ein neu entwickelter Zweiliter- Vierzylinder mit Vierventiltechnik und 133 PS bei 5850/min, mit dem der Neon zumindest in den Fahrleistungen auf der Höhe der Konkurrenz fährt (siehe Tabelle Seite 47). Wegen einer zu langen Übersetzung verliert die Neon- Maschine, die ihr maximales Drehmoment von 174 Newtonmetern erst bei 4900/min erreicht, beim Beschleunigen im fünften Gang jedoch deutlich an Schwung. An Steigungen empfiehlt sich ein rechtzeitiger Griff zum Schalthebel, was bei dem zwar etwas knochigen, aber leichtgängig zu schaltenden Getriebe nicht schwer fällt.

Den Motor ständig auf Drehzahl zu halten, ist nicht unbedingt ein akustisches Vergnügen: Im unteren Drehzahlbereich summt der Vierzylinder zwar wie eine Nähmaschine, oberhalb von 4500/min aber setzt ein nervtötendes Brummen ein, das die trotz rahmenloser Scheiben nur geringen Windgeräusche nicht übertönen können. Die Vorzüge der Neukonstruktion liegen vor allem im Verbrauch: Mit durchschnittlich 8,9 Liter Normal bleifrei gehört er zu den Sparkünstlern seiner Klasse. Wer zurückhaltend fährt, kommt sogar mit 6,7 Litern auf 100 Kilometer aus. Gleichwohl muß der Fahrer häufig die Zapfsäule aufsuchen, weil der Tank gerade mal 42 Liter faßt. Die Reichweite des Neon beträgt also nur 472 Kilometer – nicht viel für ein Modell in dieser Klasse und völlig unverständlich für ein Auto aus Amerika, wo Langstrecken zum Alltag gehören.

Zu den Stärken des Neon zählt zweifellos sein Fahrverhalten. Selbst im Grenzbereich, wenn der Fronttriebler mit den Vorderrädern zum Kurvenaußenrand schiebt, bleibt er gutmütig und leicht zu beherrschen. Und obwohl die leichtgängige Lenkung etwas indirekt reagiert, wirkt der Neon keinesfalls unhandlich. Im Gegensatz zu vielen anderen amerikanischen Modellen verfügt er über eine straffe, aber nicht unkomfortable Federung, die grobe Fahrbahnunebenheiten souverän wegbügelt. Nur auf kurzen Bodenwellen neigt er wie viele Modelle dieser Klasse zum Stuckern. Es bleibt zum Schluß die Frage nach dem Preis: 32 595 Mark kostet der Neon, der nur in Verbindung mit dem Zweilitermotor und der LE-Ausstattung lieferbar ist. Zur serienmäßigen Ausstattung zählen zwei Airbags, ABS, Servolenkung, Zentralverriegelung, elektrische Fensterheber vorn und elektrisch einstellbare Außenspiegel – alles zusammen ein attraktives Paket, das nicht einmal Ford mit dem Mondeo bieten kann.

Moderat fallen auch die Preise für die Extras aus: Die Klimaanlage kostet 2200 Mark, eine Dreigangautomatik, die nur in Verbindung mit der Klimaanlage lieferbar ist, 1050 Mark und eine Metallic- Lackierung 560 Mark extra. Ärgerlich ist aber daß ein so sicherheitsbewußter Hersteller wie Chrysler keine Fondkopfstützen anbietet. In Amerika, wo das Preis- Leistungs-Verhältnis noch günstiger ausfällt als in Deutschland, genügen die Qualitäten des neuen Chrysler offensichtlich für einen Verkaufserfolg. Aber europäische Käufer stellen höhere Ansprüche – das sollte man inzwischen auch bei Chrysler wissen.

Technische Daten
Chrysler Neon LE 2.0
Grundpreis 15.022 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4364 x 1714 x 1369 mm
KofferraumvolumenVDA 364 l
Hubraum / Motor 1996 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 98 kW / 133 PS bei 5850 U/min
Höchstgeschwindigkeit 188 km/h
0-100 km/h 10,0 s
Verbrauch 8,2 l/100 km
Testverbrauch 8,9 l/100 km
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