Chrysler Voyager 2.4, Peugeot 806 2.0, Renault Espace 2.0, VW Sharan 2.0

Im Fasching spielen Minivans als Umzugswagen zwar noch keine Rolle, bei Familienreisen ersetzen sie aber oft ein ganzes Zugabteil. Mit welcher Großraumlimousine man am besten unterwegs ist, klärt der Vergleich des neuen Renault Espace mit seinen Konkurrenten.

An Minivans haben die deutschen Autofahrer offenkundig einen Narren gefressen. Obwohl Experten seit Jahren vor einer Sättigung des Marktes warnen, finden immer mehr Großraumlimousinen Familienanschluß: 1995 waren es 55 641 Exemplare, 1996 mit rund 100 000 Fahrzeugen sogar fast doppelt so viele. Mit ihren steil abfallenden Motorhauben und den großen Glasflächen rundum wirken die hochaufbauenden Karossen auf den ersten Blick wie ICE-Züge im Miniaturformat. Doch verbergen sich hinter diesen Masken mittlerweile handliche Gefährte, die Mittelklasselimousinen viel näher stehen als Eisenbahnwaggons. So erstaunt es nicht, daß Minivans während der eigentlichen fünften Jahreszeit der Deutschen – im Urlaub – als Transportmittel oft die Hauptrolle spielen.

Zwar fassen sie keinen Elferrat, aber eine siebenköpfige Garde von Funkenmariechen (Peugeot: acht). Angesichts sinkender Geburtenraten dürfte sich aller- dings weniger die Anzahl der Sitzplätze als vielmehr das hohe Maß an Variabilität auf die Kaufentscheidung zugunsten der Vans auswirken. Kein Wunder also, daß Renault sich bei der Neuauflage des Espace besonders in dieser Hinsicht Gedanken gemacht hat. Für die Erfindung der – allerdings aufpreispflichtigen – Varioschienen verdient der französische Hersteller zweifellos ein dreifach kräftiges Alaaf, denn individueller ließ sich bislang kein Innenraum gestalten. Weil starre Fixierungspunkte nun wegfallen, können die Fondsitze je nach Bedarf verschoben oder verteilt werden, um gute Beinfreiheit für lang gewachsene Passagiere oder maximalen Stauraum zu schaffen. Dazu werden die Sitze in einer Reihe zusammengefaltet und hintereinandergestapelt. Die Konkurrenz des Espace muß in dieser Hinsicht passen. Die Vielseitigkeit des Peugeot 806 beschränkt sich im wesentlichen auf Stühle, die sich längs oder seitlich versetzen lassen. Wie beim Sharan können außerdem die Vordersitze gedreht werden – ein Detail, das dem Voyager fehlt. Der amerikanische Van aus Österreich, bereits serienmäßig als Siebensitzer ausgelegt, verfügt in der hinteren Reihe nicht über Einzelsitze, sondern über eine dreisitzige Bank, die sich verschieben, umklappen oder mit viel Mühe ganz ausbauen läßt. Das Raumangebot im Fond kann angesichts der minimalen Beinfreiheit nur als Faschingsscherz bezeichnet werden.

Daß die dünnen Polster außerdem höchstens den Komfort einer Gartenbank bieten, dürfte für zusätzliche Katerstimmung bei den Passagieren sorgen. Im hinteren Abteil des Sharan bekommen nicht nur Narren mit Kappe Probleme. Durch den starken Dacheinzug fehlt es hier generell an Kopffreiheit. Im 806 scheint der mittlere Sitz der zweiten Reihe dagegen für Twiggy-Nachahmerinnen gedacht zu sein: Er ist schmaler geschnitten als die äußeren Stühle; deshalb bekommen hier sogar Kinder Beklemmungen. Großzügigkeit im Umgang mit Raum vermittelt in diesem Vergleich nur der Espace – außer im Gepäckabteil: Bei voller Bestuhlung bleiben gerade mal 275 Liter Volumen. Der Sharan mutet seiner maximal siebenköpfigen Besatzung sogar noch 20 Liter weniger zu. Mittelmaß regiert bei Peugeot (340 Liter). Hingegen ist der Voyager nicht nur absolut gesehen das längste Auto in diesem Vergleich, sondern, zumindest im Hinblick auf den Kofferraum, auch das größte. Wenig Größe zeigt der USVan nach europäischen Maßstäben hinsichtlich seiner Funktionalität: Die richtige Bedienung der Zentralverriegelung setzt einen längeren Blick in die Bedienungsanleitung voraus. Gewöhnungsbedürftig erscheint auch die Tatsache, daß erst ein Knöpfchen am Zündschloß gedrückt werden muß, bevor sich der Schlüssel entfernen läßt.

Die geringe Zahl von Ablageflächen erschwert es dem Voyager, einen ähnlich aufgeräumten Eindruck zu vermitteln wie der Espace. Der bietet schließlich über 100 Liter Stauraum – ein Gardemaß, das auch Sharan und 806 fehlt. Dafür weisen Peugeot und Chrysler je zwei serienmäßige Schiebetüren auf, die es in engen Parklücken leichtmachen, ein- und auszusteigen sowie kleine Kinder in ihren Sitzen anzuschnallen. Der Nachwuchs fühlt sich in den Großraumlimousinen fast so wohl wie auf einem Kinderkarneval, weil er durch die hohe Sitzposition und die großen Fenster rundum dem (häufig närrischen) Treiben auf den Straßen zuschauen kann. Die Eltern müssen sich als Fahrer an diese Position oft erst gewöhnen, besonders wenn Plastikmondlandschaften wie hinter den Frontscheiben von Espace und Sharan ihnen zusätzlich das Gefühl vermitteln, in Raumschiffen zu sitzen.

Alle Minivans verfügen aber mittlerweile über ein hohes Maß an Handlichkeit und fahren sich leichter, als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Zu den Meistern dieses Faches zählt nach wie vor der Peugeot: Seine Servolenkung arbeitet leichtgängig und zielgenau und ermöglicht so präzises Handling. Der Renault setzt im Kapitel Handlichkeit auf andere Weise einen Maßstab: Mit 10,8 Metern fällt der Wendekreis sehr klein aus. Der Sharan benötigt zum Rangieren knapp einen halben Meter mehr (11,2 Meter), der Voyager einen (11,8) und der 806 sogar rund eineinhalb Meter mehr (12,4). In schnell durchfahrenen Kurven erweisen sich alle Kandidaten als ausgesprochen gutmütig, der Voyager drängt aber mit den Vorderrädern kräftig zum Außenrand und reagiert auf Wechselkurven mit Torkelbewegungen der Karosserie. Aus Sicherheitsaspekten viel bedenklicher erscheint jedoch die bereits mehrfach kritiserte schwache Peugeot-Bremse, die schon im Kaltzustand ohne Beladung schlecht verzögert und bei hoher Belastung zusätzlich an Standfestigkeit verliert.

Chrysler, VW und Renault stehen früher und zeigen eine geringere Fadingneigung, was angesichts der hohen Zulademöglichkeiten (Espace: 701 Kilogramm) keinesfalls selbstverständlich ist. Näher liegt die Tatsache, daß die Großraumlimousinen mit Basis-Triebwerken um 115 PS wenig Anlaß zur Freude geben. Besonders zäh spricht der VW-Zweiventiler an, der den 1780 Kilogramm schweren Sharan nur mit Mühe auf Trab bringt. Doch nicht nur die schlechte Kraftentfaltung, son dern auch die Geräuschentwicklung nervt: Zwischen 4000 und 5000/min beginnt der Motor ohrenbetäubend zu dröhnen. Der ebenfalls nicht sehr temperamentvolle Espace reagiert auf Gas spontaner und bietet eine angenehmere Akustik. Der Motor klingt rauh, aber nicht so brummig. Mit knapp zwölf Liter Benzin pro 100 Kilometer fällt der Verbrauch aber bei beiden Vans zu hoch aus.

Ausgewogener wirkt das Peugeot-Triebwerk: Der niedrigste Verbrauch und eine ordentliche Elastizität sprechen für den 121 PS-Motor, der munterer wirkt als die Antriebe in Sharan und Espace. Hinsichtlich der Laufruhe ist er aber dem Voyager unterlegen. Der Chrysler, mit einem 150 PS starken Vierzylinder ausgerüstet, setzt seine Kraft in spontanes Ansprechverhalten und gutes Beschleunigungsvermögen um. Der fünfte Gang spielt hier wegen seiner langen Auslegung aber nur noch die Rolle des Schongangs, ohne positive Auswirkungen auf den Verbrauch zu haben. Der ist mit über 13 Liter/100 km auch in diesem Fall eindeutig zu hoch. Professioneller geht der Voyager trotz seiner amerikanischen Abstammung mit Straßenunebenheiten um. Chrysler hat den Van, der für den europäischen Markt bei Steyr- Daimler-Puch in Graz gebaut wird, gefühlvoll auf das hiesige Fahrbahnprofil abgestimmt.

Souverän gleicht auch der 806 Bodenwellen jeder Art aus und tröstet damit ein wenig über die Tatsache hinweg, daß die Sitze mit ihren kurzen Flächen keine rechte Behaglichkeit aufkommen lassen. Seit dem Verkaufsstart vor rund eineinhalb Jahren galten die in einer Gemeinschaftsproduktion gefertigten Ford Ga- laxy und VW Sharan als Meister des Federungskomforts in diesem Segment, doch den Titel müssen sie nun abgeben. Keiner absorbiert zur Zeit Unebenheiten sowohl im Leerzustand als auch beladen mit solcher Perfektion wie der Espace. Ein guter Abrollkomfort und bequeme Sitze, die allerdings im Fond auch etwas kurz ausfallen, runden das Bild vom komfortablen Minivan ab. Den Sieg in diesem Vergleich sichert sich der Renault auch durch die großzügige und sehr variable Karosserie sowie narrensichere Fahreigenschaften.

Richtige Schwächen leistet sich der Espace im Gegensatz zu den Konkurrenten in keinem Kapitel. Gegen den VW spricht der brummige Motor, gegen den Peugeot die schlechte Bremse und das begrenzte Platzangebot. Beim Chrysler stört der hohe Verbrauch und das nicht zufriedenstellende Preis-Leistungs- Verhältnis: Obwohl er am teuersten ist, zählt die unbedingt notwendige Klimaanlage im Gegensatz zu den anderen nicht zur Serienausstattung. Bei Peugeot, VW und Renault wird in dieser Hinsicht niemand zum Narren gehalten: Sie rangieren alle auf vergleichbarem Preisniveau.

Fazit

1. Renault Espace
109 Punkte
2. VW Sharan
105 Punkte
3. Peugeot 806
104 Punkte
4. Chrysler Voyager
103 Punkte
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Technische Daten
Renault Espace 2.0 RXE Chrysler Voyager 2.4 SE VW Sharan 2.0 GL Peugeot 806 2.0 ST
Grundpreis 25.411 € 24.386 € 23.954 € 23.719 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4517 x 1810 x 1690 mm 4733 x 1950 x 1740 mm 4617 x 1810 x 1728 mm 4454 x 1834 x 1714 mm
KofferraumvolumenVDA 275 bis 2850 l 450 bis 4140 l 256 bis 2610 l 340 bis 3300 l
Hubraum / Motor 1998 cm³ / 4-Zylinder 2429 cm³ / 4-Zylinder 1984 cm³ / 4-Zylinder 1998 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 84 kW / 114 PS bei 5400 U/min 110 kW / 150 PS bei 5250 U/min 85 kW / 115 PS bei 5000 U/min 89 kW / 121 PS bei 5750 U/min
Höchstgeschwindigkeit 175 km/h 180 km/h 177 km/h 177 km/h
0-100 km/h 13,1 s 11,8 s 15,4 s 13,7 s
Verbrauch 9,7 l/100 km 10,5 l/100 km 10,0 l/100 km 10,6 l/100 km
Testverbrauch 11,9 l/100 km 13,3 l/100 km 11,3 l/100 km
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