Corvette Cabrio im Test

Black Magic Wummern

Foto: Hans-Dieter Seufert 13 Bilder

Wenn das Corvette Cabrio mit dumpfem Beat zum Rock-Konzert unter freiem Himmel lädt, bleibt keine Strähne auf der anderen.

Haben Sie sich als Steppke auch immer die kratzende Wollmütze vom Kopf gerissen, wie am Spieß gebrüllt, bis das Verdeck des Kinderwagens endlich offen stand? Sind Sie sturm- und blickresistent, freiheitsliebend und sendungsbewusst?

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Dann sind Sie ein Corvette Cabrio-Typ. Denn ganz gleich, ob sich das 1,25 Meter flache Monstrum verhalten grummelnd in reihenbehauste Vorortsiedlungen schiebt oder volle Lotte über die Autobahn hämmert: Stets fällt der Auftritt zwiespältig-publikumswirksam aus. Raumgreifend-schillernde Präsenz und Tradition inklusive.

Immerhin eroberten schon die Siedler von einst blattgefedert unterm Stoffdach hockend Amerika. Das könnte der sechsten offenen Corvette- Generation nun auch mit Europa gelingen. Obwohl – oder gerade weil sie an ihren Prinzipien festhält. So ist das stabile Stahlchassis von Anfang an für den Cabrio-Einsatz gerüstet und verlangt gegenüber dem Coupé nur nach marginalen Verstärkungen, während der fließend geschnittene Anzug aus glasfaserverstärktem Kunststoff den breitspurigen Auftritt fett unterstreicht.

Ebenfalls Corvette-üblich sind die Stoßstangen. Allerdings nicht vor, sondern unter der Motorhaube. Genauer hinter der Vorderachse, in den Tiefen des sechs Liter großen V8. Dort betätigen sie über eine untenliegende Nockenwelle die zwei Ventile pro Zylinder. Wo sonst Bits und Bites schaulaufen, variable Ventilsteuerungen kunstvoll Leistungskurven glätten und Kompressor- oder Turboschaufeln Atem spenden, wird hier frank und frei angesaugt und ausgepufft.

Warum auch nicht: selbst Technikgläubige raufen sich angesichts der in jedem Drehzahlbereich prall anliegenden Wucht von Leistung und Drehmoment die Haare. Sofern das nicht bereits der Fahrtwind erledigt hat. Anhalten, Handbremse ziehen, Dachhebel lösen, Knopf drücken, und nach 18 Sekunden liegen Stoffdach samt beheizbarer Glasheckscheibe elektrohydraulisch gefaltet unter dem Deckel mit den markigen Powerdomes.

Vom zärtlich kraulenden Luftzug beim boulevardesken Schlendern übers windige Powercruisen auf der Landstraße bis zum frisurkillenden Orkan beim Speeden auf der Autobahn – alles geht.

Doch Vorsicht: Ab Tempo 240 verabschieden sich nicht gesicherte Schirmmützen.

Vorher blähen sich bereits Hosenbeine, heben sich Röcke wie weiland bei der Monroe über dem Abluftschacht. In den Passagierschächten der Corvette fühlen sich auch stämmigere Figuren wohl. Okay, die Hartplastik-Mittelkonsole ächzt bisweilen gequält vor sich hin, doch ansonsten gefällt der klare, schwulstfreie Auftritt und die intuitive Bedienung selbst Ami-Allergikern.

Große, gut ablesbare Uhren plus digitaler Info-Leiste liefern diverse Infos zu Vettes Befindlichkeit bis hin zu Reifen- und Öldruck, während die momentane Querbeschleunigung mittels Head-up-Display in der Frontscheibe auftaucht. Das Display ist beim 70 150 Euro teuren Cabrio übrigens ebenso serienmäßig wie die im Gegensatz zum 8700 Euro preiswerteren Coupé auch in der Länge verstellbare Lenksäule, die zur passenden Position auf den bequemen Sportsitzen beiträgt.

Diese greifen da zu, wo es drauf ankommt, aufblasbare Lendenwirbelpolster stützen den Rücken und machen auch lange Trips zum schmerzfreien Vergnügen. Vor allem bei geschlossenem Dach, das den Unterhaltungswert zwar senkt, aber weiterhin eine tüchtige Portion Windgeräusche bei hohem Tempo – wie beim Coupé sind 300 km/h möglich – verabreicht.

Immerhin bemüht sich der Motor im Zusammenspiel mit dem knochig kurz arretierenden, in den oberen Gängen absurd lang übersetzten Sechsganggetriebe erfolgreich, selbst bei Tempoexzessen nicht über Gebühr Sprit zu verballern. Pedalstreichler kommen auf Werte unter zehn Liter auf 100 Kilometer, Rabauken nur selten über 18.

Verhältnismäßig geringes Eigengewicht und moderate Reibungsverluste sorgen motorseitig für Effizienz, die Transaxle-Bauweise für eine nahezu paritätische Gewichtsverteilung von 52 zu 48 Prozent. Die zahlt sich spätestens auf kurvigen Landstraßen aus.

Willig einlenkend, je nach Gaspedalstellung neutral bis übersteuernd frisst das 1492 Kilogramm- Cabrio selbst vertrackte Pisten nur minimal seitenneigend in sich hinein. Die geschwindigkeitsabhängige Servolenkung ist zwar leichtgängig, Sportfahrer wünschen jedoch einen Tick mehr Rückmeldung.

Damit kann die standfeste, kräftig zupackende Bremse aufwarten. Dennoch: trotz umgänglicher Art und serienmäßigem elektronischen Stabilitätsprogramm plus ASR – völlig narrensicheres Fahrverhalten überlässt die Corvette anderen. Die Eingriffsschwelle der Regelung ist hoch angesetzt. So hoch, dass bei provozierten Heckschwenks der Adrenalinschub noch vor dem rettenden Bremseneingriff kommt.

Wer jetzt noch die Stufe zwei zündet – ASR aus, ESP an oder den Elektronik-Kram gar völlig deaktiviert –, sollte auf der Hut sein oder ein abgebrühter Querfahrer. Wie schön, dass das elektronische Gaspedal feine Dosierung zulässt und die Corvette den Übergang von der Haft- zur Gleitreibung frühzeitig mitteilt.

Ebenso unzensiert kommuniziert das serienmäßige Sportfahrwerk mit den Passagieren. Rüde Unebenheiten filtert es aus, notwendige Infos zum Fahrbahnzustand gibt es weiter. Erst beim schnellen Fahren auf Holperpisten künden Stöße und leichte Versetzer von den Grenzen des Absorptionsvermögens.

No problem, der moderate Einstandspreis lässt komfortsuchenden Cruisern noch Budgetreserven für die so genannte Magnetic Selectiv Ride Control mit situationsbedingt anpassenden Stoßdämpfern oder die einfach bedienbare DVD-Navigation mit Touchscreen für jeweils 2250 Euro. Zumal ein Luxus- Paket mit Sitz-Memory und -heizung sowie einer effektstark-basstauglichen Bose-Anlage mit CD-Wechsler serienmäßig an Bord ist.

Angesichts des selbstbewussten Auftritts der sechsten Generation der offenen US-Sportwagenikone dürften nicht nur Wollmützen-Hasser von einst konstatieren: Der amerikanische Traum ist mit dem Corvette Cabrio endgültig in Europa angekommen.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • –ordentliches Raumangebot –insgesamt gute Steifigkeit –einfach zu bedienendes Verdeck
  • –unpraktischer Kofferraum –Mittelkonsole knistert
Fahrkomfort
  • –einfache Bedienbarkeit –bequeme Sportsitze –authentisches Cabriogefühl
  • –stößig auf Unebenheiten
Antrieb
  • –durchzugsstarker, spontan ansprechender Motor –exzellente Fahrleistungen
  • –schwergängige Schaltung
Fahreigenschaften
  • –sportliches Handling –hohes Kurvenpotenzial sicherer Geradeauslauf
  • –Lenkpräzision nur Durchschnitt –großer Wendekreis
Sicherheit
  • –hohe Unterhaltskosten
  • –spät eingreifendes ESP
Umwelt
  • –angemessener Verbrauch
Kosten
  • –angesichts der Ausstattung attraktiver Grundpreis –drei Jahre Garantie
  • –hohe Unterhaltskosten

Fazit

Breitspurige Statur, wuchtiger Motor, sportliches Fahrwerk, üppige Ausstattung, intensives Frischelufterlebnis: Das Corvette-Cabrio liefert eine fette Portion Spaß für zwei, kleine Schwächen inklusive.

Technische Daten
Corvette Corvette Cabrio
Grundpreis 74.250 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4435 x 1844 x 1246 mm
KofferraumvolumenVDA 144 l
Hubraum / Motor 5967 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 297 kW / 404 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 300 km/h
0-100 km/h 5,2 s
Verbrauch 13,0 l/100 km
Testverbrauch 13,9 l/100 km
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