Corvette Z06 Coupé 6.2 V8 im Test

Vette Beute

Foto: Hans-Dieter Seufert 19 Bilder

Sie ist amerikanisch, sie heißt Corvette Z06, sie ist scharf wie Hot Chili Pepper, und sie kann es mit dem Besten aufnehmen, was die europäische Sportwagenszene zu bieten hat. Denn unter der Haube versteckt sich ein 7,0-Liter-V8-Aggregat mit satten 512 PS.

Schon die Zahl sagt alles: 427. Wem sie nichts sagt, hier etwas Nachhilfe in automobiler Allgemeinbildung: Die 427 kennzeichnet mit das Heißeste, was die Detroiter Motorenküchen einst zu bieten hatten. Shelby, Corvette, GT 40 – wo 427 cubic inches (sprich sieben Liter Hubraum) drin waren, schmolz der Asphalt. Nun ist sie wieder da, die magische 427, noch dazu auf dem Triebwerk der Corvette.

Da macht es gar nichts, dass die jüngste Version nicht mehr im gusseisernen Big-Block- Format, sondern als Small Block auftritt. Hauptsache 427. LS 7 nennt sich der neue Apologet der PS-Gewalt, noch so eine historische Reverenz, die bei Fans Schauer der Ehrfurcht auslöst. Die Modellbezeichnung Z06 sowieso, denn der Z06 stand bei der Corvette immer ganz oben in der Nahrungskette. Aber es kommt noch besser: Im neuen Z06 steckt diesmal alles drin, was bei Sportwagen gut und teuer ist. Der Motor (inzwischen aus Leichtmetall) mag sich zwar in klassischer Manier mit nur einer Nockenwelle und 16 Ventilen begnügen, die mittels Stoßstangen bewegt werden.

Aber sonst erinnert die LS 7-Spezifikation an einen Delikatessenladen für Motorentuner: Trockensumpfschmierung, geschmiedete Stahlkurbelwelle, Pleuel und Einlassventile aus Titan, dazu nicht weniger als vier Ölkühler (Motor, Getriebe, Achsantrieb und Lenkung). 512 PS springen heraus und 637 Nm Drehmoment – so viel schaffte noch kein Serien-427.Und im Gegensatz zu früher kümmerten sich die Corvette-Entwickler auch um eine adäquate Umsetzung. Die Zeiten, als sich die PS-Monster wie Zementsäcke lenkten, gepaart mit den Chassis-Qualitäten einer alten Matratze, sind vorbei. Der Z06 geht noch einen Schritt weiter: Beim Rahmen ersetzt Aluminium Stahl, in der Kunststoffkarosse finden sich nun Teile aus Kohlefaser, dezente aerodynamische Hilfen sorgen für Abtrieb. Tatsächlich verbindet das Auto mehr mit der Rennversion C6 R (Le Mans-Sieger in der GT-Klasse) als mit dem zahmeren Schwestermodell, auch wenn man es ihm kaum ansieht. Abgesehen von zusätzlichen Kühlluftöffnungen sowie breiteren Flanken und größeren Reifen (275/35 ZR 18 vorn, 325/30 ZR 19 hinten) hat sich wenig verändert.

Auch drinnen kommt einem alles bekannt vor. Das Lenkrad ist kleiner, Sportsitze bieten mehr Halt, man fühlt sich gut aufgehoben, auch wenn die Plastiklandschaft wenig fürs Auge bietet. Ein Startknopf gibt das Kommando, und der 427 schüttelt sich verheißungsvoll in seiner Aufhängung – fast wie früher, nur leiser. Kupplung und Schalthebel brauchen Kraft.

Neumodische Getriebetechnik, die dem Fahrer die Arbeit abnimmt, ist hier kein Thema, aber das macht den Z06 nicht unsympathischer. Ansonsten gibt er erst mal den Biedermann. Er zieht schon ab Leerlaufdrehzahl brav hoch, der extrem lang übersetzte Sechste ist durchaus auch bei niedrigem Tempo zu gebrauchen – alles ganz normal und erstaunlich zivilisiert. Keine Frage, die Dr. Jekyll-Nummer überzeugt.

Aber Mr. Hyde lässt sich nicht bitten: Es genügt, herzhaft mit dem Gasfuß zu zucken, und die Corvette wandelt sich vom frommen Lamm in eine fauchende Furie. Dann kennen die 512 PS, die hier auf nur 1453 Kilogramm treffen, kein Pardon. Dass es so heftig kommt, hätte man dann aber doch nicht erwartet. Volle Kraft voraus bei rund 4.000 Touren in den unteren Gängen, und der Fahrer fühlt sich wie in einem Fußball beim Elfmeterschuss. Aber auch weiter oben strapaziert der Z06 noch die Nackenmuskeln, ja selbst bei Tempo 250 fehlt es der Beschleunigung nicht an Nachdruck. Das Erstaunliche: Trotz seines im Prinzip wenig drehzahlfreudigen Ventiltriebs sind 7.000 Umdrehungen für den LS 7-V8 ein Klacks.

In jeder Beziehung artgemäß klingt hingegen der Soundtrack. Kräftiges Gasgeben belohnt die Corvette mit dem Öffnen eines Ventils im Auspufftrakt – für standesgemäße Heavy-Metal-Klänge ist also gesorgt. Was sagen die Zahlen? Sie sprechen für sich: 100 km/h in 4,0, 160 km/h in 7,9 und 200 km/h in 11,9 Sekunden, 320 km/h Spitze – gut genug fürs Finale der Sportwagenweltmeisterschaft. Anders ausgedrückt: Egal, was man fährt – einen Z06 abzuhängen, das ist so wahrscheinlich wie Cellulitis an Michael Ballacks Schenkeln.

So gesehen hält sich der Durst in akzeptablen Grenzen: 15,8 L/100 km. Die Frage, ob das auf Dauer gut geht, stellt sich logischerweise zuerst dem Fahrer. Da trifft es sich gut, dass die Corvette nicht zu den Autos gehört, die einen in falscher Sicherheit wiegen.

Sie beschönigt nichts, kommuniziert unverblümt, verlangt aber auch Fahrkönnen. Selbst mit eingeschaltetem ESP/ASR kommt beim Entfesseln der Kräfte trotz Sperrdifferenzial schnell Unruhe ins Heck. Wählt man die abgeschwächte ESP-Stufe „sportliches Fahren“, reicht der Schlupf, um selbst in den höheren Gängen mit dem Gaspedal lenken zu können. Und nur Lenkradartisten sei es empfohlen, die Elektronik vollends außer Betrieb zu setzen, denn die Haftgrenze des Z06 ist nicht nur sehr hoch, sondern auch ziemlich schmal. Wohl und Wehe liegen eng beieinander. Zugleich sind aber die außerordentlichen Qualitäten des im Rennsport vergüteten Fahrwerks unverkennbar. Wer kräftig zupackt und einen sauberen Fahrstil pflegt, den beglückt die Corvette auf der Piste mit enormem Tempo, präzisen Reaktionen, reichlich Grip beim Einlenken und mit ihrer ehrlichen Haut.

Was sich auf der Rennstrecke auszahlt, muss in der Realität öffentlicher Straßen indes nicht immer von Vorteil sein. Beim Z06 zeigt sich das vor allem im Komfort: Schnelle Fahrt auf holprigen Strecken ist wie Rodeo-Reiten, aber auch die ausladende Breite und der große Wendekreis können zu schaffen machen. Andererseits spricht nichts dagegen, sich die Super-Corvette auch für längere Etappen zu gönnen: Auf Autobahnen gelingt es der Federung, unangenehme Turbulenzen weit gehend zu vermeiden, und im Gegensatz zu anderen Extremsportlern muss man mit dem Gepäck nicht geizen. Gut zu wissen, dass (anders als bei den berühmt-berüchtigten Vorfahren) auch beim Bremsen kein Unheil droht. Riesige Scheiben (vorn mit Sechskolbensätteln) garantieren in Verbindung mit den nicht weniger üppig bemessenen Reifen Verzögerungswerte, auf die man selbst bei Porsche stolz wäre.

Die Schöpfer der neuen 427er-Corvette müssen ihr Licht also keineswegs unter den Scheffel stellen: Ein echter Spitzensportwagen mit den Fahrleistungen eines Mercedes SLR zum Preis eines Porsche 911 – das kann sonst keiner.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • gute Platzverhältnisse
  • genügend Kofferraum
  • ordentliche Verarbeitung
  • nach vorn unübersichtlich
Fahrkomfort
  • gute Bedienbarkeit
  • körpergerechte Sitze
  • wirkungsvolle Klimaanlage
  • straffe Federung
  • hohe Lenk- und Schaltkräfte
Antrieb
  • erstklassige Fahrleistungen
  • sehr gutes Ansprechverhalten
  • hohe Elastizität
  • schwergängige Schaltung
  • kleiner Tank (68 Liter)
Fahreigenschaften
  • hohe Kurvenstabilität
  • sportliches Handling
  • präzise Lenkung
  • nachlassende Richtungsstabilität auf schlechten Straßen
Sicherheit
  • sehr gute Bremsen
  • zweistufiges ESP
Umwelt
  • hoher Kraftstoffverbrauch
Kosten
  • sehr günstiger Preis
  • gute Ausstattung
  • hohe Unterhaltskosten

Fazit

Unglaublich, was hier fürs Geld geboten wird. Die Corvette Z06 kann sich nicht nur in den Fahrleistungen mit jedem Sportwagen vergleichen. Für den Sportwagenfan ein Traum.

Technische Daten
Chevrolet Corvette Z06 Coupé 6.2 V8
Grundpreis 86.150 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4460 x 1928 x 1244 mm
KofferraumvolumenVDA 634 l
Hubraum / Motor 7011 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 377 kW / 512 PS bei 6300 U/min
Höchstgeschwindigkeit 320 km/h
0-100 km/h 4,0 s
Verbrauch 14,7 l/100 km
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