Crashtest Kindersitze

Immer auf die Kleinen

Foto: Reinhard Schmid 25 Bilder

Sicher wollen alle Kindersitze sein. Aber sind sie es auch? In unserem Crashtest, der in Zusammenarbeit mit dem TÜV Süd durchgeführt wurde, stellen sich vier Babyschalen der Gruppe 0+ und vier Kleinkind-Sitze der Gruppe 1. Mit teilweise erschreckendem Ergebnis.

Es ist erschütternd, aber seit Jahren ändert sich nichts. Über 60 Prozent des Nachwuchses fahren entweder im falschen Kindersitz herum, sind gar nicht angeschnallt – oder sie sind im korrekten Sitz unterwegs, der aber mangelhaft befestigt ist. Da verwundert es kaum, dass die Mehrzahl der im Straßenverkehr getöteten und schwer verletzten Kinder im Auto zu Schaden kommt (knapp 60 Prozent) und nicht etwa als Fußgänger (30 Prozent).

Dabei zeigt die Statistik auch, dass ein altersgerechter Kindersitz das Verletzungsrisiko enorm senken kann. Beispiel Babyschale: Säuglinge, die bei einem Unfall im Stadtverkehr vorschriftsmäßig in ihrer Schale liegen, erleiden fast nie schwere Blessuren. Aber 0+-Sitze haben einen Haken, denn man kann bei ihrem Einbau allerhand falsch machen. Hat das Auto einen Beifahrer-Airbag, der sich nicht abschalten lässt, ist der Beifahrersitz selbstverständlich tabu. Oft bleibt also nur die Rückbank.

Bei zweitürigen Autos kann das allerdings dazu führen, dass sich der Sitz nur mit Mühe installieren lässt, weil der Gurt umständlich um den Sitz geschlungen werden muss und oft zu lose anliegt. Ein straff gesicherter Kindersitz bietet aber deutlich mehr Schutz, wie die Ergebnisse des auto motor und sport-Kindersitz- Crashtests zeigen. Auf der Crashbahn des TÜV SÜD kamen drei Babyschalen mit Isofix-Unterkonstruktion zum Einsatz, die den Kindersitz fast so fest an die Karosserie anbindet, als wäre er dort festgeschraubt. Die Plattform hakt sich an Metallösen am Auto ein, dann wird der Sitz draufgeklickt – quasi wie ein Skischuh in die Bindung. Sicher, die Plattformen verteuern den Sitz um etwa 90 Euro und sind alle mehr oder weniger unhandlich, aber sie müssen in der Regel auch nur sehr selten aus dem Auto ausgebaut werden. Ihr großer Vorteil ist, dass sie bei jedem Einbau der Babyschale die Gefahr eines Montagefehlers auf ein Minimum vermindern – Gurtwurstelei ade. In der Wirkung sind alle drei Konstruktionen ähnlich, in der Praxis gibt es dennoch Unterschiede.

Das Römer- Modell lässt sich bei Nichtgebrauch zusammenlegen. Die Recaro-Variante bleibt dagegen eher sperrig. Ihr Vorteil ist allerdings, dass nach dem Babysitz auch ein Recaro-Sitz der Altersgruppe 1 (Young Expert Plus) montiert werden kann, wenn das Kind größer wird. Diese Möglichkeit bietet die Plattform (Bezeichnung Easyfix) des Maxi Cosi Cabriofix zwar nicht, sie erlaubt aber eine Anbindung an das Auto mit Isofix oder wahlweise mit dem Dreipunktgurt, der sich dank einer Spannvorrichtung sehr straff ziehen lässt.

Für Familien mit einem Auto ohne und einem weiteren mit Isofix-Befestigungspunkten besonders empfehlenswert. Die Verwendung der Isofix-Plattformen ist bei keinem der drei Sitze (Maxi Cosi Cabriofix, Recaro Young Profi Plus und Römer Baby-Safe Plus) ein Muss. Alle lassen sich auch mit dem normalen Autogurt befestigen, wobei der Recaro-Sitz hier einen Vorteil bietet: Er ist speziell auf kurze Gurte hin optimiert, wie sie leider immer noch in vielen Autos eingebaut werden. Ein Vergleich mit Messwerten aus vorangegangenen Tests, bei denen die Modelle von Maxi Cosi und Römer noch ohne Isofix eingebaut wurden, zeigt eindrucksvoll, dass die neuen Unterkonstruktionen jeden Cent wert sind. Die Sitze verbessern sich von „bedingt empfehlenswert“ auf das aktuelle Top-Ergebnis.

Das bleibt dem Ultimax von Concord ohne Isofix versagt. Dieser mitwachsende Spezialsitz für die Gruppe 0+ und die Gruppe 1 fällt mit seiner hohen Brustbelastung negativ auf. Schuld ist sein komplizierter Einbau, bei dem zunächst ein Basisteil im Auto verzurrt werden muss, auf welches das eigentliche Sitzelement geklickt wird. Was so ähnlich klingt wie bei den Isofix-Babyschalen, erweist sich in der Praxis als viel komplizierter. Zum einen ist die Gurtführung sehr aufwendig, zum anderen ist die Schale sowohl für Säuglinge wie auch für Kleinkinder ausgelegt. Mit ihr wächst das sitzeigene Gurtsystem, das sich nur mit Mühe verstellen lässt. Die Betriebsanleitung erweist sich dabei als wenig hilfreich, weil die optimale Gurtführung für Babys nicht gezeigt wird.

Die Highspeedfilme vom Crash belegen dann auch die Schwachpunkte des Ultimax. In den Isofix-Babyschalen bewegt sich der Rumpf des Dummys nur mäßig, das Verletzungsrisiko ist daher gering. Im Ultimax wird die elf Kilogramm schwere Puppe dagegen kräftig nach vorn be- schleunigt und dann abrupt abgebremst.

Dabei staucht es die Wirbelsäule zusammen – mit entsprechend hoher Wahrscheinlichkeit auf Verletzungen in diesem Bereich. Die Gefahr von Brustverletzungen besteht auch im Gruppe 1-Sitz von STM, ehemals Storchenmühle. Erneut zeigen die Filme, dass ein etwas loser Gurt die Messwerte drastisch verschlechtern kann. Während die Karosserie bereits verzögert wird, bewegt sich der Dummy gemeinsam mit dem Sitz etwas weiter, um dann abrupt abzubremsen.

Der Kopf pendelt stark nach vorn, und das Kinn bohrt sich in die Brust. Halskraft und Brustbeschleunigung sind deshalb erhöht, die Wahrscheinlichkeit gravierender Verletzungen steigt. HTS bietet beim Besafe iZi als Gegenmittel direkt am Sitz eine Spannvorrichtung für den Autogurt. Die straffere Anbindung an die Karosserie verringert die Belastungen für Hals und Brust erheblich. Auch die Vorwärtsbewegung des Dummy-Kopfes fällt bei diesem Sitz geringer aus als bei den Konkurrenten. Kritisch ist sie freilich bei keinem Sitz.

Dennoch verfehlt der Besafe das Spitzenergebnis knapp, denn auch bei ihm ist die Brustbeschleunigung leicht erhöht. Der einzige Sitz dieser Testreihe, der hier im grünen Bereich bleibt, ist der Kiddy mit Fangtisch. Er mutet dem Dummy hingegen eine etwas zu hohe Halskraft zu und wird ebenfalls als bedingt empfehlenswert eingestuft. Die Belastungswerte für den Kopf sind allerdings sehr niedrig, denn zum Aufprall des Gesichts auf den Tisch kommt es nicht; lediglich das Kinn touchiert ihn. Beschädigungen am Sitz selbst treten in diesem Breich dennoch nicht auf. An der Rücklehne brechen lediglich Haltenasen für die Schulterstützen ab – ein völlig unkritischer Schaden.

An den Modellen von HTS und STM geht der harte Test praktisch spurlos vorüber. Ideal ist das jedoch nicht, denn ein Unfall-Sitz sollte auch als solcher zu erkennen sein, damit ein Weiterverkauf überbeanspruchter Exemplare ausgeschlossen ist. Dem Britax Evolva sieht man den 50-km/h-Anprall durchaus an. Ein abgerissenes Gurtpolster und ein kleiner Schaden an der Lehne lassen keine Zweifel daran aufkommen, dass der Evolva 123 bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit geführt worden ist – und nach dem Test ein Kandidat für den Recyclinghof ist. Er schneidet im Endergebnis mit „bedingt empfehlenswert“ ab, weil er Kopf und Brust erhöhte Belastungen zumutet. Auch bei diesem Sitz ist zuviel Spielraum für den Gurt durch eine komplizierte Führung des Lebensretters ein Thema. Das Fazit lautet daher: Je straffer der Kindersitz mit dem Auto verbunden ist, desto besser. Isofix bietet hier große Vorteile, vor allem aber macht es den Kindersitz-Einbau narrensicher.

Noch ist diese Befestigungsart allerdings für zu wenige Sitze im Angebot. Außer Frage steht jedoch, dass jeder Kindersitz mehr Schutz bietet als die alleinige Verwendung des Erwachsenen- Gurtes. Wirklich jeder.

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