Cruise-Adresse

Vans müssen nicht langweilig aussehen. Genau das ist die wichtigste Botschaft des PT Cruiser. Doch die Qualitäten des Amerikaners im Retro-Look reichen tiefer. Er ist erfreulich praktisch und dazu noch überraschend erschwinglich.

Spätestens seit 1973 der Streifen „American Graffiti“ erstmals über die Leinwände flimmerte, wissen es auch wir Europäer: Wer beim Cruising gut aussieht, der braucht sich über den weiteren Verlauf des Abends keine Gedanken zu machen. Cruising ist automobiles Schaulaufen und Balzritual, Kult und Brauchtum. Und es ist mindestens so amerikanisch wie Sesambrötchen mit Fleischeinlage. So gesehen trifft der Name PT Cruiser ins Schwarze. Und das, wie der Testwagen fortwährend unter Beweis stellte, auch in Old Germany. Wo immer er vorbeicruiste, entlockte der Cruiser dem Publikum stürmische Beifallsäußerungen. Auch Rufe nach Zugabe wurden laut. Auslöser ist eine nostalgisch verbrämte Form, die kultverdächtige Assoziationen geradezu heraufbeschwört. Vom Station Wagon der vierziger Jahre, in US-Filmen meist für Grandpa reserviert, bis zum Hot Rod, dem uramerikanischen Powerspielzeug, schwingen jede Menge Hollywood-Klassiker mit – genug jedenfalls, um auch den Härtetest in Sachen Kult bestehen zu können: Selbst Harley-Davidson-bewehrte Easy-Rider-Imitatoren nicken den PT Cruiser, wie die Probe aufs Exempel bestätigte, anerkennend ab. Damit steht fest, dass der neue Verkaufsschlager aus dem Hause Daimler-Chrysler – in USA verzeichnet man bereits acht Monate Lieferzeit – das Prädikat cool, das seine Schöpfer reklamieren, verdient. Noch cooler wird er bei einem Blick in die Preisliste: Je nach Ausstattungsvariante reicht die Spanne von 34.950 bis 42.950 Mark – VW Golf-Niveau. Das Allercoolste am PT Cruiser ist freilich die Tatsache, dass er nicht nur zum Cruising taugt. Das PT im Namen steht für Personal Transport mit Betonung auf Transport. So entpuppt sich das Retrogefährt beim Blick ins Innere als vollwertiger Minivan. Hinter der großzügig bemessenen Heckklappe verbirgt sich ein relativ schmaler, aber hoher Laderaum mit bis zu 2150 Liter Volumen. Auch an den bei Vans üblichen Variationsmöglichkeiten fehlt es nicht. Die Lehnen der asymmetrisch aufgeteilten Rücksitze lassen sich flachlegen. Dieserart gefaltet, können die Sitze dann nach vorn geklappt oder auch ausgebaut werden. Selbst dem Transport einer bis zu 2,44 Meter langen Leiter steht nichts im Wege, denn auch der vordere Passagiersitz verfügt über einen Klappmechanismus. Trickreich auch die Gepäckraumabdeckung: Sie ist beidseitig verwendbar (mal mit Teppichbelag, mal mit Gummi bezogen), fünffach arretierbar und kann unter anderem als Picknicktisch oder sogar als Hakenbrett für Einkaufstüten herhalten. Damit ist der Cruiser für so ziemlich alle Transportaufgaben des Alltags gerüstet, vorausgesetzt, sie gehen nicht zu sehr ins Gewicht.

Mit erlaubten 433 Kilogramm ist die Zuladung gemessen am Laderaum bescheiden. Von der Raumfülle profitieren auch die Passagiere. Wie im Van thront man in luftiger Höhe, und bis zu vier Erwachsene genießen jede Menge Bewegungsfreiheit. Nur für den Fünften wird es mangels ausreichender Innenbreite eng. Im übrigen erwartet die Insassen ein Bild, das in den meisten Fällen Ernüchterung auslöst. Denn was der PT Cruiser nach außen hin verspricht, vermag er im Innern nicht einmal halbwegs zu erfüllen. Statt kultigem US-Flair die übliche Plastik-Öde, leicht aufgepeppt durch zwei farbige Paneele und weiße Instrumente. Dabei hätten, wie Experten versichern, schon wenige Kunstkniffe genügt, um etwas vom erhofften Cruising-Ambiente herbeizuzaubern: Lenkradschaltung, Verzicht auf die Mittelkonsole, dafür freier Durchstieg zur anderen Seite. Zum Beispiel. So bleibt nur die Genugtuung, dass es sachlich gesehen am Cruiser-Cockpit nichts auszusetzen gibt. Die Instrumente sind übersichtlich, die Schalter und Hebel logisch angeordnet und leicht zu bedienen. Auch an Ablagen herrscht kein Mangel. Selbst die Verarbeitungsqualität hält einer genauen Betrachtung stand, obgleich das verbaute Material erkennen lässt, dass man sich bei Chrysler nicht mehr als nötig in Unkosten stürzt. Im Übrigen gehört bekanntlich auch die Vorspiegelung falscher Tatsachen zum American Way of Life. Nicht alles ist, was es scheint – eine Kunst, die im Amerikanischen die Vokabel „fake“ zusammenfasst. Der PT Cruiser beherrscht sie aus dem Effeff. Die schwer verchromten Türgriffe sind nicht aus Metall, sondern aus Kunststoff, die lackierten Paneele am Armaturenbrett nicht aus Blech, sondern aus Plastik. Und unter der spitz zulaufenden Motorhaube arbeitet kein großvolumiger V8 oder wenigstens ein V6, sondern ein kümmerlicher Vierzylindermotor, noch dazu quer eingebaut. Auch die Hot-Rod-Pose mit hoch gereckter Heckpartie fällt in die Abteilung fake: Statt qualmender Hinterräder erwartet den PT Cruiser-Fahrer nur Reifenquietschen von vorn. Der Wagen hat Frontantrieb. Die spärliche Motorisierung sorgt zweifellos für die größte Kluft zwischen Schein und Sein. Ein ebenso dreh- wie vibrationsfreudiger Heuler, der aus zwei Liter Hubraum 141 PS kitzelt, ist genau das, was man in diesem Auto am wenigsten erwartet. Erschwerend kommt hinzu, dass es ihm an Drehmoment mangelt. 188 Nm bei 4150/min haben alle Mühe, den 1457 Kilogramm schweren Großraumwagen auf Trab zu halten, sofern man nicht eifrig zum präzise geführten Schalthebel greift. Zwar sind die Beschleunigungswerte nicht übel, doch nur wer alle Drehzahlreserven mobilisiert, registriert den entsprechenden Schub, was der Chrysler-Motor mit aufgeregtem Getöse begleitet.

Vollends außer Atem gerät er bei Geschwindigkeiten jenseits 140 km/h, denn schon, wenn sich milde Hügel abzeichnen, verliert der PT Cruiser im fünften Gang so stark an Tempo, dass Zurückschalten Not tut. Seine Höchstgeschwindigkeit von 190 km/h erreicht er in der Praxis mangels Anlauf nur bergab. Logisch, dass sich die Mühsal auf den Verbrauch auswirkt. Als Testdurchschnitt errechnete sich ein Wert von 10,5 L/100 km. Wer den Cruising-Modus häufiger verlässt, muss aber mit rund zwölf Litern rechnen. Um so unverständlicher, dass man den in USA lieferbaren 2,4 Liter-Motor mit 150 PS den europäischen Kunden vorenthält. Mehr dürfte der kraft seines besseren Durchzugsvermögens auch nicht konsumieren. Was die sonstigen dynamischen Qualitäten betrifft, so ist die beim PT Cruiser vollzogene Abkehr von amerikanischen Gebräuchen durchaus willkommen. Die Bremsen verrichten ihre Aufgabe auch bei Dauerbeanspruchung zufriedenstellend, die Lenkung ersetzt Marshmellow-Effekte durch europäische Präzision, und selbst bei extremen Fahrmanövern und voller Beladung bietet das vom Chrysler Neon abgeleitete Fahrwerk ausreichende Sicherheitsreserven. Gewöhnungsbedürftig ist allenfalls die starke Seitenneigung in Kurven, ein Eindruck, den die hohe Position und der spärliche Seitenhalt der Sitze noch verstärken. Akzeptabel dagegen der Federungskomfort. Nur kurze Unebenheiten lassen die Insassen bisweilen heftig zusammmenzucken. Ohnehin dürfte die Zielgruppe des PT Cruiser die Unvollkommenheiten dieses Autos leicht verschmerzen. Dafür sorgt schon der Preis: 38 950 Mark kostet die im Test begutachtete Touring Edition, inbegriffen elektrische Sitzverstellung, Klimaanlage und CD-Radio sowie eine Starrolle beim örtlichen Cruising. Letzteres macht den Chrysler denn auch so gut wie konkurrenzlos.

Fazit

Die Hauptattraktion des PT Cruiser ist sein Auftritt. Hinzu kommen der hohe Nutzwert und der günstige Preis. Enttäuschend sind die Antriebsqualitäten, die nicht zur äußeren Erscheinung passen.

Technische Daten
Chrysler PT Cruiser 2.0 Touring
Grundpreis 20.500 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4288 x 1704 x 1601 mm
Hubraum / Motor 1996 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 104 kW / 141 PS bei 5700 U/min
Höchstgeschwindigkeit 190 km/h
0-100 km/h 10,7 s
Verbrauch 8,7 l/100 km
Testverbrauch 10,5 l/100 km
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