Doppeltest Audi A4 1.9 TDI gegen VW Passat 1.9 TDI

Den neuen VW Passat TDI treibt nicht nur ein bärenstarker 1,9 Liter-Turbodiesel an, sondern auch der Wunsch, die gesamte Mittelklasse-Konkurrenz zu überflügeln. Zum ersten Vergleich stellte sich der edle Konzernbruder Audi A4 TDI.

Getrennt marschieren, vereint schlagen, so lautet das durchaus kämpferisch gemeinte Motto, das Zivilist und VWChef Piëch seinem Unternehmen auf die Fahnen geschrieben hat. Generalstabsmäßig trimmte er die Audi-Division mit hoher Qualität und ambitionierter Technik auf nobel, während VW auf platz- und preisbewußte Käufer zielt. Konsequenterweise gehen beide Firmen nun auch beim Vertrieb eigene Wege, um ihre Eigenständigkeit zu betonen. Unabhängig von solchen Marketingüberlegungen ähneln sich die Autos derzeit mehr denn je.


Nach Jahren kostentreibender Separation hat die Verwandtschaft unter dem Blech wieder einen Grad wie in den siebziger Jahren erreicht, als ein Mittelklasse-VW nichts anderes als ein modifizierter Audi war. Auf dem Weg der Rationalisierung sind die Wolfsburger mit dem neuen Passat jedenfalls gut vorangekommen, was vor allem der Plattformstrategie zu verdanken ist. Sie beinhaltet, daß neben den Motoren auch die wesentlichen Fahrwerkskomponenten für verschiedene Konzernmodelle verwendet werden.

Das bedingt zugleich die Rückkehr zur Längsmotor-Anordnung, die VW beim Vorgänger zugunsten einer besseren Raumökonomie verlassen hatte. Damit dessen üppige Platzverhältnisse erhalten bleiben, gaben ihm die Konstrukteure rundum einige Zentimeter hinzu. Mit seiner Länge von 4,68 Meter überragt er nun den A4 um 20 Zentimeter und rückt dem nur zwölf Zentimeter mehr bietenden A6 bedenklich nahe. Man merkt es im Innenraum, wo er in allen wichtigen Disziplinen (Breite, Höhe, Beinfreiheit) näher am großen als am kleinen Audi ist und vor allem im Fond ein deutliches Plus aufweist. Beim Kofferraumvolumen (475 Liter) liegt der VW genau zwischen diesen beiden.

Selbst als kleine, aber feine Alternative kann sich der A4 nicht länger profilieren. Die Solidität und Verarbeitungsqualität des Passat verdienen Bestnoten, was sich unter anderem in vollverzinkten Blechen (kleiner Seitenhieb aus Wolfsburg: elf statt wie bei Audi zehn Jahre Rostschutzgarantie) und extrem schmalen Karosseriefugen (maximal 3,4 Millimeter) zeigt. Neben dem Luftwiderstandsbeiwert (cW 0,27) senkt diese Feinarbeit auch die Windgeräusche. Die neue Gediegenheit spürt man bis in den Innenraum. Verchromte Türgriffe und mit Softlack überzogene Kunststoffe vermitteln ein Wertgefühl wie im Audi, bei der Funktionalität übertrifft ihn der VW sogar. Das Licht wird mittels Drehschalter statt Lenkstockhebel eingeschaltet, die Karosserie rundum durch Stoßleisten geschützt, und die Sitze sind nicht nur größer und besser gepolstert, sondern zugleich leichter zu verstellen.

Ob man sich hinter der hohen Gürtellinie des A4 oder auf der etwas erhabenen Sitzposiion im Passat wohler fühlt, ist Geschmackssache. Besonders übersichtlich sind sie beide nicht, aber trotz seiner üppigeren Abmessungen wirkt der VW beim Fahren eine Spur handlicher. Dank seiner präzisen, von Antriebseinflüssen weitgehend freien Lenkung steuert man ihn leichtfüßig wie einen Golf, während der Audi eher suggeriert, in einem schwereren Wagen zu sitzen. In Wirklichkeit verhält es sich genau umgekehrt, denn der A4-Testwagen brachte exakt 79 Kilogramm weniger auf die Waage. Das beschert ihm bei gleicher Motorisierung einen leichten Verbrauchsvorteil sowie etwas bessere Fahrleistungen.

Grund zur Klage bietet in dieser Hinsicht keiner der beiden Probanden, solange das modernste Dieselaggregat des VW-Konzerns eingebaut ist. Schon seit einem Jahr weiß der 110 PS starke 1,9 Liter- Direkteinspritzer mit Aufladung und variabler Turbinengeometrie in verschiedenen Konzernmodellen zu gefallen: durch vorbildliche Sparsamkeit bei überzeugender Kraftentfaltung. Im neuen Passat kommt erstmals eine Version mit modifizierter Elektronik und von 225 auf 235 Nm gesteigertem Drehmoment zum Einsatz, das nun aber erst bei 1900 statt 1700/min ansteht. Vorteil dieser Auslegung ist mehr Power im oberen Drehzahlbereich; der A4 sprintet hingegen eine Spur dynamischer aus dem Stand. Beide nageln nach dem Kaltstart vernehmlich, finden aber schon nach kurzer Fahrt zu moderatem Tonfall. Seine Vibrationen legt der Selbstzünder allerdings niemals ganz ab, wobei er in den Mittelklasse- Limousinen zwar kernig, aber weniger brummig und rauh als im Golf wirkt.

Besonders der Passat gefällt mit einer insgesamt gut gedämpften Akustik, an der auch die wirksame Entkoppelung von Fahrwerksgeräuschen ihren Anteil hat. Wie im Audi kommt vorn eine Vierlenkerachse zum Einsatz, seine Verbundlenker-Hinterachse unterscheidet sich jedoch durch eine nach außen versetzte Aufhängung sowie getrennte Feder- und Dämpferelemente.

Dank größerer Gummilager und extrem langer Federwege rollt der VW mustergültig sanft und leise ab, wo der A4 noch mit spürbaren Erschütterungen auf holprige Straßenbeläge reagiert. Nur die im Testwagen montierten Breitreifen des Formats 205/55 ZR 16 mindern das Ansprechverhalten der Federung bei niedrigen Geschwindigkeiten. Der insgesamt hohe Komfort geht nicht zu Lasten der Fahrsicherheit. Beide verhalten sich in Kurven gutmütig untersteuernd, zeigen keine Lastwechselreaktionen und folgen selbst bei voller Beladung dem vorgegebenen Kurs. Dazu paßt ihr tadelloser Geradeauslauf sowie die wirksame Bremsanlage mit serienmäßigem ABS und innenbelüfteten Scheibenbremsen vorn. Bei einer Vollbremsung aus 100 km/h kommt der Passat allerdings vier Meter früher (37,1 statt 41,1) zum Stillstand.


Mit seiner passiven Sicherheitsausstattung setzt er sich sogar an die Spitze der Mittelklasse. Über verstärkte Schweller, verbesserte Gurtstraffer und die vorderen Airbags hinaus – nun ebenfalls im Fullsize-Format nach US-Norm – sollen in die Sitzlehnen integrierte Seitenairbags die Folgen eines Seitenaufpralls für Fahrer und Beifahrer mildern.

Audi verlangt für diesen Schutz immerhin 650 Mark extra. Dabei kostet der A4 schon ohne diese Zutaten 3450 Mark mehr als der Passat, der sich auch bei der Aufpreisgestaltung bescheidener gibt. Die Automatik schlägt beispielsweise mit 2400 statt 2700 Mark zu Buche, die Metallic-Lackierung mit 740 statt 1100 Mark oder die Klimaautomatik mit 2450 statt 2900 Mark. Allein elektrisch verstellbare Außenspiegel und der nochmals niedrigere Verbrauch (6,0 statt 6,5 Liter pro 100 Kilometer) sprechen zugunsten des Audi. Er ist – beileibe – kein schlechtes Auto, und auf ein größeres Platzangebot mögen viele Kunden bereitwillig verzichten.

Sie kaufen den A4, weil er wirtschaftlich im Unterhalt und solide wie ein Volkswagen ist, aber nicht VW heißt. Wen das nicht stört, der greift künftig guten Gewissens zum Passat, der sich nicht länger hinter seinem Bruder zu verstecken braucht – und das nicht nur wegen seiner Größe.

Fazit

1. Audi A4 TDI
104 Punkte

Hohe Verarbeitungsqualität, gute Sitzposition, sicheres Kurvenverhalten, sehr niedriger Verbrauch, ausgeprägte Handlichkeit, gute Fahrleistungen. Höherer Kaufpreis, eingeschränktes Raumangebot, etwas knappe Sitze, schwächere Verzögerung, Federung mit geringerem Schluckvermögen.

2. VW Passat TDI
107 Punkte

Sehr gutes Platzangebot für Insassen und Gepäck, hohe Funktionalität, reichhaltige Sicherheitsausstattung, gute Sitze, niedriges Innengeräusch, komfortable Federung, agiles Handling, sehr wirksame Bremsen, gute Verarbeitung. Kräftiges Motorgeräusch, größerer Wendekreis, unübersichtliches Heck.

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Technische Daten
Audi A4 1.9 TDI VW Passat TDI
Grundpreis 23.059 € 23.125 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4479 x 1733 x 1415 mm 4675 x 1740 x 1459 mm
KofferraumvolumenVDA 440 bis 720 l 475 bis 745 l
Hubraum / Motor 1896 cm³ / 4-Zylinder 1896 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 81 kW / 110 PS bei 4150 U/min 81 kW / 110 PS bei 4150 U/min
Höchstgeschwindigkeit 198 km/h 196 km/h
0-100 km/h 11,2 s 12,1 s
Verbrauch 5,3 l/100 km 5,3 l/100 km
Testverbrauch 6,0 l/100 km 6,5 l/100 km
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