Doppeltest Audi A6 1.8 T gegen Saab 9-5 2.0

Frontgetrieben und mit Vierzylindern, denen Turbolader zu einer Leistung von 150 PS verhelfen, zeigen Audi A6 1.8 T und Saab 9-5 auffallende technische Parallelen. Was spricht dafür, sich für einen Saab zu entscheiden?

Sympathisch waren sie ja schon immer, die Autos der schwedischen Marke Saab. Stilistisch stets außerhalb gängiger Normen, stellen sie vielfach die erste Wahl für Käufer dar, die sich als intelligente Individualisten in der automobilen Masse sehen. Saab genießt zudem den Ruf, qualitativ besonders hochwertige Automobile zu bauen, was sich in der jüngeren Vergangenheit nicht immer als gerechtfertigt erwies. Die Marke, deren Renommee nach der Übernahme durch General Motors unter unübersehbaren Qualitätsmängeln gelitten hat, rappelt sich wieder hoch. Mit dem 9-5, einer neuen Limousine der gehobenen Mittelklasse, wurde ein beachtliches Auto auf die Räder gestellt, das auch bei auto motor und sport eine überwiegend positive Beurteilung erfuhr. Billig ist der Saab nicht.

Wer die reichhaltig ausgestattete SE-Version wählt, zahlt 60 471 Mark. Das Basismodell steht mit 52 402 Mark in der Preisliste, dafür fehlen ihm aber zahlreiche Ausstattungsdetails, die einer Limousine der gehobenen Klasse gut anstehen. Radio, Klimaautomatik, Lederausstattung und Leichtmetallräder beispielsweise summieren sich, extra dazugekauft, auf 9381 Mark. Da ist es vernünftiger, gleich den SE zu wählen, der darüber hinaus auch noch Nebelscheinwerfer und Walnußholz am Armaturenbrett besitzt. Audi bietet den A6 nur in einer Version für 55 980 Mark an, die immerhin schon mit Klimaanlage ausgerüstet ist. Die Möglichkeiten, mehr Geld auszugeben, sind zahlreich. Wer auf Radio, Holzapplikationen, Lederlenkrad, vordere Mittelarmlehne, Ledersitze und umklappbare Rücksitzlehne nicht verzichten möchte, muß dafür 5630 Mark anlegen, womit er dann nicht mehr günstiger wegkommt als mit dem Saab 9-5 SE, der all dies schon serienmäßig hat.

Im Platzangebot erfüllen beide die gehobenen Ansprüche, die in dieser Klasse gestellt werden. Reichlich Innenraumbreite und Kopffreiheit sorgen für ein grosszügiges Raumgefühl, das beim Saab nur durch das sich mächtig aufwölbende Armaturenbrett geringfügig beeinträchtigt wird. Für guten Langstreckenkomfort ist in beiden mit üppig dimensionierten Sitzen gesorgt, die Sitzposition des Fahrers läßt keine Mängel erkennen. Die Saab-Sitze haben mehr den Charakter bequemer Sessel, während im Audi mit besserer Seitenführung die sportliche Note betont wird. Wer hinten sitzen muß, gehört in beiden nicht zur zweiten Klasse. 

Zwei Personen genießen reichlich Bewegungsfreiheit, drei müssen spürbare Abstriche am Sitzkomfort in Kauf nehmen, weil die Ausformung der Sitzbank auf die in den Fahrzeugpapieren ausgewiesene Fünfsitzigkeit keine Rücksicht nimmt. Qualitativ vermögen beide zu überzeugen. Audi hat sich längst einen Namen gemacht für hohen Fertigungsstandard, und dem Saab ist anzumerken, daß er sich an den Besten der Klasse orientieren will. Erheblich lautere Windgeräusche bei hohem Tempo beweisen allerdings, daß er auf diesem Weg noch nicht ganz am Ziel angekommen ist. Weil der Saab gut 100 Kilogramm schwerer ist als der Audi, kann er in den Fahrleistungen nicht ganz mithalten, auch der Verbrauch liegt höher als bei seinem Konkurrenten.

Das kostet ein paar Punkte, was aber nichts daran ändert, daß der Saab-Motor die angenehmere Antriebsquelle darstellt. Beide Turbotriebwerke sind mehr auf gute Durchzugskraft als auf hohe Leistung ausgelegt, doch darf die Abstimmung der Leistungscharakteristik beim Saab als besonders geglückt gelten. Vom berüchtigten Turboloch hat er sich verabschiedet, der Vierzylinder setzt einen Tritt aufs Gaspedal so spontan in Vortrieb um, daß man geneigt ist, unter der Motorhaube nachzusehen, ob sich dort tatsächlich ein Turbolader im Abgasstrang aufhält. Auch der Audi-Motor läßt wenig vom typischen Turbocharakter spüren, aber der Einsatz des Ladedrucks teilt sich dem Fahrer doch etwas deutlicher mit.

Der weniger kraftvolle Antritt im unteren Drehzahlbereich wird allerdings mehr als kompensiert durch die kürzere Gesamtübersetzung, die das geringere Drehmoment lokker überspielt und für die besseren Werte bei den Elastizitätsmessungen sorgt. Allein schon wegen der geräuschdämpfenden Wirkung der Turbolader gehören beide Motoren zu den ruhig laufenden Vierzylindern. Im direkten Vergleich der Laufkultur aber spricht alles für die Saab-Maschine, die den freien Massenkräften, die das typische Vierzylinderbrummen hervorrufen, mit zwei gegenläufigen Ausgleichswellen zu Leibe rückt. Das Ergebnis überzeugt: Die Laufkultur des Saab-Vierzylinders bringt diesen in die Nähe eines Sechszylinders, das Geräusch bleibt auch bei hohen Drehzahlen unaufdringlich. Vibrationen, wie sie der oberhalb von 5000/min vernehmlich brummende Audi-Motor entwickelt, treten nicht störend in Erscheinung. Das Bemühen der schwedischen Entwickler um bestmöglichen Fahrkomfort wird auch bei der Betrachtung der Fahrwerkseigenschaften deutlich. Aber bei der Abstimmung sind die Schweden über das Ziel hinausgeschossen. 

Die weiche Federung des Saab schluckt zwar Fahrbahnunebenheiten mit hoher Geschmeidigkeit, aber die zu nachgiebige Dämpfung läßt den Aufbau beim Überfahren langhubiger Bodenwellen in einer Art und Weise nachschwingen, die vor allem die Passagiere auf der Rücksitzbank als lästig empfinden. Beim Audi sind Federung und Dämpfung straffer, und das bringt insgesamt ein besseres Ergebnis. Die Karosseriebewegungen sind geringer, als störend erweist sich allein die Stuckerneigung auf kurz aufeinander folgenden Querfugen. Das direktere Fahrgefühl, das den Audi auszeichnet, macht sich auch bei schnellem Fahren auf kurvenreichen Strecken bemerkbar. Im Gegensatz zum Saab, der bei hohen Kurvengeschwindigkeiten kräftig über die Vorderräder schiebt, zeigt der A6 eine für einen Fronttriebler bemerkenswert geringe Neigung zum Untersteuern.

Seine Lenkung vermittelt einen guten Fahrbahnkontakt, ist dafür aber auf sehr schlechten Straßen auch etwas stoßempfindlich. Der Saab erfordert geringere Lenkkräfte, angenehm bei den im Stadtverkehr üblichen Geschwindigkeiten. Ansonsten verringert die starke Servounterstützung den Kontakt zur Fahrbahn und erschwert präzises Kurvenfahren. Den zerrenden Einfluß des Frontantriebs vermag die Lenkung trotzdem nicht ganz zu unterdrücken, zumal der Saab seine Leistung weniger gut auf die Straße bringt als der Audi, der serienmäßig mit einer elektronischen Differentialsperre ausgerüstet ist.

Eine Antriebsschlupfregelung, die der 9-5 gut gebrauchen könnte, bleibt dem Topmodell mit V6- Motor vorbehalten. Nicht zuletzt unterstreichen die vorzüglichen Bremsen den Vorsprung des Audi im Fahrwerksbereich. Der Saab verkraftet extreme Beanspruchung ebenfalls ohne Fading, er benötigt jedoch bei kalter Bremse einen erheblich längeren Bremsweg. So hat der 9-5 keine Chance, nach Punkten am A6 vorbeizuziehen. Wer, durchaus verständlich, der schwedischen Marke wohlwollend gegenübersteht, wird mit dem 9-5 nicht unglücklich werden. Aber die Individualität hat ihren Preis – auch in Form deutlich höherer Unterhaltskosten.  

Fazit

1. Audi A6 1.8 T
616 Punkte
2. Saab 9-5 2.0 SE
580 Punkte
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Technische Daten
Saab 9-5 2.0t Audi A6 1.8 T
Grundpreis 27.865 € 29.680 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4805 x 1792 x 1449 mm 4796 x 1810 x 1453 mm
KofferraumvolumenVDA 500 l 551 l
Hubraum / Motor 1985 cm³ / 4-Zylinder 1781 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 110 kW / 150 PS bei 5500 U/min 110 kW / 150 PS bei 5700 U/min
Höchstgeschwindigkeit 215 km/h 217 km/h
0-100 km/h 10,5 s 9,4 s
Verbrauch 9,3 l/100 km 8,3 l/100 km
Testverbrauch 11,2 l/100 km 10,8 l/100 km
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