Doppeltest Audi S3 gegen VW Golf V6 4Motion

Mit der allradgetriebenen V6-Variante des Golf zielt VW auf die 210 PS starke Power-Version des Audi A3, ebenfalls mit Allradantrieb: VW Golf V6 4motion gegen Audi S3 – ein Kampf unter Konzernbrüdern.

Der GTI-Boom mag vorbei sein, aber noch immer gibt es sie, die Einheizer im Gewand braver Kompaktlimousinen. Doch die verräterischen drei Buchstaben haben sie inzwischen meist abgelegt.

Das beruhigt die GTI-allergischen Versicherungen. Und es klingt weniger halbstark. Bei VW, wo der GTI einst erfunden wurde, heißt der geistige Nachfolger heute Golf V6 4motion. Die längliche Zusatzbezeichnung bedeutet zugleich, dass dieser schneller und technisch aufwendiger ist als je ein Power-Golf, der in der Vergangenheit die Schaufenster der VW-Händler zierte. Vom vierventiligen V6-Motor über das Sechsganggetriebe bis zum Allradantrieb inklusive ESP ist alles drin.

Im VW-Konzern steht die neue Golf-Variante freilich nicht allein. Schließlich gibt es seit einigen Monaten bereits den Audi S3, basierend auf dem A3, der ebenso vehement in die klassische GTI-Kerbe schlägt. Und ein A3 ist bekanntlich auch nur ein Golf, etwas hübscher vielleicht, aber technisch auf das Engste verwandt.

Das gilt im Prinzip auch für den S3, abgesehen von einer entscheidenden Ausnahme: Sechsganggetriebe, Allradantrieb mit Haldex-Kupplung und Fahrwerk gleichen dem Golf, aber den Vortrieb besorgt bei Audi ein turbogeladener Fünfventil- Vierzylindermotor. Außerdem erlaubt es sich Audi, auf das ESP zu verzichten. Gemäß der GTI-Philosophie leiten beide ihre Existenzberechtigung aus der Begabung ab, selbst gestandenen Sportwagen davonzufahren.

Klar, dass sie vor Kraft nur so strotzen. King unter den Kompakten ist mit 210 PS derzeit der S3, aber die 204 PS des Golf V6 sind auch nicht übel. Interessanterweise kommen beide auf exakt das gleiche Drehmoment von 270 Nm, wozu dem turbobeatmeten Audi-Motor 1,8 Liter Hubraum genügen, während der VW aus 2,8 Litern schöpft.

Dass ein solches High- Tech-Bündel nichts für Arme ist, liegt auf der Hand. 56 800 Mark verlangt Audi für den S3, und wer noch die unverzichtbare Klimaautomatik ordert, bezahlt 59 340 Mark. Günstiger, wenn auch nicht günstig, kommt der Golf V6, der mit 49 700 Mark in der Liste steht, aber mit Klimaautomatik bei 52 415 Mark liegt. Stolze Preise also für die wilden Kompakten, die sich nur auf den dritten Blick von ihren Allerweltsgeschwistern unterscheiden.

Da braucht es einen gehörigen Hang zum Understatement, besonders beim Golf, den lediglich Schriftzüge und Doppelrohrauspuff aus der Masse hervorheben. Etwas martialischer kommt der Audi daher, bei dem ein Heckspoiler und kräftige 17-Zoll-Räder dem Betrachter zumindest andeuten, was Sache ist. Auch drinnen spielt der S3 seine Rolle offensiver.

Sein Dachhimmel ist so schwarz wie der Rest der Innenausstattung, und seitlich stark aufgepolsterte Sitze mit verstellbarer Schenkelauflage und elektrischer Höhen- und Lehnenjustierung rüsten den Sportfahrer für die zu erwartenden Fliehkräfte. Im Golf geht es weniger sportlich zu, dafür verströmt er dank diverser Holzverzierungen einen Hauch von Luxus. Außerdem ist er etwas besser ausgestattet, denn Radio und Schiebedach gibt es im Gegensatz zum Audi serienmäßig. Qualitativ glänzten beide Testwagen mit der gewohnten Gediegenheit, die zumindest beim A3, wie die Erfahrung zeigt, mitunter nicht hält, was sie verspricht (siehe „Aus dem Testalltag“, Seite 216). Der Verdacht, den der optische Auftritt der beiden Kraftmeier weckt, findet im Fahreindruck seine Bestätigung: Das Thema ist das Gleiche, aber in der Interpretation gehen Audi und VW eigene Wege.

Während Audi beim S3 konsequent die sportliche Karte spielt, bemüht sich VW beim Golf V6 um Ausgewogenheit – Dynamik ja, aber nicht um jeden Preis und so wenig wie möglich auf Kosten des Komforts. Das zeigt sich schon in der Leistungsentfaltung. So kultiviert und gleichmäßig, wie der neue V6-Motor des Golf seine PS abliefert, könnte man ihn glatt mit einer Luxuslimousine verwechseln. Seine Schokoladenseite ist der kraftvolle und spontane Antritt im unteren und mittleren Bereich, der Drehzahlorgien überflüssig macht, zumal die sechs eng gestuften Gänge beim Hochschalten optimalen Anschluss garantieren. Und mit der leichtgängigen, präzisen Schaltung kommt dabei auch der Spaß nicht zu kurz.

Wer es lieber etwas herzhafter mag, der ist freilich im Audi besser aufgehoben. In klassischer Turbomanier entwickelt er sein Drehmoment schwallförmig. Das sorgt für Unterhaltung und suggeriert überlegene Dynamik. Unter 2500/min herrscht Flaute, und für optimale Resultate sollte man ihm mindestens 4000/min gönnen, was mit dem Sechsganggetriebe kein Problem ist.

Allerdings hapert es dem Turbomotor des Audi an Umgangsformen. Vibrationen und markiges Dröhnen begleiten sein Tun. Außerdem erfüllt er im Gegensatz zum Golf noch nicht die politisch korrekte D4-Abgasnorm, ganz abgesehen davon, dass er bei intensivem Turboeinsatz einen gehörigen Durst an den Tag legt, weit jenseits dessen, was der offizielle Normverbrauch verspricht. Mit einem Testverbrauch von 13,9 L/100 km genehmigte er sich im direkten Vergleich auch deutlich mehr als der Golf (12,3 L/100 km), obschon dieser alles andere als ein Muster an Sparsamkeit ist. Bei einem Tankvolumen von nur 62 Litern muss folglich in beiden Fällen häufig getankt werden.

Im Übrigen muss sich der Audi-Fahrer damit abfinden, dass sein S3 ungeachtet der brachial anmutenden Kraftentfaltung kaum schneller vorankommt als der Golf V6. Größere Chancen ergeben sich erst in Kurven, wo der härter abgestimmte und breiter bereifte Audi höhere Geschwindigkeiten zulässt. Mit seinem präziseren Lenkverhalten und der strafferen, wenngleich um die Mittellage etwas nervös ansprechenden Lenkung wirkt er obendrein deutlich agiler.

Allerdings verlangt er auch mehr Fahrkönnen, denn bei extremer Gangart überrascht der S3 schon mal mit heftigen Reaktionen des Hecks. Das ändert aber nichts daran, dass er die Bedürfnisse schneller Fahrer besser erfüllt als der unhandlichere Golf. Dessen Stärke ist seine Ausgeglichenheit, die ihn im Alltag abseits sportlicher Hast bekömmlicher macht.

Im Gegensatz zum Audi, der kaum Komfortambitionen erkennen lässt und gnadenlos über Querfugen rumpelt, erfreut der Golf mit einer sauber abgestimmten Federung, die nur beim Überfahren großer Unebenheiten Schwächen zeigt. In fahrdynamischen Grenzsituationen bleibt er stets gut berechenbar, und im Notfall hilft ESP. Dass seine Bremsen weniger standfest sind als jene des Audi, ist angesichts der immer noch ordentlichen Werte eine verzeihliche Sünde. Wer so viel Gutes beschert, der hat auch in der Punktewertung eines Vergleichstests logischerweise die Nase vorn.

Der Sieger heißt VW – er ist vielleicht nicht die bessere Sportlimousine, dafür aber das bessere Auto.

Fazit

1. VW Golf V6 4motion
579 Punkte

Die Summe macht’s: Der Golf bietet mehr Fahrsicherheit und den besseren Komfort. Er ist geräumiger, sparsamer und erfreut mit einem seidigen Sechszylindermotor. Und in den Fahrleistungen steht er dem Audi praktisch nicht nach. Nicht zuletzt ist er auch preiswerter und erheblich billiger im Unterhalt. Nur in puncto Sportlichkeit ist er im Vergleich zum Audi zweiter Sieger Ð die richtige Wahl für alle, bei denen Wellness vor Fitness geht.

2. Audi S3
539 Punkte

Er ist das passende Auto für den sportlichen Fahrer: Tendenziell ist der Audi mehr Sportinstrument als Allroundgenie. Er vermittelt den intensiveren Leistungseindruck, wirkt agiler und präziser und kann schneller um Kurven fahren, vorausgesetzt der Fahrer beherrscht sein Handwerk. Komfort wird dagegen klein geschrieben, und auch Wirtschaftlichkeit ist nicht die Sache des S3. Dazu ist er zu teuer und zu durstig, von den sonstigen Unterhaltskosten ganz zu schweigen.

Technische Daten
Audi S3 VW Golf V6 4Motion
Grundpreis 29.370 € 28.430 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4159 x 1763 x 1415 mm 4149 x 1735 x 1444 mm
KofferraumvolumenVDA 270 bis 1020 l 245 bis 1099 l
Hubraum / Motor 1781 cm³ / 4-Zylinder 2792 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 154 kW / 210 PS bei 5800 U/min 150 kW / 204 PS bei 6200 U/min
Höchstgeschwindigkeit 238 km/h 235 km/h
0-100 km/h 7,0 s 7,3 s
Verbrauch 9,0 l/100 km 10,7 l/100 km
Testverbrauch 13,9 l/100 km 12,3 l/100 km
Alle technischen Daten anzeigen
Noch nicht registriert?

Erstellen Sie jetzt Ihr kostenloses Profil und profitieren Sie als registrierter Nutzer von folgenden Vorteilen:

  • Exklusiver Zugriff auf alle Test- und Messdaten der Redaktion
  • 360°-Ansichten von Autos
  • Schneller PDF-Kauf
Kostenlos anmelden
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Top Aktuell Mini Countryman Cooper D All4, VW T-Roc 2.0 TDI 4Motion Style, Exterieur VW T-Roc gegen Mini Countryman Kleine Diesel-SUV im Test
Beliebte Artikel Mazda 2 G 115, Skoda Fabia 1.0 TSI, VW Polo 1.0 TSI, Exterieur Mazda 2, Skoda Fabia und VW Polo im Test Wer liegt im Stadtrummel vorn? 190 E, 3.2 AMG-C32, C43 AMG, Exterieur 190E 3.2, C 32, C 43 AMG AMG-Sechszylinder aus 3 Epochen
Gebrauchtwagen Angebote
Anzeige
Sportwagen Jaguar Land Rover Fahrdynamik Advertorial Auf Knopfdruck: Sport Mehr Fahrspaß durch Technik Porsche 911 (992) Cabrio Erlkönig Erlkönig Porsche 911 Cabrio (992) Offener Elfer startet 2019
Allrad Toyota RAV 4 2018 New York Sitzrobe Toyota RAV4 (2018) SUV-Neuauflage ab 29.990 Euro Porsche Macan, Facelift 2019 Porsche Macan (2019) Facelift Scharfes Heck, starke Motoren
Oldtimer & Youngtimer Porsche 911 (996) Carrera Coupe Porsche 911 (996) Kaufberatung Probleme des Schnäppchen-Elfer Aston Martin Heritage EV Concept Aston Martin Heritage EV Concept Elektroantrieb für Klassiker
Promobil Hymer B-MC I 580 Hymer B-Klasse MC I 580 Test Neues Konzept, neue Epoche? Weihnachtskalender 2018 Tür 15 Mitmachen und gewinnen Nighthawk von ROLLPLAY
CARAVANING Deichselschloss Diebstahlschutz für Caravans Deichselschlösser und Co Weihnachtskalender 2018 Tür 15 Mitmachen und gewinnen Nighthawk von ROLLPLAY