Doppeltest Audi S6 gegen Mercedes E 320

Duell zweier Top-Limousinen: Das vorläufige Spitzenmodell der neuen Mercedes-E-Klasse, der E 320 mit 220 PS starkem Sechszylinder, trifft auf die sportlichste Version der A6-Reihe von Audi: den S6 mit 230 PS-Turbomotor und Allradantrieb.

Noch bevor das erste Auto verkauft ist, hat Mercedes mit der neuen Mittelklasse gegenüber dem Erzrivalen BMW schon einen Vorsprung herausgefahren – zumindest einen zeitlichen. Denn während die Neuauflage der E-Klasse bereits am 24. Juni zu den Händlern rollt, läßt der Start der neuen Fünfer-Reihe (siehe Vorstellung in Heft 12/95) noch bis November auf sich warten. Bis sich die E-Klasse mit einem ebenso modernen Konkurrenten in einem Vergleichstest messen kann, werden also noch ein paar Monate vergehen. Derweil dient als Maßstab die Mittelklasse von Audi, zwar auch nicht mehr ganz taufrisch, weil schon im November 1990 – damals noch als Audi 100 – eingeführt, aber als A6 seit Sommer 1994 eine feste Größe in diesem sonst von BMW und Mercedes dominierten Marktsegment. Als Gegenstück zum vorläufigen Spitzenmodell E 320 von Mercedes – die beiden Achtzylinderversionen E 420 und AMG E 50 folgen erst Anfang nächsten Jahres – bietet sich von Audi der S6 an.


Diese sportlich angehauchte A6-Variante besitzt einen 230 PS starken und 2,2 Liter großen Fünfzylinder-Vierventilmotor mit Turboaufladung, der seine Kraft an alle vier Räder weiterleitet. Serienmäßig tut er dies über ein Schaltgetriebe mit wahlweise fünf oder sechs (1050 Mark Aufpreis) Gängen. Weil aber der E 320, dessen Vierventil-Sechszylinder aus 3,2 Liter Hubraum 220 PS entwickelt, nur mit Automatik (serienmäßig vier, für 1328 Mark mehr fünf Stufen) lieferbar ist, wurde wegen besserer Vergleichbarkeit auch der S6 mit Automatik geordert. Sie kostet gegenüber der Fünfgang- Basisversion 3600 Mark Aufpreis, besitzt aber nur vier Fahrstufen, allerdings mit adaptiver, das heißt lernfähiger elektronischer Steuerung.

Auf der einen Seite ein kleinvolumiger Fünfzylinder- Turbo, auf der anderen ein großvolumiger Sechszylinder- Sauger – konzeptionell prallen da Welten aufeinander. Doch beim Fahren sind die Unterschiede nicht weltbewegend. Denn beide Triebwerke sind nahezu vollkommene Vertreter ihrer Bauart.


Hier der Sechszylinder des Mercedes: bissig im Antritt, auf sanfteste Bewegungen des Gasfußes spontan reagierend, leichtfüßig hochdrehend, mit kernigem Ton bei vollem Beschleunigen, aber ohne mechanische Nebengeräusche oder Vibrationen. Und dann erst die Automatik: weich schaltend und auch ohne elektronische Heinzelmännchen so ideal an die Motorcharakteristik angepaßt, daß selbst sportlich orientierte Fahrer keine Handschaltung vermissen – kein Wunder bei sportwagenähnlichen Fahrleistungen, wie sie der E 320 bietet: von null auf 100 km/h in 7,2 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 242 km/h. Ähnlich superb, wenn auch aus anderem Holz geschnitzt, der Audi-Motor. Gewiß, die Fahrleistungen sind – nicht zuletzt aufgrund des um 80 Kilogramm höheren Wagengewichts – nicht ganz so rasant, und auch das Ansprechverhalten der Turbomaschine kommt an die Direktheit des Mercedes- Sechszylinders nicht heran.

Aber ein Turboloch kennt dieser Motor nicht. Es ist förmlich zugeschüttet mit 350 Nm Drehmoment, die schon bei 1950/min parat sind (E 320: 315 Nm bei 3850/min), und wenn sich der volle Ladedruck aufgebaut hat, prescht der S6 wie von der Tarantel gestochen davon. Hinzu kommt eine Laufkultur, die sich vor der des Mercedes- Sechszylinders nicht zu verstecken braucht.

Der Fünfzylinder ist gut gedämpft und überraschend leise, erst ab 5500 Touren mischt sich hörbares Grollen ins Klangbild, das aber auch auf der Autobahn keineswegs lästig wird, obwohl die viergängige Audi-Automatik im Gegensatz zum Fünfgang- Automaten von Mercedes ohne drehzahlsenkenden Overdrive auskommen muß. Auch sie gehört zum Besten, was es heutzutage gibt: Ohne lästiges Rucken gehen die Gangwechsel vonstatten, und lernfähig, wie die adaptive Steuerung ist, begreift sie vergleichsweise schnell, ob der Fahrer eher einen forschen oder gelassenen Stil bevorzugt. Allerdings kann sie nicht verhindern, daß der Audi S6 im Durchschnitt rund eineinhalb Liter mehr Benzin pro 100 Kilometer konsumiert als der Mercedes – und dann noch vom teureren Super plus.

Die Kostenrechnung sieht für den Audi ohnehin nicht günstig aus. Wenn Mercedes den E 320 inklusive Fünfgangautomatik bei vergleichbarer Serienausstattung für 78 608 Mark anbietet, zeugt es bei Audi fast schon von Selbstüberschätzung, für den S6 Automatik 8000 Mark mehr zu verlangen – selbst wenn man den Mehrwert des Allradantriebs berücksichtigt. Er sichert dem Audi zweifellos Vorteile auf Schnee und beschert ihm auch eine etwas geringere Seitenwindempfindlichkeit, ansonsten aber entpuppt sich der Quattro-Antrieb eher als verbrauchsförderndes und temperamentshemmendes Gewichtshandikap.


Sicher ist der S6 noch eine Spur handlicher als der im Vergleich zur alten E-Klasse im Handling nicht wiederzuerkennende, agile Mercedes. Aber das ist kein Verdienst der Allradtechnik. Der nahezu neutral liegende E 320 wirkt im Gegensatz zum spürbar untersteuernd ausgelegten Audi wesentlich kurvenwilliger, ohne weniger Sicherheitsreserven zu bieten. Ein Patt auch bei den Bremsen: Beide Autos verzögern in allen Situationen hervorragend – der Audi mit noch etwas höheren Werten als der Mercedes, dessen Bremsen sich dafür besser dosieren lassen. Auch die Lenkung läßt sich im Mercedes viel feinfühliger dirigieren als im Audi, in dem das Lenkrad auf schlechten Straßen dermaßen rüttelt, daß es einem fast die Armbanduhr vom Handgelenk schüttelt.

Das viel zu straffe Fahrwerk ist denn auch das größte Manko des S6. Querfugen und Schlaglöcher werden gnadenlos an die Passagiere weitergegeben, hinzu kommen Abrollgeräusche, als seien statt Gummireifen Holzräder montiert. Eine Sänfte dagegen der Mercedes: Er rollt geschmeidig ab und dampft Unebenheiten wie ein Bügeleisen ein – bei voller Beladung allerdings verliert der Mercedes an Souveränität. Dann versetzen Bodenwellen die Karosserie in heftige Vertikalbewegungen, und den Passagieren droht Seekrankheit. Der Audi hingegen wird mit Ballast an Bord zwar etwas verbindlicher, aber von wirklichem Fahrkomfort bleibt der S6 so weit entfernt wie Ingolstadt von Stuttgart. Das liegt auch an den härteren Sitzen vorne wie im Fond, wo die Rückbank längst nicht so viel Sitztiefe aufweist wie die des Mercedes und auch nicht so komfortabel gepolstert ist. Darüber hinaus genießen die Mercedes-Insassen deutlich mehr Kopf-, Knie- und Ellenbogenfreiheit.

Der Audi, obgleich ein geräumiges Auto, wirkt subjektiv eine halbe Nummer kleiner als der neue Mittelklasse-Maßstab. Trotz ähnlicher Voraussetzungen also doch ein ungleiches Duell, das am Ende klar zugunsten des Mercedes ausgeht. Nur in zwei Disziplinen kann der S6 mithalten: in den Fahreigenschaften und in der Verarbeitung. Denn qualitativ hat Audi mittlerweile so sehr aufgeholt, daß Mercedes selbst mit einem neuen Auto keinen Vorsprung mehr reklamieren kann.

Fazit

1. Mercedes E 320
109 Punkte

Sehr gutes Raumangebot, erstklassiger Komfort, sehr gute Fahrleistungen, exzellente Automatik, günstigerer Preis. Leichte Seitenwindempfindlichkeit,Windgeräusche vom Schiebedach, beim Beschleunigen kerniges Motorgeräusch.

2. Audi S6
99 Punkte

Hervorragende Traktion, sehr gute Handlichkeit, kultivierter Turbomotor, außergewöhnlich leistungsfähige Bremsen. Stark eingeschränkter Federungkomfort, weniger üppiges Raumangebot, hoher Verbrauch, sehr hoher Preis.

Technische Daten
Mercedes E 320 Audi S6 4.0 TFSI Quattro
Grundpreis 40.192 € 44.917 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4795 x 1799 x 1439 mm 4797 x 1804 x 1430 mm
KofferraumvolumenVDA 500 l 510 l
Hubraum / Motor 3199 cm³ / 6-Zylinder 2226 cm³ / 5-Zylinder
Leistung 162 kW / 220 PS bei 5500 U/min 169 kW / 230 PS bei 5900 U/min
Höchstgeschwindigkeit 235 km/h 236 km/h
0-100 km/h 7,6 s 8,3 s
Verbrauch 13,0 l/100 km
Testverbrauch 13,4 l/100 km 14,8 l/100 km
Alle technischen Daten anzeigen
Noch nicht registriert?

Erstellen Sie jetzt Ihr kostenloses Profil und profitieren Sie als registrierter Nutzer von folgenden Vorteilen:

  • Exklusiver Zugriff auf alle Test- und Messdaten der Redaktion
  • 360°-Ansichten von Autos
  • Schneller PDF-Kauf
Kostenlos anmelden
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Top Aktuell Mini Countryman Cooper D All4, VW T-Roc 2.0 TDI 4Motion Style, Exterieur VW T-Roc gegen Mini Countryman Kleine Diesel-SUV im Test
Beliebte Artikel Mazda 2 G 115, Skoda Fabia 1.0 TSI, VW Polo 1.0 TSI, Exterieur Mazda 2, Skoda Fabia und VW Polo im Test Wer liegt im Stadtrummel vorn? 190 E, 3.2 AMG-C32, C43 AMG, Exterieur 190E 3.2, C 32, C 43 AMG AMG-Sechszylinder aus 3 Epochen
Anzeige
Sportwagen Erlkönig Chevrolet Corvette C8 Chevrolet Corvette C8 Zora Mittelmotor-Sportler verzögert sich Lamborghini Huracán Performante, Chevrolet Corvette Z06, Mercedes-AMG GT R, McLaren 720S, Porsche 911 GT3, Audi R8 V10 Plus, Honda NSX, Exterieur Sportwagen-Neuzulassungen November 2018 Porsche feiert starkes Comeback
Allrad Porsche Macan, Facelift 2019 Porsche Macan (2019) Facelift Scharfes Heck, starke Motoren Audi SQ5 3.0 TFSI Quattro, Exterieur, Heck SUV Neuzulassungen November 2018 Audi und Porsche unter Druck
Oldtimer & Youngtimer Porsche 911 (996) Carrera Coupe Porsche 911 (996) Kaufberatung Probleme des Schnäppchen-Elfer Aston Martin Heritage EV Concept Aston Martin Heritage EV Concept Elektroantrieb für Klassiker
Promobil Salzburger Land Winter-Tour Salzburger Land Skispaß und Kulturerlebnis Weihnachtskalender 2018 Tür 14 Mitmachen und gewinnen HiFi-Boxen Ultima 40 von Teufel
CARAVANING Weihnachtskalender 2018 Tür 14 Mitmachen und gewinnen HiFi-Boxen Ultima 40 von Teufel Platz 10: Alpencamping Nenzing Top 10 Winter-Campingplätze Allgäu, Italien & Co.