Doppeltest Audi S6 Plus gegen Mercedes E 50 AMG

Zwei neue Superlimousinen treten zum Vergleich an: der E 50 von der Mercedes-Sportabteilung AMG und der Audi S6 Plus, der zum Programm der Quattro GmbH gehört. Beide Sportwagen im Limousinenkleid bieten hervorragende Fahrleistungen mit großvolumigen Achtzylindern, die über 300 PS entwickeln.

Als Mercedes erstmals einen dicken Achtzylinder in die Mittelklasse-Limousine steckte und damit den 500 E schuf, war das ein echter Schwabenstreich. Denn bekanntlich zeigen Kenner unter den Württembergern nicht gern, was sie auf der hohen Kante haben. Die Schlichtheit des Erstlingswerks geht dem der neuen E-Klasse entstammenden Nachfolger E 50 ab. Der ist nun ein klassisches Beispiel werksseitigen Tunings, denn er kommt von der Mercedes- Sportabteilung AMG, was er dem Publikum nicht nur durch den entsprechenden Schriftzug, sondern auch durch Frontspoiler und Seitenschweller kundtut.


Seht alle her, so lautet die Botschaft, hier kommt das neue Topmodell der E-Klasse, für das sein Besitzer stolze 150 000 Mark hingeblättert hat. Für soviel Geld bietet der E 50 nicht nur das AMG-Outfit, sondern auch eine überaus reichhaltige Ausstattung sowie einen mit höherer Verdichtung und geänderten Ventilöffnungszeiten modifizierten Fünfliter- V8, der so auf 347 PS kommt und mithin das aus S-Klasse und SL bekannte Original um 21 Pferdestärken übertrifft.

Audi besitzt ebenfalls eine AMG und der M GmbH von BMW entsprechende Abteilung für besondere Aufgaben: Die Quattro GmbH, die bisher ein weitgehend verborgenes Dasein fristete, weil sie sich nur mit dem Accessoire-Verkauf befaßte. Ihr erstes automobiles Kind heißt S6 Plus und verbirgt einen 4,2 Liter-Achtzylinder unter der Motorhaube, dem mit ähnlichen Maßnahmen wie bei der AMG-Maschine zu 326 PS verholfen wurde. Im Gegensatz zum AMG E 50 pflegt der Audi konsequent die ursprüngliche Idee des Understatement-Boliden. Nur die 17 Zoll-Räder, der ganz in Schwarz gehaltene Kühlergrill und ein winziges Typenschild deuten die Sonderstellung dieses Modells an.

Der Audi (116 300 Mark) bewegt sich nicht in ganz so exotischen Preisregionen wie sein Konkurrent, obwohl er den höheren technischen Aufwand des permanenten Allradantriebs ins Feld führen kann. Ein Blick in die Ausstattungsliste freilich relativiert den Preisunterschied. Der S6 Plus verfügt über eine eher bescheidene Serienausstattung. Tempomat, elektrische Sitzverstellung oder Klimaautomatik – alles Zutaten, die im AMG-Paket enthalten sind – müssen bei ihm extra bezahlt werden. Schon hier wird deutlich, daß der Audi sportliche Qualitäten favorisiert, während der E 50 den Part einer Luxuslimousine der obersten Leistungskategorie übernimmt.

Diese Rollenverteilung bestätigt sich beim Fahren. Der AMG-Mercedes hat sich trotz seines gestrafften Fahrwerks und den satt in den Radhäusern stehenden 18 Zoll-Walzen ein erstaunliches Maß an Fahrkomfort bewahrt. Allein über grobe Querfugen stolpert er steifbeinig hinweg, ansonsten aber fühlen sich die Insassen sehr kommod untergebracht, wozu auch die ausgezeichnet geformten Sportsitze ihren Beitrag liefern. Der S6 Plus fällt da weit ab, nicht nur was die Qualität der Sitze angeht. Seine Federung kommt ihrer Aufgabe nur widerwillig nach, heftige Vertikalbewegungen auf langen Wellen und eine fast ständig zu hochfrequentem Stuckern angeregte Karosserie gehören zu den Komfortmängeln, die auch dem gestählten Sportfahrer bei längeren Touren auf die Nerven gehen. Die auf Unebenheiten kräftig stoßende Lenkung ergänzt noch den Eindruck, daß hier der präzise Kontakt zur Straße übertrieben wurde. Dafür fährt sich der S 6 Plus allerdings auch wie ein waschechter Sportwagen, der rein zufällig zwei Türen zuviel mit auf den Weg bekommen hat.

Während der Mercedes in schnellen Wechselkurven spürbare Karosseriebewegungen zeigt und beim Einlenken in Kurven in guter Mercedes-Tradition das solide Gefühl des schweren Wagens vermittelt, liegt der S 6 Plus wie das sprichwörtliche Brett. Er folgt mit spielerischer Leichtigkeit der Lenkung und erreicht auf Wunsch extrem hohe Kurvengeschwindigkeit, wobei der Allradantrieb den Fahrer nicht nur in Sicherheit wiegt, sondern sie auch tatsächlich bietet. Die physikalische Grenze läßt der S6 Plus gut erkennen – er beginnt dann, von seinem bis dahin nahezu neutralen Eigenlenkverhalten in ein leichtes Untersteuern überzugehen, was sich durch erhöhte Reifengeräusche an der Vorderachse bemerkbar macht, bevor die Situation prekär zu werden droht. Daß der Allradantrieb bei einem derart kräftigen Auto Sinn macht, weil er den Umgang mit der Hochleistung problemlos gestaltet – dafür ist dieser Audi ein sehr gutes Beispiel.

Von der Traktion gar nicht erst zu reden: Mit welch unnachgiebigem Nachdruck sich der Audi aus engen Kurven hinauskatapultieren kann, ohne die vom Fahrer angepeilte Linie zu verlassen, das ist schon ein Erlebnis der besonderen Art. Der AMG E 50 bietet eine ähnlich hohe Fahrsicherheit, aber er tut dies nicht mit vergleichbarer Dynamik. Um ihm sämtliche Tücken zu nehmen, die soviel allein auf die Hinterräder losgelassene Leistung haben kann, ist er auf die elektronische Hilfe der Antriebsschlupfregelung angewiesen. Sie reduziert bei Bedarf den Dampf des Motors und zeigt dies dem Fahrer durch das Aufleuchten eines gelben Warndreiecks an. Bei Nässe tritt die Elektronik erwartungsgemäß sehr häufig in Aktion, aber auch auf trockener Fahrbahn hat sie gut zu tun. Volle Beschleunigung auf einer holprigen Straße genügt, um die Bodenhaftung der Antriebsräder entsprechend zu reduzieren.

Obwohl die großvolumigen Motoren in diesen beiden Autos naturgemäß die erste Geige spielen, dürften ihre spezifischen Eigenschaften kaum die Grundlage einer Kaufentscheidung bilden. Denn die Unterschiede sind gering.

Der Mercedes- V8 intoniert ein etwas kräftigeres Achtzylinder-Gebrabbel und kommt mit noch etwas mehr Nachdruck aus dem Drehzahlkeller als die Audi- Maschine, die dafür im Drehvermögen überlegen ist. In jedem Fall bekommt der Kunde hier einen Antrieb, der auch bei verwöhntestem Geschmack keine Wünsche mehr offen läßt: Extrem stark über den gesamten Drehzahlbereich, geschmeidig und kultiviert – Luxus satt also, weil der Fahrer auf ein kaum erschöpfbares Leistungsreservoir zurückgreifen kann. Was die Meßwerte angeht: Der Audi zeigt sich im unteren Geschwindigkeitssegment geringfügig überlegen, aber diese Differenz bedarf eines Kommentars. Denn die Fahrpraxis wird meist anders aussehen, weil der Mercedes seine Kraft grundsätzlich an eine Viergangautomatik weiterleitet, während der Audi nur mit einem handgeschalteten Sechsganggetriebe geliefert wird. Um einen E 50 in den bei den Meßfahrten erreichten sechs Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h zu beschleunigen, bedarf es also nur eines beherzten Tritts aufs Gaspedal.

Beim Audi dagegen ist für optimale Beschleunigung virtuoser Umgang mit Kupplung und Schalthebel nötig. Die Kraftübertragungen ergänzen vorteilhaft den Charakter beider Autos. Die fünfstufige Mercedes-Automatik gehört mit ihren dezenten Schaltvorgängen und ihren schnellen Reaktionen zum Besten, was es auf diesem Gebiet gibt, das Audi- Getriebe schaltet sich leicht und exakt. Man könnte ihm höchstens vorwerfen, daß es für einen so durchzugskräftigen Motor zu viele Gänge bereitstellt. So hat der Fahrer in fast jedem Geschwindigkeitsbereich drei passende Übersetzungen zur Verfügung. Wer nicht betont schnell fahren will, geht bald dazu über, beim Hochschalten den einen oder anderen Gang zu überspringen. Die manuelle Gangwahl führt allerdings nicht zu einem Verbrauchsvorteil.

Der Audi verbraucht etwas mehr als der Mercedes, wegen seiner extrem hohen Verdichtung von 11,6:1 ist er zudem auf das teurere Super Plus angewiesen. Beide aber beweisen zumindest in dieser Beziehung eine akzeptable Wirtschaftlichkeit. Ansonsten führen finanzielle Überlegungen zu keinem erfreulichen Ergebnis. Die Wiederverkaufschancen beispielsweise sind für Boliden dieser Statur generell schlecht. Und obwohl der Audi viel billiger ist, verhindert die Wirtschaftlichkeitswertung nicht, daß er dem harmonischeren E 50 Platz eins überlassen muß. Denn im Frühjahr 1997 kommt ein ganz neuer A6 – und damit wird der Stammhalter der Quattro GmbH bereits zum Auslaufmodell.

Fazit

1. Mercedes E 50 AMG
103 Punkte

Sehr harmonische Motor-Automatik- Einheit, sicheres, neutrales Kurvenverhalten, sehr wirksame und standfeste Bremsen, ausgewogener Fahrkomfort durch gut abgestimmte Federung und bequeme Sportsitze, reichhaltige Serienausstattung. Sehr hoher Anschaffungspreis, nur durchschnittliche Handling-Qualitäten.

2. Audi S6 Plus
100 Punkte

Extrem starker und sehr kultiviert laufender Achtzylindermotor, leicht und exakt schaltbares Sechsganggetriebe, hervorragendes Handling, überdurchschnittliche Traktion, exzellente Bremsen. Schlechter Federungskomfort, laute Windgeräusche, stoßempfindliche Lenkung, nicht ganz befriedigende Ausstattung.

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Technische Daten
Audi S6 Plus Mercedes E 50 AMG
Grundpreis 59.463 € 75.850 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4797 x 1804 x 1430 mm 4795 x 1799 x 1411 mm
KofferraumvolumenVDA 510 l 500 l
Hubraum / Motor 4172 cm³ / 8-Zylinder 4973 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 240 kW / 326 PS bei 6500 U/min 255 kW / 347 PS bei 5750 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h 250 km/h
0-100 km/h 5,7 s
Verbrauch 15,0 l/100 km
Testverbrauch 16,4 l/100 km
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