Doppeltest Ferrari F 355 gegen Porsche 911 Turbo

Sie sind in der Leistung vergleichbar, im Raumangebot und im Preis. Hinzu kommen die Emotionen, die der schnellste Porsche und einer der schnellsten Ferrari wecken.

Auch das bietet die exclusive Sportwagenwelt: Da trifft sozusagen ein Einsteigermodell, nämlich der Ferrari F 355 Berlinetta, auf die Topversion des Heckmotor- Klassikers 911, den Turbo. Beide kosten über 200 000 Mark, der Porsche mit gut 212 000 Mark immerhin 12 000 Mark mehr als der Ferrari, der seinerseits zum Spitzenmodell des Hauses, dem 456 GT, einen Preisabstand von rund 165 000 Mark läßt. Einsteiger contra Aufsteiger – so relativ können auch große Summen darstellbar sein. Sie sind es auch, die einen Vergleich nahelegen, selbst wenn der Ferrari-Freak sicherlich kaum auf den Gedanken kommen wird, in Stuttgart-Zuffenhausen einzukaufen. Und umgekehrt? Vermutlich ein ähnliches Resultat. Auch Porsche verfügt, speziell beim 911, über eine nicht nur zahlungskräftige, sondern auch loyale Fangemeinde.

Einen 355 wird der Turbo-Aspirant kaum verschmähen, aber wohl in den seltensten Fällen kaufen. So hat gerade diese Begegnung zweier hochkarätiger Sportwagen weit mehr theoretischen Charakter als das Aufeinandertreffen von Golf und Astra. Nicht nur das Eingeschworensein auf die jeweilige Marke läßt die objektive Vergleichbarkeit eher zu einem rhetorischen Akt werden, sondern auch die Käuferpsyche. Ist der Ferraristo emotional durch den Porsche zu reizen, nachdem dieser ja sogar ein bißchen besser beschleunigt? Eher nein. Und der Porschist, wird ihn der F 355 betören können? Eher ja. Denn kaum ein anderer Sportwagen dieser Erde verbindet sachliche Argumente – wie sie auch die Punktwertung belohnt – so sehr mit Gefühlen und Begeisterung.

Die, so merkwürdig es jetzt klingt, Normalität eines 911 Turbo, ja sogar seine weit größere Alltagstauglichkeit fallen weit ab gegenüber jenen Gefühlen, die der Ferrari schon beim Starten seines Achtzylindermotors erweckt. In den Turbo steigt man ein, schnallt sich fest und fährt überraschend leise los. Vor dem F 355 verbeugt man sich zunächst, dann fädelt man sich ein, speziell wenn er, wie der Testwagen, die 4530 Mark teuren Sportsitze enthält, die teilweise aus Kohlefaser bestehen. Was heißt Sportsitze? Es ist auch optisch ein Renngestühl von überraschend hoher Bequemlichkeit, das einen mit der niedrigen Flunder verwachsen läßt. Im Porsche sitzt man gut, im Ferrari hervorragend, immer bereit, nicht nur nach Le Mans zu fahren, sondern gerne auch in Le Mans zu starten.

Normalität im Porsche. Sitze und Sitzposition sind ohne jegliche Exotik, aber daß sich der normale Turbo doch nicht ganz so einfach und sinnfällig bedienen läßt wie der verrückte Ferrari, ja auch Teile seiner Instrumente traditionell durch den Lenkradkranz verdeckt, ist bei nüchterner Betrachtung erstaunlich. Bis zur absolut geradlinig verlegten Pedalerie, der Freaks wegen mit Durchlöcherungen à la Formel 1 versehen, zeigt der F 355, daß es hier um nichts anderes geht als das engagierte Fahren. Es betrifft nur Fahrer und Beifahrer, Notsitze wie beim Turbo gibt es nicht. An ihrer Stelle laufen bereits die Zahnriemen für die Betätigung der insgesamt vier obenliegenden Nockenwellen. Der Porsche hat hier einen leichten Pluspunkt – viel kann man mit dem verbleibenden Heckvolumen allerdings nicht anfangen. Und was das reine Kofferraumvolumen angeht, so ist der Ferrari ganz unemotional mit 220 Litern im Bug den ebenfalls vorne befindlichen 123 Litern des Porsche sogar überlegen. Dennoch, zusammen mit der nochmals besseren Verarbeitungsqualität zeigt die Porsche-Karosserie insgesamt betrachtet Vorteile – nicht zuletzt den problemlosen Einstieg und die nicht nur deshalb größere Alltagstauglichkeit.

Gäbe es Punkte für die formale Erscheinung, müßte sie wohl der Ferrari erhaltten. Er ist der wahre Exote, gegen den der Porsche mit seinem unförmig geratenen Spoiler plump wirkt. Und da es das schöne Wort vom Überholprestige nun einmal gibt: Der Ferrari löst noch mehr Respekt aus als der Porsche, und dessen Wirkung auf Langsame ist ja bekannt. Dabei stürmt der Porsche Turbo noch ein bißchen vehementer. Sachlich geschieht diese brachiale Beschleunigung durch den 408 PS leistenden Biturbomotor geradezu unauffällig. Auch im Gegensatz zum nicht aufgeladenen Basis-Carrera entbehrt der Turbo jeglicher Sportlichkeit im Sound, so daß man ihn sich durchaus in einer Komfortlimousine vorstellen könnte. Daß man in einem der heißesten Sportwagen dieser Welt fährt, zeigen nur die Beschleunigungskurve und ein bestialischer Druck im Rücken, der auch jenseits von 200 km/h, geschickt in sechs Gangstufen zerstückelt, anhält.

Anders der Ferrari, dessen 3,5 Liter großer V8 auf die höchste spezifische Leistung aller nicht aufgeladenen Serienmaschinen kommt. Schon der Leerlauf des Fünfventilers ist eine akustische Orgie, und erst bei 8500/min warnt ein roter Strich auf dem Tourenzähler. Die Leistungsentwicklung ist noch gleichmäßiger als bei dem wenig turbohaft agierenden Turbo, aber sie bietet trotzdem weit größere Dramatik. Denn was der wahre Sportwagenfreund vielleicht sucht, auch im Unterschied zu braven, starken Limousinenmotoren – hier ist es in Reinkultur: Geräusch, Gasannahme, die Präzision der zugegeben immer noch nicht leichtgängigen, mit offener Kulisse agierenden Schaltung. All dies summiert sich nicht nur zu brüllenden Phonzahlen – 82 dB(A) bei 160 im Ferrari, nur 77 im Porsche –, sondern auch zu einer subjektiv erregenden, einzigartigen Mixtur. Wenn der Begriff Motorvergnügen je Bedeutung hatte, hier ist er angebracht.

Dem Porsche Turbo geht das ab, obwohl er sogar noch etwas besser läuft. Er ist ein brachialer Marschierer und Kilometerfresser, aber die Freude an der Maschinerie weckt eher der Ferrari. Für längere Autobahnreisen würde man den Porsche dennoch vorziehen. Daß man ihn einer schnellen Limousine nicht vorzöge, hängt mit seinem schlechten Federungskomfort zusammen. Hier besteht eine große Diskrepanz zwischen dem Komforttriebwerk und dem polternden Abrollen bei Langsamfahrt. Aber auch bei schneller Fahrt ist die Federung nicht besser als beim 355. Der wirkt in diesem Bereich sogar ausgewogener, hinzu kommt, daß er noch weniger Karosseriebewegungen hat und in den Fahreigenschaften vor allem subjektiv das größere Behagen verschafft. Wie leicht er einlenkt, wie gut er trotz nur zweier angetriebener Räder die Leistung auf den Boden bringt, macht Freude.

Gleichwohl ist der vierradgetriebene Porsche im hoch liegenden Grenzbereich einfacher zu beherrschen. Wer im F 355 über das Limit gerät, muß blitzartig gegen das ausschwenkende Heck ankämpfen. Bei Nässe ist mehr Vorsicht als beim Turbo angesagt, der auch dann keine Traktionsmängel kennt und nur insofern Behutsamkeit erfordert, als beim Verzögern schlechtere Reibwerte zu berücksichtigen sind. Im Turbo stören die sehr hohen Lenkund Haltekräfte in Kurven, und nicht minder unangenehm ist seine Neigung, auf bombierter Bahn jeder Unebenheit nachzulaufen. Die Bremsen sind in beiden Fällen über alle Zweifel erhaben, wobei der Porsche noch etwas besser verzögert. Man wird gerade diese Reserve im regulären Straßenverkehr kaum je brauchen, ebensowenig wie seine nochmals bessere Beschleunigung. Er ist sachlich gesehen die Vernunftsentscheidung bei zwei unvernünftigen Autos. Der Ferrari dagegen ist die wahre Interpretation dessen, womit Porsche in Zeitungsanzeigen warb: So baut man Sportwagen.

Fazit

1. Porsche 911 Turbo
102 Punkte

Relativ gutes Raumangebot, sehr hohe Fahrleistungen, gute Beherrschbarkeit im Grenzbereich, gute Alltagstauglichkeit. Schlechter Langsamfahrkomfort, hohe Lenk- und Haltekräfte in Kurven, bei bombierter Bahn unruhiger Geradeauslauf.

2. Ferrari F 355
102 Punkte

Sehr hohe Fahrleistungen, hervorragende Leistungsabgabe, gute Handlichkeit, sehr gute Sitzposition. Eingeschränktes Raumangebot, schlechter Langsamfahrkomfort, lautes Motorgeräusch, unbequemer Einstieg.

Technische Daten
Porsche 911 Turbo Ferrari F355 Berlinetta
Grundpreis 113.762 € 108.394 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4245 x 1795 x 1285 mm 4250 x 1900 x 1170 mm
KofferraumvolumenVDA 123 l 220 l
Hubraum / Motor 3600 cm³ / 6-Zylinder 3496 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 300 kW / 408 PS bei 5750 U/min 280 kW / 380 PS bei 8200 U/min
Höchstgeschwindigkeit 290 km/h 295 km/h
0-100 km/h 4,3 s 5,0 s
Verbrauch 15,7 l/100 km 17,1 l/100 km
Testverbrauch 16,9 l/100 km 17,7 l/100 km
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