Doppeltest Fiat Bravo 1.6 16 V gegen Renault Mégane Coach 1.6e

Der Renault 19 war lange Zeit das erfolgreichste Importauto in Deutschland. Ob sein Nachfolger Mégane die Qualitäten mitbringt, diese Vormachtstellung gegen den Fiat Bravo zu verteidigen, klärt ein Test der Zweitürer mit 90 PS.

Die Beschränkung auf das Wesentliche ist für manche ein Aspekt des Images und für viele eine Frage des Geldes: Ein Fiat Bravo kostet 1000 Mark weniger als der viertürige Brava, beim Renault Mégane liegen die Notierungen um 2000 Mark tiefer, wobei der Viertürer hier die bessere Ausstattung mitbringt. Damit die preisgünstigeren Modelle nicht auf Anhieb als Arme-Leute-Autos gelten, feilen die Hersteller mittlerweile kräftig am Renommee: Der Begriff Zweitürer ist out, es leben eigenständige Bezeichnungen wie Bravo (statt Brava) und – ergänzend zu Mégane – Coach beim Renault. Daß die Entscheidung von Herzen und nicht alleine durch das Diktat des Portemonnaies gefallen ist, sollen auch individuelle Design-Linien der Zweitürer suggerieren: Renault beschwört die Familientradition mit vergleichbaren Gesichtern, die gestutzte Heckpartie des 20 Zentimeter kürzeren Coach soll mit runden Rückleuchten dagegen sportlichen Charakter demonstrieren.


Ähnlich radikal fallen die Unterschiede im Hause Fiat aus. Der Brava-Rücken wirkt mit dem angedeuteten Stufenheck limousinenhaft, der steil abfallende Bravo-Hintern zeigt dagegen Parallelen zu den großen Van-Verwandten auf. Mit dieser Konzeption verbucht der Bravo Platzvorteile gegenüber dem Renault. Auch als Zweitürer bietet er eine gute Kopffreiheit im Fond und ordentlich Platz für zwei Personen, die in das hintere Abteil problemlos einsteigen können. Mit ansteigender Seitenlinie und starkem Dacheinzug vermittelt der Coach mehr Coupé-Charakter – eine Eigenschaft, die er Passagiere hautnah spüren läßt. Auf den Rücksitzen fühlen sich Erwachsene so eingezwängt wie in einem Spielzeugauto, und auch auf den Vordersitzen entsteht weit mehr als im Fiat der Eindruck, in einen zu engen Anzug geraten zu sein.

Renault scheint bei der Kalkulation des Raumangebotes bei den Kindern und nicht bei den Eltern Maß genommen zu haben. Anders ist es nicht zu erklären, warum die schmale Rücksitzbank durch ein Ablagefach in der Mitte zusätzlich verkleinert wird. Nicht einmal die übliche, wenngleich selten nutzbare Fünfsitzigkeit bietet der Coach, weil hinten nur zwei Gurte vorhanden sind. Der Bravo bringt auf dem kurzen Weg zur Disco oder ins Kino auch drei Passagiere im Fond angemessen gesichert unter.

Geringer fallen die Unterschiede im Gepäckabteil aus. 260 Liter faßt der Coach, 280 Liter passen in den Bravo. Die bessere Beladbarkeit durch die weit aufschwingende Heckklappe beschert dem Fiat einen weiteren Punktvorteil. Die kleine Renault-Luke ist mit großen, sperrigen Koffern schlicht überfordert. Grenzen kennt allerdings auch die Variabilität des Fiat: Eine Querstrebe, die der sicherheitstechnisch sinnvollen, soliden Verankerung der Rücksitzlehne dient, verhindert den Transport hoher Gegenstände. Abgesehen von der Enge sitzt man im Mégane Coach komfortabler als im Bravo. Die Polster sind straffer und bieten beseren Halt; die tiefe Sitzposition vermittelt den Eindruck, im sportlicheren Auto untergebracht zu sein. Im Bravo thront man dagegen wie auf einem unbequemen Kutschbock. Die Sitze wirken so nachgiebig, als seien sie bereits im Neuwagen durchgesessen. Die unbefriedigende Polsterung stört besonders, weil es auch mit dem Federungskomfort des Bravo nicht zum besten bestellt ist. Durch die straffe Federungs- und Dämpferabstimmung, die schon bei der 90 PS-Version des Brava unangenehm auffiel (siehe Vergleichstest in Heft 1/96), zeigt das Fahrwerk auf kleinen Fahrbahnunebenheiten eine unangenehme Stuckerneigung, große Bodenwellen verursachen kräftige Vertikalbewegungen.

Der Mégane poltert zwar über Kanaldeckel hinweg, aber er läßt diese Unart nur hören und nicht fühlen: Er rollt viel geschmeidiger ab und absorbiert schlechte Fahrbahnoberflächen so wirkungsvoll, daß das Wohlbefinden der Insassen trotz der ebenfalls nicht gerade weichen Grundabstimmung kaum beeinträchtigt wird.

Den guten Komforteindruck unterstreichen die funktionellen Bedienungselemente, abgesehen von den zu tief angeordneten Heizungsschaltern und dem linken Lenkstockhebel, der mit der Einschaltfunktion für Licht und Nebelscheinwerfer überfrachtet ist. Beim Fiat wünscht man sich eine Wisch/Waschautomatik für die Scheibenwischer sowie ein Radio mit größeren Tasten, die auch bei Dunkelheit zu finden sind. In diesem Kapitel würde der Renault-Vorsprung größer ausfallen, wenn sich der Motor nicht bei 4500/min ein unangenehmes Vollastdröhnen leisten würde, das vor allem auf der Autobahn zu erheblicher Geräuschbelästigung führt. Der Bravo-Vierzylinder ist zwar auch kein Leisetreter, aber sein sportlich angehauchter Ton bleibt frei von störenden Brummfrequenzen. Mit den 90 PS, die in beiden Fällen aus 1,6 Liter Hubraum entwickelt werden, sind Bravo und Mégane für die große Fahrt hinreichend gerüstet. Der Fiat, im Gegensatz zum Renault mit Vierventiltechnik ausgerüstet, vermittelt allerdings durch sein direkteres Ansprechverhalten eine Spur mehr Temperament und ermöglicht mit der besseren Elastizität im fünften Gang die schaltfaulere Fahrweise.

Daß der Mégane mehr Sportsgeist mitbringt als der Fiat, beweist er in erster Linie durch sein agiles Fahrverhalten. Mit seinem nahezu neutralen Eigenlenkverhalten ermöglicht er in Kurven hohe Querbeschleunigung, und er läßt sich auch durch plötzliches Gaswegnehmen nicht aus der Ruhe bringen, während der Bravo leichte Lastwechselreaktionen zeigt. Die gute Handlichkeit wird durch die präzise und direkt ansprechende Servolenkung zusätzlich unterstrichen. Die Fiat- Lenkung ist zwar leichtgängiger, aber auch sensibler: Auf Korrekturen bei hoher Geschwindigkeit reagiert sie um die Mittellage nervös. Die geringen Lenkkräfte können auch nur teilweise kaschieren, daß der Fiat durch sein stärker untersteuerndes Fahrverhalten unhandlicher ist als sein französischer Konkurrent. Den Vorsprung in den Fahreigenschaften baut der Mégane durch bessere Bremsen aus. Zwar reagiert er auf Belastung mit meßbarem Fading, aber der Fiat zeigt weniger Standfestigkeit: Bei erhitzten Bremsen verzögert er nur noch mit 8,2 m/s2 (Mégane: 8,7 m/s2). Seinen knappen Sieg sichert sich der Mégane nicht zu- letzt durch den niedrigeren Verbrauch: Mit 8,5 Liter Benzin auf 100 Kilometer zählt er zu den sparsamen Autos in der 90 PS-Klasse.

Der Bravo erweist sich mit 9,8 Liter/100 Kilometer als unzeitgemäß durstig. Durch die höheren Kraftstoffkosten verliert er auch seine wirtschaftlichen Vorteile, die sich mit dem um knapp 800 Mark niedrigeren Preis und der besseren Ausstattung (Radio und elektrische Fensterheber vorn Serie) begründen lassen. Der Beifahrer-Airbag, für den Fiat bis vor kurzem noch zusätzlich 200 Mark Aufpreis verlangt hat, zählt mittlerweile genauso zum Serienumfang wie der Fahrer-Airbag. Beim Renault waren die beiden Luftsäcke von Anfang an im Preis enthalten.

Mit Vorteilen im Komfort, in den Fahreigenschaften und den Kapiteln Sicherheit und Umwelt sowie der Wirtschaftlichkeit hat der Mégane in diesem Vergleich die Nase um einen hauchdünnen Punkt vorn. Wenn Renault das Platzangebot im Innenraum großzügiger bemessen hätte, wäre der Vorsprung gegenüber dem Fiat Bravo größer ausgefallen. So bleibt der Coach in erster Linie ein Fall für zwei.

Fazit

1. Fiat Bravo 1.6 16 V SX
99 Punkte

Günstiger Preis, gutes Raumangebot, gute Kopffreiheit im Fond, Motor mit guter Leistungscharakteristik, leichtgängige Schaltung, reichhaltige Ausstattung. Unbequeme Sitze, eingeschränkter Federungskomfort auf kurzen und langen Bodenwellen, Bremsen mit Fadingneigung, zu hoher Benzinverbrauch.

2. Renault Mégane 1.6e Coach
100 Punkte

Ausgeprägte Handlichkeit, sehr präzise Servolenkung, weitgehend neutrales Eigenlenkverhalten, gute Sitze, niedriger Verbrauch, Bremsen mit geringem Fading. Sehr knappes Raumangebot auf den Rücksitzen, schlechter Einstieg in den Fond, enger Kofferraumausschnitt, Motor im oberen Drehzahlbereich brummig.

Technische Daten
Renault Mégane Coach 1.6e Evado Fiat Bravo 1.6 16V SX
Grundpreis 14.265 € 13.570 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 3931 x 1696 x 1366 mm 4025 x 1755 x 1420 mm
KofferraumvolumenVDA 288 l 280 bis 630 l
Hubraum / Motor 1598 cm³ / 4-Zylinder 1581 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 66 kW / 90 PS bei 5000 U/min 66 kW / 90 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 187 km/h 180 km/h
0-100 km/h 11,5 s 11,4 s
Verbrauch 7,3 l/100 km
Testverbrauch 8,5 l/100 km 9,8 l/100 km
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