Doppeltest Fiat Multipla JTD 105 gegen Renault Mégane Scénic 1.9 dTi

Mit dem Fiat Multipla JTD 105 ELX und dem Renault Mégane Scénic 1.9 dTi treffen der Vorreiter und der stilistisch extremste Vertreter der Minivan-Welle aufeinander. Ein Vergleich der Dieselversionen.

Breit, hoch und eckig kommt der Fiat Multipla daher. Ein Blickfang ist er aber nicht nur deshalb, sondern auch wegen seiner skurril anmutenden Design- Elemente wie der mit Fernscheinwerfern bewaffneten Blechwurst zwischen Windschutzscheibe und tief angesetzter Gürtellinie. Letztere läßt die Seitenscheiben zu ansehnlicher Größe wachsen – und die Insassen sich womöglich fragen, ob vielleicht sie es sind, die da von draußen angestarrt werden wie Fische im Aquarium.

Dem Renault Mégane Scénic sieht man dagegen den Van nicht sofort an. Nicht, daß er winzig wäre, aber er erinnert doch mehr an einen etwas aufgequollenen Kompakt-Kombi, weil ihm neben der Größe auch der kantige Nutzfahrzeug-Charakter der echten Vans à la Renault Espace abgeht. Solche Unterschiede machen sich natürlich auch innen bemerkbar. Fast zwölf Zentimeter mehr Innenbreite im Fiat Multipla rücken das Raumgefühl in die Klasse der Luxuslimousinen, man kann sogar vorn zu dritt nebeneinander sitzen.

Tut man es, macht der positive Eindruck freilich einer gewissen Ernüchterung Platz: Man sitzt plötzlich eng, das Gestühl ist schmal und hart gepolstert. Eine Besonderheit stellt der Beifahrer-Airbag im Multipla dar. Weil er zwei Beifahrer schützen muß, ist er mit 120 Liter Luftvolumen besondern groß ausgeführt. Im Renault scheinen weiche Sitzpolster die Insassen förmlich aufzusaugen, der Sitzkomfort ist besser, der Seitenhalt in Kurven ebenfalls.

Das gilt jedoch nicht für die Sitzposition, die weniger gut gefällt als die im Fiat, vor allem weil der Fahrer, wenn er sein linkes Bein einmal etwas recken will, dazu anhalten und aussteigen muß. Im Fiat geht das auch während der Fahrt. Seine Achillesferse macht sich dafür in der Nähe des rechten Schienbeins des Fahrers bemerkbar: Weil die Pedalerie zu weit hinten sitzt, zwingt Bummeltempo dem Gasfuß eine unnatürliche Abwinkelung auf. Und der schmerzhafte Krampf ist da nur eine Frage der Zeit. Geht es flott voran, macht der Multipla dafür eine um so bessere Figur. Was ihn gegenüber allen anderen Vans auszeichnet, ist sein geradezu sportlich anmutendes Fahrverhalten.

Spontan und agil folgt er willig und präzise jedem Lenkbefehl, mit geringer Seitenneigung und nahezu neutralem Eigenlenkverhalten läßt er sich mühelos um Biegungen aller Art zirkeln. Verkehrte Welt: Ausgerechnet das ungewöhnlich breite Auto fährt sich besonders handlich. Allerdings, und das ist Achillesferse Nummer zwo, ist auch diese Freude nicht ganz ungetrübt.

Daß die Bremsen nicht so gut verzögern, wie der Fahrer sich das für eine forsche Gangart wünscht, ist dabei weniger das Problem. Denn der flotten Fahrt legt der Multipla einen weit wirksameren Riegel vor: Die nur rudimentär vorhandene Seitenführung seiner Sitzgelegenheiten versteht sich nämlich trefflich darauf, Anwandlungen sportlicher Fahrweise bereits im Keim zu ersticken. Von ganz anderem Naturell ist da der Renault Scénic. Hier findet der Fahrer zwar den im Fiat vermißten Seitenhalt, aber die Lenkung geht viel schwerer und spricht aus der Mittellage vergleichsweise indirekt an.

Auch das dämpft die Unternehmungslust, ohne freilich die Fahrsicherheit anzutasten. Das tut schon eher die Bremsanlage, die nicht nur noch etwas schlechter verzögert als die des Fiat, sondern darüber hinaus auch noch harte Beanspruchung mit spürbarem Fading quittiert. Bei verhaltener Fahrt offenbaren die beiden Kontrahenten ebenfalls große Differenzen. Aber jetzt hat eindeutig der Renault die besseren Karten: Sein Federungskomfort darf im Kreise der Vans durchaus als Maßstab gelten, während sich der Multipla mit seiner betont straffen Abstimmung keine Lorbeeren verdienen kann. Zwar paßt sie grundsätzlich gut zum sportlichen Charakter seines Fahrwerks, und auf Au- tobahnen und gut ausgebauten Bundesstraßen versteht der Italiener seine Schwäche auch geschickt zu kaschieren, indem er sich der besonders lästigen Stucker-Erscheinungen enthält.

Aber wenn die Oberflächenqualität der Straße nachläßt, muß der Multipla beim Federn ziemlich Federn lassen. Wie der Renault Mégane Scénic da noch grobe Stöße wegsteckt, ist mindestens eine Klasse besser. Derartige Straßen offenbaren noch etwas anderes, was als ausgesprochen überraschend gelten muß: Der Multipla erweist sich als ungewöhnlich verwindungssteif – nicht nur für einen Fiat, sondern auch für einen Van.

Das Geheimnis liegt in seinem Aufbau, der sich am besten als mit Blech beplanktes Stahlträger-Fachwerk beschreiben läßt. Merke: Spaceframe muß nicht immer aus Aluminium sein. Der Nachteil der soliden Bauweise zeigt sich indirekt an der Tankstelle. 150 Kilogramm Mehrgewicht gegenüber dem Renault verlangen, unterstützt vom ebenfalls nicht ganz zu vernachlässigenden Luftwiderstand, nach entsprechender Antriebskraft. Die 7,8 Liter Diesel, die das Common Rail-Aggregat auf 100 Kilometer konsumiert, mögen zwar akzeptabel erscheinen, aber der Scénic begnügt sich mit 6,4 Liter. Das sind fast 20 Prozent weniger. Mehrgewicht drückt auch auf die Fahrleistungen.

Daß dies hier nur in geringem Umfang festzustellen ist, liegt an der erheblich kürzeren Getriebeübersetzung des Multipla: Bei 3000 Touren läuft er im fünften Gang 125 km/h, der Renault ist da bereits 141 km/h schnell. Das höhere Drehzahlniveau im Fiat führt indes zu keinen Störungen akustischer Natur.

Das 1,9 Liter große Triebwerk gefällt vielmehr mit ruckfreier Gasannahme und durch die Abwesenheit von Vibrationen, der Vergleich mit der sprichwörtlichen Nähmaschine ist nicht verkehrt. Als Sahnehäubchen enthält sich das steif wirkende Multipla-Gehäuse auch noch jeglicher Resonanzen. Der Komfort-Künstler Scénic tut sich da hörbar schwerer. Spürbare Vibrationen und eine leichte Dröhnneigung der Karosserie kosten ihn Punkte. Der Fiat Multipla kostet mit der getesteten ELX-Ausstattung 2400 Mark mehr als der Renault Scénic.

Aber allein schon die hierin enthaltene Klimaanlage macht den Mehrpreis wett. Die Kostenwertung gewinnt – Verbrauch, Versicherung und Wiederverkauf lassen grüßen – dennoch der Renault. Sieger nach Punkten wird aber der Fiat, und zwar nicht nur in der Gesamtwertung, sondern auch bei der Beurteilung der Eigenschaften. Wer sich dennoch lieber für den Renault entscheidet, der braucht sich keine grauen Haare wachsen zu lassen. Denn nach knapp dreijähriger Bauzeit macht der Scénic immer noch eine gute Figur. Trotzdem ist im Herbst das erste Facelift geplant.

Fazit

1. Fiat Multipla JTD
553 Punkte

Der ungewöhnliche Van bietet zwar einen hohen Aufmerksamkeitswert, aber er gefällt sicher nicht jedem. Die größten Vorzüge sind das sportliche Fahrwerk und das großzügige Raumangebot. Beide konterkariert er freilich selbst: mit Sitzen, die zu wenig Seitenhalt bieten und der Tatsache, daß zwei Beifahrer vorn das Raum-Plus rasch aufzehren. Ein Highlight ist der sehr laufruhige Motor.

2. Renault Mégane Scenic dTi
547 Punkte

Der kompakte französische Van gefällt in erster Linie mit seinem hervorragenden Federungskomfort und komfortablen Sitzen. Der laute Motor trübt zwar das Komforterlebnis etwas, dafür ist er aber sehr sparsam. Auf der Habenseite steht außerdem das sichere Fahrverhalten mit stabilem Geradeauslauf. Dringend verbesserungsbedürftig ist jedoch die fadingempfindliche Bremsanlage.

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Technische Daten
Fiat Multipla JTD 105 ELX Renault Mégane Scénic 1.9 dTi RN
Grundpreis 20.196 € 17.793 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 3994 x 1871 x 1695 mm 4134 x 1719 x 1600 mm
KofferraumvolumenVDA 430 bis 1850 l 410 bis 1800 l
Hubraum / Motor 1910 cm³ / 4-Zylinder 1870 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 77 kW / 105 PS bei 4000 U/min 72 kW / 98 PS bei 4000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 170 km/h 174 km/h
0-100 km/h 14,0 s 13,2 s
Verbrauch 6,4 l/100 km 6,2 l/100 km
Testverbrauch 7,6 l/100 km 6,4 l/100 km
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