Doppeltest Fiat Seicento gegen Hyundai Atos

Der italienische Fiat Seicento und der Hyundai Atos aus Korea wollen den Kleinwagen-Markt beleben. Ihre gemeinsame Domäne ist der Stadtverkehr, doch ihre Konzeption weist Unterschiede auf.

Am tollsten wirken Kleinstwagen in den virtuellen Welten der Werbung. Dort dürfen sie klein und putzig sein, frech und sympathisch, praktisch und bescheiden. Im wirklichen Leben stellt sich nach kurzer Fahrt heraus, daß es auch in diesem Marktsegment keine Wunder gibt. Kleine und preisgünstige Autos sind eben auch klein und billig. Auch der Fiat Seicento, der 600er unter den Kleinen, und der Hyundai Atos entkommen diesen Eigenschaften nicht. Der getestete Fiat Seicento SX mit 40 PS starkem 899 cm3-Motor ist 3,32 Meter lang und kostet 15 340 Mark.

Der Hyundai Atos ist 3,50 Meter lang, wird von einem 55 PS starken 999 cm3- Triebwerk angetrieben, kostet als GL 15 990 Mark und in der etwas besseren GLS-Ausstattung 17 990 Mark. Beide betonen ihr Der-beste- Freund-des-Stadtmenschen- Image durch ein äußerliches Flair, das wie eine Kombination aus Barbie-Puppe und Junior- Tüte wirkt. Der rundliche Seicento lächelt von den Lufteinlaßschlitzen über die Scheinwerfer bis zur lukenhaft runden Heckklappe. Der Atos ist eine Liebling-ich-habe-den-Minivangeschrumpft- Miniatur eines viertürigen Automobils mit der Höhe eines Doppeldecker-Busses, nämlich 1,61 Meter. Der Schein blättert, sobald die kleine Welt von innen erlebt wird. Die Karosserie des Atos ist nach vorne unübersichtlich, die Sitzposition unglücklich bis gewöhnungsbedürftig. Hohe Sitzflächen und eine wie im Lastwagen steil stehende Lenksäule sparen zwar Platz für den Fond, allerdings auf Kosten einer merkwürdig gespannten Sitz- und Hockhaltung des Fahrers.

Wird nicht mit aufgesetztem Zylinderhut oder toupierten Haaren gefahren, kann die opulente Kopffreiheit sowieso nicht genutzt werden. Der Seicento bietet vorne bessere Sitzverhältnisse, der Atos hinten. Der Seicento ist hinten zwar zwölf Zentimeter breiter, aber der marginale Beinraum ist erwachsenen Fondpassagieren bloß auf sehr kurzen Strecken zumutbar. Die Ausstattung wirkt in beiden Autos karg und billig. Im Atos fehlt ein Drehzahlmesser, im Seicento ein Heckscheibenwischer. Hyundai scheint außerdem nicht nur beim Preis zu sparen, sondern auch mit den Ablagen. Erst nach dem Studium der Gebrauchsanleitung lassen sich versteckte Schubladen unter den Vordersitzen entdecken. Praktisch nutzbarer Gepäckraum entsteht nach dem Umklappen der Rücksitzbänke, beim Fiat gibt es eine asymmetrisch geteilte Lehne wenigstens gegen 323 Mark Aufpreis. 

Die große Heckklappe des Atos erweist sich als äußerst unpraktisch. Sie läßt sich nur widerwillig öffnen, um dann waagrecht in Kopfhöhe stehenzubleiben. Auch die Fahrwerke müssen mit dem Notwendigsten auskommen. Die vier einzeln aufgehängten Räder des Fiat sind bescheiden geführt, vorn an Quer-, hinten an Längslenkern. Der Atos leistet sich hinten noch eine Starrachse. Federn und Dämpfer kommen aus dem Kleinwagenregal, vorne als McPherson-Federbeine, hinten sind Schraubenfedern und Stoßdämpfer separiert.

Immerhin investiert Hyundai bei den vorderen Scheibenbremsen in eine Innenbelüftung und beim Modell GLS in ein ABS für 650 Mark Aufpreis. Bei Fiat ist es sechs Mark teurer, aber erst ab Sommer lieferbar. Beide Automobile leisten sich im Fahrverhalten gravierende Schwächen, die durch die Billig-Konstruktion allein nicht zu erklären sind. Beim VDA Ausweichtest ähnelt der Atos seinem optisch größeren Bruder, der kippeligen Mercedes A-Klasse der ersten Stunde. Der Hyundai reagiert äußerst kritisch und neigt zum Kippen. Kurzer Radstand, schmale Spur, hoher Schwerpunkt, starke Roll- und Querneigung ergeben zwangsläufig eine Instabilität, die im Extremfall erst dann beendet sein kann, wenn der Atos auf der Seite liegt.

Der Fiat Seicento kommt beim Bremsen ins Trudeln. Hält er in der Verzögerung aus 100 km/h mit kalter Bremse und unbeladen einigermaßen mit dem Atos mit, versagen seine unbelüfteten Scheibenbremsen vorn und Trommelbremsen hinten ohne ABS, wenn mit Zuladung oder warmer Bremse verzögert werden muß. Zwar ist beim Fiat die Lenkung indirekt und in der Mittellage gefühllos, das Fahrverhalten an sich aber direkt und gefühlvoll. Holpert der Seicento leer noch unnachgiebig über Bodenwellen, so gewinnt er in beladenem Zustand doch so etwas wie Fahrkomfort.

Beim Atos, der etwas weniger Zuladung als der Seicento verträgt, geht das Fahrwerk beladen über Bodenunebenheiten in die Knie, und die Federn gehen auf Block. Ebenfalls störend ist die Windempfindlichkeit seiner hohen und schmalen Karosse, die auf der Autobahn im Sog der Lastwagen wie ein Segel wirkt. Die Einflüsse des Frontantriebs auf die Lenkung sind beim Atos deutlich unangenehmer, und auch die geringe Traktion auf nasser Straße weist ihn als Minimalisten des Frontantriebs aus. Die Vierzylinder-Triebwerke haben weniger Hubraum als die Maß Bier Inhalt, nämlich nicht einmal einen Liter. Bescheidene Hubraumwerte und bescheidene Motorleistungen führen zu Fahrleistungen, die ebenso bescheiden sind, wenn die Kleinen aus ihrem engen Stadtrevier hinaus in die große weite Welt fahren.

Im 40 PS starken Seicento sind Überholvergänge auf Landstraßen und Autobahnen ein Geduldsspiel, das zum Nervenkitzel werden kann. Der nicht gerade taufrische Fiat- Motor läßt sich weniger Vibrationen anmerken als das modernere Hyundai-Triebwerk. Auch Getriebe und Schaltung des in Polen montierten Fiat sind besser als im Hyundai. Dessen lauter Motor würde von der Charakteristik besser in ein Motorrad passen. Immerhin liefert der 15 PS stärkere Atos bessere Fahrleistungen und braucht in der Elastizitätsmessung von 80 auf 120 km/h im fünften Gang 22,8 Sekunden, der Seicento dagegen 43,5 Sekunden. Die dürftige Leistungsausbeute führt dazu, daß beide Kleinmotoren über Land drehzahlmäßig strapaziert werden müssen, um mitzuschwimmen.

Dies hebt den Benzinverbrauch ungebührlich an: 7,4 Liter/ 100 km schluckte der Atos im Test, sieben Liter der Seicento. Trotz seiner eklatanten Bremsschwäche ohne ABS und des brustschwachen Motors schneidet der Fiat Seicento in diesem Vergleich etwas besser ab als der teurere und größere Hyundai Atos. Zum besseren Fahrverhalten und der besseren Verarbeitung addieren sich beim kleinen Polen mit dem Fiat- Wappen Vorzüge im Detail. Damit die Vorteile des Atos – vier Türen, etwas besseres Raumangebot im Fond, mehr Kofferraum – auch wirklich genutzt werden können, müssten die Fahrwerks-Schwächen ausgemerzt werden. In beiden Autos macht der Kleinwagen-Bonus nur in Städten mit wenig Parkraum annähernd soviel Spaß wie in der Werbung, außerhalb von Ballungsgebieten ist die kleinere – noch – die schlechtere Figur. Wer nach Alternativen in dieser Preiskategorie sucht, sollte sich in einer größeren Klasse informieren – bei den Gebrauchtwagen. 

Fazit

1. Fiat Seicento SX
457 Punkte
2. Hyundai Atos GLS
444 Punkte
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Technische Daten
Fiat Seicento SX Hyundai Atos 1.0 GLS
Grundpreis 7.920 € 9.709 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 3319 x 1508 x 1445 mm 3495 x 1495 x 1615 mm
KofferraumvolumenVDA 170 bis 810 l 263 bis 1084 l
Hubraum / Motor 899 cm³ / 4-Zylinder 999 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 29 kW / 40 PS bei 5500 U/min 40 kW / 55 PS bei 5500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 140 km/h 142 km/h
0-100 km/h 22,1 s 14,3 s
Verbrauch 6,1 l/100 km 6,4 l/100 km
Testverbrauch 7,0 l/100 km 7,4 l/100 km
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