Doppeltest Jaguar S-Type 4.0 V8 gegen Jaguar XJ 3.2 V8

Jahrelang herrschte bei den Limousinen mit der Wildkatze im Signet eine reine Monokultur, jetzt darf wieder gewählt werden. Jaguar XJ und S-Type im Doppeltest.

Es ist ein Wettstreit auf einem Niveau, auf dem Image oft eine größere Rolle spielt als Geld. Doch 6600 Mark Preisunterschied liegen außerhalb des Peanuts-Bereiches, wenn es sich im einen wie im anderen Fall um ein echtes Prestige- Objekt handelt.

Seit der Markteinführung des neuen S-Type im März finden sich bei Jaguar im Segment der Luxuslimousinen erstmals zwei Kaufalternativen: zum einen der vor Jahresfrist überarbeitete XJ mit 3,2-Liter-V8 (als gut ausgestatteter Executive für 99 600 Mark) und außerdem besagter S-Type, in Verbindung mit dem Vierliter- V8 und dem Executive-Paket 93 000 Mark teuer. Damit stehen trotz der Familienzugehörigkeit zwei ganz unterschiedliche Charaktere zur Wahl. Auf der einen Seite der XJ: Seine langgestreckte, flache Karosserie verströmt schlichte Eleganz.

Ein schnörkelloses Design ohne überflüssige Gimmicks, ganz im Sinne britischen Understatements. Gleich daneben der S-Type, der etwas pummelig und hoch aufgeschossen wirkt. Sein Äußeres fängt die Augen des Betrachters mit allerlei Chrom- Elementen, Sicken und Linien. Ganz klar ein Hingucker, aber damit auch weit entfernt von der vornehmen optischen Zurückhaltung des XJ.

Große Unterschiede auch im Innenraum. Während der XJ seit seinem Erscheinen Mitte der achtziger Jahre Fahrer und Beifahrer nötigt, die Beine in enge Schächte zu schieben, herrscht im S-Type spürbar mehr Beinfreiheit, auch wenn sich das Raumangebot insgesamt nur wenig großzügiger präsentiert. Dennoch sitzt man in der neuen Limousine viel besser als in der alten, deren Sitz- und Lenkradposition nur ausgemachte XJ-Fans zufrieden stellt. Der alte Jaguar lässt außerdem stark in der Bedienungsfreundlichkeit zu wünschen übrig.

Die Mittelkonsole ist überfrachtet mit nahezu identischen Schaltern, die eine eindeutige Zuordnung zu ihrer Funktion während der Fahrt praktisch unmöglich machen. Im S-Type dagegen sind einzelne Gruppen zusammengefasst, und es herrscht auch ohne Seitenblick stets Klarheit darüber, ob man zum Radio oder zur Klimaanlage greift. Die unglückliche Position – teilweise vom Lenkrad verdeckt – und die ungenügende Größe des Warnblinklichtschalters muss sich der S-Type allerdings ankreiden lassen.

Bei einem Jaguar klingt diese Kritik in manchen Ohren womöglich etwas kleinlich, besonders dann, wenn an eine Chauffeurs-Limousine gedacht wird. In diesem Fall kommt es natürlich vielmehr auf die Qualitäten der zweiten Reihe an. Hier kann der S-Type punkten, auch wenn die Beinfreiheit auf seiner Rückbank geringfügig kleiner ist als im XJ. Die Sitzposition macht den Unterschied. Während die Beine im SType eine ganz entspannte Haltung einnehmen, kauert man im Fond des XJ förmlich. Wer sich im XJ fahren lassen will, sollte also unbedingt zusätzliche 7900 Mark für die Langversion (plus 12,5 Zentimeter) ausgeben. Allerdings ändert das verlängerte Chassis nichts an der Kopffreiheit, die sowohl im XJ wie auch im S-Type bestenfalls als durchschnittlich gelten darf.

Eine Limousine für 100 000 Mark muss sich mit hohen Qualitätsmaßstäben messen lassen. Ein Kapitel, das der XJ scheinbar klar dominiert. Denn beim genauen Hinschauen entdeckt man an manchem Kunststoffteil im S-Type-Cockpit noch kleine Gussgrate, und auch die Passungen der einzelnen Teile wirken nicht so exakt bemessen wie im XJ. Hier ist die ganze Verarbeitung gediegener und spiegelt die Routine wider, die die Monteure beim jahrelangen Zusammensetzen des Jaguar-Klassikers erworben haben dürften. Aber über die Qualität kann nicht allein nach Augenschein entschieden werden. Das Bild wandelt sich, wenn man die V8-Motoren anlässt und die Katzen über schlecht asphaltierte Landstraßen scheucht. Hier erzittert der XJ spürbar, das Auto wirkt im direkten Vergleich regelrecht weich. Dem Qualitätsanspruch nicht eben zuträglich ist auch das Poltern auf Fahrbahn-Unebenheiten, das allerdings auch beim S-Type nicht zu überhören ist. So gewinnt der steifere Neue das Qualitätskapitel, Raum für Verbesserungen bieten jedoch beide.

Wer die Domäne des XJ erfahren möchte, sollte sich mit ihm auf die Autobahn begeben. Hier findet das Fahrwerk jene langen Wellen vor, die es sehr geschmeidig und ohne nachzuschwingen wegdämpfen kann.

Querfugen und raue Fahrbahnoberflächen dagegen führen zu Stuckern und lauten Abrollgeräuschen. Grobe Unebenheiten bringen die XJ-Federung gar an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Bis auf die etwas steiferen Reaktionen auf lange Bodenwellen ist der S-Type überlegen.

Ein Stuckern der Lenkung ist ihm fremd, er schont die Nerven der Passagiere, weil er leiser abrollt und sich schlechten Wegstrecken gewachsen zeigt, ohne dass die Räder bis an die Anschläge einfedern. Von seiner starken Seite zeigt sich der S-Type (276 PS) auch im Antriebskapitel. Ihm stehen 39 PS mehr als dem XJ (237 PS) zur Verfügung, bei nahezu identischen Fahrzeuggewichten ein ordentliches Plus. Schon die Messwerte sprechen eine deutliche Sprache, subjektiv wirkt der Vierliter- Jaguar aber noch viel kräftiger als der 3,2-Liter-Konkurrent. Überholvorgänge lassen sich im S-Type schneller abschließen, und die Automatik muss dank höherem Drehmoment – 378 statt 310 Nm – seltener die Gänge wechseln.

Wegen der kaum spürbaren Schaltrucke stören die zusätzlichen Gangwechsel im XJ nur wenig. Beide Fünfstufen-Automatikgetriebe beherrschen ihre Aufgabe nahezu perfekt, sprechen aber etwas verzögert an. Erstaunlicherweise lassen sich bei der Laufkultur der V8- Motoren Unterschiede herausfiltern. Der Vierliter im S-Type ist ein wahrer Musterknabe und hält sich ganz im Hintergrund. Der technisch weitgehend identische 3,2-Liter im XJ weist dagegen leichte Vibrationen auf. Auch dafür dürfte die weiche Karosserie verantwortlich sein, die durch die Motorschwingungen angeregt wird. Beide Motoren sind jedoch ausgesprochene Leisetreter.

Allerdings konsumiert der kleinere Motor weniger Benzin. Aber auch einen Testverbrauch von 14 Liter/100 km kann man trotz 1750 Kilogramm Gewicht und der möglichen Fahrleistungen kaum noch als angemessen gelten lassen. Der S-Type mit dem Vierliter-V8 genehmigt sich auf derselben Strecke sogar zusätzliche 0,7 Liter. Spitzenwerte – diesmal im positiven Sinne – liefert der SType auf anderem Gebiet. Seine Bremsanlage verzögert, selbst unter starker Belastung, gleich bleibend sehr gut.

Die Bremsen des XJ beißen dagegen mit zunehmender Erwärmung immer zahnloser zu. So mühelos wie das Bremsenkapitel gewinnt der S-Type den direkten Vergleich mit dem XJ. Für den nüchtern denkenden Kunden ist der S-Type also die bessere Alternative. Dennoch wird er eher Neukunden für Jaguar gewinnen als dem XJ Käufer abspenstig machen. Sie verzeihen ihrer Großkatze schon aus Gewohnheit die vielen Unzulänglichkeiten.

Fazit

1. Jaguar S-Type V8
586 Punkte

Neu und besser, auf diese Formel kann man den kleinen Jaguar reduzieren. Unter rationalen Gesichtspunkten ist er dem XJ in beinahe jeder Hinsicht überlegen und damit der bessere Kauf, zumal er 6600 Mark günstiger ist. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten relativiert sich damit der höhere Verbrauch. Auch das knappe Raumangebot ändert nichts am Sieg des S-Type, weil im XJ noch weniger Platz zur Verfügung steht.

2. Jaguar XJ 3.2
543 Punkte

Der XJ wird seinem Ruf als sanft dahingleitende Raubkatze nur noch bedingt gerecht. Selbst als großer Reisewagen kann er sich gegen den eine Fahrzeugkategorie kleineren S-Type nicht durchsetzen. Seine ansprechend gezeichnete Karosserie bietet wenig Innenraum und verdirbt den guten optischen Qualitätseindruck durch mangelhafte Steifigkeit. Dem 3,2-Liter-V8 fehlt es im Vergleich zum 4.0-V8 im S-Type an Durchzugskraft.

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Technische Daten
Jaguar S-Type V8 Jaguar XJ 3.2 Executive
Grundpreis 50.822 € 55.986 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4861 x 1819 x 1441 mm 5024 x 1799 x 1314 mm
KofferraumvolumenVDA 385 l 430 l
Hubraum / Motor 3996 cm³ / 8-Zylinder 3248 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 203 kW / 276 PS bei 6100 U/min 174 kW / 237 PS bei 6350 U/min
Höchstgeschwindigkeit 240 km/h 225 km/h
0-100 km/h 7,6 s 9,2 s
Verbrauch 12,4 l/100 km 11,9 l/100 km
Testverbrauch 14,7 l/100 km 14,0 l/100 km
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