Doppeltest Mercedes E 320 gegen Mercedes S 320

Eine Begegnung groß gegen klein ist dies nicht gerade, eher schon groß gegen sehr groß. Die renovierte Mercedes S-Klasse findet nicht nur bei BMW und Audi Konkurrenten, sondern auch im eigenen Lager. E-Klasse heißt der große neue Verführer.

Seit Debüt der neuen E-Klasse sieht man Mercedes mit anderen Augen, sogar die SKlasse. Die anfangs hitzig geführten Diskussionen um ihre Abmessungen und ihr Gewicht finden nun seltener und in milder Form statt. Das 5,11 Meter- Schiff, nicht nur mit dem Zwölfzylinder über zwei Tonnen schwer, hat sich als sachlich schwer zu übertreffendes Produkt erwiesen. Es kommt hinzu, daß trotz aller Klobigkeit im Design ein klares optisches Rangabzeichen geschaffen wurde – für den auf Symbole achtenden homo sapiens Signal: Hier kommt die Oberklasse. Verwechslungen unmöglich.

Auch die neue E-Klasse ist unverwechselbar, aber auch unverwechselbar darunter postiert. Das Rundscheinwerfer- Design, das Mercedes in der Werbung so betont, als habe man diese Art Styling zuerst entdeckt, tut das seine, den Rest besorgen die Außenabmessungen. Denn obwohl gewiß nicht zierlich geraten, zeigt E im direkten Vergleich mit S doch jene Zurückhaltung, die für nicht wenige Automobilkäufer als oberste Grenze gelten: Länge 4,79 Meter statt 5,11, Breite 1,81 Meter statt 1,88, Höhe 1,43 Meter statt 1,49. Auch der Radstand ist bescheidener, 2,83 Meter zu 3,04. Doch Außenabmessungen sind allenfalls das, was man im traditionellen Wertedenken zur Repräsentation braucht.

Gerade die auf die Spitze getriebene Raumökonomie moderner Kleinwagen à la Renault Twingo zeigt, wie wenig Verlaß im raumökonomischen Sinne auf Längenzentimeter ist. Ein so krasses Beispiel ist der neue E 320 natürlich nicht geworden, aber er zeigt doch, verglichen mit der Staatskarosse S, ein denkbar günstigeres Verhältnis zwischen Abmessungen und Innenraum. Ein- und Ausstieg vollziehen sich bei ihm in gleicher Güte wie beim Flaggschiff, der Knieraum ist samt Kopffreiheit dem der S-Klasse ebenbürtig, allein in der Innenraumbreite gibt es Abstriche.

Sie fallen in Zentimetern deutlicher aus als bei praktischer Nutzung, aber auch hier zeigt sich, daß die E-Klasse schon all das bietet, was man zum anspruchsvollen Reisen benötigt. Die Raumverhältnisse sind großzügig – mehr ist in der Praxis kaum von Nutzen. Dies gilt sogar für den Kofferraum; 500 Liter passen in die E-Klasse, 525 in den S. Daß das Wohlfühlen in einem Auto in hohem Maße von Ergonomie und dem Stil des Interieurs beeinflußt wird, ist kein Geheimnis – ebensowenig wie die Tatsache, daß sich Mercedes- Autos ganz unterschiedlicher Preisklassen im Ambiente nicht viel voneinander unterscheiden. Bei E und S ist es genauso; Schalter und Hebel liegen an den gleichen Stellen, die Bedienung gibt weder im E noch im S Rätsel auf.

Auch das sogenannte Raumgefühl spricht nicht gegen das kleinere Modell. Man spürt die räumliche Großzügigkeit, dazu gibt es als optische Dreingabe aus Fahrerperspektive einen steten Blick auf den kühnen Schwung der neuen Kotflügelpartie, dem die S-Klasse nur die Massigkeit ihres ausladenden Vorbaus entgegenzusetzen hat. Unter dem Strich profitiert das Fahrgefühl von der relativen Zierlichkeit der neuen EKlasse. Man hat das Auto sozusagen auch psychisch besser in der Hand – ein Eindruck, der spätestens beim Parken zur physischen Gewißheit wird. Aber man hat auch unterwegs etwas von der weit größeren Kompaktheit. Wie leichtfüßig sich die E-Klasse um Kurven fahren läßt, wie präzise ihre neue Zahnstangenlenkung anspricht – das ist, zusammen mit dem viel besseren Handling, gerade von der S-Klasse nicht nachzuvollziehen. Ihre Pluspunkte sind der bessere Geradeauslauf, die geringeren Windgeräusche, die geringere Seitenwind-Empfindlichkeit und, am klarsten, der nochmals bessere Federungskomfort.

Die Meßlatte liegt ja dank der neuen E-Klasse schon sehr hoch. Doch was der dicke S diesbezüglich zu bieten hat und was sich am klarsten auf den selten gewordenen Landstraßen zweiter Ordnung offenbart, liegt noch eine Klasse darüber. Hier zeigt der Oberklasse- Dampfer eine ähnlich klare Überlegenheit wie die E-Klasse im Handling. Es bleibt also dabei, daß Komfortansprüche immer noch am besten im ranghöchsten Mercedes befriedigt werden können, wie – ganz gemäß dem alten Spruch von Ex- Mercedes-Chef Werner Breitschwerdt: „In dem bisch ausg’ruht“ – immer schon. Ansonsten hat das Topmodell mit dem ausgefeilten Newcomer so seine Probleme. Die Fahreigenschaften sind genauso zu sehen, eigentlich untadelig bei der S-Klasse, aber beim E-Modell eben noch etwas untadeliger. Richtungswechsel gelingen leichter, und die Neutralität in schnell gefahrenen Kurven ist kaum zu übertreffen.

Die S-Klasse läßt bei unstandesgemäßer Schnellfahrt gerade in engen Biegungen ihr Gewicht spüren und beginnt über die Vorderräder zu schieben. Für den Fahrer erfordert das mehr Aufmerksamkeit, auch mehr Arbeit, während der E-Pilot tempogleich eher Vergnügen empfindet. Auch das Motorvergnügen spielt emotional und, wie die Punktewertung belegt, auch sachlich eine Rolle. Denn wenn zwei das gleiche tun, ist dies doch nicht immer gleich. Der Grund, weshalb das Motor-Erlebnis im E auch in Automatikversion ganz anders ist als im S, liegt hauptsächlich darin begründet, daß der 3,2 Liter große Sechszylinder mit vier Ventilen pro Zylinder im Falle des Flaggschiffs ziemlich exakt 400 Kilogramm mehr zu schleppen hat.

Da hilft es nicht viel, wenn der S-Sechszylinder mit 231 PS bei 5600/min nominell ein bißchen mehr Power hat als der E mit seinen 220 Pferdestärken. E geht mit seiner hervorragend funktionierenden Fünfgang-Automatik nicht nur bei den Meßwerten klar in Führung (null auf 100 km/h 7,6 Sekunden statt 8,9), sondern auch gefühlsmäßig. Leicht stürmt die neue Mercedes-Mitte dahin und hat, nicht zuletzt aufgrund ihres exzellenten cW- Werts von nur 0,29, dem Dicken bis 180 km/h fast acht Sekunden abgenommen. Er braucht, obwohl mit dem hier noch leiser zu Werke gehenden Sechszylinder beileibe nicht untermotorisiert, eigentlich die Achtzylinder.

Der E ist schon so topmotorisiert und ein Quell hohen Vergnügens, ganz gleich, ob man nun beschaulich oder dynamisch unterwegs ist. Im Verbrauch markiert er mit durchschnittlich 12,5 Liter/100 km eine angemessene Ziffer; der S liegt mit 13,8 Litern stets runde anderthalb Liter darüber – im Verhältnis zu Abmessungen und Gewicht ebenfalls kein schlechter Wert. Der wahrhaft große Abstand erfolgt, bei praktisch gleichem Ausstattungsumfang (unter anderem Traktionssystem ETS, elektrische Fensterheber, Tempomat, ABS, zwei Airbags und Zentralverriegelung), in der Preisliste. Fast 106 000 Mark kostet der S 320, knapp über 77 000 Mark die E-Klasse. Viel Holz – zumal das kleinere Auto in wichtigen Kriterien das bessere Produkt darstellt. Weniger ist also bei diesem Vergleich mehr, auch wenn die schwere S-Klasse in Zukunft das bleiben dürfte, was sie von Anfang an im Modellprogramm war: Platzhirsch.

Fazit

1. Mercedes S 320
105 Punkte

Raumangebot noch etwas größer, gute Fahrleistungen, sehr niedriger Geräuschpegel, überlegener Federungskomfort. Auch durch hohes Gewicht eingeschränkte Handlichkeit, Lenkpräzision geringer, höherer Verbrauch.

2. Mercedes E 320
110 Punkte

Sehr gutes Raumangebot, hohes Komfortniveau, sehr gute Fahrleistungen, exzellente Automatik, günstigerer Preis. Leichte Seitenwind-Empfindlichkeit, etwas schlechterer Geradeauslauf, bei voller Last kräftiges Motorgeräusch.

Technische Daten
Mercedes S 320 Mercedes E 320
Grundpreis 54.774 € 40.192 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 5113 x 1886 x 1486 mm 4795 x 1799 x 1439 mm
KofferraumvolumenVDA 525 l 500 l
Hubraum / Motor 3199 cm³ / 6-Zylinder 3199 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 170 kW / 231 PS bei 5600 U/min 162 kW / 220 PS bei 5500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 225 km/h 235 km/h
0-100 km/h 7,6 s
Testverbrauch 13,4 l/100 km
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