Doppeltest Mercedes SLK 230 K gegen SL 280

Großer SL, kleiner SL – diese Frage stellt sich nach Präsentation des jüngsten Mercedes-Sportwagens namens SLK. Nicht nur Anhänger der reinen Mercedes-Lehre interessiert, ob David neben Goliath bestehen kann, nicht zuletzt deshalb, weil er nur die Hälfte kostet.

Eigentlich sind sie ja unvergleichlich, Mercedes SL und der neue SLK, denn zwischen ihnen liegt das, was normalerweise für die schärfste Trennung sorgt: eine Preisdifferenz ohnegleichen. So etwas kommt in einer Autokategorie nicht allzu oft vor – der eine doppelt so teuer wie der andere, hier gute 60 000 Mark, da über 120 000, hier das bessere Modell, jenes mit Kompressormotor, da die schlichte Einstiegsdroge mit dem vergleichsweise kleinen 2,8 Liter-Sechszylinder. So etwas vergleicht man normalerweise nicht, es schiene wie Äpfel und Birnen. Doch hier liegen die Verhältnisse trotz der gigantischen Kluft in Wertigkeit und Hierarchie ein bißchen anders.

Denn beide Sportwagen aus dem Hause des ältesten Automobilherstellers haben eine ganz ähnliche Aufgabenstellung. Zwei Personen sollen sich an einer der schönsten Nebensachen der Welt erfreuen dürfen, dem offenen Fahren. Sie sollen ihr Gepäck transportieren können, es soll im Bedarfsfall auch schnell gehen können. Das Komfortbedürfnis soll ebenfalls gestillt werden, ebenso wie das nach aktiver und passiver Sicherheit. Warum also nicht vergleichen, auch wenn eine Preisdifferenz besteht, die es dem SLK-Käufer gestattet, noch ein T-Modell der E-Klasse dazuzukaufen?

Daß der große alte SL, Verkaufsschlager über die Jahre seit seinem Debüt 1989, auch in der Basisversion die Spitze der Hierarchie markiert, belegen unzweifelhaft schon seine Abmessungen. Er ist nicht nur einen halben Meter länger als der daneben wie ein zu groß geratenes Schuco-Modell wirkende SLK, sondern auch breiter. Für die Erscheinung auf der Straße ist diese relative Massigkeit nicht ohne Bedeutung. Wer mit dem SL ankommt, dokumentiert jenen automobilen Wohlstand, der den anderen signalisiert, man habe es geschafft. Der SLK kommt anders daher, weniger wohlständisch, aber auch alles andere als ärmlich. Weil er so rar ist, gebührt ihm im Moment sogar weit mehr Aufmerksamkeit.

Doch auch wenn sich dieser Effekt im Zuge der Verbreitung abgenutzt haben wird, ist er der Kleine, man könnte auch sagen der Leichte gegenüber dem Schweren. Die optische Zierlichkeit bleibt natürlich nicht ohne Auswirkungen auf den sachlichen Nutzen. Der SL bietet ein klares Plus im Raumangebot, vor allem in der Innenbreite und im Ladevolumen, das im Gegensatz zu jenem im SLK zweigeteilt ist und durch das ebenfalls automatisch aus- und einfahrende Verdeck nicht beeinträchtigt wird. Auch die Zuladung ist beim SL mit 386 zu 272 Kilogramm erheblich größer. Zwei Kofferräume also im SL (einer hinter den Sitzen, wo der SLK nicht einmal den Platz für eine Jacke aufbietet), eine variable Luke im SLK, die je nach Verwandlungsgrad des Variodachs zwischen 145 (offen) und 350 Liter (geschlossen) faßt, doch auch die Frage: Wieviel Platz braucht der Sportwagen-Mensch? Die Puppigkeit der Gesamtanmutung im Interieur des SLK gibt auch hier eine Antwort. Mehr ist genau genommen nicht nötig, das Auto sitzt wie ein guter Anzug. In der Verdeckbedienung gibt es keine Unterschiede: Da wie dort sorgt ein roter Zauberknopf auf der Konsole für die Aktivierung der elektrohydraulischen Heinzelmännchen, die in Sekundenschnelle kurzen Prozeß mit dem Dach machen. Daß es im Falle des SLK aus Metall ist, markiert den wahren Unterschied, der sich auch in den Phonzahlen dokumentiert.

Trotz seines Vierzylindermotors ist der SLK vor allem bei höherem Tempo erheblich leiser; das Rauschen, das selbst gut gemachte Stoffverdecke verursachen, entfällt hier. Auch in der Verwindungssteifigkeit ist der Kurze dem Langen etwas überlegen. Daß dieser das Karosseriekapitel dennoch knapp für sich entscheidet, liegt vor allem an zwei Dingen: den günstigeren Raumverhältnissen und der größeren Serienausstattung. Dinge wie ABS und Antriebsschlupfregelung haben sie beide, ebenso Airbag für Fahrer und Beifahrer, doch auf Klimaanlage und Sidebags muß der SLK-Fahrer in Basisversion verzichten.

Für den Fall des Falles ist in beiden Fällen durch Überrollbügel gut vorgesorgt. Das offene Fahren ist da wie dort von recht kräftigen Zügen im Interieur gekennzeichnet. Im SL zieht es ein wenig stärker. Mehr noch als der SLK ist er auf ein Windschott angewiesen. Dafür zieht er unter der Motorhaube weniger stark. Auf den ersten Blick scheint das schlechtere Durchzugsvermögen des großen SL sogar unwahrscheinlich, sind doch hier selbst in Basisversion 2,8 Liter Hubraum, sechs Zylinder und exakt jene 193 Pferdestärken am Werk, die auch der 2,3 Liter- Vierzylinder des SLK maximal aufzubieten hat. Doch man darf das um runde sieben Zentner höhere Gewicht nicht außer acht lassen, ebensowenig die büffelhafte Drehmomentcharakteristik des mechanisch aufgeladenen SLK-Triebwerks. Also geht es einmal in nur 10,7 Sekunden von 80 auf 120 km/h im fünften Gang (SLK), während sich der hubraum- und zylinderstärkere Alt-SL jene 13,6 Sekunden genehmigt, mit denen sich auch vergleichbar motorisierte Limousinen aus der Affäre ziehen.

Zusammen mit den weit besseren Beschleunigungszeiten (null auf 100 km/h in 7,2 s beim SLK, SL 8,6 s) wird sehr deutlich, was auch das subjektive Gefühl signalisiert: Das wahre Temperament sitzt im SLK, der SL in Grundmotorisierung ist ein ausreichend kräftiger Gleiter, der seinen Reiz durch die Geschmeidigkeit gerade dieses Sechszylinders und auch dessen Wohlklang bezieht.

Ein bißchen Sound hat der SLK mit Kompressor ja auch, aber er bleibt akustisch eben doch ein Triebwerk mit der Brot-und-Butter- Zylinderzahl vier. Daß er die Antriebswertung dennoch gewinnt, liegt neben den besseren Fahrleistungen auch am Verbrauch, der mit 10,7 Liter/100 Kilometer beinahe zwei Liter unter dem des SL liegt. Dies dient im weiteren Sinne ebenfalls der Freude am Fahren – auch wenn es bei Sportwagen nicht jenen Rang einnimmt, wie etwa das Handling und das Kurvenverhalten. Hier schlägt die Stunde des jungen Frischlings. Wie der SLK einlenkt, wie spielerisch er sich dirigieren läßt, wie sehr er kurzum ein Stück verlängertes Gesäß wird, kann der große Bruder nicht nachvollziehen.

Ein wenig ältlich wirkt er hier im direkten Vergleich – gerade auch, weil er vom Charakter her der Ruhigere ist und diesen Eindruck auch durch seinen besseren Federungskomfort unterstreicht. Selbst wenn er lauter ist als der SLK und im Komfortsinne hier Punkte einbüßt – der ältere Mensch wird sich in ihm wohler fühlen.

Der sachlich bessere Sportwagen heißt jedoch, wie die Punktewertung belegt, SLK, und daß dieses bessere Produkt nur halb so viel kostet, erklärt unter anderem die langen Lieferzeiten von gut anderthalb Jahren. Die Verfügbarkeit des SL ist weit besser. Innerhalb eines Vierteljahres steht er vor der Garage – als Vorratswagen aus dem Pool mitunter schon nächste Woche.

Fazit

1. Mercedes SLK 230
623 Punkte
2. Mercedes SL 280
543 Punkte
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Technische Daten
Mercedes SLK 230 Kompressor Mercedes SL 280
Grundpreis 31.163 € 62.620 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 3995 x 1715 x 1289 mm 4499 x 1812 x 1293 mm
KofferraumvolumenVDA 348 l 260 l
Hubraum / Motor 2295 cm³ / 4-Zylinder 2799 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 142 kW / 193 PS bei 5300 U/min 142 kW / 193 PS bei 5500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 231 km/h 230 km/h
0-100 km/h 8,6 s
Verbrauch 9,3 l/100 km 12,0 l/100 km
Testverbrauch 12,4 l/100 km
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