Doppeltest Mitsubishi Carisma 1800 gegen Volvo S40 1.8i 16 V

Gerade weil Mitsubishi und Volvo sich nicht als unmittelbare Konkurrenten betrachten, kam es zur gemeinsamen Entwicklung einer Mittelklasse-Limousine. Das Projekt brachte Mitsubishi Carisma und Volvo S40 hervor.

Der Mitsubishi Carisma war zuerst da, und er sorgte für betretene Gesichter. Nicht bei der Mitsubishi-Kundschaft natürlich, denn ins Programm der japanischen Firma fügt sich die rundlich gestylte Limousine nahtlos ein. Wohl aber bei der Volvo-Klientel, die mit gelindem Schaudern die Nachricht vernahm, daß die kantigen Schweden ein auf der gleichen Basis entwickeltes Modell auf den Markt bringen würden. Volvo-Grill dran, dazu ein passender Schriftzug – und schon ist aus einem Mitsubishi ein Volvo geworden? Das wäre wahrhaftig zu wenig gewesen, um eine Schwedenlimousine aus echtem Schrot und Korn zu schaffen. Denn im Design haben sich die Nordländer schon immer gern vom gängigen Schema entfernt.


Die Entwarnung kam auf der Frankfurter IAA im Herbst letzten Jahres. Ganz so eckig und typisch wie frühere Volvo- Typen ist der neue S40 zwar nicht geraten, aber man muß den Volvo-Designern doch bescheinigen, auf der gegebenen Grundlage ein völlig eigenständiges, vom Mitsubishi klar abweichendes Erscheinungsbild geschaffen zu haben. Auch im Innenraum zeigt der S40, daß er die bekannten Tugenden der Marke hochhalten will.

Hier herrscht eine durchweg übersichtlichere Gestaltung vor als beim Carisma, der vor allem beim Bedienungsschema der Klimaanlage erkennen läßt, daß die Stylisten ihrem angeborenen Spieltrieb nachgeben durften. Daß – bei vergleichbarem Raumangebot und trotz der etwas üppigeren Serienausstattung des Mitsubishi (siehe Vergleichstabelle) – der Volvo in der Karosseriewertung gleichziehen kann, liegt an solchen Kleinigkeiten, aber auch an habhafteren Details, die in die Beurteilung der Karosseriefunktionalität mit eingehen. Die rundum laufenden Stoßleisten des Volvo etwa beweisen, daß den in einem Autoleben unvermeidlichen kleinen Zwischenfällen Rechnung getragen wurde. Trotzdem bleibt eine gewisse Enttäuschung nicht aus.

Denn die Verarbeitungsqualität der Karosserie ist einem Mitsubishi nicht angemessen und erst recht nicht einem Volvo, der in dieser Beziehung einen sicher noch größeren Vertrauensvorschuß genießt. Beim Carisma fiel beispielsweise die schlechte Lackqualität an den Kunststoffanbauteilen auf, beim S40 dokumentierte ein ständig klappernder Beifahrersitz, daß bei diesem Gemeinschaftsprodukt eine Steigerung der Fertigungssorgfalt höchste Priorität haben sollte. Auch die Fahrqualitäten machen deutlich, daß man es in beiden Fällen mit höchstens durchschnittlichen Autos zu tun hat.


Der Mitsubishi bietet einen akzeptablen, aber wegen der Schwächen der Federung speziell auf kurzen Unebenheiten keinesfalls extra hervorzuhebenden Fahrkomfort. Der Volvo stellt seinen Käufer vor die Wahl, sich zwischen der normalen, etwa dem Mitsubishi entsprechenden Fahrwerksabstimmung oder einem Sportfahrwerk zu entscheiden, das 560 Mark oder, im Paket mit breiteren Reifen (205/50 u 15), Leichtmetallrädern, Lederlenkrad und Nebelscheinwerfern, sogar stolze 2050 Mark Aufpreis kostet.

Der Testwagen, mit all diesen sportlichen Zutaten ausgerüstet, legt eine klare Empfehlung nahe: Finger weg zumindest von der übertrieben straff abgestimmten Sportfederung, denn sie schränkt den Komfort sehr stark ein und sorgt auch auf scheinbar guten Fahrbahnoberflächen für eine ständige, hauptsächlich von der Vorderachse ausgehende Stuckerneigung. gegenüber dem Mitsubishi lassen sich zwar ebenfalls erkennen – in Form eines weniger untersteuernden Eigenlenkverhaltens in schnell gefahrenen Kurven und einer daraus resultierenden besseren Handlichkeit, aber das wiegt die erhebliche Komforteinbuße bei weitem nicht auf.

Die aktive Fahrsicherheit nämlich liegt ohnehin, wie es bei modernen Fronttrieblern nicht anders zu erwarten ist, auf einem hohen Niveau. Zu hohes Kurventempo bewirkt ein verstärktes Schieben über die Vorderräder, wobei Gaswegnehmen die Situation problemlos bereinigt, ohne daß eine überraschende Lastwechselreaktion zu befürchten wäre. Trotzdem erreicht die Punktwertung der Fahreigenschaften kein Niveau, mit dem die Schöpfer dieser neuen Limousinen zufrieden sein könnten.

Das liegt zum einen an der auffallend schlechten Traktion vor allem bei nasser Fahrbahn. Obwohl beide mit ihren 115 PS-Motoren die Haftung der Antriebsräder nicht besonders stark beanspruchen, ist unter diesen Umständen zurückhaltender Umgang mit dem Gaspedal angebracht, um pfeifendes Durchdrehen zu vermeiden. Der zweite Negativpunkt sind die Bremsen. Sie ermöglichen zwar eine gute Grundverzögerung, sobald sie aber thermisch hoch beansprucht werden, läßt die Wirkung deutlich nach. Der Bremszyklus von auto motor und sport – zehn Vollbremsungen aus 100 km/h mit voller Zuladung –, der diese Fadingneigung erkennen läßt, ist hart, kein Frage. Aber auch in dieser Klasse gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Autos, die in der Lage sind, ihn problemlos zu überstehen.


Das Ende der Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Limousinen ist bei der Motorisierung erreicht. Beide besitzen zwar Vierventil-Vierzylinder mit 1,8 Liter Hubraum und einer Leistung von 115 PS, aber schon die Zahl der Nokkenwellen zeigt, daß es sich um grundsätzlich verschiedene Konstruktionen handelt: Beim Mitsubishi-Motor ist nur eine für die insgesamt 16 Ventile zuständig, bei der Volvo-Maschine teilen sich zwei diese Aufgabe. Mehr technischer Aufwand also beim Volvo und auch etwas verheißungsvollere Daten: Sein Vierzylinder entwickelt mehr Drehmoment, überdies auch noch bei einer geringeren Drehzahl.

Womit wieder einmal ein klassisches Beispiel dafür geliefert wird, daß die Fahrpraxis mitunter einen völlig anderen Eindruck vermitteln kann. Denn seinen Drehmomentvorteil verspielt der Volvo mit einer zu langen Übersetzung des fünften Gangs. In der Beschleunigungselastizität zieht ihm der Mitsubishi nicht nur davon, er deklassiert ihn geradezu. Und auch in der reinen Beschleunigung ist er besser, wenngleich die Differenzen hier im Alltagsverkehr keine so spürbaren Auswirkungen haben. Das höhere Drehzahlniveau, das aus der kürzeren Übersetzung des Mitsubishi resultiert, hat dabei keine negativen Auswirkungen auf den Geräuschkomfort, weil der Motor auch bei hohen Drehzahlen weder lästige Brummgeräusche noch Vibrationen verursacht.

Ganz anders die Volvo-Maschine. Sie entwickelt ab 4000 Umdrehungen ein so ungehobeltes Laufgeräusch, daß der Fahrer dankbar ist für den drehzahlsenkenden Schongang, auch wenn dieser schon an geringfügigen Autobahnsteigungen zum Zurückschalten zwingt. Damit ist die Partie entschieden: Der bessere Antrieb macht den Carisma zum Sieger in diesem Duell.

Fazit

1. Volvo S40 1.8i-16 V
102 Punkte

Voraussichtlich bessere Wiederverkaufschancen, Karosserie und Interieur funktioneller gestaltet (übersichtlichere Bedienungselemente, Seitenairbags serienmäßig). Nicht befriedigende Karosseriequalität, bei hoher Drehzahl lauter und rauher Motor, zu lange Übersetzung im fünften Gang, relativ hoher Verbrauch.

2. Mitsubishi Carisma 1800 GLS
106 Punkte

Kultivierter Motor, bessere Elastizität, geringerer Benzinverbrauch, besserer Federungskomfort, reichhaltigere Ausstattung, Dreijahresgarantie. Eingeschränkte Übersichtlichkeit nach vorn, unbefriedigender Qualitätseindruck, weniger überzeugende Sicherheitsdetails (Türgriffe, keine Sidebags lieferbar).

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Technische Daten
Volvo S40 1.8 Mitsubishi Carisma 1800 GLS
Grundpreis 18.560 € 19.271 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4483 x 1717 x 1411 mm 4435 x 1695 x 1405 mm
KofferraumvolumenVDA 471 bis 853 l 430 l
Hubraum / Motor 1731 cm³ / 4-Zylinder 1834 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 85 kW / 115 PS bei 5500 U/min 85 kW / 115 PS bei 5500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 195 km/h 200 km/h
0-100 km/h 11,5 s 10,6 s
Verbrauch 8,7 l/100 km 7,7 l/100 km
Testverbrauch 9,4 l/100 km 8,6 l/100 km
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