Doppeltest

Opel Astra Cabrio 1.8 16V gegen VW Golf Cabrio 2.0

Mit gestreckter Eleganz und beachtlicher Perfektion bringt das neue Opel Astra Cabrio frischen Wind in die nach oben offene Kompaktklasse. Was ihm das in langen Jahren gereifte, aber sichtlich gealterte VW Golf Cabrio entgegenzusetzen hat, klärt der Doppeltest.

Wer sich bis vor kurzem in Deutschlands erfolg-
reichsten Kompaktautos den Wind um die Nase
wehen lassen wollte, bekam bei VW ein Erdbeerkörbchen, von Opel dagegen einen Korb. Zwei Jahre hielt sich die
Marke mit dem Blitz bei
entsprechenden Anfragen bedeckt, doch nur, um jetzt einen doppelten Offenbarungseid zu leisten. Mit dem Speedster hat Opel sogar erstmals ein heißes Eisen bei den Sportroadstern im Feuer, und das soeben gestartete Astra Cabrio knüpft naht- und bügellos an das Konzept des von 1993 bis 1998 gebauten Vorgängers an.

Beim Wechsel von der alten zur neuen Astra-Generation wurde jedoch nicht nur die technische Basis aktualisiert, sondern zugleich an einer höheren Kategorie Maß genommen. Schon mit seiner gestreckten, vom Coupé abgeleiteten Keilform scheint das bei Bertone gebaute Cabrio der Kompaktklasse entwachsen, und in Abmessungen und Verdeckkonstruktion eifert es eher dem offenen BMW Dreier als dem ewigen Rivalen
VW Golf nach.

Im unmittelbaren Vergleich zieht der nicht nur wegen seiner gedrungenen Proportionen den Kürzeren, sondern auch durch sein Alter. Er basiert noch auf dem Golf III von 1991, was selbst die im Frühjahr 1998 erfolgte op-
tische Angleichung an die aktuelle Generation kaum kaschieren kann. Dazu schwört er als nunmehr einziges Viersitzer-Cabrio unverdrossen
auf den sicherheitsfördernden, aber unattraktiven Überrollbügel, und wegen seines kurzen Stummelhecks sind Ladeöffnung wie Kofferraumvolumen (270 Liter) deutlich kleiner.

An die Größe seines Vorgängers (390 Liter) reicht das Gepäckabteil des neuen Astra (330 Liter) allerdings nicht heran, weil das versenkte Dach nicht länger als Wulst auf der Karosserie liegt und damit der Verdeckkasten mehr Platz beansprucht. Zusätzliche Reserven eröffnen jeweils vorklappbare Rücksitzlehnen sowie eine Durchladeeinrichtung, und mit ihren dick gefütterten Kapuzen samt Dachhimmel und heizbarer Glasheckscheibe bieten beide einen ähnlich guten Witterungsschutz.

Darüber hinaus lässt bereits das um fast 100 Kilogramm höhere Leergewicht des Astra erahnen, dass Opel seinem Cabrio mehr Steifigkeit und Bedienungskomfort mitgegeben hat. Der Aufbau wirkt zwar nicht spürbar ruhiger als die solide VW-Karosse, aber bei schneller Fahrt zeigt sein straff sitzendes Verdeck viel weniger Blähungen und Windgeräusche als die Golf-Haube. Andererseits leiden Raumgefühl und Übersicht unter der sehr flachen Frontscheibe des Opel.

Dieser Makel relativiert sich unter freiem Himmel,
zumal es der Astra denkbar einfach macht, jeden Son-
nenstrahl auszukosten. Schon beim 1,6-Liter-Basismodell gehört die elektrohydraulische Betätigung des Dachs zur Grundausstattung, die gegen 900 Mark extra (beim 2.2
Serie) nochmals erleichtert wird. Dann erfolgt das Öffnen oder Schließen vollautomatisch ohne den sonst üblichen Drehgriff und sogar ferngesteuert per Knopfdruck auf
den Zündschlüssel.

Rund 30 Sekunden dauert es in diesem Fall, bis das Dach zusammengefaltet und unter einer festen Klappe verstaut ist. Der Golf setzt seine Insassen zwar noch etwas schneller an die Luft, aber selbst
der optionale Elektroantrieb erspart ihnen weder die manuelle Entriegelung an zwei Griffen noch das Zeit raubende Aussteigen und Öffnen des Kofferraumdeckels, um die Persenning zu befestigen. Außerdem verlangt VW für ein Stoffverdeck ebenso Zuzahlung wie für Alufelgen, Sitzheizung oder Windschott (Serie bei Opel).

Zumindest letzteres sollten sich Golf-Fahrer unbedingt gönnen, weil die Wulst hinter den Rücksitzen den Fluss des Fahrtwindes offenbar behindert und zu kräftigen Ver-
wirbelungen führt. Im Astra
bleibt man davon wenigstens in der ersten Reihe weitgehend verschont, während es für
die Hinterbänkler naturgemäß schon bei Landstraßentempo richtig ungemütlich wird. In beiden Autos müssen sie sich überdies mit eingeschränktem Platzangebot und Sitzkomfort begnügen.

Aber die Nachteile gegenüber den Limousinen kennen Cabriofahrer ja ebenso wie die Vorzüge der Viersitzer ge-
genüber den engen, härte-
ren Roadstern. Sie sehen das Mehr an Raum als willkommene Zugabe, verzichten auf übertriebene Sportlichkeit wie auf unnötiges Aufsehen und genießen eine bessere Federung und Alltagstauglichkeit. Dafür nehmen sie auch die
optische Nähe zu den braven Ausgangsprodukten in Kauf.

Funktionale Nachteile han-
deln sie sich damit ohnehin selten ein. Selbst der klobigen Armaturentafel des Golf im spröden Stil der frühen Neunziger ist sachlich wenig vorzuwerfen, wenngleich der jüngere Astra auch innen eleganter und moderner wirkt. Er kann zudem mit Navigationssystem, ESP und einer akus-
tischen Einparkhilfe aufwarten, was VW nicht einmal gegen Aufpreis anbietet, und seine verstärkten Fondkopfstützen versprechen angeblich die gleiche Wirkung wie der VW-Überrollbügel.

Vordere Sportsitze gehören in beiden Autos zur Se-
rienausstattung, sollten jedoch nicht als Anreiz für entsprechende Ambitionen missverstanden werden. Der vorherrschende Eindruck ist der komfortabler Cruiser, besonders ausgeprägt im gewichtigen Opel. Er tendiert schon in Richtung schwerer Wagen,
mit einer ausgewogenen, nicht zu straffen Federung, an deren Güte der etwas verstucker-
te, torkelige Golf nicht ganz heranreicht.

Stärker macht sich sein Alter bei den Fahreigenschaften bemerkbar. Auf jeweils hohem Niveau verhält sich der Astra besonders in kritischen Situationen nochmals gutmütiger und erfordert weniger fahre-
rischen Aufwand, sein serienmäßiges ESP muss nur selten als zusätzlicher Rettungsanker eingreifen. Weitere Pluspunkte: die präzisere Lenkung, die bessere Traktion und der stabilere Geradeauslauf.

Der gravierendste Makel des Golf sind allerdings sei-
ne Bremsen. Schon bei der
ersten Vollbremsung aus 100 km/h verzögert er erheblich schlechter, mit zunehmender Belastung stellt sich starkes Fading ein. Die Erklärung: Trotz prinzipiell gleicher Ausrüstung (Faustsattel-Scheibenbremsen rundum, vorne innenbelüftet) sind die Scheiben im Cabrio deutlich kleiner dimensioniert als in der jüngeren Limousine, doch auch die unterschiedliche Achskinematik könnte sich auf das Er-
gebnis auswirken.

Hier ist schon deshalb Nachbesserung geboten, weil sein Zweiliter-Vierzylinder mit 115 PS ein durchaus
ansprechendes Temperament entwickelt. Erst bei höhe-
ren Geschwindigkeiten vermag der zehn PS stärke-
re, aerodynamisch günstigere Opel dem VW davonzuziehen, was ihm trotz seines annähernd gleichen, jedoch erst bei 3800/min verfügbaren Drehmomentmaximums auch bei der Elastizität gelingt. Dabei zeigt sein 1,8-Liter-Vierventiler zwar das typische Antriebsruckeln, aber zugleich eine bessere Treibstofföko-
nomie und Drehfreude.

Echte Begeisterung oder Fahrdynamik kommt allerdings hier wie dort nicht auf. Die Motoren sind so brav wie faszinationsarm, der Griff zum Schalthebel weckt kein sonderliches Lustgefühl. Der Reiz dieser Autos liegt im gepflegten Offenfahren, und deshalb verdient der 1,6-Liter-Benziner beim Opel ebenso eine Erwägung wie der 90-PS-TDI beim VW, der freilich gut 600 Mark mehr kostet und sich erst bei hohen Fahrleistungen lohnt.

Überhaupt wirkt der offene Golf insgesamt überteuert, obwohl er weniger Festkosten verursacht als der Astra und ausstattungsbereinigt gegenüber dem Premierenjahr 1993 sogar billiger wurde. Aber das klare Ergebnis zeigt, dass Opel nicht nur das neuere, sondern auch das erheblich bessere Cabrio baut. Wer also den nächsten Sommer lieber bügelfrei als in einem Erdbeerkörbchen genießen will, sollte dem VW-Händler einen Korb geben.

Fazit

1. Opel Astra 1.8 Cabrio
510 Punkte

Mit einem klaren Vorsprung in allen Eigenschaftswertungen zeigt der Opel, dass er schon fast seiner Klasse entwachsen ist. Vor allem das bedienungsfreundliche, leise Verdeck, der gute Komfort und die reichhaltige Ausstattung überzeugen.

2. VW Golf 2.0 Cabrio
455 Punkte

Nicht nur formal, sondern auch in punkto Geräusch, Kofferraum und Freiluftvergnügen ist der Golf von gestern. Als größter Nachteil neben Verdeck und Ausstattung erweisen sich aber seine schwachen, fadingempfindlichen Bremsen.

Technische Daten
Opel Astra Cabrio 1.8 Tour VW Golf Cabrio 2.0 Highline
Grundpreis 25.180 € 24.775 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4267 x 1709 x 1390 mm 4081 x 1695 x 1425 mm
KofferraumvolumenVDA 330 bis 1100 l 270 bis 448 l
Hubraum / Motor 1796 cm³ / 4-Zylinder 1984 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 92 kW / 125 PS bei 5600 U/min 85 kW / 115 PS bei 5400 U/min
Höchstgeschwindigkeit 207 km/h 193 km/h
0-100 km/h 11,3 s 11,5 s
Verbrauch 7,7 l/100 km 7,9 l/100 km
Testverbrauch 8,9 l/100 km 9,5 l/100 km
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