Doppeltest Porsche 911 Carrera Cabrio gegen Porsche Boxster

Der Boxster konkurriert nicht nur mit den Vertretern der neuen Roadster-Generation. Er zielt auch gegen das Establishment im eigenen Haus. Jedenfalls ist die Wahl zwischen dem Boxster und dem Carrera Cabrio mehr als nur eine Frage des Preises.

Wer braucht eigentlich noch ein Carrera-Cabrio, wenn es den Boxster gibt? Die Frage muß erlaubt sein. Schließlich haben beide Offerten im Grunde das gleiche zu bieten: Beide stammen von Porsche, beide sind echte Sportwagen und keine zurechtgestutzten Großserien-Limousinen, und beide lassen die Sonne rein. Warum also für einen Carrera doppelt soviel ausgeben wie für den Boxster? Fast das Doppelte, um genau zu sein: Der Boxster kostet 76 500 Mark, das Carrera Cabrio 150 800 Mark – eine gewaltige Differenz mithin, die auch den solventesten Porsche- Käufer ins Schleudern bringen kann.

Immerhin ließe sich vom Gesparten ein BMW 535i anschaffen, von anderen, nicht minder reizvollen Alternativen ganz zu schweigen. Was also spricht da noch für den Carrera? Eine der Antworten liegt derart nahe, daß man sie leicht übersieht: Ein 911 Carrera ist, alles in allem, nun mal der beste Sportwagen der Welt – immer noch. Eine vergleichbare Bündelung von Dynamik, Power, Qualität und Alltagstauglichkeit gibt es sonst nur beim Turbo. Aber der ist bekanntlich auch ein 911. Schon deshalb ist der Boxster um seine Ausgangsposition nicht zu beneiden. Über ihm strahlt die Legende, die Inkarnation aller Porsche-Tugenden, von gußeisernen Getreuen erbarmungslos verteidigt. Das Neue am Boxster ist, daß ihm auch Eingeschworene den geheiligten Namen zugestehen, was früheren Stallgefährten des 911 nie gelang.

Seine Feuerprobe als echter Porsche scheint er bestanden zu haben, auch wenn hie und da noch etwas gemeckert wird. Häufigste Kritik: Der Boxster ist zu ausladend, wobei vor allem der vordere Karosserieüberhang unangenehm auffällt. Ohne den wäre der Boxster freilich nur halb so praktisch. Immerhin verbirgt sich im Bug ein stattlicher Kofferraum, dessen Volumen sich zusammen mit dem Gepäckabteil im Heck auf 260 Liter addiert, ausreichend für umfangreiches Reisegepäck und mehr, als der Carrera zu bieten hat (123 Liter). Da der Carrera im Gegensatz zum Boxster im Fond über zwei Notsitze verfügt, die sich als Gepäckablage nutzen lassen, hinkt der Vergleich ein wenig.

Aber dieser zusätzliche Stauraum ist nur schwer zugänglich und von außen einzusehen, was die Nutzbarkeit einschränkt. Auch auf den Sitzen wirken die größeren Dimensionen des Boxster durchaus vorteilhaft. Er bietet mehr Schulterfreiheit, auch mehr Fußraum, und die flachere Position hinter dem Lenkrad erlaubt eine entspanntere Haltung. Dagegen kommt einem die aufrechte Hockstellung im 911 schon recht altertümlich vor.

An den Sitzen selbst gibt es bei keinem der beiden etwas auszusetzen. Nichts anderes würde man von Porsche erwarten. Dagegen war Ergonomie noch nie die starke Seite des 911. Auch in diesem Punkt wirkt der Boxster moderner. Während hier die Anordnung der Bedienungselemente auch Neulingen keine Rätsel aufgibt, erfordern die verstreuten Schalter des Carrera eine gewisse Einarbeitung. Der Rest ist weitgehend Geschmackssache. Gegen die herrliche Uhrensammlung des Carrera etwa kommt die verschlungene Dreiergruppe im Boxster optisch nicht an. Auch diverse billig wirkenden Plastikteile entgehen dem kritischen Auge nicht. Aber irgendwoher muß der Preisvorteil ja kommen.

Wichtiger erscheint, daß die Gesamtqualität des Boxster dem hohen Porsche-Standard entspricht, auch wenn der Carrera in der bei Cabrios kritischen Verwindungssteifigkeit noch einen kleinen Vorsprung verbuchen kann. Was die cabriospezifischen Qualitäten betrifft, geht die Runde klar an den Boxster. Sein elektrisches Verdeck ist schneller, viel leiser und muß in geöffnetem Zustand nicht umständlich unter einer Persenning verstaut werden. Auch der Kontakt zur Natur glückt im Boxster besser, woran die niedrigere, weiter vorn plazierte Windschutzscheibe maßgeblich beteiligt ist. Dennoch zieht es weniger als im Carrera, in dem man selbst bei aufgepflanztem Windschott einen steifen Hals riskiert. Die Stunde der Wahrheit schlägt, sobald sich die Ausfahrt mit der markentypischen Dynamik vollzieht.

Um es gleich zu sagen: Gegen den Bewegungstrieb eines Carrera kann der Boxster nicht mehr ins Feld führen als ein gutes Gefühl. Die Explosivkraft der 285 Carrera-PS lassen dem Boxster (204 PS) in den Primärtugenden Höchstgeschwindigkeit und Beschleunigung keine Chance, woran der Gewichtsvorteil von knapp 100 Kilogramm nichts ändert. Auch im Kurvengeschlängel weist der Alte den Newcomer in die Schranken. So zackig, direkt und präzise wie der 911 lenkt sich auch ein Boxster nicht – Mittelmotor hin oder her.

Der kürzere Radstand des Heckmotorautos scheint da den Ausschlag zu geben. Die Kehrseite der Medaille: Wirklich schnell ist nur, wer sein Handwerk versteht. Der 911 verlangt viel und verzeiht wenig – ein Charakterzug, der ihm trotz aller Verbesserungen immer noch anhaftet. So verwundert es nicht, daß er dem Boxster unter realistischen Bedingungen nicht so leicht davonfährt, wie es die leistungsmäßige Überlegenheit vermuten läßt. Für das fehlende Quentchen Sportlichkeit entschädigt der Boxster mit überlegener Ausgewogenheit. Er läuft auch unter widrigen Umständen sauber geradeaus, glänzt mit stoischer Fahrstabilität und verkneift sich bei extremen Kurvenmanövern unliebsame Überraschungen. Daß er dabei den intimen Fahrbahnkontakt nicht vermissen läßt, aber mehr Federungskomfort bietet als der Carrera, macht ihn nur sympathischer.

Das gilt auch für die Qualitäten seines wassergekühlten Boxermotors. Was ihm an Durchzugskraft im unteren Drehzahlbereich fehlt, macht er durch sein turbinenhaftes Drehvermögen nahezu wett. Den Rest besorgt ein Ansaugtrompeten, das jeden Ausflug in Richtung Drehzahlgrenze zu einem unwiderstehlichen Klangerlebnis macht. Damit läßt sich dann auch eine Antwort auf die anfangs gestellte Frage wagen. Vorschlag: lieber zwei Boxster als ein Carrera Cabrio.

Fazit

1. Porsche Boxster
604 Punkte
2. Porsche 911 Carrera Cabrio
556 Punkte
Technische Daten
Porsche Boxster Porsche 911 Carrera Cabriolet
Grundpreis 40.499 € 77.773 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4315 x 1780 x 1290 mm 4245 x 1735 x 1300 mm
KofferraumvolumenVDA 260 l 123 l
Hubraum / Motor 2480 cm³ / 6-Zylinder 3600 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 150 kW / 204 PS bei 6000 U/min 210 kW / 285 PS bei 6100 U/min
Höchstgeschwindigkeit 240 km/h 275 km/h
0-100 km/h 7,1 s 5,3 s
Verbrauch 9,7 l/100 km 11,9 l/100 km
Testverbrauch 11,8 l/100 km 13,8 l/100 km
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