Doppeltest Porsche 911 Carrera gegen Porsche 911 Turbo

Der neue 911 ist größer und komfortabler geworden. Er kann fast alles besser als der alte Carrera. Ist er noch sportlich genug, um gegen den brachialen Turbo im alten Gewand zu bestehen?

Modellwechsel beim Elfer  lösen traditionell ein Wehklagen  unter seinen gußeisernen  Fans aus. Das liegt erfahrungsgemäß  auch daran, daß  zeitgemäßen Verbesserungen  liebgewordene Schwächen zum  Opfer fallen, die einen ganz  spezifischen Reiz verursachten.  So auch beim Übergang  zum intern 996 genannten Typ,  der geschliffener, größer und  moderner wurde. Böse Zungen  behaupten sogar, er sei kein  waschechter Sportwagen mehr.  Das kann man dem 911 Turbo,  der auf dem Vorgänger-  Typ (993) basiert und stets die  Macho-Rolle im Porsche-Programm  spielte, nun wahrlich  nicht vorwerfen. Ein Vergleich  der beiden unterschiedlichen  Elfer zeigt, wo der Neue mit  seinen optimierten Eigenschaften  in der Porsche-Hierarchie  wirklich einzuordnen ist. 

Beim Wertungskapitel Karosserie  sammelt der Carrera  zunächst wegen seines grosszügigeren  Raumangebots Pluspunkte.  In ihm  hat man spürbar  mehr Bewegungsfreiheit  in  der Breite, woraus  ein besseres  Raumgefühl resultiert.  Auf den  beiden Notsitzen hinten ist es  zwar nicht ganz so eng wie im  Turbo, doch ist dieser Platz  auch porschebegeisterten Halbwüchsigen  wegen zu geringer  Beinfreiheit kaum zuzumuten.  In beiden Autos nutzt man den  Fond am besten als üppige  Gepäckablage, zumal die Kapazität  des Kofferraums jeweils  bescheiden ist (um 130 Liter).  Das Cockpit des Carrera  wirkt moderner, seine Schalter  sind griffgünstiger angeordnet.  Aber es ist mit den ineinander  verschachtelten, unübersichtlichen  Instrumenten nicht funktioneller;  es fehlt an Ablagen  und einem Handschuhfach.

Mit  seiner im Vergleich zum Turbo  kärglichen Ausstattung büsst er  kräftig Punkte ein.  Bei ihm berechnet Porsche  fleißig extra: etwa für Ledersitze,  Klimaanlage, Bordcomputer  und Radio. Im Turbo gibt es das alles und ein Handy obendrein  serienmäßig. Nicht lieferbar für  ihn und im neuen Coupé nur  gegen Aufpreis: Sidebags und  Traktionskontrolle. Weil der  Carrera zudem noch nicht jenen  soliden Qualitätseindruck  vermittelt wie die Typen der  alten Baureihe, beginnt der Vergleich  mit einem Paukenschlag:  Der Neue verliert die Karosseriewertung.  


In den folgenden Kapiteln  hat der Carrera zunächst Mühe,  verlorenes Terrain wieder gutzumachen.  Beim Fahrkomfort  gelingt ihm das nur knapp: Den  Vorzug der etwas tieferen und  besseren Sitzposition wiegen  die harten Wangen der Sitzlehnen auf, die unbequem auf die  Schultern drücken. Mit dem  Sportfahrwerk, das 6022 Mark  extra kostet und Traktionskontrolle,  Differentialsperre, straffere  Abstimmung, Sportsitze  und 18 Zoll-Bereifung enthält,  reagiert seine Federung im Geschwindigkeitsbereich  bis etwa  150 km/h ungebührlich ruppig.  Der Turbo federt noch eine Idee  straffer, rollt deutlich härter ab  und ist auch wegen der etwas  stärkeren Windgeräusche lauter. 

Die beiden Boxer-Sechszylinder  könnten unterschiedlicher  kaum sein: im Carrera der  neue Sauger mit Wasserkühlung,  Vierventiltechnik, 3,4 Liter  Hubraum und 300 PS, im  Turbo ein von zwei Ladern  beatmeter Zweiventiler, luftgekühlt,  3,6 Liter groß und 408  PS stark. Mit über 100 PS Leistungsunterschied  und einem  fast 200 Newtonmeter höheren  Drehmoment hat der Turbo keine  Mühe, den Carrera bei den  Meßfahrten hinter sich zu lassen:  Er beschleunigt in 4,3 Sekunden  von null auf Tempo 100  (Carrera 4,9 s) und erreicht eine  Spitzengeschwindigkeit von  290 km/h (Carrera 280 km/h).  Keine Frage, der Turbo  ist ein Hochleistungssportler  par excellence,  dem man kaum anmerkt,  daß er einen  aufgeladenen Motor  hat. Nahezu perfekt setzt  er selbst bei niedrigen Drehzahlen  Gaspedalbefehle in brachialen  Schub um, an seiner  Leistungscharakteristik gibt es  vor allem wegen des gewaltigen  Drehmoments wahrlich  nichts zu mäkeln. 

Andererseits: Zehn km/h in  der Höchstgeschwindigkeit und  0,6 Sekunden im prestigeträchtigen  Beschleunigungsduell  sind Differenzen, die den  Carrera zwar Punkte kosten, die  aber in der Praxis keine riesigen  Unterschiede ausmachen.  Außerdem glänzt der neue  Elfer mit etwas besserer Laufkultur,  höherer Drehwilligkeit  und noch spontaneren Reaktionen  aufs Gas. Es ist ein sehr  harmonischer und sportlicher  Wasserboxer, der sich da unter  häßlichen schwarzen Plastikteilen  im Heck versteckt, temperamentvoll  und rassig genug, um  dem Carrera einen Spitzenplatz  in der Gemeinde hochklassiger  Sportwagen zu sichern.  

Daß der schwächere Elfer  mit seinem präzisen, aber nicht  ganz so leichtgängig wie im  Turbo zu schaltenden Sechsganggetriebe  die Antriebswertung  knapp für sich entscheidet,  verdankt er letztlich seinem  deutlich günstigeren Verbrauch.  Er kommt durchschnittlich mit  knapp über 13 Liter/100 Kilometer  aus, der Turbo genehmigt  sich über drei Liter mehr. Wenn es um die Fahreigenschaften  geht, schlägt die Stunde  des Carrera. Hier wird der  Fortschritt im Vergleich zu seinem  Vorgänger und zum Turbo  am deutlichsten, denn plötzliche  Wechsel vom Unter- zum  Übersteuern sind dem neuen  Elfer fremd.

Im Kurvengrenzbereich  bremst er sich dezent  über die Vorderräder schiebend  ab. Wer hierbei zuviel Gas gibt,  den bewahrt die Traktionskontrolle  vor unliebsamen Überraschungen.  So gutmütig fährt sich der  vierradgetriebene Turbo nicht.  Zwar baut auch er sehr hohe  Querbeschleunigung in Kurven auf, doch bedarf es  dabei behutsamen Umgangs  mit dem Gaspedal,  um ein plötzliches  Übersteuern zu  vermeiden. Zudem läßt  er sich wegen seiner  schwergängigeren und  stößigeren Lenkung  nicht ganz so spielerisch  dirigieren wie der  neue 911. Die Bremsen  beider Porsche  sind extrem leistungsfähig,  wobei sich die  des Carrera noch besser  dosieren lassen. 

Der neue 911 gewinnt die  Eigenschaftswertung. Seinen  knappen Vorsprung baut er in  der Gesamtwertung kräftig aus,  vor allem weil Schadstoffemission  (nach EG) und Verbrauch  niedriger sowie Anschaffungspreis  und Unterhaltskosten erheblich  günstiger sind.  Dank sehr überzeugender  und ausgewogener Eigenschaften  behauptet sich der moderne  Porsche im strengen Vergleich.  Wer dennoch lieber den Reizen  des Turbo erliegen möchte, muß  schnell handeln: Die Produktion  wurde jetzt eingestellt, sein  Nachfolger kommt nicht vor  dem Jahr 2000.   

Fazit

1. Porsche 911 Carrera
614 Punkte
2. Porsche 911 Turbo
569 Punkte
Technische Daten
Porsche 911 Turbo Porsche 911 Carrera
Grundpreis 113.762 € 72.061 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4245 x 1795 x 1285 mm 4430 x 1765 x 1305 mm
KofferraumvolumenVDA 123 l 130 l
Hubraum / Motor 3600 cm³ / 6-Zylinder 3387 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 300 kW / 408 PS bei 5750 U/min 221 kW / 300 PS bei 6800 U/min
Höchstgeschwindigkeit 290 km/h 280 km/h
0-100 km/h 4,3 s 4,9 s
Verbrauch 15,7 l/100 km 11,7 l/100 km
Testverbrauch 16,9 l/100 km 13,4 l/100 km
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