Doppeltest Seat Cordoba 1.6i gegen VW Polo 75 Classic

Sie haben mit ihren voluminösen Stufenhecks praktisch die gleichen Abmessungen und die gleiche Technik, hören aber auf verschiedene Namen. Ein Vergleich unter Brüdern, denn der neue Polo Classic ist nichts anderes als ein modifizierter Cordoba.

Polo Classic – da werden alte Erinnerungen an den VW Derby wach, die Stufenheck- Version des ersten, noch auf dem Audi 50 basierenden Polo. Das wenig erfolgreiche Siebziger-Jahre-Automobil sollte lange keinen direkten Nachfolger bekommen. Wenn man so will, ist auch der aktuelle Polo Classic keine Stufenheck- Variante des Basis-Polo, sondern ein ganz eigenständiges Automobil. Ein Seat nämlich. Bei VW verschweigt man den mit dem spanischen Cordoba vollzogenen Rollentausch nicht. Aber man ist auch nicht böse, wenn der berühmte Mann von der Straße von all dem, nämlich der Zugehörigkeit von Seat zum VW-Konzern, dem Produktionsstandort Pamplona und der zwar nicht haarkleinen, aber groben Identität beider Modelle, nichts weiß.

Tatsächlich haben die VW-Retuschen an der Cordoba-Karosse ausgereicht, um den zunächst nicht unwichtigen Eindruck zu erwecken, dieses Auto sei ein richtiger Volkswagen. Der andere, dem der zweite seine Existenz verdankt, ist auf alle Fälle ein richtiger Seat. Und richtiger Seat heißt auch, wie jüngst die Begegnung mit dem Ibiza bestätigte, eine so solide Grundanmutung der Karosserie, dass sich auch die qualitätsbewussten VW-Leute ihrer nicht zu schämen brauchen. Die Türen fallen satt in die Schlösser, und sowohl Polo als auch Cordoba verfügen an dieser Stelle über praktische und sichere Öffner. Doch deswegen werden sie wohl beide nicht gekauft. Das wichtigere Karosserie-Detail steckt im Heck von Polo Classic und Seat Cordoba. Tatsächlich sind die verfügbaren Kofferraumvolumina von stattlicher Art; dass es sich in beiden Fällen um ein Angebot von 455 Litern handelt, wundert in Anbetracht der Gleichartigkeit schon nicht mehr.

Da wie dort lässt sich durchladen (Polo gegen Aufpreis) und durch Klappen der Rücksitzbank noch erheblich mehr Raum erzielen. Es wundert deshalb auch nicht, wenn in der PR-Fotografie von VW junge, gutgekleidete Menschen mit vielen Koffern auf den Polo Classic zugehen – es ist die Zielgruppe und nach Einschätzung von VW ein Markt, in dem 1994 in Europa annähernd eine halbe Million Käufer über alle Klassen hinweg aktiv geworden sind. Die Gefühle, die in den Interieurs entstehen, unterscheiden sich nicht groß voneinander. Die Tatsache, dass Polo Classic und Cordoba Brüder sind, zeigt sich auch in der Innenraumgestaltung.

Auch beim Seat ist alles im soliden, ein wenig schwer wirkenden Wolfsburger Stil gehalten, mit praxisgerechten Hebeln und einer übersichtlichen Instrumentierung. Bei der Bewertung der Sitze erzielt der VW die besseren Noten. Man sitzt noch bequemer und verfügt ebenfalls über eine noch bessere Seitenführung in Kurven. Der Seat bietet etwas mehr Ausstattung, so Kopfstützen hinten, Pollenfilter und eine geteilte Rücksitzbank, die es beim Polo Classic nur in einem 500 Mark teuren Komfortpaket zusammen mit den Kopfstützen zu kaufen gibt. Servolenkung haben sie beide, ABS kostet da wie dort Aufpreis, nämlich die nicht zufällige gleiche Summe von 1470 Mark. Ein gutes Qualitätsgefühl rundet den Eindruck, den beide Karossen hinterlassen, ab. Der Polo wirkt noch ein wenig fertiger, der Rücksitzraum fällt in beiden Fällen befriedigend aus und rangiert klar über dem, was der reguläre Polo zu bieten hat.

Mit knapp über vier Meter Länge (Seat 4,10 Meter, Polo 4,16) wird hier jene Vollwertigkeit geboten, die es in der darunter liegenden A Null-Klasse nicht gibt. In der Motorisierung bleibt diese Distanz nicht erhalten, eher im Gegenteil. Denn mit Gewichten, die schon an 1100 Kilogramm heranreichen, ist auch mit 75 PS aus 1,6 Liter Hubraum nicht jene Leichtfüßigkeit zu erzielen, die den normalen Polo auszeichnet. Auf der anderen Seite sind die gut 14 Sekunden, die sich beide vom Stand auf 100 km/h nehmen, durchaus akzeptabel und mit deutlich weniger Brummfrequenzen verbunden als im Steilheck-Polo.

Der Grund: Im Polo Classic stammen die 75 Pferde wie beim Cordoba aus dem guten alten 827er-Triebwerk, das den moderneren Querströmer des Basis-Polo in der Laufkultur klar übertrifft. Der Seat, Normalbenzin- Verbraucher wie der VW, konsumiert mit 8,2 Liter pro 100 km einen runden halben Liter weniger als der Vetter aus Wolfsburg. Auch in den Fahreigenschaften herrscht Gleichstand mit einer Beurteilung, die dem Maximum sehr nahe kommt. Das Kurvenverhalten ist in beiden Fällen von großer Neutralität geprägt, es gibt keine Lastwechselreaktionen, das Handling erreicht im Vergleich mit dem Basis-Polo allerdings nur durchschnittliche Noten.

Eine gewisse Schwerfälligkeit zeigen sie trotz ihrer exakten Servolenkungen beide, aber beide haben auch Lob für den gebotenen Federungskomfort verdient. Sowohl kurze als auch lange Wellen werden geschmeidig genommen, und auch der Abrollkomfort bei geringem Tempo ist ohne Tadel. Im Geräuschpegel ist der Seat schlechter, der als optisches Relikt aus den achtziger Jahren einen wilden Heckspoiler trägt. Der Polo Classic ist hinten einfach rund, ganz braves Familienauto, das er ja auch sein will. Er ist mit 24 900 Mark einen Tausender teurer als der spanische Bruder. Das ändert nichts daran, dass die Qual der Wahl ausbleibt. Verkehrt macht man mit keinem etwas.

Fazit

1. Seat Cordoba 1.6i CLX
104 Punkte

Karosserie mit gutem Raumangebot und guter Verarbeitungsqualität, befriedigende Fahrleistungen, sehr sichere Fahreigenschaften, gutes Schluckvermögen auf kurzen und langen Wellen, guter Abrollkomfort, günstiger Benzinverbrauch. Karosserie nach hinten sehr unübersichtlich, eingeschränkte Handlichkeit.

2. VW Polo Classic 75
104 Punkte

Karosserie mit gutem Raumangebot, sehr gute Verarbeitungsqualität, befriedigende Fahrleistungen, unproblematische, sehr sichere Fahreigenschaften, guter Federungskomfort auf kurzen und langen Wellen, sehr bequeme Sitze. Karosserie mit schlechter Übersichtlichkeit nach hinten, eingeschränkte.

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Technische Daten
VW Polo Classic 1.4 16V Seat Cordoba 1.6i CLX
Grundpreis 13.345 € 12.383 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4137 x 1640 x 1442 mm 4109 x 1640 x 1408 mm
KofferraumvolumenVDA 455 bis 762 l 455 bis 802 l
Hubraum / Motor 1390 cm³ / 4-Zylinder 1598 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 55 kW / 75 PS bei 5000 U/min 55 kW / 75 PS bei 5200 U/min
Höchstgeschwindigkeit 170 km/h 170 km/h
0-100 km/h 16,6 s
Verbrauch 6,4 l/100 km
Testverbrauch 8,2 l/100 km
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