E 320 vs S 320

Ein CDI-Herz für Zwei

Ein Herz, zwei Charaktere: Mercedes verbaut den 204 PS starken Common-Rail-Diesel sowohl in die E- wie auch in die S-Klasse. Im Vergleichstest tritt der E 320 CDI gegen den S 320 CDI an.

Alle Autohersteller lieben diese mathematische Disziplin der Kombinatorik: Aus wie vielen unterschiedlichen Motoren und Karosseriebaureihen lässt sich welche Modellvielfalt zaubern? Wie das funktioniert, dafür ist der 3,2 Liter große Sechszylinder-Diesel von Mercedes ein gutes Beispiel. Dank moderner Common-Rail-Technik bringt es der nahezu quadratisch ausgelegte Reihenmotor auf 204 PS, die bei zivilen 4200 Umdrehungen zur Verfügung stehen. Das vor nicht allzu langer Zeit bestenfalls bei dicken V8-Brocken erwartete Drehmoment von strammen 500 Newtonmeter packt ab 1800 Umdrehungen zu. Diese Kraft aus dem Keller ist es, die bei modernen Turbodieseln immer wieder aufs Neue begeistert. Der angenehme Nebeneffekt: Bei so viel Kraft muss die Automatik selten schalten, was Ruhe und Gelassenheit bringt. Aber wo soll man sie genießen? Im E 320 CDI oder doch besser im größeren Luxusliner S 320 CDI? Klar, die S-Klasse ist größer, bietet ergo mehr Platz und mehr Komfort. Die kleinere und leichtere Economy-Ausgabe kann dafür spritziger beschleunigen und wendiger um die Ecken wieseln. Das stimmt natürlich grundsätzlich, aber der Vergleich hält doch ein paar Überraschungen bereit. Um die acht Zentimeter mehr Innenbreite bietet die S-Klasse. Das ist mehr als nur mehr Platz. Alles atmet eine Großzü-gigkeit, welche die bestimmt nicht enge E-Klasse nicht bieten kann. Auch der Abstand bei den Knien der Fondpassagiere zu den Lehnen der Vordersitze verdeutlicht den Klassenunterschied. Auch die Sitze selbst sind in der S-Klasse zweifellos besser gelungen, vor allem ist die Oberschenkelauflage nicht so knapp bemessen wie im E-Modell. Die etwas hohe Sitzposition im großen Mercedes wird vielleicht nicht jedem zusagen, aber sie passt zum mehr am herrschaftlichen Reisen denn am Rasen orientierten Charakter und fördert die Übersicht über das stattliche Schiff. Beim Kofferraum bekommt die Herrlichkeit erste Kratzer. Das größere Modell bietet nämlich fast zehn Prozent weniger Platz und auch eine minimal niedrigere Zuladekapazität. Das sind zwar keine Welten, aber die Marschrichtung ist klar, besonders, wenn man in der Zubehörliste nach einer Durchlademöglichkeit sucht. Die gibt es nur für den E, nicht aber für den S. Merke: Eine S-Klasse transportiert in erster Linie Menschen und nicht sperriges Gepäck oder womöglich sogar Ikea-Regale. Die großzügigere Ausstattung des Luxusmodells unterstreicht diesen Eindruck: Die Luftfederung ist Standard, das Lenkrad wird elektrisch und nicht manuell verstellt, und statt eines profanen Radios gehört das Comand-System (ohne Navigation) zur Grundausstattung.

Ein wenig ärgerlich ist, dass wichtige Dinge wie Sitzheizung, Xenonlicht und Einparkpiepser bei beiden Autos Aufpreis kosten, und zwar, wie üblich bei den Autos mit dem Stern, nicht zu knapp. Kommen die beiden in Fahrt, stellt man nur kleine Unterschiede in der Laufkultur fest. In der S-Klasse werden Motorgeräusch und Vibrationen noch etwas besser absorbiert, Grund zum Klagen gibt es aber auch in der Mittelklasse nicht. Beim Beschleunigen geht es nachdrücklich vorwärts. Mit acht Sekunden von null auf 100 km/h lässt es sich im S-Modell auch unter diesem Aspekt wahrlich gut leben, wenngleich der kleinere Bruder doch noch spürbar energischer antritt. Schon bei 7,5 Sekunden bleibt bei ihm die Stoppuhr stehen. Dass er mit 243 km/h auch um acht km/h schneller rennt, hat allerdings eher akademische Bedeutung. In einer ganz anderen Disziplin wendet sich das Blatt wieder, und zwar dramatisch. Ein E 320 ist nun bestimmt alles andere als ein unkomfortables Auto, aber was die serienmäßige Luftfederung der S-Klasse zu bieten hat, ist nicht nur eine Klasse für sich, sondern zwei Klassen besser. Kleine Fahrbahnunebenheiten, Vibrationen und Abrollgeräusche werden perfekt eliminiert. Das ist fast ein Gefühl wie in einem Jumbo-Jet auf Reiseflughöhe – bei absoluter Windstille, versteht sich. Die E-Klasse bringt einen sofort wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Es kann keinen Zweifel geben, dass da unten an der Kabine Räder hängen, die mit den Widerwärtigkeiten der nur scheinbar ebenen Piste ihren einsamen Kampf ausfechten. Speziell die permanente Bereitschaft, kleine Stuckeranregungen aufzugreifen, charakterisiert den großen Unterschied. Müssen lange Bodenwellen bewältigt werden, fallen die Unterschiede längst nicht so groß aus, und hier zeichnet sich auch eine Schwäche der weich wiegenden S-Klasse ab: Das niederfrequent abgestimmte Fahrwerk ist nicht für jeden Magen erste Wahl. Wer bereits beim Anblick eines Ruderboots seekrank wird, ist im Fond der S-Klasse vielleicht doch nicht optimal untergebracht. Das gilt vor allem dann, wenn dem Fahrer nach einer forcierten Gangart zumute ist.

Ja, es stimmt: Auch die S-Klasse lässt sich betont zügig über kurvige Landstraßen zirkeln, wobei die für ein Auto dieser Größe bemerkenswerte Handlichkeit auffällt. Trotzdem: Unterschwellig macht der große Mercedes mit seiner Untersteuerneigung schon klar, dass ihm solcher Bewegungsdrang weniger zusagt – ungefähr so, wie ein guter Butler mit einer hochgezogenen Augenbraue ein nicht ganz standesgemäßes Tun seiner Herrschaft kommentiert. Die E-Klasse ist zwar auch kein Rennwagen, aber einige Wesenszüge tendieren doch in diese Richtung: Das Eigenlenkverhalten ist neutraler, die Lenkung spricht spontaner und direkter an, der Fahrbahnkontakt ist besser, was sich zu rund drei Prozent besseren Zeiten bei den Fahrdynamikprüfungen aufsummiert. Und das Risiko, sich in einem verwinkelten Parkhaus festzufahren, ist mit dem kleineren Auto naturgemäß weniger ausgeprägt. Die Fahrt im Auto endet, zumindest sollte dies so sein, mit einem Bremsmanöver. Dass sich der große Mercedes hier mit der Traumnote von 50 Punkten blendend in Szene setzen kann, liegt nicht nur an den hervorragenden und von wiederholter harter Beanspruchung völlig unbeeindruckten Verzögerungswerten, sondern auch an der guten Dosierbarkeit der Bremse. Gerade hier hat die als so fortschrittlich gepriesene elektrohydraulische Bremse der E-Klasse (SBC, Sensor Brake Control) gehörig Nachholbedarf: Zielgenaues Anhalten auf den Punkt ohne störenden Ruck am Ende will dem Fahrer mit ihr genauso wenig gelingen wie eine exakte Dosierung der Verzögerung speziell bei niedrigen Geschwindigkeiten. Es ist sicher nicht verkehrt, hier von einer Kinderkrankheit zu sprechen – schon auch, weil dieser Begriff die Hoffnung auf eine Besserung impliziert. Dass die Verzögerungswerte zwar auf einem ebenfalls hohen, aber eben nicht ganz auf dem von der S-Klasse vorgezeichneten Niveau liegen, sollte man nicht überbewerten, zumal Unterschiede in dieser Größenordnung oft ganz einfach von der differenten Bereifung verursacht werden. Wie es sich für Mercedes-Modelle gehört, rangiert die passive Sicherheit auf sehr hohem Niveau. Dass das Luxus-Modell noch etwas die Nase vorn hat, resultiert aus den Kopfairbags hinten und dem formidablen Presafe-System, die hier zur Serienausstattung zählen. Letzteres rückt bei einem sich abzeichnenden Unfall geschwind die Sitze in eine für den drohenden Aufprall optimale Position und schließt sicherheitshalber bei Schleudergefahr das Schiebedach. Nach Punkten gewinnt der S 320 CDI zunächst einmal die Eigenschaftswertung, wozu in erster Linie sein überlegener Federungskomfort beiträgt. Er ist für die Langstrecke auf der Autobahn die bessere Wahl. Stehen Parkierfreundlichkeit, Kurvenwetzen auf Landstraßen und profane Transportaufgaben oben im Lastenheft, schlägt, schon auch wegen der beim E 320 CDI erhältlichen Durchlademöglichkeit, das Pendel mehr zu dessen Gunsten aus. Den letztendlich entscheidenden Ausschlag dürfte jedoch die Kostenrechnung geben. Rund 15 000 Euro zusätzlich kostet der S-Klasse-Komfort, dazu kommen um 10 000 Euro höhere Festkosten auf 100 000 Kilometer. Da ist es schon ein Trost, dass sich wenigstens die Trinksitten mit zehn Liter/100 km sehr im Rahmen halten.

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Technische Daten
Mercedes E 320 CDI Elegance Mercedes S 320 CDI
Grundpreis 46.992 € 62.582 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4818 x 1822 x 1449 mm 5043 x 1855 x 1444 mm
KofferraumvolumenVDA 540 l 500 l
Hubraum / Motor 3222 cm³ / 6-Zylinder 3222 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 150 kW / 204 PS bei 4200 U/min 150 kW / 204 PS bei 4200 U/min
Höchstgeschwindigkeit 240 km/h 235 km/h
0-100 km/h 8,0 s
Verbrauch 6,9 l/100 km 7,7 l/100 km
Testverbrauch 10,0 l/100 km
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