Euro-Check

Der neue Nissan Primera, gebaut im britischen Sunderland, soll perfekt auf die Ansprüche europäischer Kunden zugeschnitten sein.

Nissan steht drauf, Nissan ist drin. Aber es möge um Himmels willen niemand auf die Idee kommen, es handele sich hier um ein japanisches Auto. Die neue Mittelklasse-Limousine von Nissan trägt stolz den Euro-Stempel. „Der Primera“, so betont die für den Pressetester mitgelieferte Beschreibung gleich mehrfach, „wurde von einer europäisch dominierten Designerund Techniker-Crew in Großbritannien entwickelt.

Er wird weder in Asien produziert noch dort verkauft.“ Vollständig außen vor sind die Japaner bei der Entwicklung nicht geblieben. Der 1,8- Liter-Vierzylindermotor, einziges neues Triebwerk einer von 1,6 bis zwei Liter reichenden Hubraumpalette, ist eine rein japanische Konstruktion. Seine Fortschrittlichkeit dokumentiert der mit zwei oben liegenden Nockenwellen und vier Ventilen zeitgemäß konstruierte Vierzylinder, indem er bereits jetzt die erst ab 2005 verbindlichen Abgasgrenzwerte der Euro-4-Norm einhält. Ansonsten präsentiert sich der Nissan-Motor als Brot-und- Butter-Maschine ohne herausragende Talente.

Er zeigt bis zum mittleren Drehzahlbereich ein kultiviertes Laufverhalten. Oberhalb von 5000/min entwickelt er ein lautstarkes Brummen und sendet Vibrationen aus, die bis in die Pedale spürbar werden. Der Lärm fällt vor allem beim Ausdrehen der unteren Gänge störend auf. Bei hohen Dauerdrehzahlen auf der Autobahn tritt der Ton des Motors hinter die übrigen Fahrgeräusche zurück. Allenfalls durchschnittlich ist auch das Temperament des Motors, wie die Beschleunigungs- Messwerte zeigen. Die Leistungsentfaltung wirkt zäh, wozu auch das schwergängige Gaspedal seinen Teil beiträgt.

Die mangelnde Durchzugskraft im unteren Drehzahlbereich zwingt, wenn es schnell vorangehen soll, zu häufigem Schalten. Die Laune des Fahrers bessert sich dabei nicht: Eine so hakelige Schaltführung des Getriebes erscheint gerade bei einer japanischen Kraftübertragung ungewöhnlich. Die versprochene Verbesserung gegenüber dem Vorgängermodell ist ausgeblieben.

Die jetzt doppelte Synchronisierung der Vorwärtsgänge setzt schnellem Schalten sogar einen erhöhten Widerstand entgegen.

Bei häufigem Aufenthalt im oberen Bereich des Drehzahlbandes steigt naturgemäß der Verbrauch. In der Praxis entfernt er sich sehr deutlich von den vorteilhaften ECE-Normwerten. Im Alltag sind neun bis zehn Liter/100 Kilometer realistisch.

Damit verdient sich der Nissan kein Ruhmesblatt, sprengt aber auch nicht den von seinen wichtigsten Konkurrenten gespannten Rahmen. Einen positiven Euro-Einfluss lassen die Eigenschaften des Fahrwerks erkennen. Der Primera liegt vorzüglich, er schiebt in Kurven auch bei hoher Querbeschleunigung nur sacht über die Vorderräder. Gaswegnehmen bereinigt die Situation problemlos, weil der plötzliche Lastwechsel kaum Einfluss auf das Eigenlenkverhalten hat. Zum sicheren Fahrgefühl trägt auch die Lenkung bei.

Ihre Servounterstützung beschränkt sich auf das Nötigste, was beim Rangieren und in schnell gefahrenen Kurven einen erhöhten Kraftaufwand erfordert. Dafür ergibt sich aber ein guter Fahrbahnkontakt, der dem Nissan einen Hauch von Sportlichkeit verleiht. Die kraftvoll verzögernden und befriedigend standfesten Bremsen unterstreichen diesen Eindruck noch. Aber die erfolgreichen Bemühungen um ein aktives und präzises Fahrverhalten haben ihren Preis.

Die überzeugende Harmonie zwischen Fahrsicherheit und Federungskomfort, die Premium- Europäer auszeichnet, vermag der Nissan nicht zu erreichen. Seine Federung ist straff abgestimmt, was vor allem auf langen Bodenwellen zu unangenehmen Vertikalbewegungen des Aufbaus führen kann. Da sie hauptsächlich von der Hinterachsfederung herrühren, empfinden dies die Fondpassagiere als besonders lästig. Befindet sich dann auch noch reichlich Gepäck im geräumigen Kofferraum, wird die Federung von schlechten Straßen vollends überfordert.

Der zur Verfügung stehende Federweg reicht nicht mehr aus, die Federung geht mit hartem Ruck auf die Anschläge.

Dass die hintere Sitzbank spürbar weniger Bequemlichkeit bietet als die gut profilierten Vordersitze, macht die Sache nicht besser Abgesehen von solchen Grenzsituationen haben es die Primera-Insassen gut. Sie genießen ein großzügiges Platzangebot, und sie reisen in einem Ambiente, das qualitativ einen guten Eindruck hinterlässt.

Dass sich die Autos japanischer Hersteller durch hohe Gebrauchstüchtigkeit auszeichnen, gehört längst zu den statistisch untermauerten Binsenweisheiten. Nur die optische Qualität, die von der Oberfläche der Plastikmaterialien ebenso beeinflusst wird wie von den Passungen der Verkleidungen, gilt traditionell als Domäne europäischer Marken. Hier nachzubessern war einer der wichtigsten Punkte im Nissan- Lastenheft.

Kunststoff im Walnuss- Look, der sich bei der getesteten Topversion Elegance bis in den Lenkradkranz erstreckt, soll wie die metallische Oberfläche der Mittelkonsole den Eindruck von Hochwertigkeit hervorrufen. Die durchweg saubere Verarbeitung liefert hier allerdings den wichtigeren Beitrag. In funktioneller Hinsicht gibt es nur Kleinigkeiten auszusetzen – beispielsweise die schlecht erreichbaren Hebel für die elektrische Sitzverstellung und die zu weit hinten auf dem Mitteltunnel postierten Getränkehalter.

Ansonsten geht die Bedienung leicht von der Hand. Große, handliche Knöpfe die- nen der Regulierung der Klimaautomatik, die eine wirksame und weitgehend zugfreie Belüftung ermöglicht. Auch die Tasten des Audio- Systems rufen nicht, wie das bei den meisten japanischen Autoradios üblich ist, den Wunsch nach den zierlichen Fingern eines Rhesusäffchens hervor. Die Klimaanlage gehört bereits beim Basismodell zum serienmäßigen Lieferumfang, ein Radio bieten schon die Ausführungen Sport und Comfort, die in der Preisliste die goldene Mitte bilden. Beim Elegance kommt sogar noch ein CD-Wechsler dazu. Wer sich für diese Variante entscheidet, findet in der Aufpreisliste nur noch Ledersitzbezüge und Metallic-Lack.

Ansonsten herrscht luxuriöse Vielfalt – bis hin zu einem Sonnenbrillenhalter und kleinen Haken an der Rückseite der Vordersitzlehne, an denen die mitgeführte Schwiegermutter ihre Handtasche aufhängen kann. Was das Preis-Leistungs- Verhältnis angeht, lässt der Nissan vergleichbare deutsche Autos also alt aussehen. Entsprechend generös ausstaffiert, kosten sie alle etliche Tausender mehr. Total normal für einen Japaner – auch wenn er aus England kommt.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • gutes Platzangebot großer, variabler Kofferraum sehr reichhaltige Ausstattung gute Verarbeitungsqualität
  • mäßige Übersichtlichkeit
Fahrkomfort
  • klare Instrumentierung bequeme Sitze vorn gute Klimatisierung
  • schlecht erreichbare Sitzverstellung unbefriedigender Sitzkomfort im Fond straffe Federung mit eingeschränktem Schluckvermögen
Antrieb
  • zähe Leistungsentfaltung lautes Motorgeräusch und Vibrationen bei hoher Drehzahl schwergängiges Gaspedal hakelige Schaltung
Fahreigenschaften
  • sicheres, weitgehend neutrales Kurvenverhalten kaum Lastwechselreaktionen Lenkung mit gutem Fahrbahnkontakt
  • bei Nässe eingeschränkte Traktion erhöhte Lenkkräfte beim Rangieren
Sicherheit
  • gute Sicherheitsausstattung (Sidebags mit Kopfschutzfunktion, Gurtstraffer vorn, Kopfstützen auf allen Plätzen) Isofix-Kindersitzverankerung gutes Licht (Xenon) gute Bremsen
  • keine Antriebsschlupfregelung lieferbar
Umwelt
  • erfüllt Euro-4-Norm befriedigende Verbrauchswerte
Kosten
  • gutes Preis-Leistungs-Verhältnis drei Jahre Garantie
  • teure Vollkaskoversicherung

Fazit

Der europäische Entwicklungseinfluss macht sich vor allem in ausgewogenen Fahreigenschaften bemerkbar. Der Federungskomfort ist aber ebenso unbefriedigend wie die Laufkultur des Motors. Gut: Ausstattung und Verarbeitung.

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Technische Daten
Nissan Primera 1.8 Elegance
Grundpreis 22.390 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4522 x 1715 x 1410 mm
KofferraumvolumenVDA 505 bis 1357 l
Hubraum / Motor 1769 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 84 kW / 114 PS bei 5600 U/min
Höchstgeschwindigkeit 196 km/h
0-100 km/h 11,9 s
Verbrauch 7,3 l/100 km
Testverbrauch 9,5 l/100 km
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