Ferrari 599 GTB Fiorano im Test

Nie genug biegen

Foto: Achim Hartmann 24 Bilder

Das neue Suchtmittel aus Maranello heißt Ferrari 599 GTB Fiorano und hält den Piloten schon nach den ersten Kurven in seinen Fängen. In der Champions League der zweisitzigen GT spielt der 620-PS-Bolide ganz oben.

Vorsicht vor den Folgen einer Probefahrt! Sie könnte Sie überwältigen, Sie verzehren. Sie könnten Ihrer nicht mehr Herr werden, der Begierde, den neuen Ferrari 599 GTB Fiorano zu besitzen. Dann wird man folgendes Inserat lesen: Verkaufe Haus und Hof, auch Verwandtschaft. Nicht unter 206 000 Euro.

Ferrari steht für den Euphorie-Peak unter der Seriensportwagen, die Zahlenkombination 599 für 5,9 Liter Hubraum, das Kürzel GTB für Gran Turismo Berlinetta, also Coupé, sowie Fiorano für die hauseigene Teststrecke. Und alles zusammen bezeichnet den neuesten italienischen Höchstleistungs- GT – eine zweisitzige Erlebnis- Bühne.

Für die nächsten zwei Jahre sind die Dauerkarten in Deutschland leider schon vergeben. Der Fiorano ist so lang wie ein Mercedes CLK, so breit wie ein GL, so hoch wie ein SLK und so schwer wie ein E-Klasse-Kombi. Vollgetankt und vollbesetzt offenbart die Waage schonungslose 1,9 Tonnen – ein kunstvoll gedrechseltes Trumm aus Aluminium. Der 599 ist die GT-Version des Enzo und wurde um dessen Zwölfzylinder herum konstruiert; das Triebwerk sitzt nun hinter der Vorder- statt vor der Hinterachse. Ein Front-Mittelmotor- Sportwagen als Mischung aus der gelassenen Eleganz des Daytona und der Performance-Fixiertheit des Enzo. Damit ist er der stärkste und schnellste Frontmotor-Ferrari aller Zeiten.

Aus der Formel plus 105 PS, minus 50 Kilogramm errechnet sich der Dynamik- Bonus gegenüber dem Vorgänger F575 M; in Fiorano summiert sich der Vorsprung auf 3,5 Sekunden (Rundenzeit 1:26,5). Weitergeträumt wären in vier Modell-Generationen etwa 1000 PS und 1500 Kilogramm Gewicht erreicht. Doch auch die heutigen 620 PS reichen für einen Kickdown im Vorstellungsvermögen – und damit für vorsorglich angespannte Nackenmuskulatur. Die Realität verlangt Gleiches von den Wangen, nutzt man die 599-eigene Abschussrampe. Launch Control, das Katapult-Prozedere mit komplexer Bedien-Anweisung.

Ihre Ausführung steigert die kribbelnde Vorfreude auf die Beschleu- nigung fast ins Unerträgliche. Im Stand deaktiviert man per Manettino, einem Schalter rechts am Lenkrad, sämtliche Fahrhilfen.

Dann legt man mit dem Plus-Paddel des sequenziellen F1- Schaltgetriebes (6800 Euro) den ersten Gang ein, drückt den Launch Control- Knopf und hält die Minus-Schaltwippe einige Sekunden gezogen. Ein Piepston startet den Countdown. Er endet, wenn der Bremsfuß lupft und der Gasfuß niederfällt. Ansatzlos startet der 599 durch, mit optimaler Drehzahl, ohne das verharrende Moment durchdrehender Räder.

Eine unsichtbare Vorspannung entlädt sich, inszeniert jedes der 608 Nm. Schlagartig. Wirkungsvoll. Null auf 100 km/h in 3,7 Sekunden. Die Gratwanderung zwischen Motorleistung und Schlupf zeigt leider mechanisch Wirkung: Nach mehreren Launch Control-Starts ist die Kupplung verschlissen – so wie im Rennsport. Pilot und Passagier dagegen können vom Beschleunigungsdruck gar nicht genug kriegen: Er pulsiert ihnen durch den Magen, kribbelt den Rücken hinauf, züngelt ins zentrale Nervensystem, schwemmt Glückshormone aus.

Ähnlich wie der Sound. Der Schalldämpfer wird zum Megaphon, wenn bei 3500/min die Auspuffklappen öffnen. Aus dem tiefen Gurren wird ein orchestrales Inferno; ihre Inspiration müssen sich Ferraris Komponisten an der unweit liegenden Rennstrecke geholt haben. Die V12-Euphonie lässt selbst nüchterne Menschen nach blumigen Beschreibungen ringen. Je nach Drehzahl wird vom bassigen Brodeln fabuliert, vom gierigen Gurgeln oder kapriziösen Kreischen. Das Stück Fiorano im 599 ist der Enzo-Motor (siehe Spotlight) – ein Rennmotor ohne Leerlauf-Sägen oder Vollgas-Ruckeln bei niedrigen Drehzahlen. Ein einziges Druck-Maximum, verteilt über achteinhalbtausend explosive Umdrehungen.

Fossilen Brennstoff verballert der Kurzhuber in seinen zwölf brennenden Räumen so lustvoll, dass dem Fahrer zwei Mal der Kopf schwirrt: einmal beim Gasgeben, das zweite Mal beim Errechnen des Durchschnittsverbrauchs – lodernde Fortbewegung kulminiert in 22,4 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer. 15 Liter sind möglich, aber nur von einem Masochisten am Steuer zu erzielen. So wird der exorbitante Kraftstoff- Konsum zur einzigen Einschränkung der Alltagstauglichkeit. Der Fiorano vereint, was früher als unvereinbar galt: den Platz und Komfort eines GT mit dem Vortrieb und der Straßenlage eines Supersportwagens. Dazu ein luftiger, akustisch gut gedämmter Innenraum mit praktischen Ablagen und Fächern sowie ein Gepäckabteil, das sogar die obligatorische Sprudelkiste aufnimmt – den speziell angefertigten Koffersatz sowieso.

Platz für eine Reise zu zweit über die schönsten Strecken Europas – sie ließen sich fast nonstop genießen: Die Langstreckentauglichkeit ist phänomenal, sogar in den martialisch aussehen- den, aber anschmiegsamen Schalensitzen (optional). Selten war die Bezeichnung Gran Turismo treffender. Man wählt am Traktions-Manipulator Manettino den Nassmodus vor. Dann sind die Stoßdämpfer auf Schluckfreude maximiert, und man registriert erstaunt das Federungsvermögen des Aluminium-Fahrwerks.

Überraschung Teil zwei folgt bei der ersten fordernden Runde auf der Hausstrecke. Das Manettino steht auf Race, und man stellt sich zähneknirschend auf ein Federungs-Notprogramm ein. Doch noch immer verspeisen die Stoßdämpfer Bodenwellen kaum appetitloser als vorher. Sich amüsieren, indem man leidet? Seit den verstellbaren Fahrwerken ist dieses Sportwagen-Credo längst überholt.

Innerhalb von Zehntelsekunden passt sich das magnetische Öl in den semiaktiven Delphi-Dämpfern den topographischen Erfordernissen an und reduziert somit Wank- und Nickbewegungen. Selbst auf übelstem Belag-Verhau bleibt der Fiorano trittsicher wie ein Fassadenkletterer – mit den Pirelli P Zero als Kreppsohlen.

Dabei dokumentiert das gefühlsechte Fahrwerk jeden Flicken bis in Sitz und Lenkrad, ebenso lässt das Pedal der punktgenau zuschlagenden Karbon-Keramik-Bremse (15 315 Euro) jede Faser des Verbundstoffes spüren. Die leichtgängige Lenkung baut sofort eine Mutter-Kind-Beziehung auf und enttäuscht den Fahrer nicht einmal in schnellen Autobahnkurven. Auch Amateuren bietet der perfekt ausbalancierte Fiorano höchste Lateral- Dramatik – sie erleben sie mit der Selbstverständlichkeit eines geübten Rennfahrers.

Proportional zum Tempo schmelzen die gefühlten Kilos und Zentimeter, bis der 599 im Grenzbereich zum mittelgroßen Sportwagen schrumpft. Und genauso wirbelt, tänzelt, swingt er, der filigrane Koloss aus Maranello. Er stemmt seinen prallen Hintern in die Asphalt- Niederungen, stützt sich an einer imaginären Kurven-Bande ab und schießt wieder über die nächste Gerade. So selbstverständlich windet sich der Breitbau-Bolide durch engste Sträßchen, dass man sich rückblickend fragt, wie da gerade wieder zwei Meter durchgepasst haben. Das vernünftige Potenzial des Breitenwachstums ist ausgeschöpft. Andernfalls werden Landsträßchen dritter Ordnung für den Fiorano-Nachfolger zum Sperrgebiet.

Alles, nur das nicht. Schließlich finden Sportwagen-Gourmets genau dort ihren größten Genuss. Im Falle des 599 GTB Fiorano mündet er in dem Verlangen, ewig weiterzufahren. Und in der Weigerung auszusteigen. Sowie im absichtlichen Fehlnavigieren, um den Heimweg zu verlängern. Kindisches Verhalten, klar. Doch während einer Probefahrt in einem neuen Ferrari regierte noch nie die reine Vernunft.

Fazit

Nie waren 620 PS so zutraulich und so bissig zugleich: Der 599 verbindet sämtliche GT-Tugenden mit den wichtigsten Supersportwagen-Attributen. Gewicht und Verbrauch lassen sich noch optimieren.

Technische Daten
Ferrari 599 GTB Fiorano
Grundpreis 247.520 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4665 x 1962 x 1336 mm
KofferraumvolumenVDA 320 l
Hubraum / Motor 5999 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 456 kW / 620 PS bei 7600 U/min
Höchstgeschwindigkeit 330 km/h
0-100 km/h 3,7 s
Verbrauch 21,3 l/100 km
Testverbrauch 22,4 l/100 km
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