Ferrari 599 vs. Lamborghini LP 640

Es bebe der Sport

Foto: Hans-Dieter Seufert 40 Bilder

Willkommen beim norditalienischen Zwölfzylinder-Derby. Maranellos Stolz Ferrari 599 GTB Fiorano und Sant’ Agatas Held Lamborghini Murciélago LP 640 im Clinch um Zeit und Punkte.

Freunde werden die beiden genauso wenig, wie es die Firmengründer Ferruccio Lamborghini und Enzo Ferrari geworden sind. Schon das erste ungezähmte Anlass-Donnern des Ferrari 599 GTB Fiorano will den kantigen Rivalen mit schierer Lautstärke von der Startgeraden bellen. Doch Signore Lamborghini Murciélago LP 640 steht breit wie ein Laster auf der Straße, holt aus den Tiefen seines 6,5-Liter-Aggregats kurz Luft und brüllt seinem Konkurrenten fast das Cavallino rampante von der Haube. Mit einem brachial heiseren Röhren, als hätte sichPavarotti gerade mächtig die Stimmbänder verbrannt.

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Doppeltest Ferrari 599 GTB Fiorano, Lamborghini Murciélago LP 640
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Trick bringt Sprint-Sieg von null auf 100 km/h

Zwölfzylinder, sonst die ultrakultivierten, äußerst taktvollen, edlen Schwiegersöhne unter den Motoren, mutieren in den norditalienischen Kraftprotzen zur Heavy-Metal-Band mit bösem Getöse. Auspuffklappensteuerung und Drehzahlgier sei Dank.

Den prestigeträchtigen Sprint-Sieg von null auf 100 km/h ertrickst sich der Murciélago clever: Der erste Gang endet bei 102 km/h. So hemmt keine Schaltpause den mitreißenden Allrad-Vortrieb. Genug, um mit 3,6 Sekunden dem schon mit 82 km/h im zweiten Gang tobenden, launchkontrollierten Ferrari das entscheidende Zehntel zu stehlen. Wider Erwarten wird die Traktion nicht zum Knackpunkt: Tapfer hält der Hecktriebler auf trockenem Asphalt mit. Zehntel hin oder her, unbedarften Mitfahrern reißt die infernalische Beschleunigungs-Explosion bei beiden ein fassungsloses Grinsen ins Gesicht.

Klack, mit einem kurzen Zug an den Alu-Skeletten am Lenkrad ruckt der nächste Gang im sequenziellen E-Gear-Getriebe nach, schwingt der Murciélago-Pilot mit fliegenden Haaren nach vorne. Doch die Ferrari-Front lauert schon bedrohlich auf A-Säulen-Höhe.

340 statt 331 km/h Topspeed

Nicht nur, dass dessen sequenzielles Transaxle-Getriebe mit einer dem LP 640 fremden, paradoxen Kombination aus brutaler Schnelligkeit und Sanftmut die Gänge im 100-Millisekunden-Takt nachlegt, er schiebt sich auch mit 11,1 Sekunden zwei Zehntel früher auf Tempo 200. Jetzt rächen sich die 64 Kilogramm Mehrgewicht des Lamborghini. Der 599-Fahrer sieht trotzdem rot – wenn die fünf Schalt-LED im oberen Lenkradkranz à la Formel 1 prominent nach dem nächsten Gang rufen.

Vierter, fünfter, erst im sechsten Gang scheint der Schub bei beiden nicht mehr endlos. Dann hängt die Tachonadel schon jenseits der 300. Wenn die Landschaft zum kühnen Strich wird, schlägt Sant’ Agata zurück: 340 statt 331 km/h Topspeed. Bekanntes Rezept: Der Sechste ist länger übersetzt.

Ein packend enges Duell, obwohl die beiden Streithähne motorphilosophisch eine kleine Welt trennt. Maranellos Stolz trägt seine sechs Liter mittig, hinter der Vorderachse, die Kolben auf extrem kurzen 75-Millimeter-Hub getrimmt. Bis zu 8.200/min dreht die Kurbelwelle in dem V12-Motor mit einem ungewöhnlichen Zylinderwinkel von 65 Grad. Schlagartiger Dampf bis zu 620 PS, der an der Antriebswelle zerrt – drei Prozent weniger als in der weißen Flunder.

Bei voller Leistung brüllt der Stier

Den LP 640-Bändiger packt das vibrierende Kraftwerk direkt im Nacken, longitudinale posteriore, wie der Italiener sagt: hinten längs. Dort prügeln die Kolben mit hauchzarter Langhub-Charakteristik und 23,7 Meter pro Sekunde auf die Kurbelwelle ein. Vor allem schöpft der Murciélago aus einem halben Liter mehr Hubraum. So pfeift das klassisch gespreizte 60-Grad-Aluaggregat auf die letzten 200/min Drehwillen und trumpft mit 660 Nm und damit fast neun Prozent mehr Moment auf. Immense Kraft, die eine vergleichsweise simple Viskokupplung schlupfbedingt auf die Achsen portioniert.

Bei voller Leistung brüllt der Stier, als wäre er am Ende einer Corrida, und der 599 stimmt euphorisiert kreischend in das Verbrennungssingen ein. Die Unterarmhärchen spenden dem ungleichen Duett stehende Ovationen.

Es wartet der Kleine Kurs in Hockenheim. Tief geduckt liegt der LP 640-Fahrer nur zwei Kolbenbreiten über der Startgeraden. Fest packen die Designer-Schalensitze die Hüften, und das Cockpit weckt den Kampfjet-Piloten. Ein Druck auf die Sporttaste schaltet Getriebe und Gasannahme auf arrabiata. ESP? Da regt den Lamborghini schon die Frage auf. Nur ABS lässt er an seine gelochten Keramik-Beläge, die sich gerne erst heiß machen lassen, um mit voller 35-Meter-Konsequenz zuzuschlagen.

Sport-Luxus-Interieur mit 95-prozentiger Perfektion

Der Ferrari-Fahrer taucht in eine andere Interieur-Welt und thront hoch im durchgestylten Sport-Luxus-Interieur mit 95-prozentiger Perfektion. ESP? Klar, aber nicht auf der Rennstrecke. Mit dem Lenkradhebelchen, Manettino getauft, verpasst der Ferraristo der vierstufigen Elektrokontrolle einen Maulkorb. Der 599 soll beißen.

Doch schon in der Ameisenkurve fehlt den Reißzähnen die Spitze. Die Cavallino-Front schnüffelt nur noch an den seitlichen Lufthutzen des Murciélago, um in der Sachskurve vollends in sein schwarzes Auspuffeck zu glotzen. Das früher bei harten Grenzbereichs- Lastwechseln schlagartig auskeilende Fahrwerk des LP 640 präsentiert sich gezähmt und klebt trotz hecklastiger Balance (42:58) an der Ideallinie wie Mücken an der Frontscheibe – neutral und unerwartet ruhig. Derweil erweist sich sein wildledernes Lenkrad als präziser Informant und Sparringspartner für den Bizeps.

Der packend agile Ferrari setzt seinen Heckdampf per geregeltem Sperrdifferenzial (F1-trac) punktgenau, drängt aber vor allem in der Ameisen- und Birkenkurve einen zeitraubenden Hauch mehr zur Kurvenaußenseite, motiviert stemmen sich seine Magnetflüssigkeits-Dämpfer gegen das Wanken.

Doch es bleibt spürbar und knabbert zusammen mit der leichtgängigen, entkoppelt wirkenden Lenkung mehr am gefühlten Tempo als an der Zeit. Schlussendlich jagen beide höllenschnell um den nordbadischen Kurs. Auf die 1.13,7 des Murciélago fehlen dem 599 knappe drei Zehntel.

Den Test gegen den Erzrivalen verliert er deutlich

Radikal legt die weiße Macht ihr Tempo offen und spielt pulsierend mit den Gefühlen ihres Bändigers. Der rote Rivale scheut das Extrem, gibt sich eleganter. Geschwindigkeit wird nicht zelebriert, sondern angeboten. Er ist ein Gran Turismo für alle Tage. Keiner, den man bei schlechtem Wetter oder mieser Fahrbahn in die Garage sperrt. Komfortabel, bei Bedarf handzahm und sogar mit einem brauchbaren Kofferraum. Und sein knackiger Po wedelt auf einen kräftigen Gasstoß hin mit Heckantriebs-Leichtigkeit über den Asphalt. Beim LP 640 enden Driftversuche irgendwo zwischen Untersteuern und Dreher.

Überhaupt macht ihn seine bedingungslose Auslegung zum eher rauen Gesellen. Regen treibt auch den Puls von Profis in den roten Bereich. Der riesige Wendekreis zusammen mit dem breiten Heck machen jede Tiefgarage zur Höllentour. Von der Übersichtlichkeit einer sizilianischen Kanalfähre gar nicht zu reden. Immerhin kann das nicht mal so unkomfortable Fahrwerk bei allzu hohen Bordsteinen niveaureguliert werden. Den Test gegen den Erzrivalen verliert er deutlich.

Ob Enzo Ferrari darüber glücklich gewesen wäre sei dahingestellt. Seine Liebe galt Zwölfzylinder-Motoren und Rennen, aber nicht dem Auto-Alltag.

Fazit

1. Ferrari 599 GTB Fiorano
433 Punkte

Er ist der Alleskönner unter den Supersportwagen und brilliert mit Komfort, Sicherheit und Dynamik zugleich. Den Test gewinnt er mühelos. Auf der Rennstrecke muss er sich seinem radikalen Rivalen aber geschlagen geben.

2. Lamborghini Murciélago LP 640
391 Punkte

Der Murciélago schert sich nicht um Alltagstauglichkeit, ignoriert Parkprobleme und Komfortwünsche. Er ist einfach nur ein kantig-wilder, höllenschneller Testosteron-Dampfhammer mit unglaublichem Motorklang.

Technische Daten
Ferrari 599 GTB Fiorano Lamborghini Murciélago LP 640
Grundpreis 247.520 € 285.600 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4665 x 1962 x 1336 mm 4610 x 2058 x 1135 mm
KofferraumvolumenVDA 320 l 150 l
Hubraum / Motor 5999 cm³ / 12-Zylinder 6496 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 456 kW / 620 PS bei 7600 U/min 471 kW / 640 PS bei 8000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 330 km/h 340 km/h
0-100 km/h 3,7 s 3,6 s
Verbrauch 21,3 l/100 km 21,4 l/100 km
Testverbrauch 23,7 l/100 km 24,8 l/100 km
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