Ferrari 612 Scaglietti im Test

Schau Bella

Foto: Hans-Dieter Seufert

540 PS Leistung, 321 km/h schnell, 218.000 Euro: Mit einer Mischung aus Erotik und Aerodynamik führt der Ferrari 612 Scaglietti die italienische Tradition luxuriöser, leistungsfähiger 2+2-Sitzer fort. Ein Einzeltest.

Ferrari incognito? Das hat es in der mehr als 50-jährigen Geschichte der Marke noch nie gegeben. Darf es auch nicht, wenn es nach der einhelligen Meinung von besitzenden und nur bewundernden Ferraristi geht. Denn wer sich eine der feurigen, lautmalerischen, meist rot lackierten Sportwagen-Skulpturen leisten kann, hat quasi die Pflicht, die weniger Begüterten zumindest optisch und akustisch daran teilhaben lassen. Doch schon seit dem 250 GTE von 1960 bietet Ferrari stillen Genießern eine Möglichkeit, sich ein wenig aus ihrer Verantwortung zu stehlen. Besonders die grau melierte Kundschaft greift bevorzugt zum unauffälligeren 2+2-Sitzer, der zudem höchste Leistungsfähigkeit mit gesteigertem Luxus und Lebensraum verbindet.

Nicht zu vergessen: Trotz seiner formalen Raffinesse strahlt auch der jüngste Spross dieser stolzen Ahnenreihe eine seriöse Würde aus. Wie alle seine Vorgänger wurde der 612 Scaglietti von Hausdesigner Pininfarina gezeichnet. Mit sicherer Hand modellierte er einen eleganten Gran Turismo, der völlig eigenständig und doch ganz markentypisch wirkt. Kein Spoiler verdirbt die fließende Linie, ihre aerodynamische Güte belegt weniger der cW-Wert (0,33) als der ausgetüftelte Unterboden, der den Luftstrom kanalisiert und den Wagen bei 300 km/h mit 115 Kilogramm auf den Boden presst. Gefordert waren auch mehr Innenraum als beim abgelösten 456 GT sowie ein nach hinten gerückter Motor zur besseren Gewichtsverteilung, was zu stattlichen Dimensionen führte.

Damit das gewachsene Format nicht auch zu Lasten von Handling und Dynamik geht, werden erstmals bei Ferrari Karosserie und Chassis aus Aluminium gefertigt. So bringt das Coupé zwar immer noch 1903 Kilogramm auf die Waage, aber erheblich weniger als ein Bentley Continental GT oder ein Mercedes CL 65 AMG. Dafür ist das Platzangebot nun zumindest vorn generös. Hinten fällt die Beinfreiheit naturgemäß ziemlich knapp aus, doch dank breiten Türen, Einstiegshilfe sowie kommoden Sitzschalen werden hier kürzere Etappen nicht zur Tortur. Große Reisen sollte man ohnehin höchstens zu zweit planen, denn 240 Liter Gepäck lassen sich nur unterbringen, wenn man auf Tirefit verzichtet und das entsprechende Fach mitzählt.

Ansonsten zeigt der Scaglietti ein sehr italienisches Verständnis von Luxus, das ohne Protz und Prunkauskommt. Duftendes, handgenähtes Leder für Augen und Nase, geriffelte Alu-Knöpfe mit präziser Rastung zum Anfassen, dazu ein Bose-Soundsystem und ein vielstimmiges Orchester unter der Motorhaube für die Ohren. Umso deplatzierter wirken das nervige Piepsen beim Entriegeln und Rückwärtsfahren, diverse Plastikblenden, in der Frontscheibe spiegelnde Einfassungen der Lüftungsdüsen sowie das Info-Display, das wie Drehzahlmesser und Tacho bei Lichteinfall kaum ablesbar ist. Genug des stillen Betrachtens, Zeit zum Fahren. Also Sitze, Lenkrad und Außenspiegel elektrisch in Position bringen, sich mit der Bedienung und den Abmessungen vertraut machen, passt. Aus Fahrersicht ist der Überblick erstaunlich gut, die tiefe Gürtellinie und markante Kotflügel helfen bei der Orientierung.

Gestartet wird ganz konventionell mit dem Zündschlüssel, mehr als einen Startknopf vermisst man jedoch das ferraritypisch helle Anlassergeräusch. Und das dann folgende dumpfe Grollen des mächtigen V12 versetzt höchstens die Außenstehenden in freudige Erregung. Die gereiften Kundenwollen es so, argumentiert man bei Ferrari, und sie wollen auch nichtmehr kuppeln. Deshalb ordert die große Mehrzahl das automatisierte F1-Getriebe, bei dem die sechs Gänge per Hand mit Wippen hinter dem Lenkrad oder jetzt wahlweise von der Elektronikgewechselt werden. Den Komfort eines Wandlergetriebes darf man allerdings im Automatik-Modus nicht erwarten, denn wie üblich stören lange Schaltpausen sowie das nicht immer passende Rauf-oder Runterschalten. Mehr Leben in die Bude, aber härtere Rucke bringt ein Griff zur Sport-Taste, die zugleich das Fahrwerk strafft und größere Driftwinkel zulässt.

Für Sportfahrer bleibt das manuelle Schalten die genussvollere Alternative, zumal es so schnell und leicht von der Hand geht und stets die optimale Übersetzung garantiert. Das Zögern und Ruckeln beim Langsamfahren oder Rangieren bleibt freilich selbst damit erhalten. Mögen Zweifel an der Kraftübertragung des 612 aufkommen – an seiner Kraftentfaltung gibt es keine. Was der im Prinzip aus dem schwächeren Maranello (515 statt 540 PS) bekannte Zwölfzylinder an Laufkultur, Leistung und Temperament zu bieten hat, ist schlicht ergreifend. Beim beschaulichen Bummeln in der Stadt legt er so willig und lustvoll zu wie jenseits von 250 km/h auf der Autobahn, sein wuchtiges Drehmoment (589 Nm) macht das Leben zu einem scheinbar endlosen Drehzahlband.

Diese Leichtigkeit des Durchzugs imponiert fast mehr als die rasante Beschleunigung. Nach 4,4 Sekunden ist Tempo 100 erreicht, bereits 11,1 Sekunden später liegen 200 km/h im fünften Gang an, von wo aus es ungestüm weitergeht bis zur Spitze von 321 km/h. Zwischen 4000 und 7500/min entfaltet der 5,75-Liter-Saugmotor dann sogar jenen elektrisierenden Klang, der dafür entschädigt, dass der Mercedes CL 65 AMG nicht nur deutlich leiser, sondern auch 2,5 Sekunden schneller auf 200 km/h ist. Ersatzweise verblüfft der Scaglietti mit einer Agilität und Handlichkeit, die man dem 1,9-Tonner nicht ohne weiteres zutraut. Sowohl im Stadtverkehr wie auf gewundenen Landstraßen lässt er sich mit leichter Hand führen und geradezu zackig lenken. Das Fahrverhalten bleibt dank der ausgewogenen Achslastverteilung bis in den Grenzbereich weitgehend neutral und wird erstmals bei Ferrari von einem (abschaltbaren) ESP abgesichert, hier CST genannt.

Dass der 612 trotz enorm standfester Bremsen fahrdynamisch nicht rundum beglückt, liegt an seiner elektrohydraulischen Zahnstangenlenkung. Besonders um die Mittellage könnte sie mehr Präzision und Rückmeldung vertragen, in flotten Kurven muss man stets etwas nachlenken. Selbst auf geraden Pisten erfordern Spurrillen und Unebenheiten oft kleinere Korrekturen, ohne den Eindruck hoher Richtungsstabilität zu schmälern. Auch der Federungskomfort gibt zu erkennen, dass ein derart breites Geschwindigkeitsspektrum nur mit Kompromissen abzudecken ist. Kanaldeckel werden polternd überrollt, Querfugen mit trockener Härte und leichtem Stuckern quittiert, was sich mit zunehmendem Tempo etwas verliert.

Die am Testwagen montierte Runflat-Bereifung mit ihren steiferen Seitenwangen macht die Sache gewiss nicht besser, doch insgesamt muss man dem Coupé eine akzeptable, naturgemäß ziemlich straffe Feder-Dämpfer-Abstimmung bescheinigen. Ein fader Kompromiss ist der Scaglietti jedenfalls nicht, selbst wenn ihm zum Reisewagen der Komfort, zum Sportwagen der Sound und eine gefühlvollere Lenkung fehlen. Um es mit Enzo Ferrari zu sagen: Das beste Auto ist immer das nächste, das man noch zu bauen hat.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • steife, gut ausgestattete Karosserie gutes Platzangebot befriedigende Übersichtlichkeit überwiegend wertvolle Materialien
  • kleiner Kofferraum
Fahrkomfort
  • straffe, insgesamt gelungene Federung leichtgängige Bedienung bequeme Sitze
  • mäßiger Langsamfahrkomfort hohes Innengeräusch
Antrieb
  • kultivierter, durchzugsstarker V12 exzellente Fahrleistungen
  • F1-Schaltung nicht voll befriedigend
Fahreigenschaften
  • sehr sicheres Fahrverhalten gute Handlichkeit hervorragende Traktion
  • leichtgängige, etwas nervöse Lenkung mit wenig Fahrbahnkontakt
Sicherheit
  • effektive, standfeste Bremsen
  • keine Seiten- und Kopfairbags
Umwelt
  • schadstoffarm nach Euro 4-Norm
  • sehr hoher Benzinverbrauch
Kosten
  • drei Jahre Garantie
  • sehr hoher Kaufpreis extrem hohe Unterhaltskosten

Fazit

Der 612 Scaglietti ist ein Gran Turismo der absoluten Spitzenklasse mit überraschender Handlich- und Alltagstauglichkeit. Zum Reisewagen fehlt ihm aber der Komfort, zum Sportwagen der Sound und eine gefühlvollere Lenkung.

Technische Daten
Ferrari 612 Scaglietti 5.7 V12
Grundpreis 268.300 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4902 x 1957 x 1344 mm
KofferraumvolumenVDA 240 l
Hubraum / Motor 5748 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 397 kW / 540 PS bei 7250 U/min
Höchstgeschwindigkeit 320 km/h
0-100 km/h 4,4 s
Verbrauch 20,7 l/100 km
Testverbrauch 19,1 l/100 km
Alle technischen Daten anzeigen
Noch nicht registriert?

Erstellen Sie jetzt Ihr kostenloses Profil und profitieren Sie als registrierter Nutzer von folgenden Vorteilen:

  • Exklusiver Zugriff auf alle Test- und Messdaten der Redaktion
  • 360°-Ansichten von Autos
  • Schneller PDF-Kauf
Kostenlos anmelden
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Top Aktuell Racechip Hyundai i30 N - Tuning - Kompaktsportwagen Racechip-Hyundai i30 N im Test 320 Tuning-PS im Kompakten
Beliebte Artikel MTM-AUDI R8 V10 PLUS 802 SUPERCHARGED, Exterieur MTM-Audi R8 V10 Plus 802 im Test Am Limit des Machbaren Porsche 911 GT3 RS, Exterieur Porsche 911 GT3 RS im Test Mit Wolllust Richtung Begrenzer
Anzeige
Sportwagen Mercedes E 400 Coupé, Frontansicht Sportwagen-Neuzulassungen Oktober Mercedes E Coupé vor Mustang 190 E, 3.2 AMG-C32, C43 AMG, Exterieur 190E 3.2, C 32, C 43 AMG AMG-Sechszylinder aus 3 Epochen
Allrad Jeep Gladiator Concept 2005 Jeep Wrangler Pickup Neuer Pickup-Jeep für 2019 Seat Ateca Schnee Winter SUV Die 30 billigsten 4x4-SUV Winter-SUV bis 30.000 Euro
Oldtimer & Youngtimer Porsche Carrera GT Werksrestaurierung Porsche Classic Carrera GT 13 Jahre alt, aber jetzt fabrikneu Renault 19 (1988) Renault 19 (1988-1995) 30 Jahre und fast verschwunden
Promobil Carado T 448 Dauertester Carado T 448 im Dauer-Test So war das Jahr mit Carlos Schlafsäcke Test Mantelschlafsäcke im Test Wohlig warm in der kühlen Zeit
CARAVANING Wohnmobile an Tankstelle Sprit sparen mit dem Gespann Tipps für eine sorgenfreie Reise Campingplatz Oakdown Campingplatz-Tipps Südengland Traumhafte Urlaubsorte