Fiat Brava 1.6 16V ELX

Fiat Brava 1.6 16V ELX im Test

Aufwärts-Spiel

Nach unrühmlichen Ergebnissen mit früheren Fiat-Modellen kam im Februar 1997 der Brava als Dauertest-Auto in die Redaktion. Nach 100.000 Kilometern beantwortet er die Frage, ob es mit der Qualität bei Fiat aufwärtsgegangen ist oder nicht.

Abgerechnet wird wie im Western immer erst am Schluß. Erst dann, wenn die dicke Akte mit allen Bordkarten, Werkstattbelegen, Leserzuschriften und Gutachten über einen Dauertest-Kandidaten geschlossen ist und die Redaktion anhand der Aufzeichnungen das Testwagenleben nachzeichnet, zeigt sich, ob sich das Bild einer Marke oder eines Modells bestätigt oder ob Vorurteile revidiert werden müssen.

Noch 1990 stellte die Redaktion dem Brava-Vorgängermodell namens Tipo (Heft 21/90) ein katastrophales Zeugnis aus. Mängel in Hülle und Fülle sowie zwei Totalausfälle schrieben den Fiat-Entwicklern Qualitätsverbesserung ins Lastenheft. Ein Musterknabe in allen Disziplinen war der Brava allerdings auch nicht: Die erste Eintragung in der Bordkarte stammt von Redakteur Toni Melfi. Auf der kurvenreichen Bergabstrecke der Certosa-Autobahn von Mailand nach La Spezia registrierte er „nachlassende Bremswirkung bei hoherBeanspruchung“. Die schwache Verzögerung bestätigte der Bremsentest vor zwei Jahren (Heft 18/96) schon, als ein anderer Brava-Testwagen den extremen Belastungen nicht gewachsen war.

Bemerkenswert ist aber auch der Umstand, daß sich die Bremsanlage insgesamt als sehr langlebig erwies: Erst gegen Ende der Testdistanz war ein Wechsel der vorderen Scheiben fällig, und die Bremsbeläge hätten nur zwei Mal getauscht werden müssen – wenn nicht ein versehentlicher Abstecher in eine frische Betonlache in einem Baugebiet einen weiteren Wechsel sowie die aufwendige Reinigung des gesamten vorderen Achskörpers notwendig gemacht hätte.

Auch der Reifenverschleiß des Brava war erfreulich gering. Anteilig auf die Distanz schlugen die Reifenkosten nur mit rund 600 Mark zu Buche. Der erste Satz Michelin MXT-Pneus beispielsweise wurde erst nach 44 000 Kilometern abgezogen und zeigte vorn wie hinten noch deutlich mehr als drei Millimeter Restprofiltiefe. Billig im Unterhalt ist der Brava dennoch nicht. Während der günstige Kaufpreis und die reichhaltige Ausstattung das Budget schonen, sorgen vor allem die hohen Wartungspreise für Gesamtkosten in Höhe von 2,5 Pfennig pro Kilometer. Damit rangiert der Fiat auf ähnlich hohem Niveau wie der Renault Mégane und der Mitsubishi Colt.

Probleme bereitete vor allem die Elektrik des Brava. Bei Kilometerstand 11 982 trat ein Defekt auf, der erst rund 5000 Kilometer später vollständig behoben werden konnte: Der Blinker auf der rechten Seite fiel immer wieder aus, zeitweise leuchtete während seiner Betätigung das Bremslicht mit auf. Die Überprüfung der Kontakte schaffte immer nur für kurze Zeit Abhilfe, erst der Austausch eines Steckers in der Werkstatt beseitigte den Massefehler auf Dauer.

Ähnliche Störungen gab es auch in der Folge: Bei Kilometerstand 87 233 streikte das linke Bremslicht wegen eines Wackelkontakts in der Lampenfassung, der schließlich auch das Durchbrennen des Lämpchens herbeiführte (siehe Störungstabelle ).

Mitunter auftretende Drehzahlschwankungen im Leerlauf sowie lästiges Motorruckeln nach dem Kaltstart zeugen von einem nicht immer einwandfrei funktionierenden Motormanagement: „Motor ruckelt; Leerlauf macht, was er will“, notierte Redakteur Heinrich Sauer. So lästig, daß die Motorelektronik hätte ausgetauscht werden müssen, waren die Symptome allerdings nicht.

Nicht auf ein elektrisches Problem war dagegen das Aufleuchten der Airbag-Kontrolllampe nach 70 775 Kilometern zurückzuführen. Eine kurz darauf nachlassende Heizleistung, eine stark schwankende Anzeige der Kühlwassertemperatur und schließlich der Einbruch von Kühlflüssigkeit in den Beifahrerfußraum führten zu einem der drei außerplanmäßigen Werkstatt-Aufenthalte und auf die Spur des Defekts: Ein Dichtungsring am Wärmetauscher war beschädigt – das zunächst in winzigen Mengen austretende Kühlwasser hatte auch den Kontakt an der Steckverbindung zum Airbag gestört. Wäre dieser von einem nur Pfennige kostenden Bauteil ausgelöste Defekt nicht rechtzeitig entdeckt worden, hätte er im schlimmsten Fall auch einen Motorschaden wegen Überhitzung nach sich ziehen können. Den insgesamt dritten Werkstattbesuch außer der Reihe führte eine aus dem Fahrersitz herausstehende Polsterfeder herbei. Der durchgescheuerte Bezug wurde komplett ausgewechselt. Die Sitze des Brava gaben ohnehin Anlaß zur Kritik.

„Sitzflächen zu kurz, Bezug schweißtreibend“, notierte etwa Vielfahrer Klaus Herder. Der 1,94 Meter große Henry Bernhard, als Fernseh-Koordinator ständig unterwegs zwischen dem Redaktionssitz in Stuttgart und dem TV-Sender Vox in Köln, ärgerte sich besonders über das Brava-Gestühl. „Auf langen Strecken bekomme ich regelmäßig Krämpfe, und der Stoff ist nach 70 000 Kilometern durchgewetzt“, notierte er, „ein absoluter Minuspunkt.“

Auch die akustische Untermalung durch Klappergeräusche störte die Tester. Vor allem im Bereich der B-Säule und des Handschuhfachs knisterte es stets leise, aber vernehmlich. „Das Armarurenbrett redet wie ein Buch“ – Kommentare dieser Art begleiteten den Brava durch den Dauertest.

Die Car Check-Umfrage, die auto motor und sport jährlich durchführt und an der sich im vergangenen Jahr 52 000 Leser beteiligten, bestätigt dieses Bild (siehe Lesererfahrungen ). Für die Fiat-Modelle Brava und Bravo nannten sie das Merkmal „Quietsch- und Klappergeräusche“ am häufigsten.

Lob – sowohl von den Lesern als auch von den Testern – erntete der Brava vor allem wegen seines großen Innenund Kofferraums. Für Susann Kirchhof aus Zwickau ist das Ladevolumen „ein Grund, weshalb ich mir den Brava gekauft habe“. Auch Jürgen Seiler aus Traunreut lobt „das Platzangebot für ein Auto dieser Klasse“.

Gegen die Langstreckentauglichkeit sprechen allerdings ein hoher Kraftstoffverbrauch und der in Relation dazu vergleichsweise geringe Tankinhalt von nur 50 Litern. „Die Reichweite ist geradezu lächerlich“, schrieb Fotograf Uli Jooß dem Fiat in die Bordkarte, nachdem er während einer längeren Dienstreise von einem Fototermin zum nächsten meist schon nach weniger als 400 Kilometern eine Tankstelle ansteuern mußte. Im Durchschnitt konsumierte der Dauertest-Brava 9,4 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer.

Während langer Vollgasetappen auf Autobahnen ohne Tempolimit bereitete die Einspritzanlage sogar meist deutlich über zehn Liter zu Gemisch auf. Nur mit zartem Gasfuß bewegt, beispielsweise in der streng überwachten Schweiz, kam der Brava dagegen auch mit rund sieben Litern aus. Der Grund für den in dieser Klasse zu hohen Spritdurst ist schnell ausgemacht. Der 103 PS starke 1,6 Liter-Motor ist ein Vierventiler der alten Schule: „Leistung entwickelt der Motor des Brava erst bei hohen Drehzahlen“, notierte Toni Melfi, „das geht auf den Verbrauch.“ Die Leser Paul und Dagmar Hausdorf aus Senhals kommen in ihrer Zuschrift zum gleichen Schluß: „Nur oberhalb von 3500 Touren macht es richtig Spaß, mit dem Brava zu fahren“, dokumentieren sie, „unterhalb dieser Drehzahl wirkt der Motor recht kraftlos.“ Wer das Drehzahlband des kernig klingenden Aggregats dagegen ausnutzt, wird mit guten Fahrleistungen belohnt.

Große Freude bereitet auch die Handlichkeit des Brava. Mit seiner beinahe schon zu leichtgängigen, aber präzisen Lenkung und dem gut zu schaltenden Getriebe ist er auch in der Stadt streßfrei zu bewegen. Da trübt nur die schlechte Übersichtlichkeit das Bild, denn die großzügig dimensionierten Dachsäulen stören die Rundumsicht. Das Heck ist überdies beim Einparken nur noch zu erahnen.

Unterm Strich handelt es sich bei den aufgetretenen Schwachpunkten weitgehend um Kleinigkeiten. Gegenüber früheren Dauertest-Fiat ist ein deutlicher Qualitätssprung festzustellen. Schwere Schäden an Motor oder Getriebe, Fahrwerk oder Karosserie gab es während der gesamten Distanz nicht. In der Gesamtwertung erreicht der Brava einen Mängelindex von nur 8,5 und damit das bislang beste Ergebnis in der Kompaktklasse. Da strahlt auch der Lack des Brava – nach 100 000 Kilometern zeigt er mehr Glanz als so mancher Neuwagen.

Toll an diesem Auto ist das üppige Raumangebot, das sehr gute Preis-Leistungs-Verhältnis und die im Vergleich zur bisher von Fiat gewohnten Qualität gute Verarbeitung. Erwähnenswert sind auch die gute Anordnung von Radio, Instrumenten und Bedienungshebeln. Kritik gibt es für den durchzugsschwachen Motor, den Federungskomfort und die Sitze, deren Sitzflächen zu kurz geraten sind. Der Spritverbrauch liegt entgegen ihren letzten Testberichten zwischen 6,8 und 7,5 Litern. Fazit: Wenn Fiat weiterhin an der Verarbeitungsqualität arbeitet, werden wir bei dieser Marke bleiben.
Paul und Dagmar Hausdorf, 56820 Senhals

Am meisten begeistern mich der große Innenraum und die gutmütigen Fahreigenschaften. Als Mängel gab es nur Kleinigkeiten: Am Radio klemmte der Deckel des Kassettenfachs (Radio innerhalb der Garantiezeit ausgetauscht). Außerdem brannte anfangs die Sicherung der Klimaanlage dauernd durch. Erst nach mehrmaligem, langen Suchen wurde der Fehler gefunden: Ein falsches Bauteil hatte den Defekt ausgelöst, der ebenfalls noch innerhalb der Garantie behoben wurde. Mit dem Fiat-Service bin ich zufrieden. Den Wagen würde ich mir wieder kaufen.
Dieter Behrens, 64546 Mörfelden
 
Eine unvollständige Schweiß- naht am Auspuff war die Ursache für merkwürdige Geräusche, die gleich zu Beginn auftraten. Bei Austausch des Auspuffrohrs wurde gleich die Innenverkleidung der Fahrertür erneuert, welche locker und eingerissen war. Ebenfalls ausgetauscht wurde eine Zierleiste an der hinteren Tür. Alle Mängel wurden an einem Tag behoben, und während des Werkstattaufenthaltes bekam ich kostenlos einen Ersatzwagen. Nur Kleinigkeiten also. So richtig ärgert mich aber die starke Spiegelung des Armaturenbretts in der Frontscheibe.
Roland Schmitt, 35644 Hohenahr
 
Der Kraftstoffverbrauch meines Brava ist mit 13 Litern pro 100 Kilometer und bei einem Autobahn- und Landstraßenanteil von drei Vierteln viel zu hoch - und das bei einem Tankinhalt von nur 50 Litern. Die Durchzugskraft ist zu schwach, auch wird die angegebene Höchstgeschwindigkeit von meinem Brava nicht erreicht. Alle Einstellversuche der Werkstatt brachten bisher keine Besserung. Die Verarbeitungsqualität finde ich gut, auch Klappergeräusche habe ich noch nicht gehört.
Manfred Weiß, 12169 Berlin

Das Platzangebot ist für ein Auto dieser Klasse gut. An die etwas zu kurzen Sitze gewöhnt man sich mit der Zeit. Der Motor ist angenehm leise, bei eingeschalteter Klimaanlage wirkt er allerdings ein bisschen schlapp. Die Straßenlage ist sehr gut, auch die Verarbeitung finde ich in Ordnung, nur gelegentlich klappert es im Bereich der rechten B-Säule. Nach vier Wochen mußte das Radio ausgetauscht werden, da es von einer Sekunde auf die andere seine Funktion einstellte.
Jürgen Seiler, 83301 Traunreut
 
Auch nach einem Totalschaden mit meinem ersten Brava kam kein anderes Auto in Frage. Als störend empfinde ich allerdings die Klappergeräusche. Wegen des Radios Mußte ich schon nach drei Monaten in die Werkstatt, denn die eingelegte Kassette ließ sich nicht mehr auswerfen. Auf längeren Strecken ist mit dem Brava angenehm zu reisen. Genügend Beinfreiheit ist vorhanden, auch auf den hinteren Sitzen. Durch sein hohes Heck ist der Brava nach hinten unübersichtlich. Trotz der kleineren Mängel würde ich jedem den Kauf eines Brava empfehlen.
Susann Kirchhof, 08060 Zwickau   

Abgastest: Der Fiat Brava 1.6 ELX ist nach der europäischen Abgasvorschrift 94/12/EG (= EU 2) typgeprüft, die seit 1996 für alle neuen Autos verbindlich ist. Sie gilt als ähnlich streng wie die US-Limits.

Autos mit höherer Laufleistung können sie mitunter nur mit Mühe oder gar nicht mehr einhalten. Das gilt auch für den Fiat Brava. Die obligatorische Abgasmessung am Ende des Dauertests auf dem Rollenprüfstand der TÜV Automotive GmbH (Unternehmensgruppe TÜV Süddeutschland) in Böblingen ergab folgende Werte (Grenzwerte in Klammern): Kohlenmonoxid (CO): 1,28 (2,20) Gramm pro Kilometer, Summenwert aus Stickoxiden (NOX) und Kohlenwasserstoffen (HC): 0,63 (0,50) Gramm pro Kilometer - das ist zuviel, obwohl der CO-Wert sogar die D3- Anforderungen erfüllt.

Mängel im Überblick: Die zu kurzen Beinauflagen machten lange Strecken für große Fahrer zur Tortur. Der Fahrersitzbezug mußte erneuert werden, weil sich eine Polsterfeder durchgebohrt hatte.  Zahlreiche Störungen in der Elektrik führten zu Ausfüllen oder Störungen der Beleuchtungsanlage.  Als erfreulich langlebig erwies sich die Bremsanlage. Die Bremsscheiben mussten erst bei Testende erneuert werden

Vor- und Nachteile

  • Gutes Platzangebot mit großem, variablem Kofferraum
  • Praktische Türgriffe
  • Gute Wirkung von Klimaanlage und Belüftung
  • Leichtgängige, präzise Servolenkung
  • Exakte Schaltung
  • Umfangreiche Serienausstattung
  • Unpraktische Radiobedienung und schlechte Empfangsqualität
  • Unübersichtliche Karosserie
  • Zeitweise auftretendes Motorruckeln nach Kaltstart
  • Zum Stuckern neigende Vorderachse
  • Nachlassende Bremswirkung bei hoher Belastung
  • Geringe Reichweite
  • Unbefriedigende Verarbeitungsqualität im Innenraum

Technische Daten

Fiat Brava 1.6 16V ELX
Außenmaße 4187 x 1741 x 1420 mm
Kofferraumvolumen 380 bis 775 l
Hubraum / Motor 1581 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 66 kW / 90 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 177 km/h
Alle technischen Daten anzeigen
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