Fiat Punto, Renault Clio und VW Polo

Gerne Groß

Foto: Hans-Dieter Seufert 26 Bilder

Gleich zwei neue Kleinwagen wollen mit äußerer Fülle und inneren Werten groß rauskommen. Lassen Fiat Grande Punto und Renault Clio den seit Jahren bewährten Primus VW Polo jetzt alt aussehen?

War Karl der Große wirklich groß? Als Person und Herrscher gewiss, nach seiner Statur eher nicht. Da hätte er schon gegenüber vielen Zeitgenossen den Kürzeren gezogen. Doch obwohl sich wahre Größe selten in Zentimetern messen lässt, sollen heute selbst Kleinwagen mit ihren Abmessungen Eindruck schinden.

Zum Beispiel der neue Grande Punto: In Anzeigen wirbt Fiat für seinen jüngsten Spross nicht nur mit zahlreichen Varianten und fünf Sternen beim Euro-NCAP-Crashtest, sondern auch mit über vier Meter Länge. Ein Trend, der bereits seit Jahren anhält und die Kleinen auf das Format der einstigen Kompaktklasse gebracht hat (siehe Spotlight Seite 44).

So ließ Renault die dritte Clio- Generation gegenüber dem Vorgänger um immerhin 21 Zentimeter wachsen und in der Breite und Höhe sogar am italienischen Rivalen vorbeiziehen. Da muss der VW Polo, bei seiner Einführung vor vier Jahren noch das Maß aller Dinge, trotz seiner zum Facelift im Frühjahr verlängerten Nase klein beigeben.

Doch dort, wo es drauf ankommt, sieht er gar nicht so alt aus. Der Innenraum ist ähnlich großzügig wie im Fiat, dessen vanartiger Vorbau zwar ein luftiges Raumgefühl, aber wegen der extrem schrägen A-Säulen eine schlechte Sicht nach vorne vermittelt. Beim Renault sind hingegen die Ellenbogen- und Kopffreiheit im Fond etwas knapp, ebenso der Einstieg nach hinten. Ansonsten reicht der Platz jeweils gut für vier Erwachsene, zumal die Hinterbänkler ihre Füße bequem unter die Vordersitze schieben können.

Auch im Heckabteil werden reisetaugliche 270 bis 288 Liter Volumen geboten. Wer mehr braucht, kann die geteilten Rücksitze und -lehnen ohne große Mühe umlegen und den Stauraum bis auf 1030 Liter vergrößern, wobei durchweg eine Stufe, ansteigende Böden sowie hohe Ladekanten die optimale Nutzung erschweren.

Sein Handikap der geringen Zuladung (411 Kilogramm) macht der Clio zumindest teilweise durch viele Ablagen und ein sehr großes, gekühltes Handschuhfach wieder wett.

Weitere Punkte sammelt die getestete Privilège-Version mit ihrer umfangreichen Serienausstattung (Klimaanlage, elektrische Fensterheber und Außenspiegel, CD-Radio), die vom Grande Punto Emotion (zusätzlich Alufelgen, Nebelscheinwerfer und Klimaautomatik) noch übertroffen wird.

Beim Polo herrscht hingegen nicht nur in dieser Hinsicht eine nüchterne Kargheit vor, die allerdings keine Rückschlüsse auf die Karosseriequalität erlaubt. Denn in puncto Steifigkeit, Solidität und Detailverarbeitung ist er bis heute eine Klasse für sich, während sich der Fiat unsaubere Passungen, viel Hartplastik und scheppernde Türen leistet. Außerdem sind dessen Instrumente zu klein und mit unnötigen Strichen überzeichnet, die Schalter für elektrische Sitzheizung und Lordosenstütze zu weit hinten zwischen den Vordersitzen versteckt, die Klapptürgriffe unpraktisch.

Da zeigt der Renault schon mehr Funktionalität, ohne an den Standard des VW heranzureichen. Von der Klarheit des Cockpits über die Rundumsicht bis hin zur Sitzposition und -verstellung – in der Bedienung ist er kaum zu verbessern. Nur auf seiner harten, wenig ausgeformten Rückbank mit der steilen Lehne kommt kein Wohlgefühl auf. Sonstige Einbußen beim Komfort gehen vorwiegend auf das Konto des rauen, lauten Dreizylinder-Diesels, aber auch das insgesamt schluckfreudige Fahrwerk meldet sich bisweilen polternd zu Wort.

Mehr noch bekommen dies die überdies von Windgeräuschen geplagten Fiat-Insassen zu spüren, die schon auf kleinen Wellen von ständigen Erschütterungen behelligt werden. Besonders mit hoher Zuladung wirkt der ganze Wagen unruhig und unterdämpft, die langen Federwege führen zu starken Hubbewegungen und zum Teil üblen Stößen.

Was eine saubere Abstimmung bei ähnlichem Grundkonzept in dieser Klasse leisten kann, zeigt das erfreulich kommode Renault-Fahrwerk. Es trägt die Passagiere ruhig und sanft wiegend, jedoch ohne lästiges Getorkel über Kanaldeckel und Querfugen. Erst heftige Verwerfungen mit viel Ballast an Bord regen die Karosserie zu größeren Ausschlägen an.

Der überzeugende Komforteindruck, den das niedrige Geräuschniveau und die bequemen, gut ausgeformten Sitze weiter untermauern, wird dadurch jedenfalls nur unwesentlich getrübt. Zumal er nicht auf Kosten der Fahreigenschaften geht. Obwohl die gefühlsarme, stößige Elektrolenkung mit ihrer schwankenden Übersetzung nicht gerade zum Kurvenzirkeln animiert, legt der Clio ein ebenso flinkes wie sicheres, leicht untersteuerndes Handling ohne störende Lastwechselreaktionen an den Tag.

Das elektronische Stabilitätsprogramm kostet zwar wie bei den Konkurrenten extra, bringt aber mehr Sicherheit und dazu Scheiben- statt der serienmäßigen Trommelbremsen hinten. Damit erzielt die gut dosierbare Anlage eine gleichmäßig hohe Verzögerung.

Der Grande Punto glänzt darüber hinaus mit Spurstabilität und kurzen Anhaltewegen auf nassen, unterschiedlichen Fahrbahnbelägen (μ-split), wieselt zudem munter und unkritisch durch die VDA-Ausweichgasse. Doch seine überspitzt vorgetragene Agilität weckt wenig Vertrauen: Schon bei zarten Kurskorrekturen mit der leichtgängigen Lenkung wird das Heck unruhig, speziell mit Beladung drängt es nach außen und verstärkt somit den Einschlag.

Auch der mangelnde Fahrbahnkontakt am Volant und die starken Karosseriebewegungen tragen nicht eben dazu bei, eine saubere, ruhige Linie einzuhalten. Dass der Polo hier kaum besser abschneidet, liegt vor allem an seinen schmalbrüstigen Serienreifen. Damit schiebt der Fronttriebler in Kurven kräftig über die Vorderräder und erfordert häufiges Nachlenken, was ihn trotz seiner präzisen Lenkung mit gutem Fahrbahnkontakt relativ unhandlich macht.

Mindestens mitverantwortlich sind die dünnen Pneus überdies für die schwache Traktion und die mäßige Bremsleistung – sowohl was die Verzögerung als auch das Pedalgefühl angeht. Mit seinem kernigen, schüttelnden Dieselmotor kann der VW diese Scharte jedenfalls kaum ausbügeln. Speziell beim morgendlichen Kaltstart ist nicht zu überhören, dass unter der Fronthaube der einzige Dreizylinder in dieser Runde – noch dazu mit der akustisch härteren Pumpe- Düse-Einspritzung – arbeitet.

Vorteile zeigt diese Bauweise weder beim Verbrauch noch beim Temperament; Leistung und Drehmoment liegen sogar unter den Werten der Vierzylinder- Triebwerke, die beide den Kraftstoff via Common Rail verabreichen und viel leiser verbrennen. Besonders kultiviert und gleichmäßig geht der Renault-Motor zu Werke, während der drehfreudige Fiat-Vierventiler erst bei 2000/min aufwacht.

Seine Anfahrschwäche kompensiert er jedoch teilweise mit dem serienmäßigen Sechsganggetriebe, das ihm unter vergleichbaren Bedingungen einen niedrigeren Verbrauch (Testmittel 6,5 L/100 km) und trotz des kleinen 45-Liter-Tanks eine Reichweite um 700 Kilometer beschert. Zudem soll es ihn noch vor den Konkurrenten ab Januar mit einem Rußpartikelfilter geben (Aufpreis zirka 600 Euro).

Dass der Grande Punto seinen zweiten Platz in der Eigenschaftswertung am Ende trotzdem an den Polo abtreten muss, liegt an seiner weniger ausgeprägten Wirtschaftlichkeit (Wiederverkauf, Fixkosten, Garantie).

Auch der Clio lässt in dieser Disziplin Federn, kann aber mit seinem klaren Vorsprung bei Fahrsicherheit und Komfort gelassen der Schlussbilanz entgegensehen. Denn selbst wenn er bei der Länge nicht die Nase vorn hat, ist er unter den modernen Kleinwagen ein wirklich Großer.

Fazit

1. Renault Clio 1.5 dCi Privilège
503 Punkte

Komfortable Federung, gute Fahreigenschaften und ein kultivierter Motor bringen den Clio nach vorn, auch das Sicherheitspaket stimmt. Nur die teigige Lenkung stört.

2. VW Polo 1.4 TDI Comfortline
484 Punkte

Mit seiner guten Qualität, Bedienung und Wirtschaftlichkeit sammelt der Polo Punkte. Der raue Motor, schwache Bremsen und die magere Ausstattung werfen ihn zurück.

3. Fiat Punto 1.3 Multijet Emotion
483 Punkte

Viel Platz, der sparsame Diesel sowie kräftige Bremsen sprechen für den Grande Punto. Nicht so toll sind Komfort, Fahreigenschaften, Qualitätsgefühl und Kosten.

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Technische Daten
Renault Clio 1.5 dCi Privilège Fiat Grande Punto 1.3 Multijet 16V Emotion VW Polo 1.4 TDI Comfortline
Grundpreis 16.950 € 17.950 € 16.930 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 3986 x 1719 x 1495 mm 4030 x 1687 x 1490 mm 3916 x 1650 x 1467 mm
KofferraumvolumenVDA 288 bis 1028 l 275 bis 1030 l 270 bis 1030 l
Hubraum / Motor 1461 cm³ / 4-Zylinder 1248 cm³ / 4-Zylinder 1422 cm³ / 3-Zylinder
Leistung 63 kW / 86 PS bei 3750 U/min 66 kW / 90 PS bei 4000 U/min 59 kW / 80 PS bei 4000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 174 km/h 175 km/h 174 km/h
0-100 km/h 13,6 s 12,8 s 12,8 s
Verbrauch 4,4 l/100 km 4,6 l/100 km 4,5 l/100 km
Testverbrauch 6,9 l/100 km 6,5 l/100 km 6,8 l/100 km
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