Golf, Astra und Focus mit 90-Diesel-PS

Volksbegehren

Foto: Hans-Dieter Seufert 30 Bilder

Schon beim ersten VW Golf TDI waren 90 PS das richtige Maß für Fahrspaß und Sparsamkeit. Jetzt haben sich der aktuelle Golf und seine Rivalen Ford Focus und Opel Astra wieder auf diese populäre Leistungsklasse verständigt.

Eines steht schon vor der Endauszählung fest: Die Mehrheitsverhältnisse in der Kompaktklasse sind klarer als bei jeder Bundestagswahl. Mit knapp 122 000 Neuzulassungen hat der Golf im ersten Halbjahr mehr Stimmen als Opel Astra (67 288) und Ford Focus (37 994) zusammen auf sich vereint und die sonstigen Bewerber zu Splitterparteien degradiert.

Diese Klarheit lässt aufhorchen, weil die Programme der Kandidaten im Prinzip ja ziemlich ähnlich sind und besonders der VW nicht mit Wahlgeschenken lockt. Gutes Geld für gute Arbeit lautet das Motto der Niedersachsen, wer sparen will, kann ja einen Diesel kaufen. Deshalb haben alle drei Hersteller vor kurzem kleinere Turbodiesel mit 90 PS in ihr Angebot aufgenommen – genau jene Leistung also, mit der schon der erste Golf TDI von 1993 zum Liebling der Nation wurde.

Allerdings geben sie sich in der Umweltpolitik trotz Einhaltung der Euro 4-Abgasnorm eine Blöße: Wer einen Rußpartikelfilter will, muss jeweils zu stärkeren und teureren Motoren oder zur Nachrüstung greifen. Außerdem sollten ihnen die Gesundheitsminister mal eine Diät verordnen. Denn die Kompakten von heute sind deutlich schwerer geworden: Sowohl der aktuelle Golf-Testwagen als auch die Konkurrenten bringen fast vier Zentner mehr auf die Waage als ihre Vor-Vorgänger.

Da scheinen zumindest die 1,3 Liter Hubraum des Opel- Motors reichlich knapp bemessen, obwohl Vierventiltechnik, hoher Ladedruck und modernste Elektronik das maximale Drehmoment auf 200 Nm bei 1750/min liften.

Den nominell geringen Rückstand zu den beiden anderen Triebwerken (210/ 215 Nm) mag man kaum glauben, so lahm wie sich der Astra in Bewegung setzt. Vor allem nach dem Kaltstart – erst recht mit eingeschalteter Klimaanlage – nimmt er nur unwillig Gas an, bei niedrigen Umdrehungen wirkt er wie zugeschnürt.

Der serienmäßige sechste Gang reduziert zwar bei gleichmäßig höheren Geschwindigkeiten Geräusch und Verbrauch, aber noch stärker die Durchzugskraft. So droht man an Steigungen oder beim Überholen fast zu verhungern, wo die Rivalen ohne Gangwechsel an Tempo zulegen. Und wenn man die sehr dürftige Maximalzuladung (358 Kilogramm) ausnutzt, wird die Drehwilligkeit des kleinen Vierzylinders zur Drehpflicht.

Nur gut, dass der Common-Rail-Diesel zu den kultiviertesten Vertretern seiner Art gehört und auch energiepolitisch die richtigen Signale setzt (6,9 L/100 km). Der nach dem gleichen Verbrennungsprinzip arbeitende Ford-Motor ist jedenfalls weniger genügsam (7,5 L/ 100 km) und lauter, profitiert aber ansonsten klar von seinem größeren Hubraum. Beschleunigung und Elastizität sind eine ganze Klasse besser, und trotz des Verzichts auf einen zusätzlichen Schongang liegt die Drehzahl bei 130 km/h in der längsten Übersetzung nur um etwa 300/min höher als beim Opel.

Schalten tut insgesamt viel seltener Not, wenngleich der Umgang mit dem exakten Focus-Getriebe richtig Freude macht. Im Golf hingegen muss der Hebel etwas hölzern-knochig durch die Gassen geführt werden, und auch der Motor zeichnet sich nicht gerade durch höchste Laufkultur aus. Sein Arbeitsgeräusch könnte man nachsichtig mit rustikal beschreiben, leichte Brummer und Vibrationen gehören zur Begleitkulisse.

Kein Wunder, denn der 1,9-Liter- Zweiventiler setzt als Einziger auf die Pumpe-Düse-Einspritzung mit extrem hohen Drücken, die ihm zugleich einen moderaten Verbrauch (7,1 L/100 km) und den besten Durchzug in dieser Runde beschert. Abgesehen von den Unterschieden beim Antrieb, wo der einseitig auf Sparsamkeit ausgelegte Astra am wenigsten überzeugt, sind echte Alternativen im Wahlprogramm nicht ganz leicht auszumachen.

Mit reichlich Platz und vielen Ablagen leisten alle ihren Beitrag zur Familienpolitik, selbst auf langen Strecken haben vier Erwachsene genügend Bewegungsfreiheit. Sein Plus an Radstand, Länge und Breite kann der Focus allein in einen größeren Kofferraum ummünzen, der jedoch wegen der flachen Heckscheibe bei raumhoher Beladung weniger Maximalvolumen verträgt.

Die magere Ausstattung der Trend- Version sowie ihre bescheidene Material- und Verarbeitungsqualität kosten weitere Stimmen. Schnödes Hartplastik und enorme Fugen im Ford-Interieur zeugen ebenso von liebloser Machart wie Knistergeräusche im Dachbereich oder die blecherne Rückseite der Fondlehne.

Dagegen wirken der Opel und besonders der VW deutlich hochwertiger, und die serienmäßigen Zugaben (CD-Radio und Tempomat beim Astra Edition, Sportsitze und 16-Zoll- Alufelgen beim Golf Sportline) unterstreichen diesen Eindruck. Dem Bedürfnis nach leichter Bedienung, gutem Licht und angenehmer Temperierung wird durchweg auf ähnlich hohem Niveau entsprochen, eine Klimaanlage ist in allen getesteten Versionen an Bord. Perfekte Sitze und Position hinter dem zweifach verstellbaren Lenkrad bringen dem Golf Pluspunkte, während groß Gewachsene in den Rivalen gern etwas tiefer und mit mehr Seitenhalt Platz nähmen.

Im Gegenzug bietet der Astra eine bequemere, gut konturierte Rückbank. Wenn es jedoch um die Federung geht, hat der Focus die Nase vorn. Sowohl leer wie beladen geht er sauber und geschmeidig über Unebenheiten hinweg, ohne die Insassen mit üblen Stößen zu behelligen. Höchstens die stärkeren Karosseriebewegungen in Kurven und auf langen Bodenwellen könnten empfindsame Mägen reizen, wie es den Opel-Passagieren schon auf Querfugen und welligen Autobahnen droht.

Dann wird sein Vorderwagen zu lästigen Schwingungen angeregt, von denen die beiden anderen weit gehend verschont bleiben. Auch das serienmäßige Sportfahrwerk des Golf informiert mehr als nötig über die Versäumnisse der Straßenbauer, ist aber gut gedämpft und insgesamt sehr harmonisch. Zudem profitiert das Handling von der straffen Abstimmung – in dieser Hinsicht macht ihm nur der noch leichtfüßigere Ford mit seiner agilitätsfördernden Lenkung etwas vor.

Am Steuer des Astra vermisst man hingegen eine Spur Präzision und Rückmeldung, zumal bisweilen sogar Stöße durchdringen. Von solchen Nuancen abgesehen hat das Trio fahrdynamisch ein Niveau erreicht, das kaum noch Raum für Verbesserungen erkennen lässt. Fahreigenschaften, ESP-Eingriff, Bremsen – alles problemlos, wobei Opel und VW mit serienmäßigen 16-Zoll-Breitreifen geringfügig früher zum Stillstand kommen. Nicht einmal die Sicherheitsoder Umweltpolitik bringt eine klare Entscheidung, und der Finanzminister kann die bessere Wertstabilität und Garantie des VW als Ausgleich zum höheren Kaufpreis verbuchen.

Die Argumente sprechen also für den Golf, selbst wenn sie nicht annähernd so eindeutig ausfallen wie das Käufervotum. Vielleicht liegt sein Erfolg ja darin, dass er sich einfach treu geblieben ist. Denn wie in der Politik werden letztlich nicht die Programme, sondern vor allem Persönlichkeiten gewählt.

Fazit

1. VW Golf 1.9 TDI Sportline
499 Punkte

Abgesehen vom rauen Motor und dem bei allen fehlenden Partikelfilter leistet sich der Golf keine echten Schwächen. Ein ausgereiftes, sehr hochwertiges Angebot.

2. Ford Focus 1.6 TDCi trend
491 Punkte

In Komfort und Handling ist der Focus Spitze, auch der Diesel kann - außer beim Verbrauch - überzeugen. Punkte kosten jedoch die dürftige Verarbeitung und Ausstattung.

3. Opel Astra 1.3 CDTI Edition
483 Punkte

Der leise und sparsame, aber durchzugsschwache Motor wirft den preiswerten Astra zurück. In seinen sonstigen Eigenschaften liegt er dicht an den Konkurrenten.

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Technische Daten
Ford Focus 1.6 TDCi Trend Opel Astra 1.3 CDTI Edition VW Golf 1.9 TDI Sportline
Grundpreis 19.100 € 19.005 € 21.492 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4342 x 1840 x 1497 mm 4249 x 1753 x 1460 mm 4204 x 1759 x 1485 mm
KofferraumvolumenVDA 385 bis 1247 l 380 bis 1300 l 350 bis 1305 l
Hubraum / Motor 1560 cm³ / 4-Zylinder 1248 cm³ / 4-Zylinder 1896 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 66 kW / 90 PS bei 4000 U/min 66 kW / 90 PS bei 4000 U/min 66 kW / 90 PS bei 4000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 177 km/h 172 km/h 176 km/h
0-100 km/h 12,9 s 14,0 s 12,7 s
Verbrauch 4,7 l/100 km 4,8 l/100 km 5,1 l/100 km
Testverbrauch 7,5 l/100 km 6,9 l/100 km 7,1 l/100 km
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