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Honda Clarity Fuel Cell

Die teure Alternative zum reinen E-Antrieb

Honda Clarity Fuel Cell, Exterieur Foto: Arturo Rivas 18 Bilder

Gerade gibt’s mal wieder Bewegung beim Thema Brennstoffzelle. Dennoch traut sich Honda noch nicht, den Clarity in Europa anzubieten. Dabei bewegt er einen doch ganz gut, oder?

06.07.2018 Jens Dralle

Sie kommen in Überzahl, praktisch täglich. Zudem bekommt ihre Welle, mit der sie über die Welt rollen, immer kürzere Amplituden, rauben so dem Außergewöhnlichen dessen Präfix. Bleibt das Gewöhnliche. Wovon die Rede ist? Superlative. Im Prinzip zählt auch der Honda Clarity dazu, ein Superlativ auf vier Rädern, aufgehängt an einem Fahrwerk mit „neuesten Konstruktionstechniken“.

Und, natürlich, ermögliche der weiterentwickelte Brennstoffzellenantrieb „die größte Reichweite aller emissionsfreien Fahrzeuge“, jubelt der Hersteller – versprochen sind 650 Kilometer nach NEFZ. Aktuell schafft der Honda noch etwa 80. Da die Infrastruktur von Wasserstofftankstellen noch löchriger ausfällt als jene von Pferdemetzgereien, steht zunächst also Tanken auf dem Programm.

Nur Tanken, kein Kaffee

Honda Clarity Fuel Cell, Exterieur Foto: Arturo Rivas
Fünf Kilogramm Wasserstoff sind in die beiden Tanks mit 117 und 24 Litern komprimiert.

Auch wenn hier kein Superlativ reingrätscht, ist es ein Vorgang jenseits des Gewöhnlichen; der hohe Druck (700 bar) und die Explosionsgefahr, meine Güte, was kann da nicht alles passieren. Es passiert: nichts. Natürlich. Und auch sonst: alles gewöhnlich. Dauert nur einen Moment länger als bei fossilem Kraftstoff, glaubst du zumindest, bis du dich daran erinnerst, dass vor dir an der Kasse niemand steht, der nur einen Cappuccino zum Mitnehmen will – und unbedingt passend zahlen muss. Tankkarte, Tankautomat, die Befriedigung eines Grundbedürfnisses. Es zischt (ein bisschen), sonst nüscht.

Fünf Kilogramm Wasserstoff sind nun in die beiden Tanks mit 117 und 24 Litern komprimiert, das zentrale Display signalisiert die Betriebsbereitschaft des 130 Kilowatt starken Synchronmotors. Jetzt noch per Tastendruck die einzige Fahrstufe wählen. Fahren. Na, was dachten Sie denn? Im Prinzip handelt es sich ja um ein Elektrofahrzeug, sogar ein Lithium-Ionen-Akku steckt im Antriebsstrang, 50 Prozent größer als im Vorgänger, doch über die Kapazität schweigt sich Honda aus. Bremsen versorgt ihn ebenso mit Energie wie die Brennstoffzelle beim Fahren mit geringer Last, beim Beschleunigen unterstützt er das Chemiewerk im Motorraum.

Honda Clarity sprintet in neun Sekunden bis Tempo 100

Nur kurz zur Erinnerung: In der Brennstoffzelle entsteht aus Wasserstoff und Luft elektrische Energie. Klingt geradezu gewöhnlich, erfordert aber die Verwendung teils außergewöhnlicher Materialien wie Platin, was die Technik verteuert. Wo waren wir stehen, Pardon, fahren geblieben? Genau: beim Beschleunigen. In neun Sekunden erreicht der Honda aus dem Stand 100 km/h, was sich gemütlicher liest, als es sich anfühlt, wo praktisch allein das Drücken des Startknopfs das maximale Drehmoment von 300 Nm entwickelt. Leichtes zucken mit dem rechten Fuß setzt es dann frei.

Weshalb gelingt es der Limousine dann nicht, das Messgerät mit außergewöhnlicheren Werten zu beeindrucken? Weil sie zuvor die Waage nötigte, 1.869 Kilogramm anzuzeigen – und das, obwohl die Karosserie im Wesentlichen aus hoch- und höchstfesten Stählen sowie Aluminium und Verbundwerkstoffen besteht. Deren Menge jedoch fällt üppig aus, immerhin misst der Clarity 4,92 Meter in der Länge. Zusätzlich wirken sich die Brennstoffzelle und ihre großen Tanks negativ auf das Gewicht aus.

Wind- statt Antriebsgeräusche

Alternative Antriebe Wasserstoff und Brennstoffzelle

Keine guten Aussichten auf agiles Handling? Nun, noch rollt er flott dahin, der Honda-Wagen, ermöglicht eine angenehme Sitzposition, nicht so tief wie in einer handelsüblichen Mittelklasse-Limousine, aber auch nicht so hoch wie in einem Kompakt-Van – und vor allem ergonomisch anstandslos. Die Sitze selbst gefallen mit einer eher sanften, aber bequemen Polsterung, die Oberschenkelauflage fällt eine Idee zu kurz aus. Ihr Bezug besteht aus mit Bio-Garngewebe verstärktem Kunstleder. Überhaupt wollten die Japaner die Natur nicht weiter behelligen, denn die Rosenholz-Applikationen am Armaturenbrett stammen aus dem Drucker, nicht aus dem Forst.

Gleichwohl stimmt der Qualitätseindruck, was an den Materialien, vor allem aber an der Solidität liegt, die sie vermitteln. Nichts zirpt oder knistert, der Antrieb surrt leise, weshalb die Windgeräusche um die A-Säule umso dominanter erscheinen. Besonders widerstandsarm soll die Luft die Karosserie umstreifen, selbst vor den teilverkleideten Hinterrädern setzten die Aerodynamiker sogenannte Air Curtains durch, Luftleitkanäle also.

Bitte lächeln

Auch sie prägen das außergewöhnliche Design, das zusammen mit dem leisen Antrieb der angeblich ach so Automobilignoranten Jugend von heute das Smartphone aus der Tasche springen lässt. Klick. Es bleibt nicht bei einem Foto, während der Clarity nun durch Ortschaften rollt. Das Land und seine Straßen rufen – Straßen, klassifiziert von kurvenversprechenden Ks und Ls. Jetzt müssen die Superlative im Fahrwerk zeigen, was sie draufhaben. Immerhin steckt eine Fünflenker-Hinterachse in der Limousine, und die Lenkung vermittelte bereits auf der Autobahn ein angenehm ausgewogenes Gefühl aus Rückmeldung und Kraftaufwand.

Honda Clarity Fuel Cell, Interieur Foto: Arturo Rivas
Aufgrund des Testverbrauchs von 1,4 kg/100 km Wasserstoff ist bereits nach 357 Kilometern ein Tankstopp erforderlich.

Manche Kurve schaut überrascht dem Clarity hinterher, hätte sie doch nicht erwartet, von einem Fahrzeug mit alternativem Antrieb so abgewatscht zu werden. Er lenkt mit Begeisterung ein, wankt nur mild, bleibt lange neutral. Das ESP hält sich zurück, erlaubt beim doppelten Spurwechsel dem Heck einen Viertel-Ausfallschritt, hält so das Tempo oben.

Aber irgendwo zwischen Straße und Handflächen muss eine Schicht Moosgummi versteckt sein, denn das Fahrwerk macht zwar mit, nur der Fahrer merkt davon nichts. Die Lenkung? Die Reifen? Letzteres, wie sich später herausstellt, weil Honda den Kompromiss aus Fahrspaß und Komfort weit über dem von Premium-Limousinen angesiedelt wissen will.

Versprechen jagen

Je länger du den schweren Clarity mit seiner herrlich homogenen Leistungsentfaltung durch Kurven scheuchst, in die er gerne hineinhechtet und elegant herauszwirbelt, desto mehr stört die unterbrochene Gefühlsleitung zur Straße. Am Format der rollwiderstandsoptimierten Reifen kann es kaum liegen, denn 235/45 R 18 tragen durchaus leistungsstarke Sportcoupés mit Hang zu ambitioniertem Handling.

Die sehr mäßige Bremsleistung stellt dann die Gummimischung als Täter an die Wand. Bereits mit kalter Anlage bleibt die Verzögerung unter der 10 m/s²-Marke, verbessert sich mit zunehmender Erwärmung nicht weiter. Gut, dass dem Clarity aufgrund seiner Höchstgeschwindigkeit von 165 km/h die Bremswegmessung aus Tempo 180 erspart bleibt. Den sicherheitsbewussten Japanern sei unterstellt, dass sie bei einem Verkaufsstart in Europa andere Reifen aufziehen würden. Für den Testwagen in US-Spezifikation wünschen die dortigen Kunden bei Reifen vor allem eine extrem lange Lebensdauer.

Honda Clarity Electric und Plug-in-HybridDe Öko-Familie wächst

Nach 357 Kilometern ab zur Tankstelle

Und ja, es ist wahrscheinlich, dass sich Honda zu einem Import nach Europa entscheidet, denn zwei Drittel aller bis 2025 dort verkauften Fahrzeuge sollen elektrisch fahren. Das kann der Clarity perfekt, geradezu gewöhnlich, ganz ohne Superlativ. Von dem Antriebszauber bekommen die Insassen nichts mit, außer von den Auswirkungen des Karosseriedesigns, speziell was die Rundumsicht und den Einstieg in den Fond sowie das dortige Platzangebot betrifft.

Aber dass gerade ein Turbokompressor mit zwei Ladern Luft in die Brennstoffzelle presst? Dass Strom mit 500 Volt Spannung den Motor am Laufen hält? Nein. Entspanntes Gleiten. Bis zum nächsten Tankstopp, der aufgrund des Testverbrauchs von 1,4 kg/100 km Wasserstoff bereits nach 357 Kilometern erforderlich ist. Wieder ein Superlativ widerlegt. Die Kraftstoffkosten entsprechen in etwa jenen eines Pkw mit einem Verbrauch von 11,0 l/100 km Superbenzin – Wasserstoff ist teuer, kostet in Deutschland 9,50 Euro pro Kilogramm. In den USA schenkt Honda Clarity-Käufern daher eine 15.000- Dollar-Tankkarte – fünfzehntausend!

Ach ja, Zeit zum Tanken. Jetzt stehen zwei weitere Brennstoffzellen-Fahrzeuge an der Zapfsäule, der Honda reiht sich in die Warteschlange ein. So weit, so gewöhnlich.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • gutes Platzangebot
  • sorgfältige Verarbeitung
  • knapper, zerklüfteter Kofferraum
  • eingeschränkte Variabilität
  • mäßige Rundumsicht
  • Bedienung nicht optimal
  • beengter Einstieg hinten
Fahrkomfort
  • angenehmer Federungskomfort
  • bequeme Sitze
  • niedriges Geräuschniveau
  • gute Ergonomie
  • zugige Klimatisierung
Antrieb
  • kräftiger Elektromotor
  • ansatzlose Beschleunigung
  • flotte Fahrleistungen
Fahreigenschaften
  • hohe Fahrsicherheit
  • angenehm leichtgängige Lenkung mit ausreichender Rückmeldung
  • gute Traktion
  • motiviertes Handling
Sicherheit
  • zahlreiche Assistenzsysteme
  • schlechte Bremsleistung
Umwelt
  • keine lokalen Emissionen, nur ein paar Tropfen Wasser
  • akzeptabler Verbrauch
  • hohes Gewicht
Kosten
  • umfangreiche Serienausstattung
  • niedrige Leasingrate (USA)
  • hohe Kraftstoffkosten
Technische Daten
Honda Clarity
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4915 x 1875 x 1480 mm
KofferraumvolumenVDA334 l
Leistung130 kW / 174 PS bei 4501 U/min
Höchstgeschwindigkeit165 km/h
0-100 km/h9,0 s
Testverbrauch1,4 kg/100 km
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Wenn ein 4,92 meter Auto wie der Clarity nur 340 liter Kofferraum hat, wie soll das denn aussehen wenn ein Honda Civic mit Brennstoffzelle und Wasserstofftanks ausgestattet wird? Bleibt da noch Platz für Gepäck?

Wie soll dass funktionieren in einem Cabrio? Oder einem Kombi?

Wie viele Autos bleiben da denn noch übrig die Wasserstoff tanken werden? Lohnt es sich um die Wasserstoffinfrastruktur aufzubauen für nur ein Bruchteil der Autos?

Ad van der Meer 8. Juli 2018, 20:47 Uhr
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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