Honda Legend 3.5 V6 im Test

Techno-Rat

Foto: Hans-Dieter Seufert 24 Bilder

Honda startet einen neuen Versuch, in der Audi-BMW-Mercedes-Klasse mitzumischen. Der Legend lenkt die Aufmerksamkeit mit einem technisch höchst aufwendigen Allradsystem auf sich.

Hurra, es gibt wieder einmal eine neue Buchstabenkombination. SH-AWD steht in Chromlettern auf dem Heck des brandneuen Legend – jenes Honda-Topmodells also, das im gehobenen Segment von Mercedes E-Klasse, BMW Fünfer und Audi A6 nach Kunden abseits der üblichen Fahrspuren fischt. AWD ist klar – all wheel drive. SH, Super-Handling, deutet an, dass Honda sich eine ganz neue Technik zum Antrieb aller vier Räder ausgedacht hat. Die Zeiten, in denen der Allradantrieb ausschließlich maximaler Traktion vor allem unter widrigen Straßenbedingungen diente, sind längst vorbei.

Traktion bis zum Abwinken haben alle Allradler, ganz gleich, auf welchen Technikpfaden sich die Kraft zu den Rädern aufmacht. Die weiteren Schritte der Evolution dienen der Optimierung des Handlings. Wobei es unter den Allrad-Technikern kontroverse Fraktionen gibt: die Konservativen, die eine starre Kraftverteilung mit ungeregelten Differenzialen favorisieren. Sie verspricht ein klar definiertes Fahrverhalten. Daneben stehen die Progressiven, die sich von situationsabhängig variabler Kraftverteilung Vorteile versprechen.

Solche Allradantriebe sind seit langem geläufig, wobei der Kraftfluss allerdings nur zwischen Vorder- und Hinterachse variabel gestaltet wird. SH geht einen Schritt weiter. Hier können die beiden Hinterräder unterschiedlich versorgt werden – im Extremfall also alles nach rechts oder alles nach links. Weil derartige Raffinessen nur durch moderne Mikroelektronik möglich werden, spricht der Laie gern vom elektronischen Allradantrieb. Den es natürlich nicht gibt. Wer Antriebskraft übertragen will, braucht dafür klassische Mechanik: Wellen, Zahnräder und Kupplungen. Nur die Steuerung übernimmt die Elektronik. Beim Honda hat schon die Mechanik ein erstaunliches Ausmaß angenommen.

Während die Vorderachse mit nicht gesperrtem Differenzial konventionell konstruiert ist, findet man an der Hinterachse ein voluminöses Alu-Gehäuse, das nebenbei die Nutzbarkeit des Kofferraums durch eine kantige Ausbeulung einschränkt. Der Achsantrieb besteht aus drei Planetenradsätzen und zwei Lamellensperren. Das bringt, um mit den Nachteilen zu beginnen, viel Gewicht: Der Legend wiegt mit 1856 Kilogramm rund 70 Kilogramm mehr als ein vergleichbarer Audi A6 Quattro. Gewicht steigert den Verbrauch, ebenso wie letztlich jedes Zahnrad, das in Bewegung gesetzt werden muss.

Wie steuert SH-AWD die Kraft in den Grenzsituationen des Testbetriebs? Der Fahrer kann das, wenn ihm bei der Lenkradkurbelei im Kurvengrenzbereich Zeit bleibt, auf einem Display in der unteren Hälfte des Tachometers ablesen. In Kurven geht mehr Antriebsmoment auf das hochbelastete äußere Antriebsrad, das am meisten Kraft übertragen kann. Was der Fahrer davon hat, klären Fahrversuche auf der Rennpiste von Hockenheim – bei Nässe und Trockenheit – sowie Nasshandling-Tests und Anfahren auf unterschiedlich griffigen Oberflächen auf dem Bosch-Versuchsgelände in Boxberg. Der Honda macht eine gute Figur. Aber keine, die eine neue Dimension des Fahrens erkennen lässt. Er ist handlich, er lässt sich präzise fahren. Und er liegt gut. In Kurven zeigt er ein über einen weiten Bereich neutrales Eigenlenkverhalten – driftet also (ESP ausgeschaltet) über alle vier Räder nach außen. Gaswegnehmen stabilisiert ihn sofort. In engen Kurven tritt Untersteuern in den Vordergrund. Auch das ist durch Zurücknehmen des Gaspedals mühelos zu korrigieren, ohne dass sich eine nennenswerte Lastwechselreaktion in Form eines ausschwenkenden Hecks zeigen würde. Bleibt das wohldosiert eingreifende ESP eingeschaltet, ist ohnehin alles in Butter.

Der Honda fährt genauso ums Eck, wie der Fahrer es wünscht – mühelos und sicher. Bei schneller Fahrt auf der Autobahn gelangt mehr Kraft nach vorn als nach hinten – das sorgt für einen stabilen Geradeauslauf. Aber auch der gehört bei modernen Autos, sogar unabhängig vom Antriebskonzept, zum Normalfall. Was hat der Legend sonst noch – abseits von SH-AWD – zu bieten? Eine ganze Menge: Kurvenlicht beispielsweise und ein warnendes Abstandsradar. Ein ordentliches Platzangebot, hochwertig wirkende Qualität von Materialien und Verarbeitung. Das alles zu einem Preis, der die deutsche Konkurrenz um einige 1000 Euro unterbietet.

Die Bedienung erfordert eine gewisse Gewöhnung, weil es einen zweigeteilten Zentralknopf gibt – Drücken und Drehen getrennt. Serienmäßig ist auch eine sehr kraftvolle, aber nicht ganz zugfrei arbeitende Klimaanlage, deren Kompressor sich bei sehr hohem Leistungseinsatz öfter ausschaltet, als es für die Insassen angenehm ist. Überhaupt der Komfort. Der Honda, als Super-Handler antretend, liegt mit seiner Federung auf der straffen Seite. Vor allem Unebenheiten, bei denen die Räder einer Achse gleichzeitig einfedern müssen, kommen zu deutlich durch. Hohes Tempo verbessert das Schluckvermögen der Federung, aber der Langsamfahrkomfort ist für diese anspruchsvolle Klasse unbefriedigend. Nicht rundum überzeugend präsentiert sich auch die Antriebseinheit. Der Motor, ein schulbuchmäßiger V6 mit 60 Grad Zylinderwinkel, zeichnet sich in erster Linie durch sehr hohe Laufkultur aus, ist aber zu einseitig auf Drehzahl ausgelegt. Seine Höchstleistung von 295 PS erreicht er bei noch akzeptablen 6200 Umdrehungen, aber die höchste Durchzugskraft entsteht erst bei 5000/min. Dampf bedeutet also hohe Drehzahl, im unteren und mittleren Bereich ist nicht viel los.

Ein Triebwerk dieses Charakters sollte über möglichst viele Gänge verfügen. Der Honda allerdings bietet nur eine fünfstufige Automatik, deren oberster Gang mit sehr langer Übersetzung einen reinen Schongang darstellt. Das bedeutet eine weite Spreizung auch der übrigen Gänge und in der Praxis, dass sehr häufig heruntergeschaltet wird, um den Motor bei Laune zu halten.

Bei zügiger Fahrweise kommt der Fünfte selbst auf der Autobahn wenig zum Einsatz. Das alles trägt dazu bei, dass der Verbrauch nach oben geht. 13 Liter/100 km sind ein Wert für gemütliches Mitrollen, zwischen 15 und 16 Liter kommen beim Ausnutzen der Leistung schnell zusammen. Da wird für den neuen Honda wohl eher ein Platz auf der Ersatzbank übrig bleiben.

Fazit

Opulent ausgestattete, hochwertige Limousine mit sehr kultiviert laufendem Sechszylinder. Der aufwendige Allradantrieb vermag in der Fahrsicherheit allerdings keine neuen Akzente zu setzen.

Technische Daten
Honda Legend 3.5 V6 SH-AWD S
Grundpreis 56.600 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4957 x 1847 x 1452 mm
KofferraumvolumenVDA 452 l
Hubraum / Motor 3471 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 217 kW / 295 PS bei 6200 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
0-100 km/h 8,2 s
Verbrauch 11,9 l/100 km
Testverbrauch 14,9 l/100 km
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