Jaguar S-Type 2.7 D im Test

Spätzünder

Foto: Reinhard Schmid

Das „D“ im Typenschild des Jaguar S-Type kauert auf halber Höhe neben der Hubraum-Bezeichnung 2.7. Ein verschämtes Buchstäbchen als Hinweis auf die wichtigste Neuigkeit aus dem englischen Hause – den ersten Sechszylinder-Diesel.

Zufall oder Absicht? Das „D“ im Typenschild des Jaguar S-Type kauert auf halber Höhe neben der Hubraum- Bezeichnung 2.7. Ein verschämtes Buchstäbchen als Hinweis auf die wichtigste Neuigkeit aus dem englischen Hause – den ersten eigenen Sechszylinder- Diesel. Hat Jaguar Angst, die Nase auf ein jahrelanges Versäumnis zu stoßen? Zu lange setzte die Aristokraten-Abteilung innerhalb des Ford-Konzerns auf den Ottomotor. Doch selbst standesbewusste Limousinen- Käufer reiten längst auf der Diesel- Drehmomentwelle. Heutige Cleverle am Steuer, die Smart-Driver, verlangen nach dem trendigen Spritknauser. Damit lässt sich sparen und gleichzeitig überholen. Jetzt also endlich gibt es ihn, den S-Type Diesel. Passend zu einer kleinen Botox-Kur, die die Furchen der Frontschürze glättete, einem Workout, das die Muskulatur der Fronthaube stärker herausmodellierte sowie einer leichten Nasen-Korrektur, die den Grill dem griechischen Schönheitsideal näher brachte.

Eine Rundumkur, die den S Type auffrischt wie ein ausgiebiger Urlaub. Wer mit dem Benziner-Monopol die Jaguar- Tradition in der Rußfahne verschwinden sieht, sollte wissen: Ohnehin ist das Brauchtum des Hauses längst modernisiert. Die Einstiegskatze X-Type gibt es mit Front- und Allradantrieb, seit vergangenem Jahr sogar mit Dieselmotor. Warum soll da nicht auch die nächstgrößere Katze dieseln? Dann aber bitte mit Sechszylinder. Einem, der so seidig läuft, dass die Frage nach der Zündart erst gar nicht aufkommt. Nageln und Schütteln wird ohnehin als unpassend abgelehnt. Weil die Konzernmutter Ford in ihrem konzernweiten Motor-Sammelsurium nichts Adäquates zu bieten hatte, wurde ein komplett neues Aggregat konstruiert. 2,7 Liter misst der V6.

Die im 60-Grad-Winkel angeordneten Zylinderbänke verfügen über je einen kleinen Turbolader. Diese artikulieren sich zurückhaltend mit kaum hörbarem Fiepen und drängen die Ansaugluft mit maximal 1,3 bar in die Brennräume. Gewaltiger, mit bis zu 1650 bar, presst die Piezo-Einspritzung nach Common- Rail-Art. Doch obwohl hoher Einspritzdruck meist zu einer harten und lauten Verbrennung führt, tönt der Jaguar-Diesel untypisch im Pianissimo. Ein Diesel, der sogar Benzin-Snobs bekehren könnte. Er verleugnet seine technischen Gene aufs Angenehmste. Bereits dezentes Radio-Hintergrundgeräusch reicht aus, um die Insassen im Stadtverkehr zu täuschen. Sie würden Stein und Bein schwören, von einem Sechszylinder chauffiert zu werden – Benziner, nicht Diesel. Passanten, an denen der S-Type vorbeirauscht, werden ihn nur an den zu Boden pustenden Auspuffrohren erkennen.

Es sei denn, sie erleben den Jaguar beim Ampelstart. Nur hier vermag der V6 seinen Diesel- Dialekt nicht zu kaschieren und lässt verhaltenes Selbstzünder-Knurren hören. Selbst beim morgendlichen Kaltstart besteht der V6 die klassische Nagelprobe. Kurzes vorglühendes Innehalten, dann schnurrt das Aggregat vom ersten Aufflammen der Glühkerze an. Obwohl die Verbrennungsluft durch Oxydationskatalysatoren geschleust wird, genügt der Reinigungseffekt nicht höchsten Ansprüchen. Stubenrein nach der Euro 4- Norm wird die Katze nur in der Kombination Diesel mit Schaltgetriebe. Mit dem sechsstufigen Wandlerautomaten klettern die Schadstoffe bis in die Euro-3-Region.

Erst für nächstes Frühjahr verspricht Jaguar einen Partikelfilter und damit zusätzliche Reinheit. Dennoch delegiert man das Schalten am besten in Gutsherrenart ans Auto. Wie ein seit Jahren geschulter Butler verrichtet der Automat seine Arbeit unauffällig. Ihm ins Handwerk zu pfuschen, etwa die Gänge manuell vorzuwählen oder den Sportmodus aufzurufen, ist überflüssig. Geschmeidig überbrückt der Wandler die Zeit, bis die Lader voll bei der Sache sind; ein Turboloch im klassischen Sinne gibt es ohnehin nicht. Selbst unter 2000/min nimmt der 2,7-Liter-Motor sauber Gas an, dreht mit der Gier eines gut gehenden Benzinmotors hoch und schiebt dabei ehrerbietend gleichmäßig an. So spült einen die Drehmoment-Welle zuweilen weiter hinaus, als man wollte.

Der Umgang mit den bis zu 207 PS und 435 Nm will gelernt sein. Zumal man bald feststellt, dass Halbgas für effektives und getösefreies Überholen im hohen Gang völlig ausreicht. Die Spritrechnung dankt es: Mit knapp unter zehn Liter im Schnitt ist man schon zügig unterwegs. Selbst Werte um die sieben Liter sind realisierbar, wenn man vorwiegend dahinrollt, was im S-Type seinen spezifischen Reiz hat. Wenn alle Systeme auf Cruisen schalten, gehen Mensch und Maschine eine behagliche Symbiose ein. Man fühlt sich wohl wie im Séparée. Vorne wie hinten sind die Ledersitze bequem wie eine gut eingesessene Fernsehcouch. Was leider noch immer fehlt, ist das Club-Ambiente.

Zwar hat Jaguar die Instrumente auf edel getrimmt, doch nach wie vor enttäuscht die gewöhnlich aussehende Mittelkonsole die Augen des Kenners. Feudales Flair? Trotz holzvertäfeltem Armaturenbrett Fehlanzeige. Immerhin ist der S-Type gut verarbeitet und nimmt selbst Wirtschaftswege ohne unziemliche Geräusche. Mit ein Verdienst der wiegend-komfortablen Federung – sie ist ein echter Schlagloch-Schmeichler. Und das, obwohl im Testwagen das optionale Sportfahrwerk montiert ist. Das leichtgängige Steuer gibt den Kurs vor – und der schwere Wagen folgt stoisch. Wirkt das beim Gleiten noch unaufgeregt und vertrauenerweckend, so zerstört es schnell den Wunsch, mit dem Jaguar einen flotten Tanz zu wagen. Trotz der strafferen Feder- und Dämpfer-Abstimmung wehrt sich der Jaguar mit staksigen Karosseriebewegungen gegen den Versuch eines Sambas. Zwar suggerieren die sehr guten Fahrdynamik- Messwerte des S-Type eine A6-ähnliche Agilität. Schwingt der Audi jedoch geradezu spielerisch mit den Hüften, so muss der Jaguar zur schnellen Bewegung überredet werden.

Es ist vorwiegend die fehlende Präzision, die ihn phlegmatisch erscheinen lässt. Die Lenkung ist indifferent, das Fahrwerk gibt wenig Rückmeldung, und das Bremspedal ist so gefühllos, dass man sich in bei der Dosierung der Bremskraft schwer tut. Zudem fällt die Bremsanlage bei starker Beanspruchung mit nachlassender Leistung unangenehm auf. An Sicherheitsextras geizt der S-Type jedoch nicht. An Bord ist, was man bei einem Preis ab 39 900 Euro erwarten kann: Zwar fehlen hintere Seitenairbags zur Rundum-Sicherheit, doch dafür zünden die Frontairbags variabel je nach Stärke eines eventuellen Aufpralls.

Wer aber zum Preis der Basisversion bereits eine Nobelkarosse erwartet, der wird enttäuscht. Nur Klimaanlage, Tempomat, Multifunktionslenkrad und eine geteilt umlegbare Rücksitzlehne sind serienmäßig an Bord. Nahezu alles, was das Reisen darüber hinaus angenehm macht, kostet extra. Erst die Executive-Ausstattung mit Ledersitzen, Einparkhilfe und serienmäßigem Automatikgetriebe ab 45 700 Euro kommt dem nahe, was man von einem Jaguar erwartet. Nämlich in unaufdringlichem Luxus, von störenden Einflüssen unbehelligt, souverän dahinzugleiten. Und das gelingt mit dem S-Type- Diesel vortrefflich.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • steife Karosserie gute Verarbeitung
  • eher knappes Platzangebot kleiner und zerklüfteter Kofferraum Qualitätsanmutung durchschnittlich
Fahrkomfort
  • sehr guter Federungskomfort geringer Innengeräuschpegel bequeme Sitze
  • starke Karosseriebewegungen
Antrieb
  • geschmeidiger Motorlauf gleichmäßige Leistungsentfaltung dieseluntypische Drehfreude gut abgestimmte Automatik
Fahreigenschaften
  • gute Traktion berechenbares Fahrverhalten niedrige Lenkkräfte
  • stößige und unexakte Lenkung behäbiges Handling
Sicherheit
  • gute Sicherheitsausstattung
  • schwer dosierbare Bremsen
Umwelt
  • angemessener Verbrauch
  • schadstoffarm nach Euro 3 Partikelfilter erst ab 2005
Kosten
  • drei Jahre Garantie
  • hohe Festkosten

Fazit

Ein Sechszylinder-Diesel, der kaum als solcher zu erkennen ist, dazu sehr guter Federungskomfort – das ließe den S-Type in seiner Klasse vorne mitmischen, wären da nicht Schwächen bei Bremse, Handling und Qualitätsanmutung.

Technische Daten
Jaguar S-Type 2.7 V6 Diesel Executive
Grundpreis 46.200 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4892 x 1819 x 1448 mm
KofferraumvolumenVDA 400 bis 810 l
Hubraum / Motor 2720 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 152 kW / 207 PS bei 4000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 227 km/h
0-100 km/h 9,1 s
Verbrauch 7,9 l/100 km
Testverbrauch 9,9 l/100 km
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