Jeep Grand Cherokee 3.0 CRD im Test

Sprung Chance

Foto: Hans-Dieter Seufert 23 Bilder

Im Gelände war der Jeep Grand Cherokee schon immer richtig gut, nur auf der Asphalt fehlten dem großen Häuptling die Qualitäten. Jetzt schafft die kräftig modernisierte Neuauflage auch den Sprung zu sauberen Straßeneigenschaften.

Drängler, Nötiger, Rechtsüberholer und alle ähnlich notorisch auffälligen Verkehrsteilnehmer brauchen keinen Psychiater – sie brauchen einen Grand Cherokee. Einsteigen genügt, und schon beginnt seine Aura zu wirken.

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Einzeltest Jeep Grand Cherokee
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Mit der Wucht seiner Erscheinung und der Kraft seiner Persönlichkeit strahlt der große Häuptling eine innere Ruhe aus, die jeden Hitzkopf zum Gentleman macht. Da ist der Neue ganz der Alte geblieben, wenngleich an seinen Schwächen konsequent gefeilt wurde. Bereits die größere Karosserie schindet mächtig Eindruck und bleibt doch ganz unverwechselbar ein Jeep.

Der Zuschlag an Länge und Radstand bedeutet vor allem mehr Platz für Passagiere und Gepäck, ohne nennenswert an Handlichkeit einzubüßen. Nur beim maximalen Stauvolumen ist ein Rückgang von 2060 auf 1909 Liter zu verzeichnen, weil die Scheitelhöhe von 1,81 auf 1,74 Meter gekappt wurde. Im Gegenzug verträgt der Neue nun bei gleich hoher Anhängelast (bis 3360 Kilogramm) erheblich mehr Zuladung (588), auch mal dreckige Stiefel im Kofferraum.

Denn neben zahlreichen Verzurrösen gibt es dort einen Wendeboden, dessen Rückseite eine abwaschbare Wanne bildet. Auch die leicht umklappbare Rückbank und die separat öffnende Heckscheibe erleichtern das Beladen, während das unter dem Ladeboden montierte Reserverad Schmutz und Beschädigungen ausgesetzt ist. Umso besser fühlen sich die Insassen im Grand Cherokee aufgehoben.

Der Aufbau soll um glaubwürdige 60 Prozent steifer sein, und die Verarbeitung der im österreichischen Graz gebauten Europa-Version macht einen sauberen, soliden Eindruck. Allerdings wirken das verwendete Hartplastik und das Leder längst nicht so hochwertig wie bei der Premium-Konkurrenz, zumal auch die insgesamt gute Funktionalität Schwächen zeigt.

Nach amerikanischer Unsitte bläst die serienmäßige Klimaautomatik stets zu viel und zu kalte Luft in den Innenraum, so dass man bisweilen selbst bei eingestellten 24 Grad fröstelt. Zudem ist der Tankdeckel nicht in die Zentralverriegelung integriert, und die Memory- Positionen der elektrisch verstellbaren Vordersitze lassen sich nur sehr umständlich speichern. Immerhin sind die Sessel deutlich straffer und besser konturiert als beim viel zu weich gepolsterten Vorgänger.

Zusammen mit längeren Sitzschienen, in der Höhe justierbarem Lenkrad und elektrisch verstellbaren Pedalen kann nun praktisch jeder eine entspannte Sitzposition finden, wie sie neuerdings sogar den Fondpassagieren zuteil wird. Denn zur spürbar vergrößerten Knieund Ellenbogenfreiheit dürfen sie sich über eine höhere Rückenlehne und Sitzfläche freuen, die Schluss mit der ermüdenden Kauerhaltung macht.

Nicht nur deshalb liegt der Reisekomfort des großen Jeep nun auf dem Niveau einer gepflegten Limousine. Wind- und Abrollgeräusche halten sich dezent im Hintergrund, und die Stahlfederung schluckt selbst grobe Stöße und Wellen mit einer Sanftmut, von der man beim Vorgänger nur träumen konnte. Dass sich der Aufbau trotz längerer Federwege und kräftiger Seitenneigung in Kurven nicht bedrohlich aufschaukelt, ist dem an die ESPSensoren angeschlossenen Anti-Wank- System mit Eingriffen in Motorelektronik und Bremsen zu verdanken.

Zu forscher Gangart animiert der Grand Cherokee zwar so wenig wie eh und je, doch die tiefgreifenden Fahrwerksänderungen verbessern speziell auf normalen Straßen das Handling. Wo die alte Kugelumlauflenkung noch klare Defizite an Präzision, Rückstellkraft und Gefühl erkennen ließ, setzt die neue Zahnstangenlenkung nun direkt und exakt den eingeschlagenen Kurs um, ohne ihre Leichtgängigkeit und Störarmut einzubüßen. Ähnlich segensreich macht sich der Wechsel von der vorderen Starrachse zur Einzelradaufhängung bemerkbar.

Sie sorgt für einen stabilen Geradeauslauf und ein mäßig untersteuerndes Kurvenverhalten, das den Grenzbereich durch sanftes Schieben über alle Viere ankündigt. Neben dem permanenten Allradantrieb verhindert erstmals bei Jeep auch das serienmäßige, früh eingreifende elektronische Stabilitätsprogramm, dass es bei Ausweichmanövern zu unliebsamen Überraschungen kommt.

Nur die Bremsen entsprechen nicht dem vorgelegten Standard. Trotz größerer Scheiben – vorn innenbelüftet – baut ihre Verzögerung schon nach vier Vollbremsungen aus 100 km/h deutlich ab, um sich dann wieder leicht zu erholen. Doch während der schwerere Mercedes ML 320 CDI im zehnten Versuch nach 40 Metern zum Stillstand kommt, lässt der Grand Cherokee wertvolle 8,2 Meter mehr verstreichen.

In der Klettertauglichkeit ist er hingegen seinem Konzernbruder klar überlegen, selbst wenn dieser mit dem optionalen Offroad-Paket antritt. Denn mit seinem Zentraldifferenzial und den beiden Achsdifferenzialen kann der Jeep stets ausreichend Drehmoment auf den Boden bringen, um sich durch schweres Geläuf zu wühlen.

Anders als beim Vorgänger und beim ähnlich talentierten Mercedes G muss der Fahrer dazu nur die kurze Geländeübersetzung einlegen, den Rest regelt die Elektronik. Allerdings ist die Übersetzung des ersten Gangs etwas zu lang, so dass die Bremswirkung des Motors an steilen Hängen nicht immer ausreicht. Mit der Fußbremse kann es jedoch passieren, dass der Wagen ins Rutschen kommt und sich querstellt.

Außerdem ist wegen der relativ knappen Bodenfreiheit (21 Zentimeter) an Kuppen erhöhte Vorsicht geboten, um nicht die teure Antriebstechnik zu beschädigen. Für stämmigen Vortrieb empfiehlt sich der kultivierte, 218 PS starke Dreiliter- V6 von Mercedes, der die bis zu 2,75 Tonnen schwere Fuhre auch im Anhängerbetrieb mühelos in Schwung bringt. In der neuen Umgebung wirkt der Common-Rail-Diesel akustisch weniger gut gedämmt, bietet aber kraftvollen Durchzug und harmoniert perfekt mit der weich schaltenden Fünfgang- Automatik.

Im Testmittel konsumierte er 12,7 L/100 km, während bei verhaltener Fahrt oft schon zehn Liter ausreichen. Auf einen Rußpartikelfilter muss man bis 2006 warten. Mit seinem harmonischen Antrieb und zeitgemäßen Straßeneigenschaften unterstreicht der neue Grand Cherokee CRD seinen Anspruch, auch jenseits der Wildnis seinen Mann zu stehen. Schließlich gibt es gerade im hektischen Großstadt-Dschungel reichlich Bedarf an Gelassenheit, die aus der Stärke kommt. Schade nur, dass die ihm in puncto Bremsen fehlt.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • –großzügiger Innenraum –steife, solide Karosserie –reichhaltige Ausstattung –hohe Zuladung und Zuglast
  • –mäßige Materialqualität
Fahrkomfort
  • –schluckfreudige Federung –bequeme Sitze –niedriges Geräuschniveau
  • –unbefriedigende Klimaanlage –starke Aufbauneigung
Antrieb
  • –kräftiger Durchzug –gute Laufkultur –weich schaltende, passend abgestimmte Automatik
  • –Geländeübersetzung zu lang
Fahreigenschaften
  • –sicheres Kurvenverhalten –präzise Lenkung –sehr gute Traktion und Offroad-Eigenschaften
  • –seitenwindempfindlich
Sicherheit
  • –gute Sicherheitsausstattung –ESP serienmäßig
  • –schwache Bremsen
Umwelt
  • –angemessener Verbrauch
  • –kein Rußpartikelfilter
Kosten
  • –relativ geringer Wertverlust
  • –teure Nebenkosten –dünnes Servicenetz

Fazit

Im Gelände ist der neue Grand Cherokee unschlagbar, auf der Straße spürbar komfortabler, handlicher und sicherer. Auch Komfort und V6-Dieselmotor überzeugen, nicht aber die Bremsen und Klimaanlage.

Technische Daten
Jeep Grand Cherokee 3.0 V6 Multijet 4x4 Limited
Grundpreis 48.990 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4750 x 1870 x 1740 mm
KofferraumvolumenVDA 978 bis 1909 l
Hubraum / Motor 2987 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 160 kW / 218 PS bei 4000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 200 km/h
0-100 km/h 9,2 s
Verbrauch 10,3 l/100 km
Testverbrauch 12,7 l/100 km
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