Lamborghini Gallardo 5.0 V10 im Test

Im Rausch der Sinne

Foto: Achim Hartmann 13 Bilder

5 Liter Hubraum, 500 PS Leistung und 510 Newtonmeter maximales Drehmoment: Der Lamborghini Gallardo 5.0 V10 hat das Zeug zur fünften Dimension des Fahrvergnügens.

Im Genick dieses heisere Heulen, wie von einem zehnköpfigen Wolfsrudel auf der Jagd: Der Gallardo ist los. Im fünften Gang, bei 7800 Umdrehungen pro Minute, saugt er sich schon mit 291 km/h über die linke Spur der Autobahn. Und immer noch drängt es den Fünfliter-V10 im Rücken des Fahrers nach Höherem. Die elektrohydraulisch kontrollierte Schaltautomatik klinkt die sechste Welle ein, und dann strebt der Gallardo mit 7120/ min und Tempo 309 von A nach B. Was den Fahrer in B erwartet? Reine Nebensache.

In dem nur 1,16 Meter flachen Zweisitzer aus Sant’Aga-ta Bolognese kommt es auf das Streben an. Nicht nur auf den Start mit der Formel-1-ähnlichen Launch-Control und nicht nur auf die Höchstgeschwindigkeit, sondern in allererster Linie auf die weite Zone der Fahrfaszination dazwischen. Lamborghini-Chef Werner Mischke wollte ein Auto, das „sowohl auf der Rennstrecke als auch bei Langstreckenfahrten, auf Landstraßen und in der Stadt ein Vergnügen ist“. Diese weit auseinander liegenden Ziele verfehlt der Gallardo, pauschal betrachtet, nicht. Die Treffer liegen jedoch nicht alle wie ein Fleckschuss mitten im Schwarzen, sondern streuen je nach Aufgabengebiet ein wenig.

Einsatzgebiet Stadt: Hier begeistert der Gallardo bei der Bedienung mit einer unkomplizierten Funktionalität, die von einem Großserien-Auto wie etwa dem Audi A4 selbstverständlich erwartet wird, bei Exoten wie den früheren Lamborghini aber bisweilen auf der Strecke blieb. Weder der Gallardo noch sein Fahrer werden im Berufsverkehr zu Stadt-Neurotikern. Auf das Einsteigen in den flunderflachen Sportwagen bereitet man sich am besten mit einem simplen Test vor: Wer sich aus dem Stand ohne Hilfsmittel und allein elegant auf die Straße setzen kann und genauso selbsttragend wieder hoch kommt, ist für den Gallardo geboren. Alle anderen müssen mit verschiedenen Stützpunkten an der Karosserie operieren, doch draußen vor der Coupétür bleibt niemand: Geräumig ist er, nur eben auf niedrigem Niveau.

Der 90-Grad-V10 nimmt auch an kühlen Morgen willig die Arbeit auf und erweist sich dankbar für eine Schonzeit von vielleicht fünf Kilometern, bis die zehn Liter Öl im Tank der Trockensumpfschmierung geschmeidig gewärmt sind. Die exzellente Frontscheibenbelüftung lässt Beschlag keine Chance, alle Hebel liegen passend zu den Fingern, und die nette Klaviatur der Kippschalter auf der Mittelkonsole erinnert an altes italienisches Kulturgut. Nur mit dem Unterschied, dass alle Bedieneinheiten ohne Ausnahme auch funktionieren. Im kalten Zustand und im schrittweise voran kriechenden Kolonnenverkehr wirkt die optionale elektrohydraulische Schaltung ab und zu etwas zickig. Im gemäßigten Schritttempo kuppelt sie automatisch aus, dann wieder ein, und wenn die Kolonne nicht in Fahrt kommt, schaukelt die Schaltung den Gallardo auch schon mal auf. Kupplung treten und ein Stoß Zwischengas bleibt den Puristen vorbehalten, die ihren Zehn-Kämpfer mit konventionellem Sechsganggetriebe bestellt haben.

Die spartanisch gepolsterten Schalensitze passen prächtig, und nur die Rückenlehne zeigt sich ein wenig zu stark gewölbt. Nach vorne hinaus wirkt der Gallardo hinreichend übersichtlich. Die schmalen Seitenscheiben ermöglichen genug Ausblick auf die hochachtungsvollen Bremsmanöver des Querverkehrs, und nur das Retour-Fahren ist kein reines Vergnügen: Nach schräg hinten gelingt kein Blick, was auch beim Spurwechsel in der Stadt zu erhöhter Vorsicht gemahnt. Einsatzgebiet Landstraße: Dankbar lässt der Gallardo hinter dem gelben Ortsschild die Muskeln spielen, was allerdings ein kurzes Vergnügen ist, denn Tempo 106 erreicht das brül-lende Vollgas-Tier bereits im ersten Gang. Daraus ergibt sich die Frage, was mit den restlichen fünf Fahrstufen geschieht.

Weglassen ist kein guter Tipp, also durchschalten. Das Gang-Management besorgt dies im normalen Modus automatisch bei Erreichen der Nenndrehzahl von 7800/min. Darunter darf der Fahrer eingreifen: rechten Hebel hinter dem Lenkrad ziehen heißt eins rauf, links ziehen eins runter. Das Hochschalten unter Last könnte dem Gefühl nach noch etwas hurtiger erfolgen, das Runterschalten ist aber eindrucksvolles, großes Theater: Von allein gibt die Elektronik herrlich Zwischengas, und butterweich trifft sie die exakt erhöhte Drehzahl im nächst niedrigeren Gang. Fazit: Das sequenzielle E-Getriebe des Gallardo funktioniert vorbildlich.

Richtungswechsel geraten mit der präzisen, nicht unangenehm direkt ausgelegten Zahnstangenlenkung zum servounterstützten Kurven-Vergnügen. Die rennwagenmäßige Abflachung des unteren Lenkradkranzes fällt selbst bei verschärfter Kurbelei in engen S-Kurven nicht negativ auf, und die kaum wahrnehmbare Seitenneigung verstärkt den Gesamteindruck, dass hier kein Automobil, sondern ein Schienenfahrzeug unterwegs ist. Das relativ geringe Gewicht des Gallardo, beim Testwagen mit gefülltem 90-Liter-Tank exakt 1612 Kilogramm, macht mit jedem Kilometer Fahrt mehr Lust auf das Ausloten der dynamischen Grenzen. Und die liegen so hoch, dass die Paradedisziplinen der italienischbayrischen Aluminium-Rakete klar auf die Autobahn oder auf eine Rennstrecke verweisen.

Der Federweg ist an der Vorderachse recht knapp bemessen, was bedeutet, dass der Gallardo auf den kurzen Wellen einer Landstraße zweiter oder dritter Ordnung eine sonst versteckte, leichte Neigung zum Springen erkennen lässt. Sicher beherrschbar bleibt er dabei aber immer. Kräftige Wellen wecken eine stumme Sorge um den Frontspoiler, der tief wie die Nase eines Jagdhundes im Einsatz über den Asphalt schnüffelt und vereinzelt aufsetzt. Einsatzgebiet Autobahn und Rennstrecke: Hier erinnert der Gallardo in seiner fröhlichen, unmissverständlichen Gier nach Speed fast schon an die Sport-Prototypen der Markenweltmeisterschaft. Je schneller es vorangeht, desto wohler scheint er sich zu fühlen.

Das trockene Klacken der Fahrwerksgeräusche und der Schaltung erinnert an die in spielfreien Unibal-Gelenken gelagerten Läufe reinrassiger Rennwagen. Die leichte Brummfrequenz des Zehnzylinders im mittleren Drehzahlbereich ist ein feiner Hinweis auf die stramme Lagerung des Antriebsstrangs, und alles ist eingebettet in ein sündig hechelndes Ansauggeräusch, in das harte Stakkato der Arbeitstakte und in das rauschende Strömen des Fahrtwinds. Wer glaubt, kein moderner Sportwagen mehr könne die Sinne aufwühlen, den kuriert ein Trip im Gallardo vom Irrglauben.

Besonders die Beifahrer müssen dann über eine kräftige Halsmuskulatur verfügen, um das Oberstübchen vor wildem Pendeln zu bewahren. Die Bremse beißt zu wie ein weißer Tiger, der Allradantrieb reißt den Gallardo beim Beschleunigen ohne Wheelspin nach vorne, und auch die hohen möglichen Seitenkräfte durch die gut haftenden Pirelli-P-Zero-Pneus wollen ausbalanciert sein. Einen Gallardo wirklich schnell zu bewegen, setzt körperlich mehr Nehmer-Qualitäten voraus als etwa ein Mercedes SL oder ein Porsche 911. Gerade das aber macht den Reiz des Sportcoupés aus, das in seinen Fahrleistungen viel näher am zwölfzylindrigen Murciélago liegt, als es die historischen Lamborghini-Generationen vielleicht vermuten lassen.

Zwischen Countach und Urraco lag noch eine Welt; Murciélago und Gallardo trennt vom Fahrspaß her betrachtet nur noch ein schmaler Spalt. Ein Detail sollte bei Lamborghini geändert werden: die vier Audi-Ringe auf dem Gallardo-Zündschlüssel. Hier muss der Lambo-Stier kampfbereit wie eh und je die Hörner senken.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • eigenständiges Styling
  • sehr steife Spaceframe-Struktur
  • vorbildlich belüfteter Innenraum
  • gutes Platzangebot innen
  • sehr schlechte Sicht nach hinten
Fahrkomfort
  • Fahrgeräusche nicht lästig
  • Sitze mit gutem Seitenhalt
  • gutes Raumgefühl
  • wenig Federweg der Vorderachse
Antrieb
  • leistungsstarker, drehfreudiger Motor ohne Drehmomentschwächen
  • gut abgestuftes Sechsganggetriebe
  • Allradantrieb ohne negativen Einfluss auf das Lenkverhalten
Fahreigenschaften
  • präzise Lenkung
  • guter Geradeauslauf auch bei hohem Tempo
  • sehr agiles Handling
  • großer Wendekreis
Sicherheit
  • standfeste Bremsen
  • Sidebags serienmäßig
Umwelt
  • recyclefreundliche Aluminium-Konstruktion
  • hoher Verbrauch
Kosten
  • viel Leistung zum günstigen Preis
  • hohe Unterhaltskosten

Fazit

Ein Sportwagen im ursprünglichen Sinn des Wortes: Tolle Fahrleistungen und gute Straßenlage auch im Höchstgeschwindigkeitsbereich hängen Kriterien wie Komfort oder geringen Verbrauch klar ab. Der Lamborghini Gallardo 5.0 V10 ist ein Auto für den Spaß am Speed.

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Technische Daten
Lamborghini Gallardo 5.0 V10
Grundpreis 142.100 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4300 x 1900 x 1165 mm
KofferraumvolumenVDA 110 l
Hubraum / Motor 4961 cm³ / 10-Zylinder
Leistung 368 kW / 500 PS bei 7800 U/min
Höchstgeschwindigkeit 309 km/h
0-100 km/h 4,2 s
Verbrauch 19,5 l/100 km
Testverbrauch 21,9 l/100 km
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