Lancia Delta 1.6 Multijet im Test

Italiener im Einzeltest

Foto: Achim Hartmann 24 Bilder

Der neue Lancia Delta hat einen guten Namen zu verteidigen. Die erste Generation driftete und sprang sich mit sechs Rallye-WM-Titeln zur Legende. Delta II? Vergeben, vergessen. Jetzt der dritte: luxuriöser, limousinenhafter. Ist er auch wieder ein Überflieger?

Man darf den ersten Delta nicht zu sehr verklären. Bei seinem Debüt 1979 ist er nur ein ziemlich eckiger, mittelmäßig begabter Kleinwagen. Erst als allradwühlende, turboglühende Rallyeversion Integrale läuft er zu Hochform auf, demütigt seine Gegner in beinahe operettenhaften Rennschlachten und erringt von 1987 bis 1992 sechs Weltmeisterschaften. Er ist Lancias letzter wahrer Held, einer, den sich Jungs als Pin-up in den Spind hängen.

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Einzeltest Lancia Delta 1.6V Multijet
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Delta Nummer zwei (1994 bis 1999) kann dieses Erbe nicht fortführen, Nummer drei will es nicht. Denn die dritte Generation nach neun Jahren Pause ist kein Hot Hatch mehr, sondern soll die Tradition klassischer Mittelklasse-Limousinen wie Aprilia, Appia und Fulvia fortsetzen. Dazu streckte Lancia die Plattform des Fiat Bravo um zehn Zentimeter und die Gesamtlänge auf 4,52 Meter.

Formale Extravaganz

Vor allem aber entwarf das hauseigene Designstudio Centro Stile für den Delta eine markante, sehr auffällige Form, die aus jeder Perspektive formale Extravaganz versprüht. Im Alltag hat die fließende Karosserie mit dem wuchtigen, hohen Heck jedoch einige funktionale Nachteile – die wegen der langen, nicht einsehbaren Motorhaube und den dicken D-Säulen schlechte Übersichtlichkeit etwa oder die hohe Ladekante.

Andererseits sorgt der lange Radstand für ein Raumangebot, das deutlich über dem Niveau der Kompaktklasse liegt. Rutscht die asymmetrisch geteilt verschiebbare Rücksitzbank ganz zurück, tendiert die Kniefreiheit ins Oberklassige. Einen entspannten Aufenthalt verleiden aber die harte Polsterung und die schwache Kontur der Rückbank. Auch die Vordersitze haben Problemzonen: Es mangelt ihnen an Seitenhalt und Unterstützung für den Rücken. Zudem fehlen Höhenverstellungen für die Sicherheitsgurte.

Ansonsten passt es ergonomisch im etwas leger verarbeiteten Cockpit, obwohl die Hebel hinter dem Lenkrad bei den höheren Ausstattungsversionen mit Licht, Wischer, Tempomat, Blinker und Regensensor einige Aufgaben zu viel aufgebürdet bekommen. Dabei packt Lancia schon in die Basisversion Argento alles Wichtige: Klima, Radio, ESP und sieben Airbags. Für 2.300 Euro Aufpreis bietet die mittlere Oro-Variante neben Alurädern, Chrombehang und Leder-Alcantara-Sitzbezügen nur weiteren Schnickschnack.

An den teils sehr einfach wirkenden Materialien und der kaum premiumverdächtigen Qualität ändert sich dadurch jedenfalls nichts. Beim Testwagen war sogar schon nach ein paar Kilometern der Schaltknauf lose. Also besser die Basis mit ein paar Extras aufrüsten: dem gut funktionierenden Spurhalteassistenten für 500 Euro etwa, dem sehr nötigen Parkpiepser hinten für 370 Euro oder den Xenon-Scheinwerfern mit adaptivem Kurvenlicht für 850 Euro.

18-Zöller ruinieren den Komfort

Die 18-Zoll-Optionsräder mit 225/40er-Bereifung sind nur bedingt empfehlenswert. Die stecken anstatt der serienmäßigen 16-Zöller mit 55er-Querschnitt auf dem Testwagen und tragen zu den guten Bremswerten bei, ruinieren aber den ohnehin nicht gerade ausgeprägten Federungskomfort, weil sie hart abrollen und vor allem kurze Stöße fast unentschärft durchknallen lassen.

Ausgewogener zeigt sich der Antrieb des Delta. Als erstes Fiat-Konzern-Modell bekommt er den neuen 1,6-Liter-Diesel. Der ersetzt den 1,9-Liter-Multijet mit ebenfalls 120 PS, entrußt serienmäßig mit einem Partikelfilter und erfüllt die Abgasnorm Euro 5. Der Common-Rail-Vierventiler motorisiert den Delta kultiviert und harmonisch, auch wenn bei der Beschleunigung auf die ambitionierten Werksangaben knapp eine Sekunde fehlt.

Obwohl sein höchstes Drehmoment von 300 Nm schon bei 1.500 Umdrehungen anliegt, kommt der Diesel nur zögerlich auf Touren. Da muss man eben feinfühlig mit Gas und Kupplung umgehen und das knorpelige, lang übersetzte Sechsganggetriebe bemühen, um den Vierzylinder bei Laune zu halten. Leicht hat er es mit dem leer knapp 1,5 Tonnen schweren Delta jedoch nicht, und so entsprechen die Fahrleistungen nur dem Durchschnitt der Hubraumklasse.

Das gilt auch für den Verbrauch: Mit 7,4 Liter/100 km liegt der auf dem akzeptablen Niveau des ähnlich großen Volvo V50 1.6 D. Mit der wilden Zeit scheint der Delta abgeschlossen zu haben, Lancia wohl noch nicht ganz. Denn die elektronische Vernetzung von Traktionskontrolle, per Bremseingriff wirkendem Sperrdifferenzial, μ-split-Bremsassistent und Übersteuerkorrektur mit Lenkeingriff wird vollmundig als „absolutes Handling-System“ gepriesen. Mit bescheidenem Ergebnis: Der Delta wirkt träge und giert keineswegs nach Kurven, sondern bringt sie schon früh untersteuernd und etwas wogend hinter sich.

Es regiert Durchschnitt

Dass er die flotte Landstraßensause zwar sicher, aber eher widerstrebend beherrscht, liegt auch an seiner Lenkung. Sie vermittelt sehr wenig Fahrbahnkontakt und reagiert bei Unebenheiten stößig. Auf der Autobahn fühlt man sich schon wegen des erfreulich niedrigen Geräuschniveaus besser aufgehoben. Kaum mehr etwas zu hören vom Motor – das wäre seinem kultigen Urahn bei keinem Triebwerk passiert.

Der Delta, der kein Delta mehr sein will, ist auch keiner mehr. Er hat seine alte Identität aufgegeben, aber noch keine neue gefunden. Denn geräumig, günstig, sicher und individuell sind auch andere, und ansonsten regiert höchstens Durchschnitt. Die Ambitionen eines Lancia waren schon mal höher.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • – großzügiges Raumangebot, vor allem im Fond.
  • – großzügiges Raumangebot, vor allem im Fond
Antrieb
  • – schlechte Übersichtlichkeit – hohe Ladekante – teilweise mäßige Materialqualität
  • – kultivierter, drehfreudiger Motor – akzeptabler Verbrauch
Fahrkomfort
  • – unpräzise schaltbares Sechsganggetriebe –deutliche Anfahrschwäche
  • – wirksame Klimatisierung – guter Geräuschkomfort – Lenkung mit Stadt-Funktion
Fahreigenschaften
  • – sicheres Kurvenverhalten – stabiler Geradeauslauf
  • – sicheres Kurvenverhalten – stabiler Geradeauslauf
Sicherheit
  • – behäbiges Handling – stößige Lenkung mit wenig Rückmeldung
  • – keine Gurthöhenverstellung
Kosten
  • – günstiger Grundpreis –gute Serienausstattung
Umwelt
  • –Motor erfüllt Euro 5-Abgasnorm – Partikelfilter serienmäßig

Fazit

So richtig glückt das Delta-Comeback nicht. Raumangebot Variabilität und die umfangreiche Sicherheitsausstattung können die Mängel bei Verarbeitung, Komfort und Handling nicht wettmachen.

Technische Daten
Lancia Delta 1.6 Multijet Oro
Grundpreis 24.900 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4520 x 1797 x 1497 mm
KofferraumvolumenVDA 380 bis 1190 l
Hubraum / Motor 1598 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 88 kW / 120 PS bei 4000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 195 km/h
0-100 km/h 11,6 s
Verbrauch 4,8 l/100 km
Testverbrauch 7,4 l/100 km
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