Lancia Ypsilon 1.3 Multijet 16V Platino im Test

Mini mit Stil

Foto: Hans-Dieter Seufert

Ein Frauenschwarm kommt in die dritte Generation: Der neue Lancia Ypsilon will mit großen verschmitzten Augen, einer stolzen und mächtigen Kühlernase, breiten Schultern sowie mit hoher Praxistauglichkeit die Käuferherzen erobern.

Er war schon immer etwas Besonderes, der Kleine. Bereits in seinem Geburtsjahr 1985, als er noch Lancia Y10 hieß und erstmals einen Hauch von Luxus in die Kleinwagen-Klasse brachte, und erst recht in der zweiten Generation von 1996, die mit ihrem Designer-Chic vor allem junge Autofahrer eroberte.

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Doch nun ist er erwachsen geworden, die Insignien seiner Volljährigkeit sind offensichtlich: Ab sofort schreibt sich Lancias Kleinster mit vollem Namen Ypsilon und beeindruckt zudem mit einer ausgewachsenen Höhe von 1,53 Meter. Damit überragt er direkte Konkurrenten wie den Mini (1,41 Meter) um einen halben Kopf, und auch in der Länge (3,78 Meter) hat er zum Gros der Kleinwagen aufgeschlossen.

Den Damen – die laut Lancia bisher 80 Prozent seiner Kundschaft ausmachten – wird es gefallen, denn der Ypsilon passt zwar weiterhin in kleinere Parklücken, aber der frontseitige Ausstieg gelingt nun graziös mit erhobenem Kopf. Die Fondpassagiere trifft es dagegen deutlich härter: Aus dem engen Heckabteil steigt man nicht aus, man verrenkt sich rein und raus.

Das Zeug zum Frauenheld hat der edle Stadtfloh trotzdem: Große verschmitzte Augen, eine stolze und mächtige Kühlernase sowie die breiten Seitenschultern machen ihn zusammen mit der hoch aufgeschossenen Gestalt zu einem belloragazzo der Kleinwagenwelt. Der Ypsilon wirkt knuffig und elegant zugleich. Auch weil seine rundlichen Proportionen harmonischer aussehen als die seines großen Bruders Thesis.

Das Interieur führt in der hochwertigsten Ausstattungsvariante Platino die elegante Linie fort: Man sitzt bequem, aber ohne Seitenhalt auf serienmäßigem Bi-Color-Leder, der Blick fällt auf eine breitflächige Leder-Applikation, die sich quer über das Armaturenbrett zieht, das Lenkrad sowie der weit nach oben gewanderte Schaltknüppel fassen sich gut an, und die verchromten Instrumentenränder glänzen verführerisch wie Kreolen. Dazu ist der Kleine bei der Knopfanzahl ein Großer.

Ob auf der Mittelkonsole oder am Lenkrad – vielfältig wie der Inhalt einer Damenhandtasche präsentiert sich das Ausstattungsangebot. Einiges davon war bisher nur aus höheren Klassen bekannt: Tempomat, Zweizonen-Klimaautomatik und ein Bose-Soundsystem gehören beim Platino sogar zur Serie. Die Aufpreisliste hält für die verwöhnte Managergattin auch noch ein Skydome genanntes elektrisch betätigtes Glasdach, eine Einparkhilfe und einen Regensensor parat.

Nur bei der Navigation vertraut der Ypsilon auf weibliche Orientierungsfähigkeiten: Einen elektronischen Routenführer gibt es nicht mal gegen Aufpreis.

Noch schmerzlicher fällt im Winter das Fehlen einer Heizung für die Ledersitze auf, besonders weil die Klimaanlage fürs Aufheizen länger braucht als eine Italienerin zum Aussuchen der Garderobe.

Auch in anderen Bereichen zeigt die Louis Vutton-Version eines Kleinwagens immer wieder Nachlässigkeiten im Detail: Der größte Teil des Armaturenbretts besteht aus schnödem Hartplastik, so mancher Grat steht keck im Raum, und den Knöpfen auf der Mittelkonsole hätte etwas Soft-Touch-Lack sicherlich gut getan.

Der teure Platino wirkt trotzdem edel, aber die günstigeren Ausstattungsvarianten, die serienmäßig ohne Leder und mit weniger Chrom auskommen müssen, dürften schon nicht mehr ganz so parkettsicher wirken. Mehr Glanz kostet hier Aufpreis. Sechs so genannte Glamour-Pakete (beinhaltet Lackierung, Bezüge und Felgen) stehen ab 800 Euro Aufpreis bereit, um den Ypsilon auch hier in einen eleganteren Anzug schlüpfen zu lassen.

Der Sitz ist schnell eingestellt, Position und Platzverhältnisse passen, das Lenkrad auch – so lange der Fahrer groß geraten ist. Für kleinere Zeitgenossen sitzt das Volant trotz seiner Höhen- wie Tiefenverstellbarkeit etwas zu hoch.

Die Bedienung gibt keine Rätsel auf, wenn man von einer gewissen Umständlichkeit absieht, ohne die italienische Autos aber wohl nicht authentisch wären: So greifen die Finger bei Blinkversuchen oft ins Leere, denn der Hebel sitzt so ungünstig weit oben, dass nur langfingrige Menschen ihn ohne größere Probleme erreichen. Außerdem spiegeln die in der Mitte des Armaturenbretts angebrachten Instrumente fast wie eine aufgeklappte Puderdose – ein klarer Tribut an das Styling.

Dafür überzeugt das variable Sitzkonzept: Den Ypsilon gibt es in der Basis mit vier Einzelsitzen (fünf als Option), und die gesamte Heckbank lässt sich um einige Zentimeter nach vorne verschieben, um den Kofferraum von 215 auf 290 Liter auszuweiten und Platz für zwei weitere Gucci-Taschen zu schaffen.

Ein vernehmliches Tuckern begleitet den Lancia-Piloten nur die ersten paar Minuten, dann hält sich der 1,3 Liter große Vierzylinder-Diesel erstaunlich zurück. Dass der 16-Ventiler seine Kraft aus der Aufladung schöpft, weiß der Fahrer jedoch von der ersten Sekunde an.

Die Anfahrschwäche ist im Sommer nervig, im Winter dramatisch. Losfahrversuche am Berg bei Minusgraden enden nicht selten im Abwürgen des dann völlig überforderten Motörchens.

Gegen 500 Euro Aufpreis lässt sich der Platino aber mit ESP ausstatten, an das eine Berganfahrhilfe angekoppelt ist. Einmal in Fahrt und warm gelaufen, zeigt sich das 70 PS starke Aggregat von einer völlig anderen Seite. In Mini-Selbstzünder-Dimensionen kultiviert, mit viel Biss sowie erstaunlich drehfreudig – erst bei 5000/min nimmt der Vorwärtsdrang ein Ende – treibt er den Ypsilon voran.

Dann wirkt der Common-Rail-Diesel so munter, als hätte er einen doppelten Espresso intus. Mit sechs Liter pro 100 Kilometer fällt sein Durst noch bescheiden aus. Und insgeheim wünscht man sich, der Ypsilon hätte so ein agiles Fahrwerk wie der Mini.

Hat er aber nicht. Er lässt sich durchaus zügig um enge Kurven zirkeln, aber deutliche Karosseriebewegungen und frühes Untersteuern zeigen dem Piloten eindeutig, dass der Lancia seine Sportlichkeit mit einem Parkplatz vor dem Fitnessstudio als erledigt ansieht.

Wobei starke Arme gar nicht notwendig sind, um den 1172 Kilogramm schweren Viersitzer zu dirigieren. Die Fünfgangschaltung rastet weich, und die elektrische Lenkung lässt sich per Knopfdruck in einen leichtgängigen Citymodus versetzen. Bei höheren Geschwindigkeiten vermittelt die in Mittellage direkt ansprechende Lenkung aber wenig Fahrbahnkontakt.

Auf sänftenartigen Komfort sollte die Dame von Welt ebenfalls nicht setzen. Der Y ist zwar eher weich gefedert, er pariert kurze harte Stöße aber nur halbherzig und versetzt sich bei langen Bodenwellen in eine Art Wiegeschritt. Dafür kann man sich in brenzligen Situationen voll auf die Standfestigkeit verlassen. Das Bremssystem mit Assistenzfunktion fängt den Lancia aus Tempo 100 innerhalb von 43 Metern sicher auf.

Wer den kleinen Edelmann will, muss tief in die Tasche greifen: 16‑500 Euro kostet der Platino-Diesel. Gut dass die 1,2-Liter-Basisvariante mit 11‑500 Euro da ein Schnäppchen ist. Und darauf stehen bekanntlich nicht nur Frauen.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • gutes Raumangebot vorne
  • große Ausstattungsvielfalt
  • hochwertiges Interieur
  • variable Rücksitzbank
  • zum Teil umständliche Bedienung
Fahrkomfort
  • niedriges Geräuschniveau
  • komfortable Sitze
  • lange Aufheizzeit im Winter
  • kräftige Karosseriebewegungen und schlechtes Schluckvermögen
Antrieb
  • durchzugskräftiger Motor
  • angemessene Fahrleistungen
  • schwammige Schaltung
  • deutliche Anfahrschwäche
Fahreigenschaften
  • unkritisches Fahrverhalten
  • im Citymodus leicht einparkbar
  • gefühllose Lenkung
  • mäßiges Handling
Sicherheit
  • Windowbags in Serie
  • standfeste Bremsen
Umwelt
  • geringer Verbrauch
  • kein Partikelfilter erhältlich
Kosten
  • niedrige Unterhaltskosten
  • moderate Aufpreisgestaltung
  • relativ hoher Grundpreis

Fazit

Die Basis des Ypsilon ist überzeugend: Er ist hübsch sowie elegant, bietet eine Menge Ausstattung und hat einen munteren Dieselmotor. Doch der mäßige Komfort, seine Anfahrschwäche und viele Detailmängel stören.

Technische Daten
Lancia Ypsilon 1.3 Multijet 16v Platino
Grundpreis 16.900 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 3778 x 1704 x 1530 mm
KofferraumvolumenVDA 215 bis 895 l
Hubraum / Motor 1248 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 51 kW / 70 PS bei 4000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 165 km/h
0-100 km/h 15,4 s
Verbrauch 4,6 l/100 km
Testverbrauch 6,0 l/100 km
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