Lotus Europa S im Test

Euro-Fighter

Foto: Foto: Hans-Dieter Seufert 15 Bilder

Europa S. So nennt sich der neue Mini-GT mit größerer Einstiegsluke und auf 154 Liter gewachsener Kofferraumkapazität. Er soll nicht nur agil, schnell und emotional, sondern auch ansatzweise komfortabel sein.

Den Kopf devot gesenkt vor dem Einschlag der Dachholmkeule, die Beine gekrümmt in Erwartung harter Querträger-Attacken und den Rücken zum Davon- rät-jeder-Physiotherapeut-ab-Bogen gespannt. „Über die Qual zur Freude“ darf getrost als Leitspruch für den üblichen Einstieg in einen Lotus gelten. Da riefen auch echte Freaks schon mal nach einem Komfort-Exige mit etwas mehr Schattenparker- Bequemlichkeit und einer Prise mehr Laderaum. Beides gibt es jetzt. Doch nicht als Exige, sondern als Europa S. So nennt sich der neue Mini-GT mit größerer Einstiegsluke und auf 154 Liter gewachsener Kofferraumkapazität.

„Happy birthday“ stimmen da Lotus-Kenner gleich an, denn im Dezember vor 40 Jahren ließ Colin Chapman erstmals einen Europa bauen – mit mittig sitzendem Renault-16-Motor und 78 PS. Der lief mit kleineren Änderungen und zuletzt 126 PS im Europa Twin Cam Special bis 1975. Der Neue hat mit dem Urmodell außer zwei Sitzen und dem direkt im Nacken pochenden Mittelmotor wenig gemein. Dafür teilt er das ultraleichte Aluminium-Chassis mit dem aktuellen Exige sowie Elise.

Komplett neu ist nur der modisch gerundete Kunststoffbody, denn technisch ist er ein Stiefbruder des inzwischen eingestellten, auch in Hethel bei Norwich gebauten Opel Speedster, dessen 200-PS-Turbomotor in einem Stahlgerüst quer im Heck wütet. Der Zweiliter pfeift bei jedem Lastwechsel sein Wastegate-Liedchen und brüllt die Ein-Tonnen-Fuhre mit hektischem Vierzylinder- Gekreische nach vorne. Untenrum gleichmäßig, aber um 4000/min eher britisch zurückhaltend, setzt der Vierventiler erst ab 5000/min den richtigen Drehmoment-Kick. Und rauscht auch gleich souverän um eine knappe halbe Sekunde an der Null-auf-100-Werksangabe vorbei.

An der Lotus-Tradition optimistischer Messwerte hat sich bisher jedoch kein Connaisseur ernsthaft gestört. Leistung ist im Reich der ultraleichten Sportflitzer ein echtes Relativum, bei dem mehr der Charakter als die absolute Zahl interessiert. Doch gerade an Wesensstärke fehlt es dem maßgeblich von Lotus-Ingenieuren entwickelten Aggregat etwas. Erst beißt der Vierventiler auf Gaspedalbefehl verzögert und nicht böse genug zu, dann lässt der Turbo-Hund aber nicht richtig los, wenn das Herrchen schon längst die Kupplung tritt.

Das schlanke Alu-Stöckchen zum Schalten des neuen, knackig rastenden M32-Sechsganggetriebes sollte also eher mit Bedacht als Eile geworfen werden. Don’t panic, der Europa S zieht trotzdem kräftig und emotionalisiert schon nach kurzer Zeit in echter Lotus-Manier. Er ist hemmungslos kurvenverliebt, konsequent hyperagil und gibt dem Fahrer übers Lenkrad freimütig jedes Straßendetail preis.

Ehrlich und direkt, ohne Servoumweg plaudert die rein mechanische Zahnstangen-Lenkung mit einer Intensität, dass Europa-Vielfahrer in Zukunft keine Hanteln zum Bizeps-Training mehr brauchen. Sensible Lotus- Kenner spüren nur einen Touch weniger Entschlossenheit und Leichtigkeit als beim Exige. Wie dieser hat er zudem einen ausgeprägten Sinn für Spurrillen aller Art.

Europa S fahren ist positiver Stress, ein intimer Austausch zwischen Pilot und Auto, den es in seiner Ursprünglichkeit in der längst weichgespült-elektronifizierten Autowelt kaum noch gibt. Was der Europa seinen Brüdern voraus hat? Dass er seine Insassen bei langsamer Fahrt nicht unnötig quält. Das softer abgestimmte Fahrwerk mit an klassischsportlichen Doppel-Dreiecksquerlenkern aufgehängten Rädern spricht schon unter 100 km/h nennenswert an, und der Geräuschpegel bleibt zumindest bis Tempo 160 smalltalktauglich.

Darüber brandet freilich immer noch ein Orkan auf, als wären Windkanäle nie erfunden worden. Auch wenn der 35 zu 65 gewichtsverteilte Soft-Touch- Lotus erwachsener wirkt, sollte sein Eigner speziell bei Nässe wissen, dass er immer noch mehr Bändiger als Kontrolleur sein muss. Schließlich fahren die Lotus-Entwickler auf ihrem firmeneigenen Rennkurs, einem stillgelegten Militärflughafen, am liebsten „sideways“, also im breiten Drift.

Bei heftigen Lastwechseln startet das Heck schlagartig zum Abflug, und – das ist ebenso typisch für Lotus – kein ESP erspart dem Fahrer, seinen Mini-GT wieder selbst einzufangen. Der Grenzbereich kommt spät, aber heftig und entlarvt sofort mangelnde Fahrfertigkeiten. In sehr engen Kurven schiebt der sonst sehr neutrale Europa bei zu viel Kurveneingangs-Gas sogar über die Vorderräder.

Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen die Autos der südenglischen Sportwagenschmiede mit ABS-losen Alu-Bremsscheiben und fehlenden Airbags Sicherheits- Roulette mit ihren Kunden spielten. Die verzögerte Regelwirkung des ABS-Systems auf welliger Fahrbahn lässt aber noch Raum für Verbesserungen.

Der Einstieg in das teilbelederte Interieur ist objektiv einen Tick komfortabler – wenn auch noch immer nicht komfortabel. Serienmäßig sorgen elektrische Fensterheber, eine Klimaanlage und sogar ein Radio-Navigationssystem für Minimalisten-Luxus. Dem passionierten Sportwagenfahrerherz fehlt jedoch die sympathische Elise-Askese und die Streichelinstinkte weckende Weichheit seines Alcantara- Armaturenbretts.

Extras gibt es bis auf die Lackierung keine, und im Grundpreis von 49 100 Euro ist neben den Überführungskosten auch die erste Inspektion enthalten. Ende Oktober geht’s in Europa mit dem Europa los.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • hohe Steifigkeit
  • geringes Gewicht
  • einfache Bedienung
  • passabler Einstieg
  • hohe Lenkkräfte
  • enge Platzverhältnisse
Fahrkomfort
  • ordentlicher Schnellfahrkomfort
  • laute Fahrgeräusche
  • schlechter Langsamfahrkomfort
Antrieb
  • gute Fahrleistungen
  • knackige Schaltung
  • kleiner Tank (43,5 Liter)
  • schlechtes Ansprechverhalten
  • nerviger Klang
Fahreigenschaften
  • sehr agiles Handling
  • präzise Lenkung
  • gute Traktion
  • spurrillenempfindlich
  • kritischer Grenzbereich
Sicherheit
  • kein Bremsfading
  • kein ESP
  • nur 2 Airbags
Kosten
  • gute Ausstattung
  • hoher Anschaffungspreis
  • teurer Service
  • dünnes Werkstättennetz
Umwelt
  • hoher Verbrauch

Fazit

Zum puristischen Lotus-Fahrgefühl kommt beim neuen Europa S jetzt auch ein Hauch Komfort. Dem zahm ansprechenden Turbomotor fehlt aber das Feuer eines echten Sportaggregats.

Technische Daten
Lotus Europa S
Grundpreis 49.385 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 3900 x 1714 x 1120 mm
KofferraumvolumenVDA 154 l
Hubraum / Motor 1998 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 147 kW / 200 PS bei 5400 U/min
Höchstgeschwindigkeit 242 km/h
0-100 km/h 6,3 s
Verbrauch 9,3 l/100 km
Testverbrauch 12,5 l/100 km
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