Luxus-Cabrios

Die heißesten Luft-Schlösser

Foto: Hans-Dieter Seufert

Der Mercedes SL hat einen neuen Konkurrenten. Erschwerend kommt hinzu: Es ist ein BMW. Mercedes SL 500 oder BMW 645 Ci Cabrio heißt die spannende Frage, die es zu klären gilt.

Junge Wilde sind unter den Kunden des SL wohl die Ausnahme. Auch die Fraktion der Sportwagenfreunde fortgeschrittenen Stadiums dürfte sich von dem, was man bei Mercedes fälschlicherweise Roadster nennt, kaum angesprochen fühlen. Eines kann man den SL-Käufern freilich getrost attestieren: Sie wissen, was gut ist. Viel Komfort, viel Sicherheit, die gediegene Machart, eine Prise Sportlichkeit, PS à la carte, reichlich frische Luft und dazu seit jüngstem noch ein Hardtop im Kofferraum – diese seltene Mischung sichert dem Zweisitzer eine Sonderstellung, die ihn nahezu konkurrenzlos macht. Versuche (etwa von Jaguar und Lexus), ihn zu entthronen, schlugen fehl – wenige Autos hatten es in ihrer Marktnische über so viele Jahre so bequem wie der SL. Damit könnte allerdings bald Schluss sein, denn nun versucht es erstmals Erzrivale BMW.

Die Cabrio-Ausführung des 645 Ci, so viel steht fest, hat das Zeug, SL-Jünger schwach werden zu lassen – vorausgesetzt, ihr Auftritt weckt genügend Sympathie. Das ist, zugegeben, nicht ganz einfach, denn speziell im hinteren Bereich des Autos treibt BMW die schon beim Coupé feststellbare Eigenwilligkeit auf die Spitze. Über dem Hochplateau des Heckdeckels wölbt sich beim Cabrio eine Textilkuppel, deren schmale Sichtöffnung eher einer Schießscharte als einem herkömmlichen Heckfenster gleicht. Die Tatsache, dass BMW dieses Verdeck nicht wie beim SL aus Blech, sondern aus Stoff fertigt, muss indessen nicht abschrecken. Weiche Dächer haben nach wie vor ihre Vorzüge – sie sehen exklusiver aus, und sie beanspruchen im gefalteten Zustand weniger Platz, was dem Kofferraum zugute kommt.

Die Folge: Beim BMW schrumpft das Gepäckvolumen nach dem Öffnen von 350 auf 300 Liter, in den geöffneten SL passen statt zuvor 317 nur noch 235 Liter. Damit sind die Vorzüge des BMW freilich nicht erschöpft. Im Gegensatz zum strikt zweisitzigen SL handelt es sich hier um einen 2+2-Sitzer, der im Fond noch zwei Notsitze zur Verfügung stellt. Allerdings muss die Not schon groß sein, bevor sich ein Erwachsener darauf transportieren lässt – besser, man nutzt den Raum als zusätzliche Gepäckablage. So oder so: Der Platzvorteil spricht eindeutig für den 645 Ci. Weitere Argumente liefert der Preisvergleich. 85 650 Euro kostet das BMW Cabrio, wenn man die Version mit Sechsgangautomatik und Fahrdynamikpaket (Aktivlenkung, Wankausgleich Dynamic Drive) wählt. 

Bei Mercedes trägt der vergleichbare SL die Zusatzzahl 500 und kostet 98 948 Euro, seit neuestem mit Siebengangautomatik, aber ansonsten mit ähnlichem Ausstattungsumfang. Derartige Unterschiede können auch im wohlbestellten Kundenkreis des SL den Ausschlag geben, zumal der BMW auch noch mit dem besseren PSAngebot aufwartet: 333 PS statt 306 PS im Mercedes. Ganz schön verlockend also, gleichwohl geht es in diesem Vergleich natürlich um mehr als um Euro und PS. Maßgebend zum Beispiel ist der Wohlfühlfaktor: Wer in Autos dieses Genres investiert, möchte sich auch im Autoalltag bestens aufgehoben wissen – ein Bedürfnis, das der SL in der ihm eigenen Perfektion befriedigt. Man sitzt tiefer, sportwagenmäßiger als im BMW, eingebettet in straffen, aber körpergerechten Polstern.

Die Bedienung des Autos erklärt sich weitgehend von selbst, die Einrichtung wirkt dem Preis entsprechend wertvoll, und im hinteren Teil der ausreichend geräumigen Passagierzelle steht zusätzlicher Stauraum zur Verfügung, was den SL von den meisten anderen Zweisitzern vorteilhaft unterscheidet. Auch im BMW lässt es sich gut leben, allerdings mit Einschränkungen. Seine Innenarchitektur setzt auf kühle Schlichtheit, was seinen Reiz hat, doch der Umgang mit der i-Drive-Bedienung will gelernt sein.

Licht und Schatten auch beim Verdeck: Die Beharrung auf Stoff statt Stahl mag sympathisch sein, doch beim Blick zurück wird es dunkel, denn die Tuchlösung dezimiert die Sicht nach draußen erheblich mehr als das SL-Dach. Hinzu kommen höhere (wenn auch noch erträgliche) Windgeräusche, nicht zu vergessen jene wertvollen Sekunden, die beim Öffnen und Schließen verloren gehen. Statt 18 wie im Mercedes muss der BMW-Fahrer gemessene 28 Sekunden verstreichen lassen. Nett, aber in der Praxis kaum von Belang ist die Spezialität der BMW-Bedachung: Das vertikal stehende Heckfenster kann auch bei geschlossenem Verdeck elektrisch vollständig versenkt werden.

Bei den Wellness-Kriterien punktet also nach wie vor der Mercedes, woran seine Federung nicht unbeteiligt ist. Serienmäßig mit dem aktiven ABCFahrwerk bestückt, schluckt ein SL 500 so ziemlich alles, was Straßen an Verwerfungen zu bieten haben – nicht unmerklich zwar, aber weitgehend ohne einen unnötig zu belästigen. Hinzu kommt die systembedingte und zugleich komfortfördernde Abwesenheit von Seitenneigung beim Kurvenfahren. Letztere ist zwar auch beim BMW nicht zu beobachten, aber ansonsten mutet der mit konventionellem Stahl gefederte Sechser seinen Insassen deutlich mehr zu. Sportlich straff abgestimmt, übermittelt er Fahrbahnunebenheiten kaum verfälscht, kurze Stöße erschweren bisweilen auch schon mal eine Unterhaltung ohne zitternde Stimme. Eine Teilverantwortung der serienmäßigen mit extrasteifen Flanken ausgestatteten Notlaufreifen liegt zumindest nahe.

Die Stunde des BMW schlägt beim schnellen Richtungswechsel. Kurven durchquert er bei Bedarf mit Querbeschleunigungen, die einen SL ohne ESP mit Schwung in den Graben befördern würden. Außerdem reagiert er spontaner auf Lenkbewegungen und schiebt im Grenzfall weniger stur über die eingeschlagenen Vorderräder – womit der von BMW beanspruchte Dynamikvorsprung hinreichend bestätigt wäre. Einziger Wermutstropfen: Wer sich auf die variable Lenkübersetzung der Aktivlenkung partout nicht einstellen kann, den wird das nicht trösten. Immerhin bietet BMW einen akzeptablen Ausweg: den 645 Ci ohne Aktivlenkung. Die Überlegenheit des BMW bedeutet freilich nicht, dass SL-Fahrer die Hosenträger aus dem Schrank holen müssen. Gut, der BMW bewegt sich agiler, aber auch der Mercedes ist einer sportlichen Handhabung durchaus gewachsen, zumal er sich in den Fahrleistungen keine Blöße gibt.

Das ausgeprägtere Temperament und die lustvolleren Geräusche des BMW-Motors kontert der SL mit seinem niedrigeren Gewicht, das die geringere Leistung wettmacht. Hinzu kommt die bessere Automatik, die weicher schaltet und einen zusätzlichen Schongang zur Verfügung stellt – Vorzüge, die sich im Kraftstoffverbrauch wenig bemerkbar machen. Beide benötigen im Durchschnitt knapp 15 Liter pro 100 Kilometer. Seinen Meister hat der Dauerbrenner von Mercedes also noch nicht gefunden, einen begabten Gesellen schon.   

Fazit

1. BMW 645 Ci Cabrio
482 Punkte

Kontrastprogramm: Stoffdach, aber dafür deutlich mehr Platz. Paradedisziplin des BMW ist das Handling, jedoch bietet er wenig Komfort. Munterer Motor, klarer Preisvorteil gegenüber dem Mercedes.

2. Mercedes SL 500
485 Punkte

Bekömmliche Mischung aus Sportlichkeit und Komfort, dazu das praktische Hardtop. Angemessen kraftvoll. Ein reiner Zweisitzer, aber mit genügend Stauraum. Größter Nachteil ist der hohe Preis.

Technische Daten
Mercedes SL 500 BMW 645i Cabrio
Grundpreis 100.398 € 82.050 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4535 x 1827 x 1298 mm 4820 x 1855 x 1373 mm
KofferraumvolumenVDA 317 l 350 l
Hubraum / Motor 4966 cm³ / 8-Zylinder 4398 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 225 kW / 306 PS bei 5600 U/min 245 kW / 333 PS bei 6100 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h 250 km/h
0-100 km/h 6,3 s 6,5 s
Verbrauch 12,2 l/100 km 11,6 l/100 km
Testverbrauch 14,7 l/100 km 14,8 l/100 km
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