BMW 650i Coupé gegen Maserati Gran Turismo

Fire and Ice

Foto: Hans-Dieter Seufert 50 Bilder

Italienische Leidenschaft gegen deutschen Perfektionismus - mehr als ein Klischee, wenn es um die Alternative Maserati Gran Turismo oder BMW 650i Coupé geht. Welcher ist der bessere Luxus-GT?

Dass dies ein italienisches Auto ist, sieht man, hört man, spürt man. Sein V8 klingt, wo andere bloß ein Motorgeräusch haben, und sein Design ist auf ebenso konservative Weise aktuell wie ein Cerruti-Anzug. Selbst das Interieur präsentiert sich so schlicht und geradlinig, das Lenkrad so ledern, griffig und schön, dass man es nur als hochmodern begreifen kann.
Ein immerwährendes Knistern und Vibrieren, überlagert vom kräftigen Knurren des Motors, verkündet die akustische Botschaft: Dieses Auto funktioniert nicht bloß, sondern es atmet, lebt und spricht fließend Italienisch.

Gewisse Erwartungen kann man ja nie ganz abschütteln, die Schublade für Maserati in unseren Hirnen ist beschriftet mit „feine Sportlichkeit, stilsichere Noblesse und sinnenfrohe Grandezza“.Etwas anderes als schmeichelweiches Leder wäre hier ebenso fehl am Platze wie Schalter aus der Großserie, und statt knalligem, extrovertiertem Rot oder Gelb bevorzugt die seriöse Kundschaft gedeckte Farbtöne.

Auch die Verwendung der nur leicht gekürzten Quattroporte-Plattform und die Umbenennung von Gran Sport in Gran Turismo machen klar: Der neue Maserati ist kein harter, wendiger Quertreiber, sondern ein viersitziger Luxus-GT in der Tradition der sechziger Jahre. Und wildert damit genau im Revier des BMW Sechser Coupés , eines mondänen Ablegers des Fünfer mit ausgeprägter Alltags-Bodenhaftung.
Abgesehen von seinem exaltierten Heckplateau leistet er sich keinerlei stilistische Extravaganzen, umfängt die Insassen mit einem geradezu aseptisch cleanen Kokon, in den selbst der Klang des kernigen 4,8-Liter-V8 nur als entfernte Kulisse vordringt. Auch wenn es richtig zur Sache geht, wirkt alles so gedämpft, kontrolliert und unterkühlt, dass man sich fast nach etwas Schweiß in den Achselhöhlen sehnt.

Es stimmt: Der BMW ist so deutsch wie der Maserati italienisch. Bomben feste Verarbeitung, strikte Funktionalität und das komplette Technik-Arsenal der Moderne bis hin zu den Optionen Nachtsichtgerät, Spurwechselwarner oder aktive Abstandsregelung vermitteln ein Gefühl, das irgendwo zwischen umfassender Fürsorge und drohender Entmündigung angesiedelt ist.
Dazu passt, dass die feinfühlig eingreifende Fahrwerkselektronik des 650i sogar heftige Temperamentsausbrüche des Fahrers in geordnete Bahnen lenkt.

Der Gran Turismo hat sich dagegen einen Rest von Wildheit bewahrt, lässt in Kurven selbst bei eingeschaltetem ESP stärkere Heckschwenks zu und sorgt auf nasser Piste schon mal für leichte Adrenalinschübe.
Den Slalomparcours absolviert er zwar schnell, gutmütig und neutral, taucht dabei aber so stark ein, dass die Federn bisweilen auf die Anschläge gehen.
Auch die etwas stößige, um die Mittellage gefühlsarme Lenkung und das hohe Leergewicht von 1922 Kilogramm animieren trotz ausgewogener Achslastverteilung nicht gerade zu einer verschärften Gangart, zumal die effizient verzögernden Brembo-Bremsen anfangs reichlich zaghaft zupacken.

Präziser, handlicher und vor allem leichtfüßiger durchmisst der dank zahlreicher Alukomponenten immerhin 229 Kilogramm leichtere BMW kurviges Geläuf, erstickt mit seinem optionalen Wankausgleich Dynamic Drive (2670 Euro) jede Tendenz zu Seitenneigung und Aufschaukeln im Keim.
Selbst ohne einen Treiber am Volant scheint er ständig nach Kurven zu gieren, was speziell auf Langstrecken etwas unentspannt rüberkommt. Zudem steht den sehr bequemen, gut profilierten Sportsitzen sowie den geringen Wind- und Abrollgeräuschen ein eingeschränktes Schluckvermögen der Federung auf langen Bodenwellen gegenüber.
Obwohl sie das Maserati-Fahrwerk etwas geschmeidiger wegsteckt, darf man auch von ihm nicht den ganz großen Komfort erwarten. Besonders kleine Verwerfungen oder Kanaldeckel werden mit Poltern und Stößen quittiert, den üppigen, aber straffen Vordersitzen mangelt es an Kontur.

Immerhin finden auf den ähnlich großen Einzelsitzen im Fond – anders als beim enger geschnittenen BMW – selbst Erwachsene ausreichend Platz sowie eine eigene Klimaregelung. Über sein höheres Geräuschniveau dürfte sich ohnehin niemand beschweren, denn was der bassig-gurgelnde V8 akustisch von sich gibt, löst eher wolllüstige Erregung als Unmut aus.
Zumal den großen Tönen Taten folgen: Untermalt vom schmetternden Crescendo, überstreicht die Tachonadel schon nach 5,4 Sekunden die 100-Marke, nur 14,5 Sekunden später liegt Tempo 200 an.
Doch während die serienmäßige ZFSechsstufen- Automatik die Gänge wie eine Eimerkette zum Brandherd durchreicht, lässt das Feuer des nicht ganz vibrationsfreien 4,2-Liter-V8 spür- und messbar nach.

Bis zur Höchstgeschwindigkeit von 285 km/h ist es ein weiter Weg, ab 100 km/h hat der seidig laufende, gleichmäßig schiebende 650i bereits die Niere vorn. Sein Leistungsmanko (367 statt 405 PS) wird sowohl durch das geringere Gewicht als auch das höhere Drehmoment (490 statt 460 Nm) mehr als wettgemacht, und die hier aufpreispflichtige ZF-Automatik sorgt hurtig, aber nicht hektisch immer wieder für frische Momentenaufladung.
Sogar das rechtzeitige Zurückschalten vor Kurven oder bei Gefälle beherrscht das adaptive Getriebe virtuos, und ganz nebenbei setzt der BMW das teure Super Plus viel effizienter in Vortrieb um.

Am meisten beeindruckt freilich die Lässigkeit, mit der sich der Sechser jeder Stimmung seines Piloten anpasst. Eben noch auf entspannter Cruising- Tour, mit versenkten Seitenscheiben und weitem Blick in die Landschaft, wird er blitzartig zum Gipfelstürmer, der sich mit Verve verwinkelte Passstraßen hinauf und wieder runter treiben lässt.

Das liegt dem Gran Turismo ungleich weniger, schon wegen der ausladenden, unübersichtlichen Karosserie eignet er sich – nomen est omen – besser für die große Reise. Schade nur, dass Kofferraum und Zuladung dafür eher knapp ausfallen.
Außerdem wirkt der Maserati im Detail nicht so funktional und hochwertig verarbeitet, eine flatternde Motorhaube oder schlecht eingepasste Anbauteile gehören ebenso zu den Ungereimtheiten wie das eigenwillige Infotainmentsystem.

Auch bei der Sicherheitsausstattung zeigt der Italo-Beau Lücken, und ganz dicke kommt es dann bei den Kosten: Neben dem kräftigen Zuschlag für Anschaffung und Benzin gehen vor allem Versicherung, Wartung und Reparaturen richtig ins Geld. Und Exklusivität heißt nicht zuletzt, dass der Weg zur nächsten Werkstatt weit ist.
Andererseits kann man 112 280 Euro kaum stilvoller in Mobilien anlegen, zumal der Maserati ja nicht nur mit kräftigen Tönen, sondern auch mit einem starken Charakter lockt. Und damit dem insgesamt klar überlegenen 650i Coupé genau dort in die Parade fährt, wo er seltsam farblos bleibt.
Nüchtern betrachtet macht der BMW fast alles besser, doch wer kann einen Gran Turismo schon ganz nüchtern betrachten?

Fazit

1. BMW 650i Coupé
507 Punkte

Der 650i überzeugt vor allem mit agilem Handling, gutem Komfort und einem verblüffend hohen Gesamtniveau - bei absoluter Alltagstauglichkeit und erheblich niedrigeren Kosten.

2. Maserati Gran Turismo
410 Punkte

Gegen den kühlen BMW setzt der Gran Turismo auf Stil, Sound und liebevolle Details. Neben manchen Ungereimtheiten wirft ihn besonders das sehr hohe Preisniveau zurück.

Technische Daten
BMW 650i Coupé Maserati GranTurismo 4.2 V8
Grundpreis 83.330 € 112.760 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4820 x 1855 x 1373 mm 4881 x 1915 x 1353 mm
KofferraumvolumenVDA 450 l 260 l
Hubraum / Motor 4799 cm³ / 8-Zylinder 4244 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 270 kW / 367 PS bei 6300 U/min 298 kW / 405 PS bei 7100 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h 285 km/h
0-100 km/h 5,3 s 5,4 s
Verbrauch 10,5 l/100 km 14,3 l/100 km
Testverbrauch 14,1 l/100 km 16,8 l/100 km
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