Mercedes A 170 (W169) im Test

Sagen Sie mal A

Foto: Hans-Dieter Seufert

Nach sieben Jahren löst die A-Klasse keine Grundsatzdiskussion mehr aus. Der Nachfolger – hier mit 1,7-Liter-Motor und 116 PS – ist nicht nur etabliert, sondern auch erwachsen geworden. Das Handling der neuen A-Klasse deklassiert den Vorgänger klar.

Nein, dass Jürgen Hubbert inzwischen Elche statt Teddys sammelt, stimmt nicht. Unwahr ist auch, dass er am liebsten Elch-Witze erzählt. Richtig ist aber, dass er darüber heute – anders als 1997 – ganz entspannt lachen kann. Damals, als die A-Klasse gerade das Laufen gelernt hatte und dann beim so genannten Elchtest einfach umkippte, wäre auch der Mercedes-Chef beinahe vom Thron gestürzt. Das seinerzeit nur im hohen Norden praktizierte Ausweichmanöver legte nicht nur einen Testwagen flach, sondern kurze Zeit später die gesamte Produktion. In einer kostspieligen Umrüstaktion wurde das Fahrwerk der Hochkant-Schatulle nachgebessert und die Sicherheitslücke mit dem Einbau eines elektronischen Stabilitätsprogramms geschlossen.

Konsequente Modellpflege und die Strahlkraft des Sterns brachten sie schließlich doch auf Erfolgskurs, obwohl sie bis zum Ende für einen Mercedes zu ärmlich, unkomfortabel und wenig dynamisch war. Genau da setzt die zweite Generation an, die zwar alles besser, aber nicht grundsätzlich anders machen will. Das gilt für das Konzept mit Sandwichboden wie fürs Design – keine Revolution wie einst, sondern eine selbstbewusste, stämmige und elegante Evolution der vertrauten Form.

Durch die ansteigende Lichtkante und grosszügige Fensterflächen wirkt die Seitenlinie klarer und gestreckter, ausgestellte Radhäuser und die Betonung der Horizontalen lassen die neue A-Klasse viel satter auf der Straße stehen. Der optische Eindruck signalisiert mehr Mercedes, und schon ein Vergleich der Abmessungen zeigt, dass extreme Kompaktheit nicht länger oberstes Gebot war. Mit 2,57 Meter Radstand, 1,76 Meter Breite sowie 1,59 Meter Höhe hat der Viertürer rundum sichtbar zugelegt, in der Länge (3,84 Meter) übertrifft er sogar die frühere Stretchversion. Von Rivalen wie Audi A3, BMW Einser oder VW Golf bleibt er aber immer noch 40 Zentimeter entfernt – spätestens beim Parken in der Stadt ein Vorteil. Obwohl der längere Vorbau einen Teil des Platzgewinns aufzehrt, ist der Zuwachs an Innenraum beachtlich. Vor allem die größere Schulterbreite (plus neun Zentimeter) schafft mehr Luft, auch die Kniefreiheit hinten reicht gut aus und liegt nun zwischen kurzem und langem Vorgänger. Selbst das aufpreispflichtige Glas-Lamellendach, das etwas Höhe kostet, ändert nichts am erfreulich grosszügigen Raumeindruck. Für das Gepäckabteil fiel ebenfalls ein Zuschlag ab – sowohl was das Format wie seine Nutzbarkeit betrifft.

Ganz ohne Umbau passen jetzt ein Kinderwagen oder 435 Liter ins Heck, nach Aufstellen der Rückbank und Vorklappen der asymmetrisch geteilten Lehne wächst das Volumen bei dachhoher Beladung auf 1370 Liter. Das alles geht erfreulich mühelos vonstatten, und in seiner oberen Position bildet der Boden dann eine völlig ebene Fläche auf Höhe der niedrigen Ladekante. Wer mehr Platz braucht, kann entweder das größere Sitzkissen herausnehmen und unter der Abdeckung lagern oder für 348 Euro gleich das Easy-Vario- Plus-Paket kaufen. Damit lassen sich auch das kleinere Kissen sowie das gesamte Gestühl außer dem Fahrersitz ausbauen, so dass der Stauraum stattliche 1995 Liter und maximal 2,34 Meter misst. Diese Länge steht sogar schon mit umgelegter Beifahrerlehne zur Verfügung. Doch mehr als schiere Größe oder Variabilität interessiert, wie sich die Insassen aufgehoben fühlen, und da hat der Neue um Klassen zugelegt. Von der erkennbaren Liebe zum Detail über bequeme, auch hinten gut geformte Sitze bis hin zum gediegenen Gesamteindruck – dieser Mercedes muss sich seiner Herkunft nicht länger schämen.

Den Flirt mit der Jugend überlässt die A-Klasse künftig dem trendigen Smart Forfour, während sie die traditionellen Markenwerte hervorkehrt. Der leichte Einstieg und die hohe Sitzposition mit etwas zu flachen Beinen bleiben zwar erhalten, aber man sitzt nun insgesamt entspannter und hat hinter dem Multifunktionslenkrad sauber gezeichnete Rundinstrumente vor Augen. An der Bedienung samt optionalem Navigationssystem gibt es wenig auszusetzen, allein die schlecht erreichbare Lehnenverstellung sowie die vordere Armlehne stören (beim Schalten). Und trotz schmalerer A-Säulen ist die Frontpartie beim Rangieren nur zu erahnen. Gleichwohl gilt: Das Versprechen höherer Qualität und Wertigkeit wird eingelöst – es bleibt die Frage, ob die A-Klasse auch beim Fahrwerk den Anschluss an die Konkurrenz geschafft hat. Im Prinzip ja, lautet die Antwort, denn die Änderungen gehen weit über Kosmetik hinaus. Neben dem stabilisierenden Plus an Spurweite und Radstand sind dafür vor allem die vorderen Dreieckslenker, die bogenförmige Hinterachse und die adaptiven Stoßdämpfer verantwortlich. Sie sprechen rein mechanisch auf unterschiedliche Lastzustände an, verhärten also bei abruptem Einfedern.

Das sorgt für weniger Wankbewegung, aber besonders bei voller Ausnutzung der mageren Zuladung (394 Kilogramm) zugleich für kräftige Stöße. Kleinere Verwerfungen werden hingegen geschmeidig absolviert, was im Verbund mit den niedrigen Wind- und Abrollgeräuschen den guten Gesamtkomfort untermauert. Anspringende Dynamik sollte man indes schon wegen des hohen Schwerpunkts nicht erwarten, obwohl das Handling den Vorgänger klar deklassiert. Die Neigung zum Untersteuern ist viel dezenter, bei allzu forscher Gangart zieht das feiner ansprechende ESP wohl dosiert die Reißleine. Damit bleibt der Fronttriebler stets auf der sicheren Seite, und auch von Seiten der Bremsanlage mit innenbelüfteten Scheiben vorn stehen keine unliebsamen Überraschungen ins Haus. Selbst die elektromechanische Lenkung mit variabler Unterstützung hat gegenüber der früheren hydraulischen an Präzision gewonnen und liefert genug Rückmeldung. Allerdings spricht sie beim flotten Kurvenräubern mit Verzögerung und dann etwas spitz an, so dass man oft nachlenken muss, um einen sauberen Kurs zu fahren. Dabei bleiben Stöße und Antriebseinflüsse außen vor, der Wendekreis (11,1 Meter) bewegt sich im Rahmen des Üblichen.

Das gilt auch für die weiterentwickelten Vierzylindermotoren, die wie gehabt vorn quer und um 59 Grad geneigt eingebaut sind. Die konzeptionsbedingt höhere Schallabstrahlung wird von der verbesserten Geräuschdämmung gut absorbiert, und die Laufkultur des 1,7-Liter- Benziners im A 170 kann insgesamt überzeugen. Leise und vibrationsarm dreht der Zweiventiler hoch und erlaubt eine muntere Beschleunigung, obwohl der üppig ausstaffierte Testwagen die Werksangabe (null auf 100 km/h) um 1,4 Sekunden verfehlte. Doch das höhere Leergewicht zehrt nicht nur das Leistungsplus gegenüber dem Vorgänger (116 statt 102 PS) auf, sondern drückt auch – trotz des neuen Schaltsaugrohrs – auf das Durchzugsvermögen. Da hilft nur der Griff zum Schalthebel, der leicht, wenngleich nicht mit höchster Präzision durch das Fünfganggetriebe führt. Bei fleißiger Nutzung muss man allerdings mit Verbrauchswerten um zehn Liter pro 100 Kilometer rechnen, während auf der Normrunde 6,5 Liter genügten. Dennoch ist der Mehrwert der neuen A-Klasse klar zu erkennen, zumal die Festkosten gesenkt wurden und der Kaufpreis – Klimaanlage jetzt Serie – im Rahmen bleibt, solange man nicht dem Reiz der teuren Extras erliegt. Billig war der kleine Mercedes eben noch nie, aber jetzt sieht und fühlt man ihm das wenigstens auch an.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • geräumiges, sehr variables Interieur
  • hochwertiger Qualitätseindruck
  • durchdachte Ausstattungsdetails
  • bequemer Einstieg
  • magere Zuladung
Fahrkomfort
  • insgesamt harmonische Federung
  • komfortable Sitze
  • unaufdringliches Innengeräusch
  • stößig auf groben Wellen
Antrieb
  • vibrationsarmer Motorlauf
  • leichtgängige Schaltung
  • befriedigendes Temperament
  • mäßiges Durchzugsvermögen
Fahreigenschaften
  • sicheres Kurvenverhalten
  • gute Handlichkeit
  • geringe Seitenneigung
  • inhomogene Lenkung
Sicherheit
  • standfeste Bremsen
  • ESP und Bremsassistent Serie
  • seitliche Kopfbags nur als Option
Umwelt
  • schadstoffarm nach Euro 4-Norm
  • angemessener Benzinverbrauch
Kosten
  • günstige Kaskoversicherung
  • teure Extras
  • nur 2 Jahre Gewährleistung

Fazit

Vom Problem-Kind zum Vollwert-Mercedes: Der Fortschritt der neuen A-Klasse ist vor allem bei Qualität, Komfort und Handling zu finden. Auch Variabilität und Raumangebot überzeugen, Lenkung, Durchzug und Verbrauch weniger.

Technische Daten
Mercedes A 170 Elegance
Grundpreis 23.532 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 3838 x 1764 x 1593 mm
KofferraumvolumenVDA 435 bis 1370 l
Hubraum / Motor 1699 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 85 kW / 116 PS bei 5500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 188 km/h
0-100 km/h 12,3 s
Verbrauch 6,6 l/100 km
Testverbrauch 8,6 l/100 km
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