Mercedes C 320 im Test

Der kleine Prinz

Der programmierte Wandel vom Rentner- zum Renn-Benz tritt in keiner Variante der C-Klasse deutlicher zutage als hier. Fahrdynamisch betrachtet fühlt sich der C 320 wie ein Leichtgewicht an.

Jede Klasse braucht ihren König. Auch jenes Premiumsegment von kompakten Viertürern, das vom BMW Dreier, vom Audi A4 und natürlich von der neuen Mercedes C-Klasse getragen wird. Dem C 320 mit seinem 218 PS starken Sechszylinder fällt es dabei leicht, in die Prinzen-Rolle zu schlüpfen, zumal Mercedes die Technologie-Führerschaft für die neue Baureihe reklamiert. Die Preis-Führerschaft im Konkurrenzumfeld hat das abgesehen von der AMG-Variante stärkste C-Klasse-Modell bereits mühelos erobert. Zum hohen Basispreis (73 600 Mark) addieren sich beim Testwagen die Ausstattungsvariante Avantgarde, das Comand-Audio-Navigationssystem, Xenon-Licht, Lederpolster- und Metallic-Lack sowie einige in dieser Klasse unverzichtbare Komfort-Verstärker wie voll elektrische Sitzverstellung oder Sitzheizung zu einer Endsumme von gut 100 000 Mark. Da möchte man doch die von Mercedes unter dem Leitspruch „Mehr Auto fürs Geld“ propagierte Preis-Wert-Strategie gern umkehren: Mehr Geld fürs Auto wäre korrekter. Doch abgesehen vom Mercedes-Image hat die C-Klasse – wie schon die bisherigen Tests und Vergleichstests gezeigt haben (siehe Heft 14 und 15/2000) – ja auch einiges zu bieten. Wer sich für den C 320 mit dem großen V6 entschei-det, kann darüber hinaus nachvollziehen, dass Dynamik und Fahrspaß bei der Erneuerung dieser Baureihe als Entwicklungsziel definiert wurden. Der programmierte Wandel vom Rentner- zum Renn-Benz – bei keiner Variante der C-Klasse wird er deutlicher als hier. Der 3,2 Liter große Sechszylinder macht ja schon in der E- und S-Klasse eine gute Figur.

Im kleineren C 320 geht er jedoch mit einer Mühelosigkeit zu Werke, die den Newtonschen Kernsatz aller Bewegungsdynamik (Kraft ist gleich Masse mal Beschleunigung) fraglich erscheinen lässt. Denn Masse hat der C 320 mehr als genug: 1567 Kilogramm Leergewicht rücken ihn fast in die Gewichtsklasse des größeren Bruders. Die umfangreiche Komfort- und Sicherheitsausstattung hinterlässt nicht nur in der Preisliste ihre Spuren. Fahrdynamisch betrachtet fühlt sich der C 320 eher wie ein Leichtgewicht an. Die 310 Newtonmeter, die der Leichtmetall-V6 im mittleren Drehzahlbereich (von 3000 bis 4600/min) förmlich aus dem Ärmel schüttelt, lassen sich so spontan in Zugkraft und damit in Beschleunigung umsetzen, dass man sich in einem verkappten Sportwagen wähnt. Die Messwerte untermauern den objektiven Eindruck von großzügigem Leistungs-überschuss. Noch jenseits von 200 km/h legt der C 320 kräftig zu, sofern eine freie Autobahn dies zulässt. Und dank seinem ausgezeichneten cw-Wert von 0,27 erreicht er mit 245 km/h in der Ebene fast jene Grenze (250 km/h), die üblicherweise bei Mercedes als Abregelgeschwindigkeit gilt. Bei höherer Drehzahl wird das Geräusch des mit einer Ausgleichswelle beruhigten V6 zwar deutlicher hörbar, aber nie lästig. Insgesamt liegt der Lärmpegel im Inneren auch wegen der geringeren Windgeräusche erfreulich niedrig. Unterstützt wird die angenehme Leistungscharakteristik des Motors durch die serienmäßige Fünfgang-Automatik, bei der es schwer fällt, sich weitere Verbesserungen vorzustellen. Sie erkennt jedwede Fahrweise, schaltet zum richtigen Zeitpunkt, nervt nicht durch nutzlosen Wandlerschlupf, lässt im Bedarfsfall den Motor bis 6000/min jubeln und hält bergab oder in Kurven den richtigen Gang.

So erscheinen denn die manuellen Eingriffsmöglichkeiten durch seitliches Antippen des Schalthebels als eine Option, die man in der täglichen Fahrpraxis gern vergisst. Noch ein Wort zum Langsamfahren, das im heutigen Verkehr oft einen überproportionalen Anteil einnimmt: Von der Antriebsseite her gibt es hier bis zur Leerlaufdrehzahl herunter kein Problem. Ruckeln oder Bonanza-Effekt, wie es bei den Schaltgetriebe-Versionen feststellbar ist, kennt der C 320 nicht. Aber das Gaspedal steht für dauerhaftes Bummeln zu steil, so dass der Gasfuß ganz gern wieder Entspannung bei höherem Tempo sucht. Mehr noch als von der Antriebsseite wird freilich die Fahrdynamik der neuen C-Klasse durch das Fahrwerk geprägt. Da macht auch der C 320 keine Ausnahme, der mit seinen 16-Zoll-Rädern nicht nur gut bremst, sondern auch sicherheitsrelevante Fahrprüfungen wie Wedeln oder Slalom mit Bravour bewältigt. ESP als Rettungsanker für kritische Fahrsituationen ist serienmäßig, doch die Qualität des Fahrwerks lässt solche kaum aufkommen. Die in ihrer Kennung direkt ausgelegte neue Zahnstangenlenkung ist für präzise Fahrmanöver wie geschaffen und trägt wesentlich zum agilen Fahreindruck bei. Bleibt zum Schluss die Frage: Hat der C 320 auch Schwächen? Sicher. Da wären die auf kurze Unebenheiten unwillig ansprechende Hinterachse, leichte Traktionsprobleme bei Nässe, geringfügige, doch störende Wankbewegungen von Aufbau und Sitzen, die durch ihre nachschwingende Sitzfläche den Komforteindruck eher schmälern als verbessern. Nobody is perfect. Wer also die endgültige Thronfolge in diesem Segment antritt, entscheidet sich erst nach dem Verkaufsstart des BMW 330i und dem Debüt des neuen Audi A4. Bis dahin muss sich der C 320 mit der Prinzen-Rolle zufrieden geben.

Fazit

Der kräftige Sechszylinder und die hervorragende Automatik prägen den Charakter des leistungsstärksten C-Modells. Handling und Fahrverhalten passen zu den sportlichen Fahrleistungen. Aber der Preis macht den C 320 zu einem teuren Objekt der Begierde.

Technische Daten
Mercedes C 320 Avantgarde
Grundpreis 40.426 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4526 x 1728 x 1426 mm
KofferraumvolumenVDA 455 l
Hubraum / Motor 3199 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 160 kW / 218 PS bei 5700 U/min
Höchstgeschwindigkeit 245 km/h
0-100 km/h 7,8 s
Verbrauch 10,9 l/100 km
Testverbrauch 11,3 l/100 km
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